Nicht schon wieder Flut….

Damals an jenem 12. August 2002 war ich schrecklich übermüdet. Ich führte eine Fernbeziehung und mein Freund war nach 4 Wochen endlich heimgereist. In den vier Wochen hatte ich täglich nur drei Stunden geschlafen. Ich saß also nach Feierabend (mittags gegen 12, da ich nachts gearbeitet habe) vorm PC, als meine Schwester anrief. Auf der Straße vorm Haus fließe Wasser, sie brauche Hilfe. Sie klang total hysterisch. ‚Weiber!‘, dachte ich im O-Ton meines Vaters.

Die Unterstadt von Dohna liegt im Müglitztal nicht hoch überm Wasserspiegel. Bei starkem Regen drückt es hier schnell mal das Wasser durch die Gullis hoch. In der Kellerdusche steht daher stets ein Sandsack bereit. Irgendwie hatte ich sowas erwartet. Eine Pfütze im Keller.
Als ich jedoch nach Dohna reinfuhr, kam mir auf der Hauptstraße ein Bächchen fröhlich entgegengeronnen. Oha! Und je weiter ich fuhr, desto breiter wurde es. Von Minute zu Minute wurde es schlimmer. Meine Eltern besitzen eine Bäckerei, die schon bei gutem Betrieb jedes Jahr ums Überleben kämpft. Vor dieser Bäckerei stand ich nun und sah zu, wie sie sich in ein kleines venedisches Häuschen verwandelt.
Wir retteten die Transporter in die Nebenstadt, auf höher gelegenes Terrain und schwupps, schon war von der Straße nichts mehr zu sehen. 10l Quarkeimer wurden zur Hand genommen und dann hieß es zwischen Keller und Ladenfenster zu pendeln und Wasser rauszuschöpfen.

Schildbürgerarbeit…das Wasser stieg schnell, trotz Wassereimerkette. Irgendwann wurde ich stutzig…läuft da ein Strahl Wasser aus den Fugen? Ja! Das Wasser kommt bereits durch die Wand geschossen! Ich ließ die Wasserkette sofort einstellen. Später erfuhr ich, dass andere Häuser eingestürzt waren, weil der Druck von außen auf die Keller zu groß wurde. Wir hatten Glück, durch das Schöpfen stieg der Wasserpegel langsamer und die Öltanks der Heizung wurden angehoben und verkeilten sich, ohne auszulaufen. Im Keller stehen auch die Mehlsilos…stellt euch ölverseuchte Mehlsilos vor, den Gestank hätte man auch nicht mehr wegbekommen. So mussten wir „nur“ den Kleister aus den Mehlsilos schaben.

Als die Wasserkette eingestellt wurde, gab es nichts mehr zu tun. Weg konnte auch keiner mehr. Die Straße war ein reißender Storm. Das sagt man immer so, aber wenn an deinem Haus Autos, Baukontainer und 3m² Straßenbelag vorbeiflitzen, bekommt dieses Idiom eine fassbare Bedeutung. Und laut war das! So stell ich mir die Niagarafälle vor.

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Das war 2002.
Als ich Hochwasser hörte, hab ich ehrlich gesagt innerlich die Ohren verschlossen. Aber gegen das innere Auge, das mir all die Bilder wieder präsentierte, war ich nicht gewappnet. Ist es diesmal das endgültige Aus für meine Familie Zuhause?
Ich konnte nicht anrufen, ich hätte es nicht ertragen. Also schrieb ich eine Mail an meine Nichte.
Nein, in Dohna sei alles gut. Diesmal habe man die Fehler von 2002 vermieden (z.B. kein Wasser aufgestaut, damit es sich gut in den Talsperren baden lässt) und die neuen Dämme und das verbreiterte Flussbett haben noch Kapazität. In Dohna schwimmt nichts.
Einige Filialen schwimmen zwar, aber man wäre frühzeitig gewarnt gewesen, hätte herausgerettet, was sich retten lässt. Die Anwohner haben alle ihre Keller geräumt, ihre Autos weggefahren.

Aber Grimma tut uns alles schrecklich leid. 2002 stand es schon komplett unter Wasser. Seither ist alles liebevoll aufgebaut worden, restauriert, frische Farbe drauf und nun stehen die Anwohner wieder vor dem absoluten Nichts.

Flut ist nicht Flut. Das muss man einfach so sagen.
2002 kamen viele Westdeutsche her, sie wollten Geld geben, aber denen, die es wirklich brauchen. Mein Vater wusste noch nicht, ob er die Bäckerei wieder aufmacht, er war am Ende und schickte die Leute weiter. „Weiter oben haben Leute ihre ganzen Häuser verloren, geht zu denen.“
Ich saß bereits auf gepackten Koffern, ein neuer Lebensabschnitt in Nordrhein Westfalen stand mir bevor, ich machte einen letzten Bummel durch Dresden, das war ca. drei Wochen nach der Flut. An der Kasse im Karstadt höre ich das Gespräch zwischen einer ca. 70 jährigen Kundin und der Verkäuferin mit:
„Hören sie mal, mein ganzer Keller ist nass geworden. Da waren meine Koffer drin! Ich wollte für den Gutschein hier neue!“
In einer Radiosendung ist ein alter Herr am Telefon, der Moderator erklärt ihm gut gelaunt, dass er 500 Euro gewonnen habe, und fragt, was er sich jetzt davon kaufen wolle. „Wissen sie, sagt der Mann zögerlich, meine Frau ist vor zwei Jahren gestorben, die Flut hat mir alle Fotos und alle Erinnerungsstücke an sie genommen, als sie meine Wohnung komplett zerstörte. Das kann man nicht kaufen.“

Flut ist nicht Flut. Manche bekommen nasse Füße und müssen mal den Keller wischen. Andere verlieren alles! Und so gibt es auch nach der Flut Gierlappen, die sich selbst bereichern wollen und Leute, die vorm Nichts stehen und die Hoffnung verlieren.

Nachtrag:
Ein sehr schöner Artikel in der Zeit.http://www.zeit.de/2013/24/sachsen-flut-bezwingen
Ja, es herrscht wieder Katastrophenzeit im Osten. Aber wir sind nicht mehr so ungläubig und wehrlos wie 2002. Ich verfolge auf Facebook die Gemeinschaftsseite Hochwasser Sachsen Es ist der Wahnsinn was hier zusammen angepackt und mitgemacht wird. Um jeden Zentimeter wird gekämpft. Firmen spenden, was das Zeug hält, um die Helfer bei Kräften zu halten. Ob Sonnencreme, Mützen oder belegte Brote. Sandsackbefüllorte und Sandsackgesuche werden ständig aktualisiert, es werden Shuttleservices eingerichtet, um die freiwilligen Helfer dorthin zu bringen, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Es ist schrecklich, was hier passiert und doch gibt es in all dem Untergang so viel Neuanfang und Zusammenhalt zu sehen. So viel Tatkraft, die sich den Gewalten entgegenstemmt.
Erinnerungen kommen hoch, wie wir ganzen Angestellten im Hof stehen und all das schlammverkrustete Zeug abspülen. Es scheint unendlich viel zu sein. Ein Schlauchboot treibt vorbei und alle singen plötzlich: „Er hat ein knall-rotes Gummiboot…“ Mein Bruder sammelt Wackersteine, die angespült wurden und baut damit einen winzigen Damm vorm Hof, damit nichts mehr reinläuft. „Wir bauen die Mauer wieder auf!“, sagt er und alle lachen. Ein blöder Witz jagt den nächsten und wir machen weiter, obwohl wir nicht wissen, was morgen ist, ob das überhaupt einen Sinn hat.
Mein Vater wollte damals die Bäckerei nicht wieder aufmachen. Wir hatten Versicherungen gegen alles, aber nicht gegen höhere Gewalt. Viele Filialen waren abgesoffen, die Einrichtung hinüber. Eine Filiale sollte am Tag nach der Flut eröffnet werden, alles frisch eingerichtet und nun schon Sperrmüll.
Aber die meisten Angestellten waren da, halfen ohne gerufen worden zu sein, ohne zu wissen, ob sie bezahlt werden. Ich glaube ohne die kollektive Power, die Hoffnung in sich trug und sich nicht entmutigen ließ, wäre die Bäckerei nie wieder eröffnet worden.
Katastrophen sind furchtbar, aber man spürt in ihnen auch, dass wir alle Menschen sind, zerbrechlich, manchmal ohnmächtig, aber Menschen mit Herz und Verstand.

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