Ich geh dann mal mit Eragon ins Bett…

Vor vielen Monaten war ich als Praktikantin in einer Schule. Stolz berichtete die Lehrerin, dass die meisten Schüler in der Klasse gerne lesen. Und tatsächlich, sah man auf jedem zweiten Platz ein Buch. Neugierig schaut ich und fragte auch die Schülerinnen und Schüler, was sie denn da läsen. Einige Schülerinnen zeigten mir stolz einen dicken Wälzer mit einem dämlichen Drachenkopf drauf. Wie viele Leser neige ich leider dazu, Bücher schnell nach dem Cover zu beurteilen. Zum Glück lass ich mir gerne Tipps und Empfehlungen geben, sonst hätte ich Harry Potter und Das Lied von Eis und Feuer wohl nie gelesen.

In der Bücherei bin ich oft an den dicken Wälzern mit dem Drachenkopf und dem Namen Eragon vorbeigegangen, hab sie herausgezogen, den Buchrücken studiert und wieder weggestellt. Und eines Tages, ich war noch auf der Suche nach weiteren Büchern (unter fünf Stück im Arm verlass ich die Bibliothek nie), nahm ich ihn mit. Ich hatte gelesen, dass der Autor beim Verfassen des ersten Bandes erst 15 Jahre alt war.

Gut, dachte ich, die Schüler lesen es und ich hab mir zum Ziel gesetzt, Bescheid zu wissen über all die Bücher, die SchülerInnen lesen, um später immer Buchempfehlungen in den Unterricht einzubinden. Ein Kinderbuch mit Drachen und Zauberern. Also ran ans Werk.

Der erste Band plätscherte Wort für Wort dahin. Ich war nicht schrecklich gefesselt, aber ich staunte doch, wie weitreichend dieser Fünfzehnjährige die Handlungen angelegt hatte und wie faszinierend logisch-interessant der Handlungsstrang gestrickt war. Überraschend reif für sein Alter, dachte ich. Trotzdem war ich nicht allzu sehr im Bann, aber da ich Reihen gern auslese, landete irgendwann der zweite Band in meinem Bett. Und wieder staunte ich, wie die Charaktere an Tiefe gewannen und Entscheidungen trafen, deren Tragweite sie bis ins Kleinste reflektierten. Ich erwartete von so einem jungen Autor einfach keine Gedankengänge von solcher Tragweite und von solchem Einfallsreichtum. Auch hatten die Charaktere solche Tiefe bekommen, Licht und Schatten, Stolz und Zweifel. Dazu kamen die Lektionen und Gedanken des jungen Drachenreiters, die ich eher von einem 40jährigen erwartet hätte, als von so einem jungen Autor. Ich weiß, ich wiederhole mich, aber nun,da ich den vierten Band ausgelesen habe, bin ich vor allem eines: beeindruckt.

„Übersteigerte Vorstellungskraft ist es, die Männer zu Feiglingen macht, nicht ein Übermaß an Angst, wie die meisten glauben.“

Die Handlung ist spannend, es gibt einige Überraschungen und die verschiedenen Völker (Menschen, Zwerge, Elfen und Urgals) sorgen immer für Spannungen. Die Figuren teilen oft Bedenken und Zweifel mit, treffen Fehlentscheidungen, die schwer auf ihnen lasten. Und ihre Gedanken darüber lassen sie reifen, woran der Leser teilhat. Es sind nicht nur Helden, sondern auch Wesen, die gezeichnet sind vom Umgang mit Dilemmata und Schwächen (sowohl der eigenen als auch denen der Verbündeten, auf die sie angewiesen sind). So kann ich auch verraten, dass das große Ende bereits bei ca. zweidrittel des letzten Bandes kommt, und der Rest dann einige der Charaktere weiter begleitet. Das ist spannend bis zur letzten Zeile, was nur möglich ist, weil die Charaktere dem Leser längst ans Herz gewachsen sind und viele Versprechungen gegeben wurden, die nun erfüllt werden wollen. Bis zur letzten Zeile ist die Handlung gewoben, wie guter Stoff gewoben sein will. Eine echte Empfehlung für Fantasyfans.

Eines der Probleme ist zum Beispiel, dass Wesen mit magischen Fähigkeiten den Wesen ohne magische Fähigkeiten stets überlegen sind. Nichtmagier können trainieren und dicke Rüstung tragen, können Schnelligkeit gewinnen und hätten doch nie eine Chance gegen Magier, die sie mit nur einem Wort töten können. Das bringt ein Ungleichgewicht mit sich, welches sich durch die ganze Geschichte als Thema zieht, da Nichtmagier die Magier als Bedrohung sehen und sich selbst als abhängig von Magiern empfinden. Die Anführerin der Aufständigen überlegt daher, sich alle Magier durch Schwüre zu unterwerfen und ständig unter Beobachtung zu halten, zum Wohle der Gemeinschaft. Das wirft aber die Frage auf, wo die Grenze ist, zwischen einem freien Land, das Gesetze zum Schutz der Gemeinschaft erlässt und einer Terrorherrschaft, die versucht alles zu kontrollieren und ihr eigenes Volk knechtet. Im Roman bleibt dieses Problem übrigens offen, es ist ein Dilemma ohne gute Lösung und durch das offene Ende hab ich mir die halbe Nacht darüber den Kopf zerbrochen. 😉

 

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