Die Beste aller Welten

Betrunken neigt man gemeinhin zum Philosophieren und das ist hier genau der Fall. Mein Freund sagt: „Wir zählen morgen mal Räschdscheybfälher.“ Meinetwegen.

Der Theodizee-Gedanke ist steinalt. Gott hat die Welt nicht verflucht oder fallen gelassen, nein, die Welt ist tatsächlich die Beste aller möglichen Welten. Ein Gedanke, der in der Science Fiction Literatur gern im Sinne von Parallel-Universen aufgefasst wurde. Da konnte man zu einem Haupt-Story-Strang verfolgen, wie die Geschichte des Protagonisten (zum Bleistift der rennenden Lola oder Mr. Nobody) in diversen Varianten endet, aber nur eine davon ist, trotz aller Unwahrscheinlichkeiten, mit dem Happy Ending versehen.
So ist also die Grundannahme: Unsere Welt mag nicht perfekt sein, weil wir nicht perfekt sind, aber es ist, ob du es glaubst oder nicht, die Beste aller erdenkbaren Welten.

Soweit, so klar.
Nehmen wir das mal als Axiom für unsere Wirklichkeit und betrachten unsere Umwelt. Was fällt uns auf?
Zunächst nichts, mein Nachbar schafft es noch immer nicht, seinen Müll zu trennen. Im Studio trainieren Jungspunde mit faszinierenden aber als gemeingefährlich einzustufenden Modifikation an den Trainingsgeräten und beim Bäcker kaufen die dicken Trullen ein Stück Donauwelle und der motivierte Freizeitsportler isst Haferflocken statt ökologisch selbstgenährten Haferkeimlingen. Der ganz normale Schwachsinn, der viele Beobachter auf die Palme bringt.

Betrachtet man das nun unter dem Blickpunkt unseres ach so interessanten Axioms, bietet sich dem lupenvergrößerten Auge ein interessanter Einblick: Der Nachbar hat vor einem Jahr seine Frau verloren, seither kämpft er den Kampf der Titanen gegen das totale Aufgeben. Die Arge wirkt mächtig Druck auf ihn ein, alle Freude haben sich abgewandt und dann ist auch noch sein Hund gestorben. Dass er den Müll, zwar unsortiert, aber immerhin hygienisch im Müllbeutel rausbringt, ist für ihn schon ein großer Triumph. Die Jungspunde im Studio trainieren zwar schlecht, aber sie glauben umso enthusiastischer an die Wirksamkeit ihres Trainings und tun damit mehr für ihr Ziel, als manche Couchpotato, die gar nichts macht. Schlechtes Training ist immerhin Training und so mancher Wettkampfathlet hat genau so furchtbar angefangen. Und die dicken Frauen haben früher jeden Samstag drei Stück Donauwelle verzehrt. Nun gönnen sie sich aller zwei Wochen ein Stück und genießen dieses Stück, als ob es der schönste Moment des Friedens auf Erden wäre.

Der Theodizee-Gedanke ist deswegen den ganzen trivialen ersten Einschätzungen vorzuziehen, weil er nicht etwa eine ideale Welt der Ideen voraussetzt, sondern die Welt deskriptiv beschreibt, statt ihr persuativ vorzuschreiben, wie sie denn besser sein sollte. Der Theodizee-Gedanke lässt uns einen zweiten Blick auf die Welt riskieren und ihr die Frage überwerfen, wieso das, was wir betrachten, wohl so ist, wie es ist. Und vor allem welche Gründe und komplexen Zusammenhänge dafür sprechen, dass sie nicht besser ist.

Und wer jetzt glaubt, ich trüge den Nimbus der ätherischen Reinheit auf dem Unschuldsengel-Schopfe, der irrt. Denn auch ich kann mich furchtbar ärgern und empfinde Lästern als ungemein befriedigend. So kann ich berichten, dass wir in unserer alten Wohnung einen Alkoholiker als Nachbaren hatten, der uns und allen räumlich Umgebenden das Leben schwer gemacht hat. So ist er zwar selbst Alkoholiker, Spieler, Ehefrauenterrorant und seit der 8. Klasse Arbeitsloser ABER er wusste trotzdem, wie man sich als Blockwart aufspielt und auf alle Nachbarn mit dem Finger zeigen konnte. „Ihr habt nach 22 Uhr den Fernseher zu laut gehabt (es war ne Party) und poltert nachts rum (das ist die hölzerne Treppe im Treppenhaus, auf der sich auch mal nachts Anwohner bewegen) und ich hab auch sexuelle Geräusche gehört (äh…)!“
Jedenfalls hat uns dieser Nachbar echt das Studentenleben vermiest und das Gefühl verliehen, rundum überwacht zu werden. Schließlich sind wir ausgezogen und wünschten ihm alles Schlechte.
Wir zogen nicht weit weg.
Und bald nach unserem Auszug sah ich Jalousien am Fenster, Pflanzen, einen schwarzen Kater in eben jenem Fenster, dass uns noch vor kurzer Zeit gehörte. Du hast keine Ahnung, worauf du dich eingelassen hast, werter Nachmieter, dachte ich.
Aber wenn ich jetzt manchmal an der alten Wohnung vorbei zum Aldi gehe, vernehm ich aus eben jenem Fenster des Öfteren lautstarke Rufe:
„IHR FOTZEN! IHR VERDAMMTEN HUUUUUREEEEN! IHR SEID SOLCHE FOOOOOOTZEEEEEEN!!!!!$%&§“ Offenbar ist der Nachmieter exzessiver und leidenschaftlicher Gamer, mit fatalem Hang zum lautstarken Aggressionsabbau.
Mein Freund nennt es Karma…unser alter Nachbar hat bekommen, was er verdient. Ich nenne es die Beste aller Welten.
😀

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