Nichts ist schlimmer, als Unversehrtheit, die den Menschen allein seiner Angst überlässt.

Ich habe mich monatelang durch sämtliche Jugendliteratur-Regale meiner geliebten Stadtbibliothek gewühlt und ein Buch nach dem anderen genossen. Das Angebot wurde langsam dünn, da nahm ich lauter Bücher für Pubertierende mit. Das ist alles spannend und unterhaltsam. Aber in den letzten drei Wochen hatte ich einfach genug. Genug über Fürze, Verstopfungen, lesbische Freundinnen und all den Kram, der Heranwachsende beschäftigt. Irgendwie brauchte ich mal wieder festes Hirnfutter zum Kauen.
Also ging ich zu meinem überfüllten Bücherregal, da drehte es mir den hässlichen Rücken zu…mein Lieblingsbuch: Juli Zehs „Spieltrieb„. Es sieht so öde aus, abweisend wie die Tür zum Arbeitsamt. Aber beim Lesen erfüllt mich stets ein Giggeln, dass als bösartig schallendes Lachen freigelassen werden will und nur schwer in Zaum gehalten werden kann. Es ist nicht Sarkasmus, was da giggelt, es ist, als ob jemand tief in meine schwarze Seele schaute und dann ein paar dunkle Seiten streicht, die darauf in giggelnde Schwingung geraten. Juli Zeh ist eine literarische Virtuosin, weil ihre Sprache Raum für Zwischentöne lässt, Bilder webt, Unerhörtes benennt und mir einen Hirnfasching der Extraklasse beschert.

Worum gehts?
Jugend ohne Moral. Das gabs schon. Oft sogar.

„Was, wenn die Urenkel der Nihilisten längst ausgezogen wären aus dem staubigen Devotionalienladen, den wir unsere Weltanschauung nennen? Wenn sie die halb leer-geräumten Lagerhallen der Wertigkeiten und Wichtigkeiten des Nützlichen und Notwendigen, Echten und Rechten verlassen hätten, um auf Wildwechseln in den Dschungel zurückzukehren, dorthin, wo wir sie nicht sehen, geschweige denn erreichen können? Was, wenn ihnen Bibel, Grundgesetz und Strafrecht nie mehr gegolten hätten, als Anleitung und Regelbuch zu einem Gesellschaftsspiel?“

Juli Zeh schafft durch die Art der Erzählung eine Vorstellung von warmer Gleichgültigkeit, die mich schaudert und vor Vergnügen klatschen lassen will. Und dazwischen erscheinen Sätze, die in mir ganze Regale von Weltideen füllen und die mich aufschauen lassen (wo ich sonst eher der Buchstabenstaubsauger bin, der erst aufhört, wenn alles eingesaugt ist) und mich nachdenken lassen.

„Wenn das alles ein Spiel ist, sind wir verloren. Wenn nicht – erst recht.“
Juli Zeh-Spieltrieb

Alles schrecklich und verloren? Eine neue Dystopie? Nein. Juli Zeh nimmt eine Protagonistin, die manchmal in sich hineinlauscht, aber immer nur feststellt, dass da kein Gewissen steckt. Da drückt nichts, zieht nichts, bebt nichts…Funkstille der Moral. Sie besitzt einen Verstand wie ein gut geschliffenes Messer und sie ist anders, als all die netten Menschen, die sich Komplimente machen, Smalltalk halten und sich für Weltfrieden interessieren. Sie ist auf sonderbare Art kalt, ohne kaltblütig zu sein. Sie ist schräg, aber nicht wie Patrick Batemann. Erst als sie sich auf ein Spiel mit einem Meisterspieler einlässt, stellt sie fest, dass es tief in ihr ein Bewusstsein für Recht und Unrecht gibt, das jenseits gesellschaftlicher Normen liegt. Aber es existiert und es scheint natürlich gewachsen.

„Ist schon gut, ist gut“, flüsterte er, als ob er sie trösten müsste, dabei sah sie nicht aus wie jemand, der in der Lage ist, Trost zu empfangen.“

Wie sieht jemand aus, der nicht in der Lage ist, Trost zu empfangen? Gibt es das? Jeder möchte doch getröstet werden, oder nicht? Kann sie nun getröstet werden, oder kann sie nicht?
Es sind solche Sätze, die in mir skizzieren. Ideen, Wesen, Welten. Wie ist ein Mensch, der so aussieht, als ob er keinen Trost empfangen könnte? In mir ist da sofort ein Bild. Schultern, die nach vorn gestülpt, jede Berührung abwehren wollen und Arme, die leblos baumeln, weil niemand sie führt. Der Kopf trotzig nach vorn geschoben aber mit unfixiertem, fernen Blick. Ein leeres Gesicht, in dem sich keine Regung spiegelt, das alle außen vor lässt und keinen Kontakt herstellen will. Ein Körper wie ein Schutzkokon, reine Hülle.
Juli Zeh stößt etwas an, dass in mir bunte Blüten treibt und mir das Gefühl des Verstehens gibt, obwohl wahrscheinlich jeder Andere etwas anderes an dieser Stelle liest, als ich.

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