Die ersten Tränen…

Während des Studiums hörten wir es ständig: Am Anfang heulst du fünfmal die Woche, am Ende nur noch einmal pro Woche. Untermauert wurde das mit Film, Buch und Doku. Für mich war klar, die Zeit wird die Hölle und danach klammert man sich an die Hoffnung, dass es besser wird.

Die ersten Wochen vergingen, ich fühle mich ausgelaugt, überarbeitet, angespannt, aber auch immer wieder glücklich, stolz und bereichert. Der Stress ist wirklich enorm, ich habe noch nie in meinem Leben so viel und durchgehend gearbeitet und ich weiß ganz genau, dass das auch nicht mehr lang so weitergehen kann. Aber alles, was ich investiere, hat auch einen Effekt. Wenn ich durch Recherchen trockenen Stoff mit spannenden Erzählungen auflockern kann oder mit einem angeschafften Buch tolle Materialien zeigen kann, dann zahlt sich das aus. Und das macht es auch so schwer, auszusteigen. Lege ich die Planungen aus der Hand, lass ich meinen Blick über das sich füllende Bücherregal gleiten, in dem so tolle Bücher stehen, die so viele Schätze enthalten. Aber irgendwann kann man einfach nicht mehr und ich muss mir sagen: die Bücher warten.

Gestern war es dann so weit. Die Woche war geschafft, die letzten Stunden wieder sehr anstrengend und in der Auswertung fallen plötzlich Aufsichten vom Himmel, Konferenzen und Arbeit, Arbeit, Zusatzarbeit. Also fuhr ich heim, nutzte die Zeit im Zug und setzte mich Zuhause auch nochnmal ran. Zumindest dieses noch schaffen und über jenes nochmal nachdenken… Nach neun Uhr abends war es, ganze 18h nach dem Aufstehen, als ich Feierabend machte und mich vor den privaten Zockrechner schleppte. Es fühlte sich an, als wäre ich Monate nicht mehr Zuhause gewesen. Und als ich dem Freund etwas erzählen will, kann der mich nicht verstehen, weil das Game über die Boxen dröhnt und der Kumpel, der nicht weiß, dass ich rede, plötzlich laut losplappert.
Und das war der Moment, an dem ich das Gefühl hatte, hier liefe alles an mir vorbei. Mein Freund, meine Katzen, mein Leben…alles fand ohne mich statt, weil ich nur noch Arbeit war. Ich hatte Kopfschmerzen und wollte weder zocken noch lesen, was wollte ich überhaupt noch? Was bleibt von mir, wenn die Arbeit endet? Und da kullerte es und der beste Mann von allen kam und holte mich zum gemeinsamen Tierdokuschauen, die Katzen kamen dazu und ich war endlich wieder Zuhause.

Heute habe ich zum ersten Mal Pausen eingeplant und gegen 19 Uhr Feierabend gemacht. Es wird nie anders werden, wenn ich es nicht anders mache und ich will nicht Zaungast in meinem eigenen Leben sein.
Für Morgen ist das erste Training seit Wochen angesetzt. Ich muss mal wieder richtig Adrenalin ausstoßen! 😉

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Wochenende…oh Schreck!

Wenn man denkt, man könnte sich mal so richtig gesund schlafen…
will erst der Freund die verpasste Konversation nachholen (natürlich nachts um eins, wenn ich hundemüde bin), dann schütteln einen die Hustenkrämpfe, dass man meint, die halbe Lunge kommt in Bröckchen geflogen (war aber nur Eiter) und dann fällt dem dicken Kater ein, dass er mal fressen könnte…wobei er so viel Krach macht, dass ich fest überzeugt bin, einen Einbrecher in der Wohnung zu haben…mittlerweile war es fünf Uhr und mein Husten ließ mich sowieso nicht mehr schlafen. Also ging ich ins Quarantäne-Arbeitzimmer, um wenigstens den kommunikativen Freund schlafen zu lassen.

Leg mich ins Bett, zum Glück hängen dort die dichten Vorhänge, sodass es auch tagsüber nachtfinster bleibt.
Meistens.
Denn gestern:
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Hallo Sonnenschein!

Mein Blick war in etwa so:
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Aber das beeindruckt hier ja schon lange niemanden mehr.

Also hab ich mich einfach an die Arbeit gesetzt. Mittlerweile graut mir freitags schon vorm Wochenende, denn Wochenende heißt: durcharbeiten vom Morgengrauen bis Geht-nicht-mehr.
Aber es gibt auch richtig schöne Stunden dabei, wie zum Beispiel gestern, als ich die Märchen korrigierte.
Wer glaubt, dass Märchen in einer 5. Klasse gut ankommen, der hat sich geschnitten. Das ist nämlich was für Kinder…und nicht für eine 5. Klasse!

Der Anfang war vorgeschreiben: Drei Prinzessinnen lieben denselben Prinzen und bitten ihren Vater um Rat. Der gibt ihnen die Aufgabe: Reist in die Welt und bringt mir den seltsamsten und merkwürdigsten Gegenstand, den ihr finden könnt. Wer den seltsamsten bringt, wird den Prinzen heiraten.

Die Schüler sollten nun ein paar Entscheidungsfragen beantworten und schon konnte es los gehen, mit ihrem eigenen Märchenende.
Und was dabei herauskam, ist schon erstaunlich.

Bei fast allen Märchen starb mindestens eine Prinzessin, wenn nicht gleich alle drei. Manche brachten sie achselzuckend mit „die erste Prinzessin fand den Tod“ um. Andere ließen sie erst noch ein Vögelchen heilen, bevor sie ein Löwe samt Vögelchen fraß. In einem Märchen spießte ein Elch eine Prinzessin auf und schenkte der toten Prinzessin anschließend einen Tannzapfen…

Es gab aber auch Märchen, die mich wirklich erstaunt haben, so gut waren die geschrieben und sprachlich ausgekleidet. Da finden die Prinzessinnen tolle Gegenstände, kehren heim zum Vater, überlassen die Gegenstände dem Prinzen und sagen: Behalte sie ruhig, auf unseren Reisen haben wir erkannt, dass es noch so viel zu entdecken gibt. Darum wählen wir die Freiheit und reisen nochmals los.
Oder eine Prinzessin findet unterwegs die unsterbliche Liebe, eine zweite stirbt (was sonst?), die dritte aber kehrt mit einem magischen Gegenstand heim, aber der Prinz hat sich „inzwischen umorientiert“ und stellt der Prinzessin seinen blonden Gatten vor. Die Prinzessing sperrte sich daraufhin in ihrem Turm ein. Und wenn sie nicht gestorben ist, dann ärgert sie sich noch heute.
🙂

Aber trotzdem wäre mal langsam EIN freier Tag schön. Mal schauen, wann der kommt.

Rezension: Cory Doctorows „Homeland“

Cory Doctorows „Homeland“ ist die Fortsetzung seines Romans „Little Brother“

Handlung:
Seit Little Brother sind ein paar Jahre vergangen. Marcus Yallow ist mit seiner Freundin Ange auf einem Festival mitten in der Wüste. The Burning Man findet auf einem abgelegenen, lebensfeindlichen Flecken statt, auf dem man eine riesige „Stadt“ erbaut, Party feiert und das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu etwas Großem erlebt und es geht darum, etwas zu erschaffen, das man dann bewusst zerstört. Denn am Ende werden alle gesammelten Kunstwerke abgebrannt, die Asche eingesammelt und man verlässt diesen Flecken Erde, ohne Spuren zu hinterlassen, als ob nie etwas von Bedeutung hier stattgefunden hätte.
Als Marcus sich in einer Art Tempel entspannt, taucht neben ihm plötzlich Masha auf, das Mädchen, dem er bei seiner Fluch die Hand verkrüppelt hat. Masha drückt ihm einen USB-Stick in die Hand und bittet ihn, alles zu veröffentlichen, falls ihr etwas geschieht.
Am Ende des Festivals muss Macus auch schon beobachten, wie Masha verschleppt wird, von genau jener Frau, die ihn schon Jahre zuvor in ihrer Gewalt hatte. Und schon steckt er wieder bis zum Hals drin, in einem Kampf gegen scheinbar unschlagbare Gegner.

Mein Fazit:
Homeland ist wesentlich düsterer und pessimistischer als Little Brother. Der ständige Gefühlswechsel zwischen akuter Bedrohung, weil Marcus von der gegnerische Behörte eingesackt wird und scheinbar heiler Welt, wirkt zermürbend und chaotisch. Auch Marcus Vorgehensweise wirkt ungelenkt und zufällig, wie der Protagonist selber reflektiert, ziehen eigentlich immer andere die Strippen und er reagiert irgendwann indem er ihre Vorschlage annimmt oder ablehnt. Aber er agiert nicht, ist irgendwie gelähmt. Und das Gefühl der Lähmung teilt man als Leser, zumal, wenn man, wie ich, kein Hacker ist.

Auch die typischen Kommentare von Marcus, wie z.B. „Axe ist der Mainstreamduft aller Idioten“ wirkt aufgesetzt und sogar kurzsichtig, wenn man als deutscher Leser plötzlich liest, dass Club-Mate ein soo cooler Insiderdrink der Nerdszene ist, während es in meinen Kreisen nunmal genau für die unreflektieren MacUser-Hipster-Starbucks-Mainstreamleute steht, gegen die Marcus ja den Antagonisten geben will. Ging es in Little Brother häufig um echt spannende Hintergrundgeschichten mit historischen Annekdoten, wird in Homeland ein Fachbegriff an den anderen gereiht und die Erklärungen sind nüchtern. Man fühlt sich als Leser nicht auf der Reise der Entdeckungen, wo der Erzähler der erfahrene Scipper ist, der einen an seinen erlebnissen teilhaben lässt. Man fühlt sich als doofer Anfänger, der schnell ein Tutorial vor den Latz geknallt kriegt, oder wie einer der Leute, die im internet eine antwort auf ihr Problem suchen und in einem Forum nur zu hören bekommen: Google doch erstmal.

Es ist leicht, seinem Leser zu sagen „Mach dich ein bisschen mit Kryptographie vertraut, dann kannst du die Welt auf den Kopf stellen.“. Für mich ist es aber eher so, als ob ein 65jähriger einen VHS-Kurs in einer Fremdsprache belegt. Mit viel Arbeit wird das Ergebnis dafür reichen, sich im Urlaub einen Kaffee zu bestellen, aber einem echten Gespräch zu folgen oder gar eine lockere Konversation zu führen, wird eher unmöglich bleiben. So fühle ich mich zumindest beim Thema Hacken, es ist toales Neuland und es gibt nichtmal VHS-Kurse.

Zurück zum Roman, ging es in Little Brother noch viel stärker um spielerische Aktionen von Jugendlichen im Alltag, mit denen man die Überwachung ad absurdum führt, so scheint diese Möglichkeit in Homeland gar keine Rolle mehr zu spielen. Da geht es nur darum, eine Behörde zu hacken und sie mit ihem eigenen Pfuhl zu erpressen. Wo finde ich mich da als nichthackender Leser angesprochen?
Wie aussichtslos die Lage ist, weil überall nur Geld und Lobby zählt, wird auch im Roman häufig reflektiert und es fehlt irgendwie der Lichtblick. Homeland ist verdammt düster und das bis zum Schluss.

Allein ein Nachwort von Aaron Schwartz spricht an, worauf ich im Roman vergeblich hoffte: Einen Hinweis auf etwas, dass man als Nichthacker tun kann. Schwartz verweist darauf, was bei Pipa und Spoa geschehen ist: Onlinepetitionen, Emails und Anrufe an zuständige Abgeordnete und Bürger, die diese Abgeordneten in ihrer Freizeit zur Rede stellten haben dieses Gesetz, dass schnell und ohne Wissen der Bürger verabschiedet werden sollte, zu Fall gebracht.
Ist es Ironie des Schicksals, dass sich ausgerechnet der Verfasser dieses Nachrufs dem Druck der Behörden und ihrer über ihn verhängten Verurteilung entzog, indem er sich angeblich letztes Jahr selbst tötete? Ich weiß es nicht, aber es verleiht diesem Thema mitsamt dem Roman etwas hoffnungsloses.

33 und kein bisschen weise

Rückblickend frage ich mich, wer denn diese Frau war, die bei der Vorstellungsrunde im Seminar großspurig meinte „Eine meiner Stärken ist, dass ich merke, wenn mir die Puste ausgeht. Ich kann meine Power ganz gut managen.“
Denn ich kann das doch wohl nicht gewesen sein! Ich merkte zwar am Mittwoch, dass mein Hals kratzt, dass ich mich kaum konzentrieren kann und dass 21:30 keine gute Zeit für Feierabend ist, wenn man um 4:20 wieder aufstehen muss, aber das hielt mich nicht davon ab, am Donnerstag nochmal den gleichen Quatsch zu machen.
Und wer ist die Frau, die beim Zielvereinbarungsgespräch festhält, dass sie Feierabend und Freizeit gezielt einplant?
Sicher nicht die gleiche Person, die nach der Schule noch schnell zwei Kaffee schlürft, trotz Halsschmerzen wieder fit für die Buchmesse werden will, um dort Stunden bei den Schulbuchverlagen herumzulungern. Selbstverständlich setzt sich selbige nach der Buchmesse noch an die Korrektur der Kontrolle, die sie ja am nächsten Tag zurückgeben will.
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Ich weiß nicht wie oft ich in den letzten Wochen feststellte, dass es so nicht laufen kann. Aber da muss mein Körper erst in Generalstreik gehen, damit sich etwas ändert. Womit wir wieder beim Punkt wären: Theoretisch weiß ich praktisch alles. Ich weiß, was falsch läuft. Ich weiß nur noch nicht, wie ich es richtig mache.

Fakt ist: Ich arbeite gern. Ich lese mir gern den Stoff an, den ich dann in bunten Erzählungen an meine Schüler weitergebe. Ich stöber gern in Büchern nach Bildern und Ideen für einen abwechslungsreichen Unterricht. Und ich LIEBE mein Arbeitszimmer! Ich liebe es, an mein Bücherregal zu gehen und ein Buch herauszunehmen. Ich liebe es, mich in den gemütlichen Stuhl zu setzen und alles so ordentlich berit steht. Wenn dann die dekorative Katze noch ihren Platz einnimmt und mit ihrem Schnurren den richtigen Ton angibt, dann fühl ich mich einfach genau da, wo ich seit langem sein wollte.
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Aber jetzt muss ich mich mal zusammenreißen!
Im nächsten Lebensjahr wird alles noch besser. Bestimmt! 😉

Nun zur Buchmesse…wie hatte ich mich darauf gefreut! In meinen Träumen wandelte ich an Reihen von Schulbüchern vorbei, alle Händler drückten mir kostenlos Bücher in die Hand und fragten mich, ob ich noch etwas wünsche und mein Rucksack war prallvoll mit Büchern und Heften, die ich nur aufschlagen musste und schon präsentierte sich mir eine ganze Unterrichtsstunde…die Realität sah anders aus. Bei einigen Ständen waren die Zuständigen dauernd unterwegs zu Lesungen und Vorträgen. „Kommen sie einfach später wieder.“ Oder die Bücher waren noch eingeschweißt! Da kauft man ja die Katze im Sack!
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Es gab deftige Rabatte für alle, sodass sich niemand für meinen Referendariatsausweis interessierte. Vielleicht lags an meiner Schwäche, an der Anstrengung oder daran, dass Mangas und Comics in eine Extrahalle ausgelagert waren und es diesmal wesentlich weniger bunt zuging, jedenfalls gefiel es mir diesmal nicht so gut.

Und was macht das Ref.?
Nachdem die erste katastrophale Woche überstanden war, lief es diese Woche richtig gut. Es hat richtig Spaß gemacht. Und ich spüre, dass das ein Job für mich ist. Lauter kleine Zaubershows, bei denen du die Hauptattraktion bist. Es ist anstrengend, aber definitiv nie langweilig. Und wenn morgens auf dem Weg zur Schule absolut undurchdringlicher Nebel herrscht, sodass die Oberleitungen über den Zügen nur so Funkengewitter erzeugen, oder man einen herrlich strahlenden Sonnenaufgang sieht, dann ist das auch richtig schön.
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Auf dem Bild sieht man es leider nicht so gut, aber hier stieg richtig der Nebel von den Feldern auf, wie in dem Lied „Der Mond ist aufgegangen“. Stimmung! ^^

33 ist ein tolles Alter und ich freu mich auf das kommende Jahr. 🙂

Pffff….

Die Ferien sind vorbei und die Stunden, an denen ich die ganzen zwei Ferienwochen gearbeitet habe, sind gehalten.
Und waren ein voller Reinfall.

Wenn ich in Reli Texte auflege, gehen die Lider aller Schüler runter. Da ist der Unterricht eigentlich schon gegessen.
Und dann leg ich auch noch den zweiten Text vorm ersten auf und merke meinen Fehler erst, als sie den falschen vorgelesen haben. Und dann war nicht mehr genug Zeit für alles und ich ging einfach zum nächsten Schritt über. Plötzlich hatte ich zwanzig Minuten Zeit und nichts mehr zu tun…das war mein persönlicher Albtraum und er wurde gleich in der ersten Stunde wahr. Und das bei der Stunde, an der ich zwei Wochen lang gefeilt hatte!

Da stellt man seine Arbeitsweise schon mal in Frage.

Aber die Woche war ja fertig geplant, also gehen wir in Deutsch in die 5. Klasse mit dem schönen Märchenpuzzle. Die Merkmale von Märchen waren da schön in einer Tabelle angeordnet (Anfang, gute und böse Personen, besondere Dinge und Kräfte, Sprüche und Verse und das Ende). Drunter standen ungeordnet Teile von bekannten Märchen, die Schüler sollten also alles ausschneiden und in der richtigen Reihenfolge zusammen puzzeln. Spiel und Lernen in einem, auf einfachem Niveau, das macht doch Spaß!

Denkste…was als 20 Minuten Übung vorgesehen war, dauerte DREI (3!!!!) Unterrichtsstunden. Da nach zwei Stunden nämlich endlich auch der Letzte alles ausgeschnitten hatte, lag der gesamte Boden voller Schnipsel und die Einzelteile überall verstreut…so konnte ich die ja nicht heimschicken und meine Mentorin gab mir noch einer ihrer Stunden. Am Ende resümierte einer der Schüler: Haben wir jetzt echt drei Stunden nur ausgeschnitten und geklebt? Er gab sich mit einem kritisierendem Kopfschütteln selbst die Antwort.

Aber Freitag, da hatte ich erst eine super abwechslungsreich geplante Stunde zum Expressionismus (mach ich richtig gerne!) und dann noch eine coole Einstiegsstunde Krimi. Ich hatte ein provokantes Bild auf Folie gezogen, dessen Elemente ich erstmal nennen ließ, dann sollten die Schüler die Wirkung beschreiben. Da kam nur „langweilig“ und „öde“. Darauf war ich nicht gefasst gewesen, also ging ich einfach zum Gedicht über. Aber da ich die Schüler schon mit dem Bild verloren hatte, erwartete mich jetzt die Wand des Schweigens. Ich stand hilflos da und wusste nicht, ob das zu schwer war oder zu leicht oder hatte ich die Schüler einfach unterwegs verloren und jetzt verweigern die?
Ich brach die Stunde ab und wollte Feedback bekommen…es kam nichts. Tipps? Keine…nur Schweigen.
Und ich wusste, dass nach einer freien Stunde noch eine Stunde bei derselben Klasse anstand. Das war wirklich frustrierend.

Total desillussioniert ging ich also in die letzte Stunde. Als Einstieg in das Thema Krimi sollten die Schüler einen Steckbrief schreiben „Ächts, boah…“
Dann las ich den Anfang eines Textes vom Arbeitsblatt vor: „Schule ist doch der langweiligste Ort der Welt.“, sagt Jonas zu Hans, als sie nach den Ferien lustlos über den Schulhof schlendern. Frieder kommt von der anderen Seite auf sie zu und ruft schon: „Ich hab so keinen Bock!“ Walter reißt die Schultür auf und gemeinsam betreten sie das Treppenhaus. Sonnenstrahlen fallen im ersten Stock durch das Fenster und lassen winzige Stäubchen tanzen. Irgendetwas schien in der Schule verändert, die Gespräche verstummten, die drei traben weiter in Richtung Klassenzimmer. Noch ahnen sie nicht, welch furchtbare Entdeckung ihnen unmittelbar bevor stand. Als Hans die Hand auf die alte Klinke legt…“
*Namen geändert

Die Namen waren Namen von Schülern. Nun sollte das Thema benannt werden. Nach einer Minute Stille kam „Geschichten“ als Vorschlag. Nach einer weiteren gefühlten Ewigkeit „Kurzgeschichten“. Auf Krimi kam keiner und als ich das Thema nannte, ging wieder ein Stöhnen um.
Nun sollten die Schüler die Geschichte weiterschreiben. Einzelne überlegten, die meisten weigerten sich. Mir war mittlerweile alles egal, wie im Schock machte ich einfach weiter.
Dann sammelte ich die ersten zwei Kurzgeschichten ein, sah zwei Mädels noch schreiben.
Nun ließ ich von einem Schüler die erste Kurzgeschichte vorlesen „…alle Schüler waren tot, die Wände blutverschmiert…“
plötzlich waren alle wach, es wurde gelacht, gelauscht und auf einmal auch das eigene Blatt vollgeschrieben. Von hinten gaben schnell noch einige ihre Geschichten vor. Ich ließ Daten aus dem dazugehörigen Steckbrief vorlesen und schnell wurde der „Verdächtige“ ermittelt und dieser Verdächtige las nun die nächste Geschichte, den nächsten Steckbrief vor. Ich lag im Zeitplan, die Schüler waren Feuer und Flamme, die Stimmung ausgelassen.

Von sechs geplanten Stunden war das die einzige, deren Konzept nicht von mir stammte (sondern von einer Kollegin, die mir die Idee mal so nebenher im Seminar erzählte) und es war die einzige, die mal wirklich schön war. Zur Vorbereitung hatte ich vielleicht dreißig Minuten gebraucht…es gibt sie also doch, die Sternstunden des Unterrichtens. 😉

Dieses Wochenende habe ich komplett an der Erstellung einer Doppelstunde gesessen. Inhalt, Ablauf, Material. Wenn man auf kein Lehrbuch und kein Arbeitsmittel zurückgreifen kann, weiß ich nicht, wie ich schneller arbeiten soll. Wenn sich das dann auszahlt, ist es gut. Aber wenn es so läuft wie letzte Woche, versteh ich langsam die Lehrer, die langweilige Arbeitblätter abarbeiten lassen.

Nach der dritten Woche im Ref. bin ich ziemlich ernüchtert…

Ich hab den Vater der Schwerter gesehen….

Muss es denn Dresden sein? ZWEI Stunden Fahrt für eine Strecke, da sind wir ja VIER Stunden nur unterwegs udn wenn ich dann die Nase voll habe, muss ich ZWEI Stunden Fahrt zurück im Zug ertragen, quengelt der Freund am Freitag Abend. Aber ich wollte wenigstens einen Tag im Urlaub mal nicht mit dem Kopf in Stundenplanungen stecken und so musste er wohl oder übel mit: Zur Rüstkammer in Dresden!

In meiner Lehrzeit war ich schon einmal dort, damals las ich keine Fantasy und fand es schon irgendwie beeindruckend. Aber jetzt, wo ich mit dem Heckenritter von Westeros auf Turnieren war, wo ich mir mit Tyrion Lanister den Arsch wund geritten, mit Whirrun von Blei den Vater der Schwerter geschwungen habe, da sind echte alte Rüstungen und Waffen nochmal etwas ganz anderes für mich. Und was ich dort zu sehen bekam! Von einfacheren Feldrüstugen über Fußturnierrüstungen (ist das dann ein Buhurt?!?) bis hin zu unglaublich verzierten Prunkrüstungen, bei denen man aus dem Staunen gar nicht mehr heraus kam. Allein das Geschirr der Pferde war teilweise so filigran und schick! Bei Krieg und Kampf denkt man eher an ungeschlachte Panzer, aber dort war jedes Schwert verziert, vergoldet, mit Inschriften und irgendwie geschmückt. Man sah Pistolen, Pulverdöschen, Turnierlanzen mit den Kronen, Rüstungen mit Trefferabdrücken, wo diese Kronen eingeschlagen sind. Leider durfte man keine Fotos machen, so bleibt nur das Prospekt.Prospekt

Vor meinem inneren Auge lebte da der alte Hofstaat auf. Und bei Rüstzeug wie diesem…von oben bis unten verziert und mit Geschichten der Odyssee bedeckt…unglaublich, dass so viel Kunst mit Krieg verbunden war. Es sollte ein Werbegeschenk des schwedischen Königs sein, der damit das Herz einer englischen Dame gewinnen wollte, doch auf dem Seeweg wurde es von Dänen geraubt und erreichte nie sein Ziel. Wie bitter muss das denn gewesen sein?  Natürlich gab es auch mannshohe Gemälde von alten Fürsten auf denen sie die (anderen) ausgestellten Rüstungen trugen. Und es gab winzige Kinderrüstungen für Knaben, mit winzigen Scharnieren und Gelenken.
Rüstung2

Und dann kam der Vater der Schwerter, ein über zwei Meter langes, zweihändiges Breitschwert…so stell ich mir den Vater der Schwerter vor. Über 8kg schwer, das klingt erstmal nicht viel, aber haltet das mal ausgesteckt und führt es gleichzeitig zur Verteidigung und zum Angriff…nee, ehrlich, was muss das für ein Kerl gewesen sein, der so ein Schwert geführt hat. Zumal die damals ja alle kleiner waren. Ich hab da keine Rüstung für 2m große Kerle gesehen, die waren doch höchstens 1,80.
Kurzum: ich war beeindruckt! Und dieser Raum hätte für das Eintrittgeld von 12 Euro schon genügt.

Aber das Ticket berechtigte zur Besichtigung weiterer Ausstellungen, da sagt man ja nicht nein. Also ging es weiter zur türckischen Kammer.
Türkische Kammer Das Bild ist von der Eintrittskarte und man sieht ein riesiges Zelt, dass in einem recht dunklen Raum aufgespannt ist. Innen ist der Stoff fein bestickt und verziert und ich fühlte mich in die Zeit zurückversetzt, als ich mit Peter Berlings Grahlreihe von den Mongolischen Horden las, die mit ihren Krummschwerter selbst dem gestähltesten Heer Angst und Schrecken einjagten, deren Wissen über die Medizin damals allen anderen überlegen war und deren Kultur so entwickelt wie exotsich war. Man sag Dolche und Köcher mit Diamanten und Saphiren verziert und ein ganzes Pferdegeschirr voller Edelsteine. Nach dieser Ausstellung war ich schon ziemlich erledigt vor lauter Staunen und „Oahr!“

Aber es gab ja noch mehr!
Dionysus 2
Wir trotteten zur Dionysos-Ausstellung…besoffene halbnackte Leiber, wo man hinschaute. In Reli behandel ich gerade die Entstehung der Kirche und dabei auch das antike Umfeld mit seinen Mysterienkulten. Der Dionysuskult war einer davon und fiel entsprechend auf. In der Kunst wurde das Motiv des Exstatischen, der direkte Berührung mit dem Göttlichen hat, häufig wieder aufgenommen. Meinem Freund gefiel das hier besonders gut:
Dionysus 1 Der kleine Dionysus als dickes Kind, das gleichzeitig säuft und pisst. Feixend standen wir davor, das Bild sollte wohl zur Erheiterung wie auch zur Mahnung gegen Völlerei und Trinksucht dienen. Jaja, wie gut, dass sich solche herrlichen Bilder mit dem Hinweis, dass dies zur Erziehung diene, erhalten lassen.
Es gab auch einige Faune zu sehen, wobei nie klar war, wo der Unterschied zwischen Faun, Silen und noch einem dritten Begriff, der mir sofort wieder entfallen ist, liegt. Der Audioguide lag leider nicht auf direktem Wege und nachdem wir schon zurückgeschickt wurden, um unsere Taschen einzuschließen und ich auf Nachfrage nur eine grobe Wegbeschreibung zum Stand mit den Audioguides erhielt, war mir das zu umständlich. Nachher habe ich bereut, nicht hartnäckiger gewesen zu sein.

Nach dieser Ausstellung war ich eigentlich schon zu k.o., um überhaupt noch visuelle Reize zu verarbeiten. Ich gähnte in einem fort. Aber Nemeryll hatte noch von einem Hofstaat von Dehli erzählt, der teurer war, als das ganze Schloss Morizburg. Den musste ich noch sehen, also ab ins neue grüne Gewölbe. Und dort wurde man wirklich erschlagen von Prunk und Pomp. Selbst wenn ich nicht schon in drei Ausstellungen gewesen wäre, hätte es hier noch genug „Wow“ und „Nein!“ gegeben, um einem die Sinne schwirren zu lassen. Uhren mit Kristallmurmelbahn und Miniorchester, ein metallener Globus, auf dem wir Länder und Städte von heute erkannten und der als Trinkspiel mechanisch über den Tisch wanderte und bei wem er stehen blieb, der musste ihn öffnen und aus ihm trinken, ein riesiger grüner Diamant, durch natürliche radioaktive Strahlung so verfärbt, wurde in eine Hutgemme eingearbeitet, dass es nur so funkelte. Und bei all den Kistchen aus Topas, Achat, Jaspis, Lapislazuli, Jade und Rosenquarz fühlte ich mich gleich an Reckless und die Tintenwelt erinnert. Endlich konnte ich mir mehr unter diesen Begriffen vorstellen. Es gab unglaublich detaillreich verzierte Waffen, Geschirr udn Besteck, Hausaltäre, Vasen, Orden, Schmuck und…einfach viel zu fiel. Wir waren beide fertig und hatten schon fünfmal beschlossen, dass wir einfach nichts mehr aufnemhen können, doch es gab immer noch etwas, das unseren Blick anzog und uns nochmal ein Staunen entrang.
Also wer mal nach Dresden kommt, investiert das Geld, ihr bekommt mehr, als ihr verkraften könnt. ^^

Teil 2: Die Heimfahrt des Grauens
Nachdem wir uns dann nochmal mit leckerem Essen gestärkt hatten, ging es zum Zug, um endlich nach Hause zu kommen. Ich spürte wieder das seltsame Gefühl, dass Dresden zwar hübsch ist, ich aber nur in Leipzig dass Gefühl von Heimat verspüre. Mit diesem Gedanken setze ich mich, der Zug füllte sich rasch und ich bemerkte, nachdem der Zug abgefahren war, dass es mit kalt am Hosenbein hochpustete. Außerdem hatte ich die mitgebrachte Lektüre bereits ausgelesen! Wenn ich hier über eine Stunde säße, wäre ich krank, wurde mir klar. Und so zwang ich meinen Freund zum Umzug. Aber wohin? Der Zug war völlig überfüllt, er pflanze mich irgendwann auf einen Sitz und stand im Gang. Nun hatte ich ein schlechtes Gewissen! Also wieder hoch und zwei Plätze vorm Klo ergattert. Daneben eine Familie: Nein, du kriegst jetzt dein Handy nicht, du musst auch mal lernen deine Langeweile auszuhalten und damit umzugehen.
Mama du bist doof, ich hab überhaupt nichts zu tun!
Darauf die kleine Schwester mit klirrender Stimme ganz empört: Mama ist nicht doof!
So ging das weiter, bis noch ein verwittertes Pärchen mit Alkoholikerromantik uns gegenüber Platz nahm und sich lallend unterhielt und schließlich noch eine Dame mit Kind, die ein Eau de Toilette aus Dönerbude und stechendem Schweißgeruch trug, sich daneben pflanze, quasi Knie an Knie mit uns…da flüchtete ich, im Kopf bereits Amoklaufend. Und fand einen neuen Platz ohne Geruchsbelästigung, dafür mit einem Mann, der dauernd über sein Hörbuch feixte, während zwei Reihen weiter vorn ein Kleinkind seine Stimme ausprobierte. Meine giftigen Blicke ignorierten beide und schließlich stand der Mann hinter mir auf und suchte sich mit seinem Blindenstock den Weg zum Ausgang.
In meinem Kopf schwang ich den Vater aller Schwerter und ich verfluchte mich, dass ich die dicken Schwarten nicht mitnehmen wollte, weil sie zu schwer wären. Wie leicht wären die gegen die Bürde eines überfüllten Zuges gewesen!
Beruhigen konnte mich dann schließlich eine Flasche Rotkäppchen rose-halbtrocken. Es lebe die erlösende Wirkung des Alkohols. 😉