Rückzugsräume

Eine glückliche Kindheit ist heutzutage ja ein hohes Gut. Allgemein anerkannt. Gedacht wird dabei an eine unbeschwerte Zeit, in der die schlimmsten Sorgen ein aufgeschrammtes Knie oder ein Tadel wegen vergessener Hausaufgaben sind. Kinder sollen Kinder sein dürfen und sich frei entfalten. Neben Zeit zum Lernen (Schule, Hausaufgaben, etc.) sollen Kinder auch Zeit für sich haben. Zeit, um Freundschaften zu knüpfen, sich selbst zu erfahren, Abenteuer zu erleben, Zeit zur Verschwendung.

Kinder sollen ihr Heranwachsen genießen, denn schließlich geht danach der Ernst des Lebens los. Arbeitssuche, Existenzängste, wichtige Entscheidungen wollen täglich neu entschieden sein, Arbeit, Mühe, Ernst.

Das ist kein Spaß!

Aber brauchen wir Erwachsenen nicht genau die gleichen Rückzugsorte, um mal durchzuatmen, mal Freiheit zu fühlen? Muss man dazu erst in den Urlaub fahren?

Ne, sag ich. Ich will auch heute noch meine Rückzugsorte, an denen mich keiner findet. Sei es in spannenden Büchern, in Online-Rollen-Spielen, beim Spiel mit den Katzen oder im Shoppingrausch. Es gibt Bereiche meines Lebens, wo ich nicht zu sprechen bin. Die Zeit brauch ich, um wieder zu mir selbst zu finden.

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 Abenteuerlich wurde es früher, wenn ich meine Freundinnen zu Dingen angestiftet habe, die durchaus gefährlich werden konnten oder zumindest Nervenkitzel versprachen. Wie oft

waren wird nachts unterwegs, in Pyjama und Jacke. Nachtspaziergänge unterm Sternenzelt. Oder wie wir über das Gerüst am Haus geklettert sind, obwohl der Wind so pfiff und das Gerüst bedrohlich schwankte. Aufs Dach sind wir geklettert, bei einem vierstöckigen Haus.

Erst klammerten wir uns am Schornstein fest, dann balancierten wir auf dem wackeligen Gitter und bekamen schließlich dicken Anpfiff von meiner Schwester, die uns mehrmals dabei erwischte, wie wir munter über die Dachplatten kletterten. Vom Rand der Dachterrasse ließen wir die Beine baumeln und genossen den Schwindel, wenn wir über den Rand nach unten schauten.

kindheit1In zwei Meter Höhe haben wir uns dieses Zimmerchen zur Bude umgestaltet. Als mein Bruder mit seinen Freunden die Leiter klaute, haben wir uns kurzerhand diese ‚“Abseilkonstruktion“ gebaut. Das gab anfangs Blasen an den Händen meiner Freundin, die sichtlich Mühe hatte, mich zu halten. Aber an diesen Herausforderungen sind wir gewachsen. Unser Mut, unser Selbstvertrauen und das, was wir von Leben erwarteten, wurden dadurch geprägt.

Noch heute sehne ich mich regelmäßig nach solchen Abenteuern, auch wenn sie heute zumeist ungefährlich sind. Fahrradtouren ins Unbekannte, handwerkliche Experimente ala Tanzpads für ein PC-Tanzspiel, Messebesuche und in letzter Zeit immer mal ein „waste-all-the-money-Rausch“. Der Grundgedanke, sich immer neu zu fragen, was man eigentlich vom Leben noch erwarten kann und es dann, ohne groß abzuwägen, einfach zu tun. Das Gefühl, sein Leben damit selbst zu lenken, das schmeckt noch genau wie früher.

Immer mal wieder Kind sein, das muss schon sein.

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