Vorstellung: Lieblingsbodybuilder

Jeder Jugendliche hat so seine Vorbilder, die er bewundert und dadurch auch stärker betrachtet als andere Menschen. Dadurch hört man diesen Leuten besser zu, nimmt ihre Sprüche intensiver auf, erteilt diesen Leuten eine Rolle als Lehrer.

Als Erwachsene meinen einige, man sollte lieber sein eigenes Idol sein und sollte keine anderen mehr anbeten. Ich halte das für Ansichtssache und nehme mir gerne Vorbilder, weil ich mein ganzes Leben als Weg betrachte, als Entwicklungsweg. Leben ohne Veränderung ist für mich wie ein Leben aus dem Grab heraus. Und so betrachte ich Menschen auch gerne aus dem Blickwinkel heraus und frage mich, was ich von ihnen lernen könnte oder welche Eigenschaften sie besonders machen. So ist das auch mit den Großen des Bodybuildings. Auch da habe ich meine Lieblinge.

Mein absoluter Liebling ist Lee Priest– The blond Myth.
Dabei hat Lee Priest 2006 seinen letzten Wettkampf auf der Bühne gehabt, also lange bevor ich zu diesem Sport gefunden habe. Außerdem ist er klein, gerade mal 1,62m groß.
Wieso also gerade er? Und wie komme ich auf ihn?
Lee Priest taucht noch immer oft auf Motivationsvideos auf, in Foren gibt es viele Berichte über ihn und er selbst kommt noch oft für Gastauftritte zu großen Shows. Aber das faszinierende für mich ist seine Aura, seine Ausstrahlung.
Bodybuilding ist ein Sport, bei dem es um dein Äußeres geht und um all die Defizite, die dich beschränken. Es ist ein Wettkampfsport, bei dem man quasi nackt vor einem Publikum auftritt, dass deinen Körper genauestens nach Fehlern absucht. „Oh schau, die linke Schulter ist etwas größer als die rechte und der breite Nacken passt nicht gut zur schmalen Taille. Ne, der hat keine gute Symmetrie….Und da hat er noch zu viel Wasser eingelagert. Hier sieht er zu flach aus.“
Dazu kommt die Genetik. Im Bodybuilding geht es nicht allein darum, große Muskeln zu bekommen. Es geht auch darum, den Körperfettanteil extrem niedrig zu bekommen, dabei aber nicht flach auszusehen, den Wasserhaushalt genau zu dosieren, aber vor allem geht es darum, ein ästhetisches Gesamtbild zu bekommen und das ist größtenteils Genetik und damit Glücksspiel. Bodybuilding ist also kein Sport, den man auf Wettkampfniveau treiben sollte, wenn man Niederlagen und Kritik nicht locker wegsteckt. Im Bodybuilding wird die deine Genetik vorgeworfen, dein Training in Frage gestellt, an deiner Ernährung rumgekrittelt und vor allem das Ergebnis deiner Bemühungen: dein gestählter Körper, wird immerzu kritisiert.

Und da kommt Lee Priest auf die Bühne, mit einem Lächeln, dass jedem entgegen schreit: Hey, schaut mich an, ich seh so verdammt gut aus!

Auch die anderen Bodybuilder grinsen und ziehen Mienen, die ihre Selbstzufriedenheit zeigen sollen. Aber Lee Priest ist der einzige, dem ich das abnehme. Das meine ich mit Aura, schaut euch den jungen Gott an. Lee Priest ist stolz auf sich und er liebt das, was er tut. Er weiß, dass irgendwo immer etwas besser sein könnte, aber er verabscheut sich nicht. Er mag sich und das spürt man.
Von Lee gibt es auch die heftigsten Offseason-Fotos, die ich je gesehen habe. Schaut euch das an!
Quelle: http://www.ironsport.de/
Wie selbstzufrieden er als dicker Sack grinst. ^^ Wenn er auf seine Größe angesprochen wird, sagt er immer, dass er in seiner Familie einer der größten ist und wenn ihr seine Mama fragt, sei er der Gewinner.
Das ist für mich der wesentliche Aspekt des Bodybuildings, ich will es tun, um stolz auf mich zu sein, egal, wie viele Fehler andere in mir sehn. Ich will stolz sein auf das, was ich bin und auf das, was ich mache. Lee Priest darf übrigens nicht mehr auf die Bühne, weil er gesagt haben soll, dass man mit den Kampfrichtern schlafen muss, um zu gewinnen. Dafür wurde ihm eine 12,000$ Strafe auferlegt und die Auflage, sich zu entschuldigen. Lee hat beides dankend abgelehnt. Er fährt jetzt lieber Trackster-Rennen und lässt die Tattoos bis ins Gesicht wachsen. Ein echter Freak eben. *seufz*

Der zweite Bodybuilder, der für mich eine herausragende Rolle spielt, ist Kai Greene – The Predator. Viele Bodybuilder wählen eher ästhetisch-anmutende Beinamen. Wie etwa „The Blade“, „The Gift“. Namen die an Perfektion und Schönheit erinnern. Predator fällt nicht in diese Kategorie und auch Kais Körperbau fällt nicht in die Kategorie „ästhetische Physik“, sie ist freaky. Er hat so freakig-riesige Muskelberge. Sein Latissimus ist ein Gebirge, der sich über eine große Ebene erhebt.
Bei solchen Muskelbergen glaubt jeder, dass sich so ein Mensch vor lauter Muskeln nicht mehr bewegen könne. Aber Kai Greene widerlegt das. Er zeigt in seinen Routinen, wie er ganz gemütlich in den Spagat geht, oder einen schööön langsam aufgebauten Kopfstand macht, vor allem aber zeigt er, wie man sich bewegt, wenn man wirklich Kontrolle über seine Muskeln hat und seine Bewegungen steuert, statt sich nur darauf zu verlassen, dass die Füße schon wissen, was sie tun müssen, wenn man vorwärts will.

Schaut euch diese fantastischen Bewegungen an!

Wenn ich an Kai Greene denke, kommen mir zwei Satzfetzen in den Sinn: Einmal „Imagine!“ und zum anderen „This is my life, but this is also me living it.“ Man hört Kai Greene sehr oft „imagine“ sagen. Er meint damit, dass man sich seine Ziele visualisieren soll, so fest, bis man sie klar vor Augen hat. In einem Video steht er von einer Wand mit Plakaten der ganz Großen und sagt zu jemandem: „You have to imagine, with every contraction, this is the result!“ Dieser einfache Satz hat bei mir eine große Wende abgeschlossen. Durch diesen Satz bewerte ich meine Einheiten anders. Ein gutes Training ist nicht, wenn ich im zweiten Satz der dritten Übung eine Wiederholung mehr geschafft habe, als in der Vorwoche. Ein gutes Training ist nicht, wenn ich all die Übungen und Wiederholungen der Vorwoche halten konnte. Ein gutes Training ist nicht, wenn ich eine Scheibe schwerer auflegen kann. Nein. Ein gutes Training ist, wenn ich diesen einen Muskel erspürt und im Training fertig gemacht habe. Mit jeder.einzelnen.Wiederholung. Jede Wiederholung zählt, nicht erst der ganze Satz als solcher. With every contraction, this is the result ist für mich zu einem Mantra geworden, dass ich mir vor schweren Sätzen aufsage. Erst durch diesen Gedanken konnte ich meinen von mir selbst vorgelegten Satz- und Wiederholungszahlen den Wert nehmen, konnte sie als irrelevant markieren und endlich wirklich daran glauben!, dass es auf das Gefühl in jeder einzelnen Wiederholung ankommt. Erst seitdem mach ich wirklich langsamer. Denn langsamer bedeutet, dass man schneller ermüdet, aber es bedeutet auch mehr Gespür.

„This is my life, but this is also me living it.“ Das sind zwei Aussagen. Einmal eine Feststellung: Dass also ist mein Leben. Man betrachtet es als Außenstehender, Zuschauer, passiv. Und dann kommt der zweite Teil: but this is also me living it! Das ist das gewählte Leben, das selbst bestimmte Leben, Leben, dass man mit dem eigenen Willen und aktiv getroffenen Entscheidungen lenkt. Dafür steht Kai Greene für mich, für ein Leben, das ich selbst lenke und ausfüll.

Habt ihr noch Vorbilder?
Erzählt mir davon! Gern auch als Kommentar oder als Post in euren eigenen Blogs. Wer inspiriert euch und warum?

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2 Kommentare zu “Vorstellung: Lieblingsbodybuilder

  1. Ich habe dein Blog noch nicht bis zum Anfang gelesen, vielleicht hast du irgendwo darüber geschrieben, wie du zu BB gekommen bist und was dein Lebensmotto ist.

    Stimmt, bei Lee Priest sind diese Phasen verblüffend und noch verblüffender, dass dazwischen keine Jahre vergangen sind und es nicht nur einmal in seinem Leben passiert ist. Mich wundert es, seitdem ich überhaupt davon weiss, dass Bodybuilder diese Veränderung Jahr für Jahr freiwillig durchmachen. Das ist schon wie der Jojo-Effekt – ist es noch gesund für den Körper? Würde es nicht weniger Energie bedeuten, das ganze Jahr aufzupassen und wenn man zu den Wettkämpfen geht, braucht man weniger Anstrengungen, sich vorzubereiten? Also nicht so krasse Unterschiede zulassen?

    Mich motivieren Menschen, die aus eigener Kraft, gegen Widerstand etwas Bemerkenswertes erreicht haben. Nicht unbedingt Personen aus dem öffentlichen Leben. Ich habe auch eine Mannschaftskollegin beim Tischtennis: sie sitzt im Rollstuhl wegen einem Ärztefehler und kam trotzdem schon das 7 Mal dieses Jahr von den deutschen Meisterschaften in TT mit Medallie nach Hause. Und sie spielt zusätzlich auch bei uns „Fußgängern“ in einer kleinen Mannschaft wegen der tollen Stimmung.

    • Hallo Leonie,
      man muss sich bei den Bodybuildern vor Augen halten, dass die Form, mit der sie auf die Bühne gehen, eine extreme ist, in der bewusst der Körper an seine Grenzen getrieben wird. Für die Show auf der Bühne wird nicht nur der Körperfettanteil auf ein Minimum gebracht, sondern auch stark entwässert. So eine Form hält man nur für wenige Stunden und dann sind alle Athleten froh, wenn sie im Restaurant richtig futtern können. Aber in der Zwischenzeit zwischen Wettkämpfen, Offseason genannt, versuchen viele Muskelmasse aufzubauen, indem sie mit deutlichem Kalorienüberschuss trainieren, einfach, weil der Körper mit zu vielen Kalorien alles in den Aufbau steckt und nicht so viel abbaut. Aber Lee Priest ist da einer von den extremeren gewesen und heute sind viele Athleten ganz von solchen Massephasen weg, sondern machen es, wie du schon schreibst: mit moderateren Zwischenphasen. Auch im Bodybuilding entwickelt sich alles weiter. Ich habe auch mal eine Bericht über Jan Ulrich gesehen, da wurde gesagt, dass er so viel Power hat, weil er immer essen kann und dass er in wettkampfreien Zeiten auch immer gut zulegt. Das wird wohl auch wieder individuell vom Mensch zu Mensch verschieden sein.

      Ein weibliches Vorbild habe ich auch: Heidi Vuorela. Ihre Schultern sind ein Traum und auch wenn ihr ihre Form nie ansatzweise erreichen werde, motiviert mich ihr Anblick immer aufs Neue. Und Michaela Schaar finde ich auch sehr inspirierend, zumal ich Fotos von ihr gesehen habe, als sie noch moppelig war und ihre Aussage dazu war, dass sie viel Häme und miese Kommentare einstecken musste. Heute ist sie in der Bodyklasse (das sind die richtig großen Bodybuilderinnen) auf der Bühne und räumt Preise ab. Ich glaube jeder, der etwas aus sich macht, kämpft gegen Widerstände, gegen Geister der Vergangenheit oder Ängste oder existentielle Bedrohungen. Gerade im BB gibt es viele Leute mit verdammt guten Anlagen, aber kaum einer von solchen Leuten macht etwas daraus. Weshalb Talente ausbauen, um später festzustellen, dass andere besser sind? Dann lieber mit den guten Anlagen ein wenig besser als jeder normale aussehen. Es fehlt der Ehrgeiz, der auch immer etwas verzweifeltes an sich hat. So erklär ich mir das zumindest. Also sollten wir froh über Widrigkeiten und Widerstände sein, wenn wir deswegen stärker werden. Oder? ^^

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