Oops, I rebuyed again!

Jeden Abend schaute er mit sturmumwölkter Stirn auf meine Kaufalarm-Mails.

Ich kauf ja nix!, sagte ich darauf immer und löschte sie.

Aber ein Buch saß mir wie ein Stachel im Fleisch und ich wusste, meine Geduldsspanne wurde kürzer. Ich musste es einfach besitzen! Ich möchte es zweimal, dreimal, immer wieder lesen. Anstreichen, Klebchen dranmachen und Eselsohren reinknietschen an all die guten Stellen. Doch davon erzähl ich später. Erstmal kommen die Schnäppchen:

Für die ganzen Harry Potter-Dvds/Blue-Rays hab ich gerade mal schlappe 19.96€ gezahlt. Ohh, sie sind alle meine!
7

Als zukünftige Lehrerin muss man ja schließlich alles wissen (denkste!) und mutiert deswegen quasi darwinistisch zum Jäger und Sammler von Wissenvermittlungsstoffenundmöglichenschlaumeiersachen. Deswegen das hier für schlappe 0,89…alle zusammen, wohlgemerkt!
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In die gleiche Sparte zählt auch der gute Gottfried Benn mit seinen häufig morbiden Gedichten. Seine mitleidlose, alles verdrehende Art mag ich sehr.
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Dann gibt es wieder Tanja Kinkel. Wer sich von euch schon immer gefragt hat, wieso man ausgerechnet etwas über Walther von der Vogelweide wissen muss, dem kann ich das dank dieses Buches jetzt beantworten. Nein, es ist nicht, weil er mittelhochdeutsch sprach und schrieb! Vielmehr war Walther von der Vogelweide etwas Besonderes unter Seinesgleichen. Zum einen war er vermutlich ein Schwindler, der sich als Ritter ausgab, obwohl er nur ein armer Lump war. Zum anderen hat er meisterhafte Lieder geschrieben, in denen er viel mehr von seiner eigenen Persönlichkeit einfließen ließ, als das sonst Sitte war. So schrieb er, in einer Zeit, in der man für jeden erregten Unmut schnell mal eine Hand, die Zunge oder gar den Kopf verlor, Lieder gegen den Papst und Spottlieder auf die Adligen, selbst auf die, denen er diente. Tanja Kinkel nimmt all das und spinnt daraus eine wunderbare Geschichte in der das, was ich an ihr (der Autorin) am liebsten mag, nämlich ihre geschliffenen Dialoge voller Doppelbödigkeit, voll zum Tragen kommt. In einer Zeit, in der man nicht sagen durfte, was man denkt, lässt sie ihre Figuren Botschaften aussprechen, die sich wie eine Geheimsprache lesen und in die der Leser behutsam eingeweiht wird. Ein großes Vergnügen und man lernt wieder nebenher eine ganz andere Welt kennen.
2

Running Man hab ich erst vor kurzem gelesen und es hat mir sehr gefallen. Ein Junge, der sich von einem Albtraum verfolgt fühlt, hat einen Nachbarn, über den im Dorf Gerüchte kursieren. Keiner hat ihn gesehen! Er verlässt nie das Haus und seine Schwester kümmert sich um ihn. Wie ein Geist, so scheint es, wandert er durchs Haus. Man sieht nur Lichter hinter Gardinen, Schatten… Nachbarin will dies ändern, indem sie den Jungen bittet, ob er ihren Bruder nicht portraitieren könnte. Sie hofft, ihn so aus seinem Kokon zu locken und hofft, dass vielleicht so etwas wie Freundschaft entstehen könnte. Soweit zum Inhalt. Bezaubern an Running Man ist aber die behutsame art, in der erzählt wird. Man taucht in eine Atmosphäre aus Unsicherheit, tief verwurzelten Ängsten und Zurückhaltung. Und wenn sich einer der beiden, der junge oder der Nachbar dann öffnen und etwas von ihrem versteckten Ich preisgeben, fühlt man sich wie in Sonnenlicht gebadet. Klingt vielleicht albern, aber so fühlte es sich an.Ein paar Sätze für euch herausgerissen: (es geht um das Hobby des Nachbarn: Seidenraupenzucht)

„Sie sind für mich zu einem Bild für das Leben selbst geworden.“
Joseph sah ihn fragend an.
„Sie spiegeln wider, was das Leben im Grunde ist.“, erklärte Tom Leyton. „Sie werden geboren, sie leben, sie sterben. Ihr Leben hat keinen Sinn, keine Bedeutung. Und diese sinnlose Existenz führen sie immer fort, in seliger Unwissenheit, bis irgendwer sie auf den Müll wirft.“
Aus Tom Leytons Stimme sprach solche Leere, dass es Joseph fröstelte.
„Arme Mrs Battista – sie träumte davon, Flügel zu haben, die Flügel einer Motte, die nicht fliegen kann. Sie wollte sein wie sie, aber sie war es schon. Wir alle sind es. Wir flattern mit unseren verkrüppelten Flügeln und träumen vom Fliegen.“

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Das nächste Buch ist für mich etwas ganz besonderes, denn es hat meinen Lebensweg beeinflusst, wie kein anderes. Tatsächlich fußt mein ganzes Studium und der Wunsch Lehrerin zu werden auf diesem Buch. Wir haben dieses Buch im Religionsunterricht behandelt und für mich war es eine Offenbarung. Es geht um nichts geringeres, als ein gestörtes, krankhaftes Gottesbild. Tillman Moser berichtet mit einer poetischen Wortgewalt über das Bild von Gott, das ihn krank gemacht hat, an dem er zerbrochen ist und analysiert detailliert, was daran so krankhaft ist. Monologisch schreibt er zu Gott und wirft ihm all das vor, woran er leidet.
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Und zu guter Letzt noch das Buch, was die ganze Bestellung überhaupt erst angetrieben hat: Pascal Merciers Nachtzug nach Lissabon. Ein Griechischlehrer, der sein Leben dem Studium alter Sprachen gewidmet hat, wird in die Welt hinausgezerrt durch die Begegnung mit einer Dame und einem Buch. Zufälle lenken seine Aufmerksamkeit auf die Frage, ob da draußen noch etwas auf ihn wartet und so begibt er sich auf die Spurensuche in ein fremdes Land, eine fremde Sprache und nach fremden Menschen, nach einem Geist. Was dieses Buch aber so aufwühlend und widerhakend macht, ist seine Sprache. Es steckt voller Briefen, Gedankenfragmenten, Exzerpten eines Mannes, dessen Verstand ein Genie ist, der sich nichts sehnlicher wünschte, als ein guter Mensch zu sein und der genau darum scheitern musste. Das ist nichts zum Schnelllesen. Es ist ein Buch für die Toilette, für die Straßenbahn, die 5-Minuten-Zigarettenpause, für kurze Abschnitte, die dann lange Zeit brauchen um im Inneren nachzuhallen, denn dieses Buch haut einen um.
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Hier ein längerer Ausschnitt für euch, ein kleiner Vorgeschmack auf die brutale Klarheit dieses Buches:

DAS GLÜHENDE GIFT DES ÄRGERS.
Wenn die anderen uns dazu bringen, dass wir uns über sie ärgern – über ihre Dreistigkeit, Ungerechtigkeit, Rücksichtslosigkeit –, dann üben sie Macht über uns aus, sie wuchern und fressen sich in unsere Seele, denn der Ärger ist wie ein glühendes Gift, das alle milden, noblen ausgewogenen Empfindungen zersetzt und uns den Schlaf raubt.
Schlaflos machen wir Licht und ärgern uns über den Ärger, der sich eingenistet hat wie ein schmarotzender Schädling, der uns aussaugt und entkräftet. Wir sind nicht nur wütend über den Schaden, sondern auch darüber, dass er sich ganz allein in uns entfaltet, denn während wir mit schmerzenden Schläfen auf dem Bettrand sitzen, bleibt der ferne Urheber unberührt von der zersetzenden Kraft des Ärgers, deren Opfer wir sind.
Auf der menschenleeren inneren Bühne, in das grelle Licht stummer Wut getaucht, führen wir ganz allein für uns selbst ein Drama auf mit schattenhaften Figuren und schattenhaften Worten, dir wir schattenhaften Feinden entgegen schleudern in hilflosem Zorn, den wir als eisig loderndes Feuer im Gedärm spüren.
Und je größer unsere Verzweiflung darüber ist, dass es nur ein Schattenspiel ist und keine wirkliche Auseinandersetzung, in der es die Möglichkeit gäbe, dem anderen zu schaden und ein Gleichgewicht des Leids herzustellen, desto wilder tanzen die giftigen Schatten und verfolgen uns bis in die finstersten Katakomben unserer Träume.
(Wir werden den Spieß umdrehen, denken wir grimmig, und schmieden nächtelang Worte,
die im anderen die Wirkung einer Brandbombe entfalten werden,
so dass nun er es sein wird, in dem die Flammen der Empörung wüten,
während wir, durch Schadenfreude besänftigt, in heiterer Ruhe unseren Kaffee trinken.)
Was könnte es heißen, es richtig zu machen mit dem Ärger?

Wir möchten ja nicht seelenlose Wesen sein, die ganz und gar unangefochten bleiben durch das, was ihnen begegnet, Wesen deren Bewertungen sich in kühlen blutleeren Urteilen erschöpften, ohne dass etwas sie aufzuwühlen vermöchte, weil nichts sie wirklich kümmerte.
Und deshalb können wir uns nicht ernsthaft wünschen, die Erfahrung des Ärger überhaupt nicht zu kennen und statt dessen in einem Gleichmut zu verharren, der von öder Gefühllosigkeit nicht zu unterscheiden wäre. Ärger lehrt uns ja auch etwas darüber, wer wir sind.

Wissen möchte ich deshalb dieses: Was könnte es heißen, uns im Ärger so zu erziehen und zu bilden, dass wir uns seine Erkenntnis zunutze machten, ohne seinem Gift zu verfallen?

Quelle: Pascal Mercier. Nachtzug nach Lissabon. S. 432

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