Was ist Heimweh?

Am Wochenende saß ich im Zug Richtung Heimat, meine Eltern sind weggezogen und so fahre ich am Heimatdorf vorbei. Wie immer spüre ich, wie es in der Nähe ein wenig enger um die Brust wird und wie befreiend es wirkt einfach daran vorbei zu fahren.

Warum ist das noch immer so? Jeder erlebt in seiner Kindheit Brüche, aber ich bin eigentlich mit so viel schönen Erinnerungen gesegnet, dass ich mich frage, weshalb dennoch für mich immer der Schatten über dem Ort liegt.

Ich komme aus einem Tal, dahinter ragen steile Talwände auf und auf dem Berg sind Plantagen, Kirchbäume, Apfelbäume, alle festgezurrt in Reih und Glied. Beim Vorbeifahren erlebe ich einem Moment der Erinnerung…ich bin vielleicht sieben und betrachte den Sonnenuntergang. Was macht die Sonne da hinterm Berg? Gibt es da eine andere Welt? Meine Schwestern erzählen mir von den Riesen, die da leben und zeigen auf einen umgestürzten Baum. Ich glaube ihnen..dort hinterm Berg leben Riesen. Ich hatte auch aufgeschnappt, dass wieder ein Wildschwein von den Hängen herunter und durchs Dorf gelaufen sei. Gefährlich sei das, beim Nachbarn hätten die den ganzen Gartenzaun demoliert. In meiner Welt waren Wildschweine so hoch wie ausgewachsene Menschen und kommen von Land hinterm Berg. Ich hörte Tauben gurren und hielt sie für Eulen. Ich hatte nie eine Eule außerhalb des Fernsehens gesehen, klar, ich war ja auch noch nicht im Land hinterm Berg gewesen.

Die Welt war mit schauderhaft,  verwunschen und weit. Unvorstellbar weit.

Ich erinnere mich an Spaziergänge als Teenager, geplagt von widerstrebenden Gefühlen lief ich stundenlang gen Horizont, einfach weiterlaufen, bis der Dunst in den Gedanken sich langsam aufklärt. Damals bin ich oft über den Berg gelaufen. Was einst endlos und mystisch wirkte, wurde erst von Landmarken und dann einer Autobahn durchschnitten. Und ich wusste, wenn du dort den Weg nimmst, landest du in Dresden. Die Welt schrumpfte zusammen und in meinem Wettrennen vor mir selbst landete ich häufig wieder vorm eigenen Hoftor, ohne dass der Dunst genug Zeit gehabt hätte, sich zu klären. Die Welt war zu übersichtlich geworden, um sich in einem Spaziergang darin zu verlieren. Alles wurde mir zu klein, zu vertraut, zu begreifbar. Ich fühlte mich eingesperrt in einer Welt, die so überschaubar war, dass mein chaotisches Gefühlsleben schlicht keinen Platz darin fand.

Und wie wir an dem Dorf vorbeigefahren sind, schlag ich mein Buch auf und bin wieder unter Riesen.

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