Wer weniger isst, vergiftet sich weniger…

Während meines Abiturs erzählte unser Biolehrer immer mit breitem Lachen Anekdoten über angewandte Chemie. Er erklärte, welche Lebensmittel mit anderen reagieren und erzählte, dass er mal als Streich Trockeneis in einem Koffer im Zug transportierte. Der dabei entstehende Rauch hat für viel Panik gesorgt. Der Unterricht gab uns viel zum Nachdenken und eines Tages meldete sich eine Mitschülerin und sagte: „Oh bitte, Herr Klein, ich weiß bald gar nicht mehr, was ich überhaupt noch essen soll. Alles ist ungesund!“ Worauf der Lehrer weiter breit lächelnd antwortete: „Na, am besten essen sie von jedem etwas, dann heben sich die Gifte gegenseitig auf oder härten sie ab.“

An diesen Lehrer musste ich heute denken, als ich in den weiten des Internets auf einen Post stieß, in dem ein Mädchen schrieb: „Nach einem Jahr clean essen, hab ich gestern gewagt zwei Lebkuchen zu essen. Mir war ungefähr halbe Stunde danach übel, mit Brechreiz und Kopfschmerzen. Dabei reagierte ich nie empfindlich auf Nahrung und hatte auch in der Vergangenheit keine Verdauungsprobleme. Die einzige Erklärung die ich habe, dass uns gesunde Nahrung sensitiver macht. Hat jemand von euch ähnliche Erfahrung gemacht?“ Darauf folgten viele zustimmende Antworten von Mädels, die ähnliche Erfahrungen mit anderen ‚Fastfood-Lebensmitteln‘ gemacht haben.

Passend dazu erschien heute ein Artikel in der Zeit online, der genau das Thema behandelt. Der Artikel beginnt mit dem gesellschaftlichen Aspekt: Der Glaube an Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder den schlechten Einfluss gewisser Lebensmittelinhalte mache es zunehmend schwer, mehrere Leute an einen Tisch zu bekommen. Sei es nun in Kitas oder beim gemeinsamen Abendessen mit Freunden, stets will alles genau bedacht und besprochen sein, alle Lebensmittel gezielt ausgewählt sein. Dabei gelten die Leute, die sehr auf solche Vermeidungen achten als nobel, während jemand, der alles isst, eher als unzeitgemäß und primitiv gilt. So kommt es, dass immer mehr Menschen zu speziellen Lebensmitteln greifen und auf viele Inhalte verzichten, ohne tatsächlich eine solche Unverträglichkeit zu haben. Sie lesen und hören überall die Berichte von Stars und Betroffenen, die ihre Ernährung entsprechend umgestellt haben und nun ein viel besseres, glücklicheres, gesünderes Leben führen.

Nahrungsmittel mit speziellen Inhalten als neuer Absatzmarkt der Lebensmittelindustrie…im zweiten Teil des Artikels wird der kommerzielle Aspekt des Themas näher beleuchtet. Nachdem fettarme oder zuckerfreie Produkte sich nicht mehr so gut verkaufen, passt die Angst um die Inhalte in Lebensmitteln der Lebensmittelindustrie gut, um durch gezielte Werbung diese Angst zu mehren und massenhaft solcher speziellen Lebensmittel teuer zu verkaufen. Mit der Angst im Nacken gibt der Verbraucher gern Geld für das Gefühl von Sicherheit und Gesundheit aus. Die Palette der vermeintlich schlechten Inhaltsstoffe lässt sich dabei leicht vergrößern. Aspartam, Histamin, Gluten, Laktose, Stärke, Zucker, Nitrat, Geschmacksverstärker, Konservierungsstoffe…die Liste lässt sich leicht beliebig erweitern, denn man weiß ja nie. Man kann sich einfach nicht sicher sein. So werden Bedürfnisse nach neuen Speziallebensmitteln künstlich geschaffen und die Lebensmittelhersteller treten als Gesundheitsberater auf.

Im dritten Teil wird dann der verunsicherte Verbraucher nochmals genauer betrachtet. Parallel zu dem Klischee der alten Leute, die nur noch über ihre Gebrechen erzählen können und sich vollkommen darüber definieren, gibt es nun auch den Typus des Menschen, der zwar gesund aussieht, bei dem sich aber alles um seine Gesundheit, Fitness und Ernährung dreht, allerdings aus der Sicht seiner Defizite. Lebensmittelunverträglichkeiten werden zum Trend und schließlich zum Teil der Persönlichkeit erhoben. Essen an sich bekommt den Touch des Ungesunden und Verzicht wird zur obersten Maxime. Wie bei der jungen Dame, die besorgt den oben stehenden Post verfasst hat, ist dabei Besorgnis die grundsätzliche Einstellung. Man ist immer und ständig besorgt, beobachtet sich genauestens, jede Reaktion wird ausgewertet und das Leben danach angepasst. und der Placeboeffekt, so die Zeit, gilt auch hierbei. Wenn ich daran glaube, dass etwas Wirkung auf mich hat, dann hat es die mit einiger Wahrscheinlichkeit auch. Dabei will der Artikel niemandem seine Lebensmittelunverträglichkeiten abstreiten oder Lebensmittelallergien als Mythos deklarieren, bemängelt wird lediglich die Angsttreiberei unter der Bevölkerung.

Hier nochmal der Link zum Artikel:
http://www.zeit.de/2013/48/ernaehrung-essen-lebensmittelunvertraeglichkeit

„Die einzige Erklärung die ich habe, dass uns gesunde Nahrung sensitiver macht.“ Wenn das stimmt, spricht das doch eigentlich dafür, eine abwechslungsreichere Ernährung dem Verzicht vorzuziehen, und sei es, um den Körper abzuhärten. Schließlich ist nicht der der Fitteste, der die meisten Gebrechen aufzuweisen hat, sondern der, der mehr Angriffen standhält. 😉

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