Verführt…

Kaum habe ich in der überfüllten Straßenbahn einen Platz ergattert, halt ich es schon in den Händen. Die Zeit steht still, alles um mich rum verschwindet und plötzlich stell ich erschrocken fest, dass ich wieder zu weit gefahren bin. In diesem Zustand ist klar, ich habe wieder einen echten Knaller gefunden.,
Dabei war ichs gar nicht! Mein Sommerfreund, der sich dauernd beschwert, ob es denn nicht reicht, wenn ich Bücher einmal läse, ob ich sie unbedingt kaufen müsse, DIESER Sommerfreund entdeckte das neueste Buch von Tanja Kinkel im Rewe für unter 10 Euro. Und winkte auf meinen glasigen Blick hin nur lappidar mit der Hand: „Nimm’s mit.“

Ei, wer will da widersprechen? ^^

„Verführung“ erzählt von einem jungen Mädchen, dass den Kastraten Appianino kennenlernt und sich schrecklich in ihn verliebt. Seine Stimme öffnet ihr Türen zu einer fremden, träumerischen Welt, in der sie ihre Zeit viel lieber verbringt als mit der Mutter, die sie verheiraten will oder zum Pfandleiher schickt um heimlich den halben Hausrat zu versetzen, damit keiner merkt, dass die Witwe eines Professors ohne diesen langsam verarmt. Bei Appianino ist sie glücklich und sein Leben findet sie aufregend, also nimmt sie eines Tages all ihren Mut zusammen, geht zu ihm und bittet ihn, ihr das Singen beizubringen.
Dafür erntet sie zunächst nur Spott und Hohn, aber sie wirf all ihre Sehnsucht in einen Topf und singt. Einen einzigen Ton nur, den sie aber möglichst lange und konstant hält. Das überrascht Appianino und so beginnt eine innige Beziehung zwischen den beiden und eine große Liebe.
Doch die Heiratspläne ihrer Mutter drohen alles zu zerstören. Also flieht das Mädchen mit Appianinos Hilfe. Verkleidet als Kastrat beginnt sie ein neues Leben mit einer Gesangsausbildung.
Jahre später lernt das Kastratenmädchen Giacomo Casanova kennen, der ihre Fassade sofort durchschaut und nicht eine Minute glaubt, dass sie ein Junge ist. Doch das Spiel mit der Verführung versteht Bellino, der Kastrat, ebenso. Sie hat sich in den Kopf gesetzt den homophoben Casanova als Mann in sich verliebt zu machen. Ein großes Spiel beginnt.

Geschickt verwebt Tanja Kinkel auch hier wieder historische Fakten und Hintergründe mit einer interessanten Geschichte. Das Grundgerüst ist faktual, Casanova erwähnt in seinen Aufzeichnungen eine Beziehung zu einem Mädchen, dass sich erst nach vielen Jahren der Forschung als Angiola Calori entpuppt. Wie in so manchem anderen Roman von Tanja Kinkel begeistern mich auch hier wieder die doppelbödigen Dialoge, die mit scheinbar Belanglosen Erzählungen abgrundtiefe Drohungen, erotische Komplimente, geheime Verschwörungstheorien und ähnliches transportieren, dabei den Leser aber immer soweit einweihen, dass er dies verstehen kann. Erotik, Verführung und deren ethische Grenzen werden auch wieder beleuchtet, wie das bereits bei „Das Spiel der Nachtigall“ der Fall war. Manche Gedanken aus jenem Roman findet man in „Verführung“ wieder, was aber nicht stört, sondern die Welt nur konsistenter macht.
Mich hat das Buch soweit gebracht, dass ich, obwohl ich klassische Musik nur ohne Gesang mag, stundenlang männlichen und weiblichen Sopranen lauschte und Zugang zu einem neuen Stück Welt erhielt. 🙂


Aber eigentlich habe ich Verführung nur zur Hand genommen, weil ich den richtigen Folgeband einer sehr schönen Buchreihe nicht gefunden habe. Lemony Snickets „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“ ist die Buchreihe Kinderliteratur, die ich derzeit lese, obwohl ich eigentlich momentan total übersättigt bin von Kinderliteratur. Und ich kann nicht aufhören zu lesen. Vielleicht kommt euch „Lemony Snicket“ bekannt vor, was daran liegt, dass die ersten Bände vor ein paar Jahren verfilmt wurden.
Die Geschichte ist relativ einfach: Drei Geschwister, Violet, Klaus und Sunny Baudelaire, verlieren durch einen Brand ihr Zuhause und ihre Eltern. Sobald Violet erwachsen ist, wird sie das Vermögen ihrer Eltern erben, bis dahin aber werden die drei Waisen zu Vormündern geschickt. Der erste Vormund stellt sich als der raffgierige und kaltblütige Graf Olaf vor, der durch einen Trick Violet heiraten will, um so schon vorzeitig an das Vermögen zu kommen, um sich anschließend der lästigen Kinder zu entledigen. Der Plan scheitert nur knapp am Einfallsreichtum der drei Waisen, die ihre Talente vereinen, um den Rest der Welt von Graf Olafs schlimmen Plänen zu überzeugen. Violet ist die Erfinderin, die sich auf technische Erfindungen versteht, Klaus ist der Wissenschaftler mit dem Wissen aus vielen, vielen schwer verständlichen Büchern und Sunny hat mit ihren vier Jahren messerscharfe Zähne, die fast alles zerkleinern können.

Von Band zu Band werden die Baudelaires nun zu unterschiedlichen Vormündern abgeschoben, die entweder sterben oder die Kinder nach einer Begegnung mit Graf Olaf nicht mehr haben wollen. Stets wissen die Baudelaires als erste, in welcher Verkleidung Graf Olaf wieder steckt und sie versuchen ihre Angehörigen zu überzeugen, jedoch immer ohne Erfolg. So bleibt ihnen nur, sich auf einander zu verlassen und ihre Talente gut einzusetzen. Die Vormünder hingegen haben immer irgendeinen Spleen, wodurch sie normalerweise absolut ungeeignet sind, um Kinder zu erziehen, was es den drei Geschwistern meistens noch schwerer macht, sich irgendwo heimisch zu fühlen.
Durch die unglücklichen Umstände fiebert man stets neu mit, hält Ausschau nach Graf Olaf und fragt sich zusammen mit den Baudelaires, was diesmal wieder sein Plan ist. Durch den Spleen der Vormünder kommt man auch als Erwachsener auf seinen Genuss, erkennt man viele Spleens doch wieder. So wie beispielsweise bei Tante Josephine, die in einem Haus über einem hohen Abhang lebt, dass nur durch ein paar Bretter gestützt wird. Diese Tante hat Angst, nicht vor der Lage ihres Hauses, sondern vorm Herd, der Heizung, Türknäufen und Immmobilienmaklern. Lemony Snicket kommentiert dazu: Es gibt rationale Ängste und es gibt irrationale Ängste. Anschließend werden die Begriffe für Kinder erklärt.
Wunderbar Lektüre und ein ganz heißer Tipp. 😉

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