Warum ich nicht auf Demos gehe…


Auf Fratzenbuch steht unter diesem Bild: Was habt ihr getan, als der Überwachungsstaat gebaut wurde?

Eine fiese Frage, denn natürlich hatten wir keine Ahnung und selbst wer Ahnung hatte, wusste nicht so recht, was er tun soll. Ich hatte Ahnung und mein erster Gedanke war: Ich geh auf eine Demo.
Ich war nie da.
Und ich hatte deswegen ein schlechtes Gewissen.
Und ich stellte fest, dass mich keine zehn Pferde mehr auf eine Demo kriegen würden.
Deswegen hatte ich ein noch schlechteres Gewissen.
Aber warum will ich eigentlich auf keine Demo? Das habe ich mich selber gefragt.

Also ging ich gedanklich zurück an die erste und letzte freiwillige Demo (1. Mai-Demo zu DDR-Zeiten zählen nicht, da musste ich ja!). Also, meine erste und letzte freiwillige Demo fand in Düsseldorf statt und war gegen die Einführung der Studiengebühren.
Ich war da, weil ich deswegen nicht zum Kolleg musste. Lieber mal kurz für eine gute Sache politisch aktiv werden, als zum Matheunterricht. Und so landete ich schließlich in einer Meute Demonstranten. Es wurde Trillerpfeifen und Transparente ausgeteilt, die irgendjemand schon mit lahmen Sprüchen bekritzelt hatte. Und schon ging es los. Die Trillerpfeifen trillerten, erste Parolen gingen rum, es wurde gegrölt, Bierflaschen zerschellten und das Niveau der Gesänge ergänzten das ganze zur Stadionatmosphäre.
Und ich fühlte mich wie im falschen Film.
Was hatte ich mit diesem Mob gemeinsam? Soll ich jetzt etwa auch so tolle Parolen wie „Bildung statt Hartz IV“ rufen und dabei den vorgegebenen Weg latschen und in meine Trillerpfeife trillern?
Hatte ich das Gefühl an diesem Tag etwas Wesentliches verändert zu haben?
Hatte ich wenigstens das Gefühl etwas zu einer Veränderung beigetragen zu haben?
Nein und nein, ich fühlte mich wie ein Lemming unter Leuten, die einfach mal wieder auf die Kacke hauen wollten. Das Niveau der Argumente war unter aller Sau und lief nach dem Schema „Alles für alle, und zwar umsonst.“.

Fazit:
Ich stellte fest, dass ich ein Individuum bin und auch als Individuum meine Interessen und Ansichten vertreten will.
Ich finde pöbelnde Horden sind kein zeitgerechter Ausdruck von politischer Aktivität.
Unsere Gesellschaft ist so ausdifferenziert, dass es schwer ist, Hundertausende zu vereinen. Und selbst wenn das gelingt, bleibt der schale Beigeschmack, dass es in Regierungskreisen keinen interessiert.
Und ich finde, dass stundenlang rumlaufen oder rumstehen nur vergeudete Zeit ist.

Und nun, Hände in den Schoß?
Natürlich nicht. Es gibt modernere Varianten aktiv am politischen Leben teilzunehmen und sich einzubringen.

  • Die Digitale Gesellschaft zum Beispiel organisiert häufig Aktionen, bei denen man einzelne Politiker oder Parteien per Email anschreibt, um ihnen persönlich die Meinung zu einem Thema zu schreiben. So kann jeder selbst formulieren ,was ihn stört und es geht nicht gleich um die Umstürzung des Systems, sondern konkrete empörende Themen. Individualisiert und gezielt.
  • E-Petitionen gibt es viele. Hier zum Beispiel direkt vom Bundestag, es gibt aber auch viele andere Organisationen, die sowas ins Leben rufen.
  • Darüber reden und schreiben. Zum Beispiel einen Artikel für Anonymous. Wozu werden wir denn ausgespäht? Weshalb gilt Deutschland als Partner dritter Wahl? Weil wir frei reden und denken. Und wenn es schon so ist, dann können die Überwacher ruhig wissen, wie scheiße man es findet, dass z.B. Snowden kein Asyl bekommt und um sein Leben fürchten muss, weil er etwas für unser aller Freiheit getan hat.  Und nicht nur die Überwacher, ich denke, dass Politik so uninteressant geworden ist, weil sie viel zu ausdifferenziert ist und das Gefühl entstehen lässt, man sei nur ein kleines Licht ohne Einfluss und die Themenbreite ist so groß, dass ich eigentlich keinen blassen Schimmer von der aktuellen Politik habe. Dabei muss es gar nicht sein, dass ich auf allen Gebieten selbst Fachmann werde. Und andersherum gedacht sollte mein Brennen für einige Themen nicht durch die Aussicht auf das ganze Spektrum politischer Probleme erlischen.
  • Geht kreativ damit um. Picdumps zum Beispiel zeigen immer wieder, wie gut politische Witze ankommen. Allein der Neuland-Picdump ist einfach herrlich. Und worüber alle lachen können, das ist auch in aller Munde.

Und natürlich die Piraten wählen! 😉

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4 Kommentare zu “Warum ich nicht auf Demos gehe…

  1. Hallo! Sie haben einen netten und interessanten Blog – aber:
    „…wie scheiße man es findet, dass z.B. Snowden kein Asyl bekommt und um sein Leben fürchten muss, weil er etwas für unser aller Freiheit getan hat…“ Diese Meinung fuehrt SIe stracks in das populaere Feld der Lemmige.
    Sie geben den Eindruck intelligenter zu sein, als sich durch den Buh-Rufer Poebel verdummen zu lassen!
    Gruesse

    • Ich gebe mich längst nicht mehr der Illusion hin, auf der Suche nach dem Heiligen Gral der Wahrheit zu sein. Genau das lähmt uns doch so. Wenn wir immer noch mehr Skandale entdecken und ständig unsere Meinung wieder ändern müssen, das lässt am Ende nichts als den Geschmack der Ahnung zurück, dass Wahrheit wie ein Blick durch ein Prisma ist, die alles in Facetten aufspaltet, ohne das man sagen könnte nur dies sei die Wahrheit oder nur jenes.

      Wenn sie zum Beispiel sagen, Snowden ist nicht der durch und durch edelmütige Ritter, als der er in den deutschen Medien dargestellt wird, dann kann ich das durchaus annehmen, ich könnte aber auch sagen, dass sie auf die amerikanische Meinungsmache hereinfallen und denen nach dem Mund plappern. Ich finde Snowden gehört Asyl angeboten, schon weil das, was er getan hat, eine Aktion ist, die politisches Asyl rechtfertigt.

  2. Hallo! Danke fuer Ihre Antwort. Das ist eine respektable Einstellung. (Wahrheit ist ein wertvolles Gut – vielleicht sollte man sie erstmal nicht zu sehr relativieren. 1+1=2. Wenn man die Wahrheit nicht sieht, bedeutet es nicht, das sie es nicht gibt – sonst bewegt man sich auf ethisch duennem Eis).
    Was Snowden anbelangt sehe ich es als typische Massenhysterie geschuehrt von den Medien. Vielleicht interessiert Sie die post in meinem Blog „HELD ODER HANSWURST“. Es beschreibt auch meine Einstellung. Dabei repektiere ich alle anderen.
    Gruesser

  3. „Und selbst wenn das gelingt, bleibt der schale Beigeschmack, dass es in Regierungskreisen keinen interessiert.“ – Wie wahr. Ich persönlich bin schon lange nicht mehr der Illusion erlegen, dass die dort irgendwas interessiert, was nicht den eigenen Interessen dient. Ich engagiere mich gern für Dinge, aber nicht auf Demos. Davon halte ich auch nicht viel.

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