Wieder eine Woche geschafft…

Die zweite Woche ist rum und, total überraschend, lebe ich noch. Von mittwochs bis freitags klingelt mein Wecker erst um drei Uhr an dann nochmal um 3:40. Nach dem ersten Klingeln kommen Curry und Paprika zu mir ins Bett. Schmusezeit. So als ob ich die erste Weckzeit extra für sie gestellt hätte und nicht, um meinem übernächtigtem Körper noch ein paar wohlige Minuten des Schlummerns zu gönnen. Aber wenn Curry ihren schnurrenden Körper so schwungvoll gegen meine Stirn schlägt, dass ein Purzelbaum daraus wird, kann ich ihr gar nicht widerstehen. Es ist einfach zu süß.

Um 4:24 fährt mein Bus. Zumindest laut Fahrplan. Tatsächlich prescht er aber schon um 4:21 in einem Tempo los, dass man meint, er wäre auf der Autobahn. In diesem Bus sitzt immer ein lustiges Trüppchen, an jeder Haltestelle kommt jemand hinzu, der munter begrüßt wird, man schwenkt seine Coffee-to-go-Tassen und rutscht zur Seite. Da gibt es immer was zu erzählen, da ist um 4:25 schon richtig was los. Ich dachte erst, die gehören alle zu einer Firma. Tatsächlich scheint es sich aber nur um eine lose Truppe zufällig häufig zusammen fahrender Männer und Frauen zu handeln, denn so wie ständig neue Truppenmitglieder einsteigen, steigen sie auch alle an unterschiedlichen Stellen wieder aus und den „Bis morgen!“-Rufen entnehme ich, dass sie sich auch sonst tagsüber nicht treffen.

Am Bahnhof ist alles wie ausgestorben, nur ein kleiner Bäcker bietet schon Kaffee, Gebäck und belegte Brötchen. Aber ich hab immer meine Thermoskanne dabei, voll mit Kaffee, so wie ich ihn gern trinke und mein Magerquark gluckert ebenfalls im Rucksack herum. Also schau ich, ob der Bahnsteig noch stimmt und gehe zu meinem Zug, der zwar schon wartet, aber weder Zielanzeige noch Licht hat. Meistens springt das Licht nach zwei, drei Minuten an und ich kann mir einen Platz (Vierersitz, ganz für mich allein, alle Plätze mit meinem Krimskrams belegt!) in der Nähe meines neuen, portablen Bades erobern. Mittlerweile ist es fünf Uhr und ich habe über eine Stunde Zeit, bis ich umsteigen muss. Zeit um meinen Quark zu essen, Kaffee zu trinken, Buch zu lesen und schließlich mit meiner neuen Reisezahnbürste, Reisezahnpasta und Reisemundwasser (Listerine ist wirklich das widerlichste Zeug, was ich je im Mund hatte, dagegen schmeckt so manches medizinische Tränkchen wie Limo!) mein neues, fahrendes Badezimmer aufzusuchen. Nach so einem ausgedehnten Frühstück und Morgenritual bin ich dann auch wach und guter Laune.

Gegen 6:15 steige ich um und das ist richtig fies. Der Wind fährt einem wie eine kalte Hundezunge unter Hose und in den Kragen, der Treppenaufgang wirkt da kaum schützend, trotzdem stellen sich dort alle wie auf einer Rolltreppe an, um wenigstens etwas Schutz zu finden. In dieser Treppenschlange steht auch stets ein Herr mittleren Alters mit umgeschlagenen Hosenbeinen (die dadurch zu kurz werden), einem fettigem Zopf, der unter einer Glatze prangt und zwei Stoffbeuteln voll mit irgendwelchem undefinierbaren Gekröse. Die Stoffbeutel werden schnaufend zu seinen Füßen abgestellt, wobei plötzlich ein haariger Mond aufgeht, oder sind es zwei runde Vollmonde? Mich durchfährt dabei der Gedanke „Sechs Uhr fünfzehn ist einfach zu früh für nackte Männerärsche.“ und der treibt mich dann auch fluchtartig hinaus in das volle Ausmaß an fies peitschendem Wind. Dann fährt der Zug ein, fährt an allen Passagieren vorbei und hält am anderen Ende des Bahnsteigs. Auf Knopfdruck leuchtet der Türöffnungsknopf grün auf, ein Pfeifen erklingt und die Landerampe wird ausgefahren, dann, nach sechs unendlich langen Sekunden blinkt der Türknopf und dies ist der Moment, in dem man dann ein kleines Zeitfenster hat, um per Druck flehentlich um Einlass zu betteln. Da alle potentiellen Zugmitfahrer dem Zug hinterher gelaufen sind, sitzt mir der Vollmond im letzten Zugabteil genau gegenüber. Da hilft nur ein gutes Buch. Hab ich zum Glück! Erst war es Blutklingen, jetzt ist es der Planetenwanderer, beide sehr geeignet, um schlimme Bilder auszulöschen. Zumindest bis mich im nächsten Halbschlaf der Vollmond erschüttert.

Vom Bahnhof sind es dann noch zwanzig Minuten zu Fuß bis zur Schule, 15, wenn man richtig flitzt und die Ampeln mitspielen. Mittlerweile ist es 6:50 und die hektische Begrüßerei beginnt. Die LehrerInnen geben sich morgens immer die Hand. Furchtbar! Stets steh ich da und weiß nicht, ob ich in Unterhaltungen mit einer forsch vorgestreckten Hand hineinfahren soll, oder ob ich lieber mit einem für diese Uhrzeit viel zu gut gelauntem „GUTEN MORGEN“ beginnen soll. Aber weil ich ein von Natur aus kontaktscheuer Mensch bin, entscheide ich mich stets für die Gute-Laune-Brüll-Variante. Die Stimme muss schließlich auf Touren gebracht werden. Und schon zischen die ersten Umarmungs-Abwehr-Begrüßungshände herum und wandern von Arm zu Arm. Schnell räumen diese Umarmungs-Abwehr-Hände jede Idee von Ganzkörper-Begrüßungen aus, indem sie wie gezogene Stilette auf den zu Begrüßenden zu fahren. Nach dieser emotionalen Achterbahn ist man dann endlich bereit für den Unterricht. Da muss zum Glück nicht angefasst werden. Man muss nur aufstehen und mit dem Blick alle Augenpaare im eigenen Fokus für den Bruchteil eines Augenblickes festnageln. In meiner ersten Stunde hab ich erst noch in meinen Sachen gekramt und bin dann aufgestanden, sofort stellten sich alle hin, um einen Augenblick später empört zu bemerken, dass ja noch Pause sei! Aber, aber, ich bin doch nur aufgestanden.*gg*
Aber was soll ich sagen…jede Stunde ist ein großer Auftritt, Ruhm und Ehre liegen eng mit Niederlagen, Schmähungen und vergeudeter Zeit zusammen. Es ist aufregend und man bekommt sofortiges Feedback vom Publikum, wenn es schlecht läuft. Applaus gibt es allerdings selten. Aber ich mag das Gefühl, auf diese Bühne zu treten und mit meinem Publikum zu interagieren. Noch weiß keiner, dass ich tätowiert bin. Das wird eine Überraschung! *gg* In den nächsten zwei Wochen ist kein Unterricht, ich vermeide das Wort Ferien. Dafür gibt’s Seminare und jede Menge Stunden vorzubereiten. Nach der unterrichtsfreien Zeit muss ich öfter ran und das Pensum eigener Stunden steigt stetig. Aber ich glaube, das kann ein richtig toller Job sein. 

Auf dem Heinweg kommt heute die Fahrkartenkontrolleurin zielstrebig auf mich zu. wir befinden uns auf Höhe der letzten Haltestelle vor dem Zielbahnhof Leipzig und ich denk noch „Die wird doch jetzt nicht wohl noch meine Karte sehen wollen?“, aber im letzten Moment fällt ihr Blick auf die rote Toilettenanzeige „besetzt“ und ihre Stirn legt sich in Falten. „Das ist eine ältere Dame.“, sage ich.
„Dann muss ich in der Nähe bleiben.“, sagt sie. „Da kommt bestimmt gleich der Toiletten-Notknopf.“ Und als hätte sie damit eine höhere Macht angerufen, erschallt aus dem Lautsprecher ein Knacken, gefolgt von der Ansage: „Zugführer bitte zur Tiolette, der Toilettennotknopf wurde betätigt. Bitte überprüfen, der Toilettennotknopf wurde betätigt.“ Kurz überlege ich, wer den Zug fährt, wenn die Zugführerin vor mir steht, aber das macht dann wohl das Servicepersonal. Die Frau nimmt einen „Ich habs doch gewusst“-Gesichtsausdruck und lockere Haltung an. Drinnen wird die Klospülung zum zweiten Mal betätigt, der Riegel wird umgelegt und die kleine, alte Dame steckt den Kopf zur Tür raus: „Wo kommt denn hier das Wasser?“ und nein, die meint nicht die Spülung, die hat sie ja schon zweimal gefunden, sie meint den Wasserhahn mit Bewegungssensor zum Händewaschen. Wenn man sich nach dem Besuch einer öffentlichen Toilette nicht die Hände waschen kann, ist das schon ein Grund, wild auf alle leuchtenden Knöpfe zu drücken, bis der Zugführer kommt.

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4 Kommentare zu “Wieder eine Woche geschafft…

  1. Also ich weiss gerade nicht was größer ist, der Hügel meiner Begeisterung über Deine Erzählweise oder die Bewunderung mit der Du Deine Träume durchziehst.
    GROSS-ART-IG!
    Ich freue mich schon auf die Beschreibung der Rückfahrt 😉

    Und noch ein MQ Junkie.
    Wie machst Du Deinen?
    Ich schmeisse immer TK-Früchte rein (gibt ja waaaaahnsinns Abwechslung von den Arten) und kann nicht auf den Reissirup zum Süssen verzichten.
    Suche aber immer gerne nach Variation.

    Gute Nacht denn (denke mal Du bist im Bettchen)

    • ^^ irgendwann denkt noch jemand ich bezahl dich für komplimente, hehe. Aber ich bin derzeit wirklich richtig glücklich, nach der langen zeit der gammelei tut es einfach nur gut, wieder richtig zu arbeiten und durch die fehlende zeit klappts auch super mit der ernährung. Training läuft auch langsam wieder an. es läuft gerade einfach alles gut 😉

      Meinen Quark mach ich mit Sommerfrüchten (sind so kleine konservennäpfchen mit nem früchtemix aus dem aldi, 100ml Milch, 30g Mehrkomponentenprotein (für den geschmack) und eben quark. der ist dann ganz fluffig und lecker und durch die früchte kommt abwechslung rein. Tiefkühlfrüchte mach ich auch gern rein, wenn ich Zuhause bin. Süße kommt durch die Früchte und das Pulver meitens genug rein, ich mags ja richtig süß. ^^

      • Hmmm..interessanter Vorschlag.
        Kontodaten oder PayPal Name?
        *grinz*

        Superst, wann kommst Du eigentlich zum Trainieren? We und bist Du in der Woche doch Zuhause? (ich weiss, mir muss man manchmal Sachen nochmal explizit betonen)*schäm*

        Bei mir lüppts auch. Ich tummel mich zwar (mit sauiig geilen neuen ultraleichten Schühchen) in Kursen herum und mache alberne Sachen, aber das ist mein Herantasten ans regelmäßige Training.
        Und ich merke, dass es etwas wird. Bin nur noch ein Wrack nach der Stunde, kein gefledderter Zombie 😉

        Interessante Mischung!

        Ich freue mich auf den Pulvershake wenn ich wieder kräftig trainiere, worauf ich mich noch mehr freue. Bin wirklich hochmotivert es dieses Jahr zu schaffen!!!

        Und nicht so viel Zocken, ab ins Bett!!

      • Während der Schulzeit geh ich nur freitags,sonntags und montags. Werde runtersplitten, aber jetzt sind ja erstmal „Ferien“, da versuch ichs wieder viermal zu schaffen.

        Freut mich, dass du wieder Spaß am Sport gefunden hast. Ich habe heute den mörder Muskelkater und das fühlt sich wieder richtig gut an. Alles wird wieder ein bisschen straffer und voller. Das hat schon gefehlt. ^^ Tschakka, wir schaffen das. 😀

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