Wochenende der Campions

Dieses Wochenende ist es soweit: die Mr. Olympia-Wahl steht an.
Der Wettkampf aller Bodybuilding-Wettkämpfe. Nur die allerallergrößten und besten treten auf diese Bühne. Wer auf diesen Brettern läuft, hat Jahre an Wettkämpfen hinter sich und das normalmenschliche weit hinter sich gelassen.

Mein Freund und ich schälen uns seit Jahren nachts um 4:00 aus den Kissen, um die Wahl per Livestream zu verfolgen. Im ersten Jahr hatten wir noch einen Kumpel hier, im zweiten Jahr haben wir mit anderen Studiobekannten gekocht und Munchkin gezockt. In einem anderen Jahr klingelte gegen 5 Uhr plötzlich das Telefon und ein paar Freunde riefen an, sie wären noch wach, sturzbetrunken und würden mitschauen. Von all den Freunden interessiert sich inzwischen keiner mehr für Bodybuilding, die Freakshow hat ihren Reiz verloren.
Aber nicht für mich, mir schürt dieser Wettkampf jedes Jahr aufs Neue die Glut. Da schaff ich es sogar mal wieder Kalorien zu zählen!
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Für die einen ist es eine Freakshow, aber ich kann immer wieder nur staunen, wie krass man seinen Körper entwickeln kann. Anfangs fiel es mir ja häufig schwer, zu begreifen, wie so ein Muskel arbeitet. Aber man muss sich nur diese „Mutanten“ beim Training anschauen und kann es einfach sehen. Jeder Muskel ist riesig, prall, man erkennt Sehnen, Ansätze, Struktur pur.
Noch immer glauben viele, man müsste sich nur irgendwelche Mittel spritzen und könne dann so aussehen. Wer sowas sagt, hat nichts von diesem Sport begriffen, der tatsächlich anfangs schwer zu begreifen ist.

Bodybuilding ist mehr als ein Sport und weniger. Mehr als ein Sport meint, dass Training nur ein Teil des Ganzen ist. Um im Wettkampf andere zu schlagen, reicht Training nicht aus, man muss auf eine sehr strenge Ernährung achten, Mahlzeiten werden pünktlich zu bestimmten Uhrzeiten eingenommen und bestehen aus genau geplanten Lebensmitteln. Zwischen Training, Ausdauersport und Mahlzeiten muss es auch Ruhezeiten geben…das ist Clockwork, wie der Engländer sagt, leben ach der Uhr. Der ganze Tag ist durchgeplant. Das Leben ein Stundenplan.
Bodybuilding ist weniger als ein Sport, damit will ich sagen, dass das Ziel kein Wettkampf im sportlichen Sinne ist, sondern eine Bühnenshow. Oft werden Bodybuilder pampig gefragt, was sie denn so drücken oder kreuzheben oder kniebeugen. Das ist, als ob man so ein Magermodel vom Laufsteg fragt, wie schnell sie denn auf 100m sprinte. Das Ziel im Bodybuilding ist ein ästhetisches, kein sportliches. Darin gleicht es eher einer Kunstausstellung. Das zu begreifen, fällt vielen schwer. Muskelmasse reicht nicht, es geht um Styling (zB bei der aufgetragenen Hautfarbe), das Posing ist ganz elementar, um Muskelhärte, Proportionen, Symmetrie, um Entwicklung im Vergleich zum Vorjahr und Entwässerung. Wer auf der Bühne steht, bringt seinen Körper ans Limit. Nicht nur der Fettgehalt wird extrem minimiert, auch der Wasserhaushalt wird extrem beeinflusst. Man will das Wasser aus der Haut haben, aber im Muskel soll eine optimale Menge verbleiben, sodass die Muskulatur gleichzeitig trocken-sehnig sichtbar, aber auch voll und aufgepumpt wirkt. Schon deswegen sind solche Wettkämpfe eine Grenzerfahrung, ein Extrem.

Gestern war bereits die Pressekonferenz. Für mich persönlich ein albernes Theater, bei welchem die Athleten gegeneinander aufgestachelt werden. Die dämliche Frage, ob man glaubt diesen oder jenen schlagen zu können, soll die Spannung steigern, ich finde es einfach albern. Man darf ja gar nicht „Nein.“ sagen, man muss sich kampfeslustig, selbstbewusst und siegesgewiss zeigen. Das erinnert zu sehr an die amerikanischen Soaps mit den eingespielten Lachern…alles Affekthascherei. Ich weiß gar nicht, wer letztes Jahr meinte, sein stärkster Gegner wäre immer er selbst und dass es darum ginge, sich selbst jedes Mal aufs Neue zu schlagen. Vielleicht Evan Centopani? Ich fand die Antwort jedenfalls richtig gut, die Moderatoren und der größte Teil des Publikums sah das anders.

Kai Greene, Foto von seiner fb-fanpage


Auch gestern gab es so peinliche Provokationen und Seitenhiebe auf Ereignisse aus der Vergangenheit von Kai Greene, die einfach respektlos und unter der Gürtellinie sind. Das war kein Showbiz, das war schon fast psychische Manipulation. Das ist wahrscheinlich der Nachteil daran, dass Bodybuilding immer mehr in den Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit gerät. Da glauben mache gleich wieder eine Dailysoap draus machen zu müssen, weil es sonst zu uninteressant sein könnte.

Für diese und nächste Nacht wünsche ich mir deshalb einen schönen, fairen Wettkampf, in dem keine Platzierungen vergeben werden, die sich jemand erkauft oder erschlichen hat. Das mag ein Wunschtraum sein, aber man darf ja noch träumen. 😉 So oder so, bin ich gespannt darauf, die Athleten zu sehen.

Big Ramy

Big Ramy wird eine große Überraschung sein, weil er dieses Jahr quasi die Überraschung schlechthin ist. Roelly Winklaar wird wohl nicht mehr von „Omi“ Sibil gecoacht, ob er nun mit neuer Form überraschen kann? Kai Greene wirkte in den letzten Wochen mehr denn je wie ein fanatischer Mönch. Wenn ich versuche mir Bayaz, den ersten Magi aus der Klingenreihe von Joe Abercrombie vorzustellen, kommt mir immer Kai Greene in den Sinn…
Wird Branch Warren diesmal wirklich in guter Form auftreten, oder hat er sich wieder einen Platz erkauft? Und Jay Cutler, der viermal Mr. O war und diesen Wettkampf wirklich nur aus Liebe zum Sport nochmals bestreitet, wie wird er aussehen? Für mich wird es wieder richtig spannend.

Aber es gibt natürlich mehr als die Mr. O-Wahl, es gibt die leichteren Herren, die für unter 96kg Gewicht erstaunliche Muskelberge zeigen. Es gibt die Fitnessgirls, die nicht nur eine tolle Figur haben, sondern auch wahnsinnige Akrobatik und Fitness zeigen. Die Figurmädels, deren Ästhetik für mich stets ein ganz großer Traum ist. Und die großen Frauen dürfen dieses Jahr auch noch mal auftreten. Vielleicht zum letzten Mal auf der Mrs. O Bühne? Man will die Klasse gerne loswerden.
Spannend, spannend, spannend…

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11 Kommentare zu “Wochenende der Campions

  1. Nabend,
    ich mag Deinen Blog.
    Wirklich.
    Er ist so abwechslungsreich und interessant!
    Danke für diesen Einblick 😉

    Eine spannende Nacht, die Motivation hervorbringt!

  2. *g*aber das ist ja auch gut so, für jeden was dabei..
    okay..vielleicht nicht für exakt jeden, MakeUp ist selten Thema;-p
    Woah, frag net, mein Rücken muckt aufgrund der langen Pause rum*sfz*
    Aber morgen in 2 Wochen ist der Urlaub vorbei und ich…bekomme wieder Muskelkater und bereue den angefutterten Schwabbel…
    Heisst wieder trainieren und zählen, der Kreislauf des Lebens.

    Bei Dir läufts aber erfreulicherweise gut?
    Sieht auf dem Bild zumindest top aus!

    • Ja, bin zwar momentan von neuen Bestleistungen entfernt, aber ich mach trotzdem immer solide Einheiten. Das Gewicht ist stabil bei knapp über 80kg. Das ist gut, dafür ess ich ,was ich mag. Achte nur auf eine hohe Eiweißzufuhr, die reicht schon aus, um den Rest nicht zu schlimm werden zu lassen. Meine neue Regel lautet: Wenns für eine Diät nicht reicht, sieht zu, dass du nicht zunimmst. Ich bin zufrieden, obwohl man natürlich immer gern mehr hätte.^^

      • Kommt das von der Pause? (Abstand von Bestleistungen?).

        Schon nicht Zunehmen halte ich für eine gute Leistung..die ich gerade so gar nicht hinkriege. Aber je höher der ‚Leidensdruck‘ desto leichter der Einstieg, meine Erfahrung.

        Zufriedenheit ist ein sehrsehr gutes Wort in dem Zusammenhang, behalte es Dir!

      • Na, das mit den Bestleistungen liegt eher na der Art des Trainings. Wenn ich mehr leiste, will ich das „locker“ können und eher nicht mit letzten Kräften. Kämpfe ich mit den letzten Kräften um eine Wiederholung, ist es quasi unmöglich gezielt am Muskel zu arbeiten. Man drückt oder zieht dann eben mit allem, was der Körper hergibt. Das ist auch mal ein guter Reiz, keine Frage, aber wenn ich dann Muskelkater in den falschen Partien bekomme, ärgert es mich doch, weil es eben bedeutet, die Power für den Zielmuskel „verschenkt“ zu haben.
        Also ist mein Training momentan darauf ausgelegt, meine Leistung langsam auszubauen, bis ich quasi ein kleines Powerpolster habe. Das werde ich aber in der nächsten DAA-Kur ausreizen, wenn die Power von „allein“ einen Schub erhält. 😉

      • Ich gebe zu, manchma beneide ich Dich schon, dass Du da so fachlich drangehst.
        Komme mir dann wirklich noch amateurhafter vor!

        Aber gute Nacht nun, bis nach dem Urlaub mit Power und Frische;)

      • Ja, gn8. Und nicht entmutigen lassen. Alles was ich sag, ist nur meine Meinung, man kann auch immer anders argumentieren und genauso zum Ziel kommen, vllt. sogar weiter. 😉

    • Hallo,
      wir waren zu zweit. War bei meinen verquollenen Augen auch besser. ^^ Danke fürs Kompliment. Ich hoffe, wenn ich das nächste poste, sieht man einen deutlicheren Unterschied zum vorherigen. Nach der spannenden Show der letzten zwei Nächte habe ich wieder richtig Feuer. 😀

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