Ich hab nichts gesehen…

„Also hier siehts ja toll aus, aber ich muss mich trotzdem beschweren, ich habe kein Tier gesehen. Im Fernsehen wirkte das ganz anders. Ich bin ziemlich enttäuscht.“
Ratlos sehe ich die Frau an. Sie ist kein Einzelfall. Täglich gibt es diese Besucher, die 17 Euro Eintritt zahlen, um exotische Tiere zu bestaunen und dann enttäuscht sind.

Eine zynische Stimme in mir denkt: Dann geh doch in die alten Zoos. Dort, wo die psychisch zerrütteten Tiere vor Scheiben in winzigen Käfigen auf und ab gehen.
Aber das ist ungerecht.
Wenn ich Urlaub genommen hätte, durch halb Deutschland gefahren wäre und 17 Euro Eintritt gezahlt hätte, um alles zu sehen, was mir das Fernsehen versprochen hat, dann wäre ich auch enttäuscht, wenn bei meinem Zoo-Marathon jedes fünfte Gehege scheinbar verwaist ist.
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Nein, das Problem sind die Erwartungen.
Die meisten Besucher wollen nur einen schönen Tag erleben. Also kommen sie mit offenen Augen und nehmen mit, was sie finden. Diese Besucher erfreuen sich an jedem entdeckten Tier, an den exotischen Pflanzen, daran, wie lustig oder niedlich sich manche Tiere gebärden. Sie haben Spaß am Entdecken und so gehen sie am Ende des Tages zufrieden und beglückt nach Hause.

Aber manche Besucher erwarten etwas anderes. Sie wollen viele Tiere sehen, möglichst alle. Also rennen sie mit einem mentalen Terminkalender von Gehege zu Gehege, lesen, was auf den Schildern steht und nehmen sich ca. 1,3 Minuten Zeit, um das genannte Tier zu suchen. Dann kribbeln die Füße, man muss noch so viel schaffen. Schnell weiter. Dann verpasst man noch eine Fütterung und das Elefantenbaden war vor zehn Minuten. Man will Freunden und Bekannten doch erzählen, dass man den Leipziger Zoo aus dem Fernsehen selbst gesehen hat. Also den ganzen Zoo mit jedem Tier darin.
Und mit jedem leeren Gehege, in dem das Erwartete nicht gefunden wird, werden diese Besucher frustrierter.
Am Ende des Tages schmerzen die Füße, der Kopf schwirrt, man ist durstig und frustriert. Der Zoo war nicht so, wie erwartet.

Unsere Erwartungen lassen uns unterschiedlich wahrnehmen, was wir erleben. Hohe Erwartungen können eigentlich nur enttäuscht werden. Moderne Zoos laden zum Verweilen und Beobachten ein.
Jedes Gehege bietet den Tieren die Möglichkeit zum Rückzug. Das hat den Nachteil, dass man manche Tiere nicht sieht. Aber es hat auch den Vorteil, dass die Tiere, die man entdeckt in ihren natürlichen und sozialen Verhaltensweisen zu beobachten sind.
Statt „Ich hab den Tiger gesehen“ kann man erzählen, wie es war, ihn zum Beispiel beim Spielen oder Schwimmen zu beobachten, oder wie er seine Artgenossen putzt. Statt hektischer Rennerei laden moderne Zoos ein, all den Stress zu vergessen und auszusteigen aus dem mentalen Terminkalender. Man tut sich selbst einen Gefallen, wenn man genießt, was man entdeckt und aufhört, zu rennen.

Wer entdeckt ihn?
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Ihn hab ich im Affengehege entdeckt, die Affen waren ausgeflogen.
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4 Kommentare zu “Ich hab nichts gesehen…

  1. Beobachte ich auch sehr oft, gehe doch gelegentlich in Zoo’s, da ich Kinder habe. Ich selbst gehöre zu den Personen, die fast alles entdecken, da ich einerseits hervorragende Augen habe und andererseits sehr geduldig und aufmerksam Gehege absuche, statt nach ein paar flüchtigen Blicken entnervt zum nächsten zu laufen. Erlebe es sehr oft, dass sich neben mich Leute stellen, kurz schauen wo was ist, nix entdecken und weiterziehen. Oftmals mit einem genervten Spruch … „Da ist ja nichts zu sehen.“ Ich finde es viel schlimmer, dass viele Gehege selbst heute in modernsierten Zoos noch immer sehr knapp bemessen sind. Ich komme nie umhin, dass mir die Tiere in Zoos doch irgendwie leidtun.

    Was auch öfter zur Diskussion wird ist die Kamera, ohne die ich niemals einen Zoo aufsuchen würde. 😀 Ich verweile nicht selten lange an einem Gehege … mitunter sehr zum Leidewesen meiner Familie. 😉

    • Ja, das Mitgefühl für die Tiere habe ich auch. Ein Leopard wird im Zoo nie seine möglichen 60km/h laufen, weil kein Gehege groß genug dafür ist. Aber ich denke, dass Zoos dennoch viel zum Tierschutz beitragen, es gibt Auswilderungsprogramme und manche Arten gibt es sogar nur noch in Zoos. Oft erlebe ich auch, wie Gäste durch den Zoo für das Thema wieder neu sensibilisiert werden, nachdem hunderte von Fernsehdokus sie schon abstumpfen ließen. Im Zoo ist man den Tieren eben doch näher. Wenn mir so ein Silberrücken mit seinen tiefen Augen ins Gesicht schaut, dann wird einem doch ganz anders, als wenn man das im Fernsehen sieht.
      Ich hoffe immer, dass Zoos wie unserer hier Schule machen und sich die Situationen auch in anderen Zoos damit verbessern.

    • In MMOs empfinde ich das „Besucherverhalten“ übrigends oft ähnlich. Es gibt die „Runner“ die nur schnell das nächste Level erreichen wollen und die schnell gestresst sind, wenn irgendwas bugt. Und es gibt Leute, die die Umgebung wahrnehmen, über lustige NPC-Dialoge lachen oder Screenshots von schönen Szenerien schießen.^^

      • Oh ja. Ich spiele ja eher wenige MMO´s. Es nervt mich aber, wenn jemand nach 14 Tagen meint er habe alles gesehen, sei dann eben wieder weg. Finde ich keinen Verlust. 😉

        Naja, aktuell gibt es für mich nur Guild Wars 2. Ich habe aktuell etwa 1.700 Screens vom Spiel auf meiner Festplatte rumliegen. 😀 Und immer brav alle Briefe von den Herz-Quests gelesen.

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