Voll auf Kaffee…

die erste Woche ist rum und ich bin echt glücklich.
Am Dienstag ging es auf dem Weg zum Seminar erstmal schön frühs durch den Palmengarten. Auf den Pfützen lag eine dünne Schicht Eis, der Kanal floss gemütlich dahin, Hunde rannten nach den geworfenen Stöckchen und in der Luft lag eine scharfe Kälte. Ich fühlte mich so unbändig wach und frisch und alles fühlte sich so voll an, so sinnhaft.

Die Stunden und Tage sind nur so dahin gerauscht, kein stundenlanges im Bett Gewälze, bei dem ich versuche, irgendetwas zu finden, was die Zugkraft besitzt, mich aus den Federn zu heben. Stattdessen steh ich um 3:40 auf, pack meinen Rucksack und flitz zum Bus. Zack, ab zum Zug, Buch auf, Quark in die Kuchenlade, aufm Zugklo Zähne putzen, umsteigen…es ist verrückt, aber jetzt, wo meine Zeit in vorhersehbare Schollen zerplatzt, fühlt sie sich endlich nicht mehr wie ein Gegner an. Ich bin raus aus der Wüste sinnloser Ewigkeiten und meine freien Stunden sind wieder kostbar. Gestern lag ich über eine Stunde im Ölduftbad in der Wanne und habe geschmökert. Das habe ich den ganzen Winter noch nicht getan!

Und meine Schule ist toll. Bei der Religionslehrerin hatte ich zweimal schon eine Gänsehaut, so hat mich der Unterricht mitgenommen. Nächste Woche übernehm ich da die erste Klasse. Aufregend!
Und heute war ich bei einer Deutschlehrerin im Lese-Rechtschreib-Nachhilfekurs. Sie zeigte mir, was die Kinder so machen können. Alles spielerische Arbeiten am PC. Dann beugte sie sich etwas vor, sodass sie hinterm Monitor, für die Kinder unsichtbar, verschwand und flüsterte: „Das ist der XXXXXXX, der ist schon so vom Leben gebeutelt, aber ein ganz lieber ist das. Das sind sie alle. Helle Köpfe, aber manche Dinge werden denen eben nicht klar. Ich kenn das selber, ich habe eine Rechts-Links-Schwäche. Wenn ich Zeit habe zu überlegen, mit welcher Hand ich schreibe, geht es. Aber ohne überlegen geht es nicht. Deswegen kann ich das nachvollziehen. Die müssen üben und brauchen Lob, aber auch ehrliche Kritik. Das brauchen alle, aber die hier brauchen eben ein Lob mehr.“

Das war in der fünften Klasse, danach hatte ich bei ihr Deutsch in der 9. Die 9. kannte ich schon aus anderen Fächern, die sind nicht wild, das sind ganz ordentliche, aber hier waren sie…wie eine Horde Mönche beim Gebet. Ich kanns nicht beschreiben, man könnte den gegenseitigen Respekt spüren. Auch wenn sich jemand langweilte oder abschaltete, saßen die still, kein Kippeln, kein Schwatzen und dabei sprach sie ruhig, fast leise. Kein hohes Gequäke, wie das Frauen leider oft passiert, wenn sie sich durchsetzen wollen. Als eine Schülerin eine Antwort, trotz Hilfestellung, nicht wusste, hörte man von der Seite kurz spöttisches Schnauben. Das hätte man leicht ignorieren können, weil es kaum zu hören war. Aber die Lehrerin schaute auf einen Punkt an der hinteren Wand des Raumes und sagte: „Leute, ihr wisst, wie ich das finde, wenn man sich selbst über andere erhebt. Jeder steht mal auf dem Schlauch!“
Kurz vor Ende der Stunde kam sie zu mir hinter und fragte, ob ich noch Fragen häötte, sie hätte in der Pause Aufsicht und keine Zeit. Ich fragte sie, wie sie ihre ersten Stunden in einer neuen Klasse hinsichtlich Regeln und Ritualen gestaltet. Weil ich staune, wie ruhig die Klasse hier ist.

Sie ging wieder vor ans Lehrerpult und stellte die Frage ans Plenum. Viele Hände gingen hoch.
„Wir müssen am Anfang die Rucksäcke zu machen und die Jacken hinten an den Haken hängen.“
„Wenn wir was ausfressen, müssen wir selber nach Lösungen suchen und Vorschläge machen.“
„Gegenseitigen Respekt zeigen.“
„Wir sollen in ganzen Sätzen antworten.“
„Wer kippelt muss stehen.“

„Und wenn mich etwas stört, dann sage ich es laut für alle, aber ich nenne keine Namen und gucke keinen an. Ich will niemanden beschämen. Nur wenn es dauernd vorkommt, drohe ich damit, beim nächsten Mal Namen zu nennen. Jetzt ist es angenehm hier zu arbeiten, aber in Klasse 6 und 7 haben wir uns auch ganz schön gekabbelt, stimmts?“ Die Schüler nicken und grinsen dabei.
Klare Regeln, respektvolles Verhalten und selbständiges Mitdenken…das ist eine Rolle, in der ich mich auch gut sehe.

Nächste Woche wird meine Feuerprobe, ich bin so aufgeregt!

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5 Kommentare zu “Voll auf Kaffee…

  1. Hätte ich Kinder, ich würde sie auf die Schule schicken.
    Klingt sehr gut, freut mich für Dich.
    Aber der Schock über die frühe Uhrzeit sitzt immer noch in meinen Knochen.

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