Rezension: Cory Doctorows „Homeland“

Cory Doctorows „Homeland“ ist die Fortsetzung seines Romans „Little Brother“

Handlung:
Seit Little Brother sind ein paar Jahre vergangen. Marcus Yallow ist mit seiner Freundin Ange auf einem Festival mitten in der Wüste. The Burning Man findet auf einem abgelegenen, lebensfeindlichen Flecken statt, auf dem man eine riesige „Stadt“ erbaut, Party feiert und das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu etwas Großem erlebt und es geht darum, etwas zu erschaffen, das man dann bewusst zerstört. Denn am Ende werden alle gesammelten Kunstwerke abgebrannt, die Asche eingesammelt und man verlässt diesen Flecken Erde, ohne Spuren zu hinterlassen, als ob nie etwas von Bedeutung hier stattgefunden hätte.
Als Marcus sich in einer Art Tempel entspannt, taucht neben ihm plötzlich Masha auf, das Mädchen, dem er bei seiner Fluch die Hand verkrüppelt hat. Masha drückt ihm einen USB-Stick in die Hand und bittet ihn, alles zu veröffentlichen, falls ihr etwas geschieht.
Am Ende des Festivals muss Macus auch schon beobachten, wie Masha verschleppt wird, von genau jener Frau, die ihn schon Jahre zuvor in ihrer Gewalt hatte. Und schon steckt er wieder bis zum Hals drin, in einem Kampf gegen scheinbar unschlagbare Gegner.

Mein Fazit:
Homeland ist wesentlich düsterer und pessimistischer als Little Brother. Der ständige Gefühlswechsel zwischen akuter Bedrohung, weil Marcus von der gegnerische Behörte eingesackt wird und scheinbar heiler Welt, wirkt zermürbend und chaotisch. Auch Marcus Vorgehensweise wirkt ungelenkt und zufällig, wie der Protagonist selber reflektiert, ziehen eigentlich immer andere die Strippen und er reagiert irgendwann indem er ihre Vorschlage annimmt oder ablehnt. Aber er agiert nicht, ist irgendwie gelähmt. Und das Gefühl der Lähmung teilt man als Leser, zumal, wenn man, wie ich, kein Hacker ist.

Auch die typischen Kommentare von Marcus, wie z.B. „Axe ist der Mainstreamduft aller Idioten“ wirkt aufgesetzt und sogar kurzsichtig, wenn man als deutscher Leser plötzlich liest, dass Club-Mate ein soo cooler Insiderdrink der Nerdszene ist, während es in meinen Kreisen nunmal genau für die unreflektieren MacUser-Hipster-Starbucks-Mainstreamleute steht, gegen die Marcus ja den Antagonisten geben will. Ging es in Little Brother häufig um echt spannende Hintergrundgeschichten mit historischen Annekdoten, wird in Homeland ein Fachbegriff an den anderen gereiht und die Erklärungen sind nüchtern. Man fühlt sich als Leser nicht auf der Reise der Entdeckungen, wo der Erzähler der erfahrene Scipper ist, der einen an seinen erlebnissen teilhaben lässt. Man fühlt sich als doofer Anfänger, der schnell ein Tutorial vor den Latz geknallt kriegt, oder wie einer der Leute, die im internet eine antwort auf ihr Problem suchen und in einem Forum nur zu hören bekommen: Google doch erstmal.

Es ist leicht, seinem Leser zu sagen „Mach dich ein bisschen mit Kryptographie vertraut, dann kannst du die Welt auf den Kopf stellen.“. Für mich ist es aber eher so, als ob ein 65jähriger einen VHS-Kurs in einer Fremdsprache belegt. Mit viel Arbeit wird das Ergebnis dafür reichen, sich im Urlaub einen Kaffee zu bestellen, aber einem echten Gespräch zu folgen oder gar eine lockere Konversation zu führen, wird eher unmöglich bleiben. So fühle ich mich zumindest beim Thema Hacken, es ist toales Neuland und es gibt nichtmal VHS-Kurse.

Zurück zum Roman, ging es in Little Brother noch viel stärker um spielerische Aktionen von Jugendlichen im Alltag, mit denen man die Überwachung ad absurdum führt, so scheint diese Möglichkeit in Homeland gar keine Rolle mehr zu spielen. Da geht es nur darum, eine Behörde zu hacken und sie mit ihem eigenen Pfuhl zu erpressen. Wo finde ich mich da als nichthackender Leser angesprochen?
Wie aussichtslos die Lage ist, weil überall nur Geld und Lobby zählt, wird auch im Roman häufig reflektiert und es fehlt irgendwie der Lichtblick. Homeland ist verdammt düster und das bis zum Schluss.

Allein ein Nachwort von Aaron Schwartz spricht an, worauf ich im Roman vergeblich hoffte: Einen Hinweis auf etwas, dass man als Nichthacker tun kann. Schwartz verweist darauf, was bei Pipa und Spoa geschehen ist: Onlinepetitionen, Emails und Anrufe an zuständige Abgeordnete und Bürger, die diese Abgeordneten in ihrer Freizeit zur Rede stellten haben dieses Gesetz, dass schnell und ohne Wissen der Bürger verabschiedet werden sollte, zu Fall gebracht.
Ist es Ironie des Schicksals, dass sich ausgerechnet der Verfasser dieses Nachrufs dem Druck der Behörden und ihrer über ihn verhängten Verurteilung entzog, indem er sich angeblich letztes Jahr selbst tötete? Ich weiß es nicht, aber es verleiht diesem Thema mitsamt dem Roman etwas hoffnungsloses.

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