Kein Stress…

Endlich war es soweit! Boote schubsen stand auf Arbeit an. Nach den bewegungsarmen letzten Wochen freute ich mich richtig darauf, wieder Vollgas zu geben und mich mal so richtig zu verausgaben.
Wenn das Herz pumpt, der Rücken knirscht und der Schweiß läuft, fühl ich mich einfach richtig lebendig und bin rundherum gut gelaunt. Da kommt mir ein Scherz nach dem anderen über die Lippen, bis alle Kollegen von meinem Übermut angesteckt worden sind.
Und dann war auch noch der Lieblingskollege da, was kann da schon schiefgehen?

Doch dann macht der Lieblingskollege Mittagspause und ich bin für eine Stunde allein mit Fritz Castaneda (Name selbstverfreilich geändert). Gemütlich kommt er angeschlurft, gibt mir die Hand, obwohl wir uns vorher schon begrüßt haben. Ich pack wieder ans Boot und zieh. Und nichts passiert…ich guck nach hinten, Fritz steht aufrecht neben dem Boot, eine Hand am Pfosten, relaxt.
„Wir haben Zeit, kein Stress.“, sagt er. Das Boot fängt über die Linie, an der alle rausschieben, ich zieh. „Keinen Stress“, kommt es von hinten…
Fritz wartet anscheinend immer, bis das grüne Licht leuchtet.
Gut, warte ich auch aufs Licht.
Und da leuchtet das Licht und ich ZIEH und hab das Gefühl, als versuche ich Berge zu versetzen.
Da wurde es schon langsam nervig.
„Warte noch, das Boot davor war voll, das schwimmt langsamer, deswegen schieben wir das später raus, wusstest du das nicht?“
Hmpf…doch, aber dann zähl ich bis zwei und schubse und warte nicht bis drei Minuten rum sind!!!
Mein Puls steigt, meine Wangen werden rot.

Ich versuche Fritz zu erklären, dass das hier mein Ausdauer-Fitness-Programm ist und ich es furchtbar langweilig finde, wenn ich alles nur halb so langsam machen muss, wie sonst, dass mir jede Minute dann wie Stunden vorkommt und die Warterei mich nervt und ich müde werde.
Aber Fritz sieht das anders, gibt mir die Schuld für zu langsam ankommende Boote und hält die Boote immer ca. fünf Sekunden länger fest. Er hält sie fest, sodass die Arbeit für mich nicht nur doppelt so schwer ist, weil er nie mitschiebt, nein, sie wird viermal so schwer, weil er das Boot auch noch festhalten muss.
Den ganzen Quatsch begründet er damit, dass er Stress nicht mag.
UND MIR SCHWILLT DIE HALSCHLAGADER!
Da krisch ich Stress!

Und ich geh zu meinen Kollegen, seh mir bettelnden Augen in die ihren und frage: Willst du mit Fritz schieben? Ein breites Grinsen scheint mir entgegen, schön und gehässig wie ein Atompilz. Ich bin wohl nicht die einzige, die Probleme mit Fritzens Arbeitsweise hat.

Und nochmal versuch ichs mit Argumenten. Ich habe ja totales Verständnis, wenn nicht jeder aus seiner Arbeit ein Fitnessprogramm machen will oder wenn er nicht genug Kraft hat oder sich schlapp fühlt. Aber etwas um jeden Preis vermeiden zu wollen kann genauso stressig sein, wie etwas unbedingt und um jeden Preis haben zu wollen.
Und bei jedem blöden Boot spüre ich für anstrengende Sekunden diesen Widerstand, der sich mir entgegenstemmt und mich meiner Kraft beraubt.

Und dann gibt etwas in mir nach.

Und ich denke: Arschloch, das Spiel können zwei spielen. Und leg meine Patschehand lose aufs Dach, rede herzlich mit den Leuten und lass Fritz alles alleine machen. Er bestimmt das Tempo, mittlerweile stauen sich die Boote hinter uns. Er bestimmt wann er rausschiebt, wann er vor und zurück läuft und ich lass ihn ganz allein machen, mein Hand nur lose am Boot.

Und dann kommt er an, was ich denn für Sport mache…Smalltalk. Die Kollegen feixen sich eins, wenn ich ihnen entgegengrinse, als wolle ich nach ihnen schnappen.
Eine Stunde, denk ich, schwatz mit den Gästen und würge Fritzens Smalltalk schnell ab.
Dann ist die Stunde endlich um und Fritz schaut mir in die Augen, gibt mir die Hand und sagt: Wir sehen uns wieder.

Und wie das erste Boot wasserpflügend in Richtung Tunnel davon gleitet, hör ich die Kollegen von hinten grinsend rufen: Da kann sie wieder lachen!

Stress ist eben für jeden was anderes…

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2 Kommentare zu “Kein Stress…

  1. Die Bootstour hatten wir auch gemacht, ich fand die cool 😀 Lustig von Deiner Arbeit zu lesen. Ich kann Dich aber verstehen, der Typ wäre mir auch auf die Nerven gefallen. Das hast Du aber gut gelöst 🙂

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