Das sieht doch scheiße aus

Letztens auf einer Party unterhalte ich mich mit einer Physiotherapeutin über Ästhetik. Sie erzählt, dass sie gern Germanys next Topmodel schaut. Ich erzähle von Bodybuilding. Uns beiden fällt es zunächst schwer, die Aussagen des anderen zu akzeptieren, ohne ein angewidertes Gesicht zu machen.

Im McFit laufen täglich die klappernden Models über den Catwalk, gehüllt und bunte Tapete. Es gab eine Zeit, da fand ich das attraktiv, wünschte sehnlichst auch ebenso ausgehungert dreinblicken zu können. Heute kann ich nur angeekelt wegblicken oder mich verwundert fragen, wie die Mädels sich mit so wenig Muskelmasse überhaupt aufrecht halten. Mein Blick, mein Sinn für Ästhetik und ein Idealbild haben sich im Laufe der Zeit sehr gewandelt.

Meiner Gesprächspartnerin geht es aber ebenso, wenn ich von Bodybuildingshows erzähle, wo die ganz Großen auftreten. Abnormal, unästhetisch und letztlich ungesund…diese Vokabeln fallen immer, wenn man mit Menschen darüber redet, die dich nicht verletzen, ihre immense Abneigung aber doch zum Ausdruck bringen wollen. Wir müssen beide lachen, über unseren Wechselgesang. Immer versucht einer, dem anderen zu erklären, was so faszinierend daran ist.

Ah, das kenn ich, sagt sie irgendwann, als ich zugebe, dass ich ich anfangs die Muskelmassen wie Geschwüre betrachtet habe und keinen Unterschied zwischen den Athleten ausmachen konnte, weil sie für mich alle wie Mutanten erschienen. Als ich anfangs Germanys Next Topmodel geschaut habe, dachte ich immer, was die Heidi denn da am Gang sieht. Für mich liefen die alle gleich. Heute kann ich selber sagen der fehlt dies und die macht jenes zu stark. Mein Blick dafür hat sich entwickelt und ich kann nun Sachen beurteilen, die ich anfangs gar nicht wahrnahm. Ich seh die gleiche Show mit ganz anderen Augen und beurteile darum ganz anders.

Ja, genau so ist das auch bei mir, sag ich.

Schönheit ist nichts fest definiertes.

Schönheit ist nichts, was eine Gesellschaft von Natur aus hervorbringt und dann beibehält. Viele glauben das. Genauso hält sich auch der Glaube, dass es eine Verpflichtung zur Schönheit gibt. Und wehe dem/der, die diese Verpflichtung bewusst ignorieren. Wehe dem, der gar nicht danach trachtet, diesem intendierten Schönheitsideal zu entsprechen.

Ich folge immer sehr interessiert den Beiträgen einer Frau in einem Bodybuilding-Forum. Diese Frau hat einen bemerkenswert scharfen Verstand, ihre Diskussionen kratzen häufig an festgefahrenen Vorstellungen, die einem zunächst gar nicht so klar sind. Sie fordern heraus, Elemente zu überdenken, die man immer als plausibel angesehen hat. Und was diese Frau außerdem sehr auffällig macht ist, dass sie aussieht, wie ein Mann. Sie ist Kraft-Drei-Kämpferin, in Russland aufgewachsen und dort ausgebildet. Sie trainiert meistens oben ohne, ohne, dass sich jemand pikiert. Denn niemand nimmt sie als Frau wahr.

Im Forum, wo jeder angehalten ist, seinen Senf abzugeben und der Wahrheit (natürlich immer der eigenen) zur Geltung zu verhelfen, ruft das sehr interessante Reaktionen hervor. Da wird zuerst ermutigt, sich doch mehr der weiblichen Schönheitsmittel zu bedienen. Wenigstens nen Bikinioberteil könnte sie anziehen, oder sich mal die Haare machen. Auch Highheels würden helfen. Sie müsse doch wenigstens versuchen, etwas besser auszusehen.

Nein, sagt die Dame, Schönheit bewundere sie bei anderen. Für sich selbst hingegen wünscht sie sich nur Kraft. Darauf verwendet sie ihr Engagement, dafür ist ihr Herz entbrannt.

Aber sie könne doch nicht einfach so. Sie müsse doch. Es darf doch nicht…und dann gehts los. Beleidigungen, Beschimpfungen, ihre Intelligenz wird infrage gestellt und ihre psychische Gesundheit sowieso. Stück für Stück versucht man zu entmenschlichen, was man nicht nachvollziehen kann, ihm alle Würde zu nehmen und es schließlich mundtot zu machen. Der ganz normale Ablauf, wenn Menschen glauben, ein Opfer gefunden zu haben, an dem sie ihr eigenes Selbstbild restaurieren und aufbauen können.

Allein der klugen Argumentationsweise und mentalen Stärke der Frau ist es geschuldet, dass es nicht dazu kommt. Sie hält sich, aller Widerstände zum Trotz und schafft sich eine Position.

Es ist eben nicht leicht, zu akzeptieren, dass es Vielfalt nicht nur als Forderung von Linken oder Christen, sondern tatsächlich existent im realen Leben gibt. Sie ist längst da. Und die Frage ist immer, schafft man es, über all das Absonderliche hinweg die Details eines Menschen wahrzunehmen und diesen anzunehmen oder ihm zumindest Respekt entgegen zu bringen?

Kann ich akzeptieren, das Models nicht alle nur seelisch verunglückte Krüppel sind, sondern Menschen, mit Hingabe, die genau so verrückt, strikt und unnachgiebig ihr Ziel verfolgen wie Bodybuilder?

Schwer, aber es geht.

Mit diesen Gedanken werde ich mich nun mal zum Training begeben, um meinen Körper noch etwas abnormaler zu gestalten. ;D

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