Theoretisch weiß ich praktisch alles….

…oder: Warum es so schwer ist, sein Verhalten/Leben zu ändern.

Ich lese in letzter Zeit wieder öfter von Leuten, die verzweifelt abnehmen wollen und viel dafür auf die Beine stellen, aber dennoch verzweifeln. Sie schaffen es immer nur kurze Zeit, etwas zu ändern und stellen danach erschrocken fest, wie all das Erreichte ihnen zwischen den Fingern zerrinnt. Wie oft ich das selber durchgemacht habe, kann ich gar nicht zählen. Deswegen nehmen mich solche Berichte auch immer selber mit. Da möchte ich gleich in die Tasten hauen und gute Tipps rüber werfen.

Aber das erste, was ich gelernt habe ist, dass Abnehmen ein Prozess ist, bei dem es für die meisten Menschen keine Abkürzung gibt.

Es ist nicht mit einem 5-Wochen-Plan oder einer Diät getan. Ausnahmen gibt es natürlich, aber wer schon vier- fünfmal so eine Tortour hinter sich hat und noch immer mit dem Ausgangsgewicht kämpft, kann davon ausgehen, dass er auf diesem Wege nichts erreichen wird. Und es gibt auch nicht den EINEN Weg, der für jeden passt. Schaut man sich die Erfolgsgeschichten der Leute an, die es geschafft haben, so erzählt jeder eine andere Geschichte. Gemeinsam haben sie nur, dass sie sich selbst auf den Weg gemacht haben, um herauszufinden, was bei ihnen funktioniert. Ich kenne nicht einen Bericht, in dem gesagt wurde: Meine Freundin hat mir dies empfohlen, ich habe es genau so gemacht und es hat auch bei mir gewirkt. Keine Abkürzung bedeutet auch, dass ihr euren eigenen Weg finden müsst.

Wie kommt das?
Jeder kennt diese Momente, wenn er mit vollgefressenem Bauch im Bett liegt und nicht einschlafen kann, weil alles drückt und man kaum Luft bekommt. In diesen Momenten ist die Motivation so hoch, in diesen Momenten verachtet man sich selbst so sehr und denkt, dass die Erinnerung an dieses Gefühl doch reichen müsste, um sich selbst vor einer Wiederholung zu erretten. In solchen Momenten ist man der festen Überzeugung: Das nächste Mal ess ich weniger oder das verursachende Lebensmittel gar nicht mehr oder man ist sogar fest davon überzeugt, dass ab dem nächsten Tag alles anders werden wird.
Dann wacht man morgens auf und diese harte Überzeugung ist eher ein weicher Schatten. Und eine Woche später liegt man wieder mit überfressenem Magen im Bett und man fragt sich, wie es dazu kommen konnte.

Muster
Wenn ich eines gelernt habe, dann dass viel von unserem Verhalten durch Muster gesteuert wird.
Wenn ich eine Tüte Weißer Mäuse seh, fällt mir ein, wie der Junge, der mich sonst ignorierte, mir in der neunten Klasse solch eine Weiße Maus aus seiner Tüte anbot. Diese Weiße Maus symbolisierte eine Art Friedensvertrag, eine Art Wiedergutmachung für all die vorausgegangene Ignoranz. Ich mag Weiße Mäuse bis heute.
Ich erinner mich auch, dass ich nach dieser angebotenen Weißen Maus selbst Süßigkeiten mitbrachte und anderen anbot, um mich beliebt zu machen. Das klappte erstaunlich gut, alle Jungs und Mädels kamen zu mir, um mich um Süßigkeiten zu bitten. Plötzlich stand ich im Mittelpunkt und alle waren nett zu mir. Das ging so lange gut, bis entweder die Süßigkeiten alle waren oder ich gehänselt wurde, weil sich bei mir alles nur um Süßigkeiten drehte.

Geblieben ist aber eine Verknüpfung im Hirn: Süßigkeiten=glücklich

Mag in den darauf folgenden Jahren auch noch so oft das Gegenteil eingetreten sein, diese einmal geschaffene Verknüpfung, dieses Muster, wie ich es nenne, blieb resistent.
Wenn ich mir also lauter vernünftige Gründe einfallen lasse, wieso das Weglassen von Süßigkeiten gut wäre, so werden all die Gründe in Vergessenheit geraten, wenn ich nicht glücklich bin. Denn viel stärker als der Verstand zieht diese tief im Unterbewusstsein verankerte Erinnerung, dass Süßigkeiten glücklich machen.

Um diese Muster zu durchbrechen, müssen wir also zunächst enttarnen, wann unser Verstand nicht mehr zieht.

Wir müssen auf Mustersuche gehen. Das Gute an diesem Schritt ist, dass man jedem Fehltritt auch etwas positives abgewinnen kann; man erfährt mehr über sich selbst.
Hat man so ein Muster also gefunden, muss man herausfinden, wie stark es wirklich ist. Zieht es immer, beim leisesten Stress? Oder nur, wenn ich wirklich verzweifelt bin? Es kann auch helfen, diese Erkenntnisse niederzuschreiben. Wenn man ihnen ihre Geborgenheit im Unterbewusstsein nimmt und sie ins Bewusstsein holt, verlieren sie schon einiges an Macht über uns.

Der schwierigste Teil ist aber, die Muster zu durchbrechen.
Das kann auf die harte Tour passieren, zB. wenn man körperlich starke Schmerzen hat oder manchmal hilft es auch, wenn ein Arzt schlimme Spätfolgen verspricht, wenn man nichts ändert. Mein Vater konnte sich so im Alter von 60 Jahren das Rauchen abgewöhnen, obwohl er sein Leben lang Kettenraucher war. Aber sowas passiert eben und lässt sich nicht kalkuliert hervorrufen.
Aktiv, also selbst gesteuert solche Muster zu durchbrechen ist tatsächlich sehr schwer. Da hilft nur Hartnäckigkeit.
Wie bereits festgestellt, sind vernünftige Gründe dabei oft ohne Wirkung.

Um das Verhalten zu ändern, müssen wir auf die hervorgerufenen Emotionen eingehen.

Gehen wir zum Ausgangsbeispiel zurück: Wenn ich akut unglücklich bin, zieht kein Gedanke daran, wie glücklich ich in fünf Jahren wäre, wenn ich schlank wäre. In solchen Momenten zieht nur die Illusion von einem sofortigen glücklichen Gefühl und einem Ende des Unglücks. Wenn ich jemals in einer solchen Situation etwas anderes machen will, als mich an Süßigkeiten zu überfressen, bis ich zwar noch immer unglücklich aber irgendwo tief drinnen auch befriedigt und müde bin, dann muss ich nach etwas suchen, dass mir hilft, mein Unglück zu verlassen. Ich muss etwas tun können, dass mich wirklich leicht glücklich macht.
Das mag leicht klingen, aber tatsächlich ist mir lange Zeit nichts eingefallen, was in solchen Situationen mit der Befriedigung durch Essen mithalten kann. Und darin liegt die Arbeit.

Vielleicht fällt einem zunächst nichts ein, dann kann man zunächst nur die Muster weiter entlarven, indem man sich ganz bewusst immer wieder sagt, wie schlecht es einem nach dem Fressanfall tatsächlich geht und dass das Versprechen (Süßigkeiten=glücklich) nicht gehalten wurde. Mit der Zeit verliert dieses Muster tatsächlich an Attraktivität, ganz unwirksam wird es jedoch nie werden. Aber es ist ja auch nicht das Ziel, nie wieder Süßes zu essen, sondern das in einer nicht belastenden Art und Weise zu tun.
Und dann muss man den Mut haben, auf die Suche zu gehen, nach Alternativen. Du wolltest als Kind immer gern eine riesen Modelleisenbahn? Oder Balletttänzerin werden, warst aber viel zu schwer? Dann hab jetzt den Mut, diese alten Träume vom Glück hervorzugraben und zu verwirklichen.
You only live once?
No!
You live every day, you just die once!
Statt euch mit Selbstvorwürfen zu bestrafen, verwöhnt euch. Tut euch was Gutes. Etwas das nichts mit Essen zu tun hat. Das kostet in schwierigen Situationen erstmal unglaublich Überwindung. Aber wenn ihr nichts ändert, ändert ihr nichts. Also ändert etwas und macht etwas Tolles daraus.

Der Kampf gegen Übergewicht ist auch immer ein Kampf gegen all die negativen Gefühle. Viele Dicke glauben, wie ich auch lange, lange Zeit, dass Hass, vor allem gegen sich selbst, ein guter Motor ist. In den letzten Monaten habe ich entdeckt, dass Stolz ein viel besserer ist. Aber das ist mein Weg, vielleicht führt eurer über andere Pfade. Fest steht nur, gehen müsst ihr ihn. Und ihr müsst eure Fesseln lösen.
Vielleicht hilft dieser Artikel dem ein oder anderen von euch.

Und vielleicht hilft es, wenn ich von mir erzähle. Ich habe lange kein wirksames Gegengewicht gefunden, gegen das Bedürfnis, bei Langeweile, Stress und Traurigkeit richtig viel zu essen, mich vollzustopfen, bis ich zu erschöpft war, um noch so viel zu fühlen. Essen erfülle für mich so viele Funktionen, es ist Sorgenpfand, Unterhalter, verantwortlich für meine mentale Stärke (wenn ich was esse, halte ich alles aus, wenn ich was esse, kann ich mich besser konzentrieren), Beschäftigung, soziales Bindeglied (Wer will grillen? :D) und noch sicher einiges Unterbewusstes mehr. Auf Essen zu verzichten heißt also, auf jede Menge Supportfunktionen zu verzichten oder diese anders regeln zu müssen. Negative Gefühle waren mein größter Feind. Und ich versuchte sie mit noch negativeren zu kontrollieren. Ich schürte die Selbstverachtung, ich suhlte mich darin bei jedem Fehltritt, aber ich schaffte es nicht einen einzigen Fehltritt zu umgehen. Inzwischen bringe ich alle die negativen Stimmen in meinem Kopf immer mehr zum Schweigen. Alle die Leute, von denen ich glaube, dass sie mich für faul, fett, dumm und sonstwas halten, höre ich nicht mehr zu, denn sie reden nur in meinem Kopf so mit mir. Stattdessen schau ich auf das, was ich geschafft habe. Ich bin noch meilenweit von meinem Ziel entfernt, werde es vielleicht nie erreichen, aber hinter mir liegt dennoch ein riesiger Berg Arbeit, den ich bereits geschafft habe. Ich bin von meinem früheren Ich vor, sagen wir vier Jahren, so weit entfernt. Ich habe so viel überwunden, meinen Körper und mein Verhalten in so vielen Punkten verändert, wie es manches lässige Großmaul noch nicht einmal in seinem Leben geschafft hat. Und so bin ich selbst mein neuer Maßstab geworden und mittlerweile geh ich meinen Weg, ohne mich von kleinen Widrigkeiten oder Kritiken davon abbringen zu lassen. Und jedes Mal, wenn ich wieder eine meiner Fesseln ablege, bin ich stolzer, aufrechter und hab mehr Power für den nächsten Schritt.
Früher ist meine Power stetig gesunken, heute nimmt sie eher zu. Und ich habe es geschafft, ein Hobby so weit auszubauen, dass es mir zur Leidenschaft geworden ist, die so stark ist, dass sie das „feel-good-Versprechen“ von Süßigkeiten überboten hat. Das war ein langer Weg, eurer mag ganz woanders hin führen, aber auch für euch gibt es etwas, dass irgendwann diese Stelle einnehmen kann. Das muss nicht morgen sein, auch bei mir brauchte es Zeit.
Und wenn mich die Trainer in meinem McFit derzeit häufig mit einem verwunderten: Schon wieder! begrüßen, dann denk ich mir, dass es vielleicht nicht das gesündeste ist, ständig zu trainieren, bis man auf andere Gedanken kommt, aber es ist auf jeden Fall ein besserer Weg, als der alte.

Heute habe ich übrigens festgestellt, dass Ausdauertraining, nur um des kalorienverbrennens Willen, gar keinen Reiz für mich hat. Im Gegenteil, allein die Vorstellung dafür meinen Hintern aufs Rad zu schwingen ist ein echter Abturner. Aber wenn ich diesem lästigen Aspekt noch einen anderen lästigen hinzufüge, wie zum Beispiel Schriften, die ich für die Masterarbeit lesen muss, aber überhaupt nicht lesen will, wenn ich diese beiden unangenehmen Dinge kombiniere, ergibt das die Rechnung: Minus + Minus= Plus. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber so ergibt es ein so gutes Gefühl von „etwas schaffen“, dass ich sogar gern aufs Rad gehe. Ich bin selbst total erstaunt. Aber sowas kann passieren, wenn man sich auf die Suche nach „Gegengewichten“ macht. 😉

Findet eure Gegengewichte und gebt nicht auf. Viel Erfolg allen Abnehmverzweifelten da draußen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s