Überraschung

Mein „Ichbinzuschlauummitschreibenzumüssen“ Fünftklässler hat mich heute voll von den Socken gehauen. Gestern gab ich die Hausaufgabe auf, ein Gedicht über das Buch, was wir jüngst lasen, zu verfassen. Ich habe noch keine Ahnung, wozu aber Hausaufgaben müssen donnerstags schriftlich aufgegeben werden, sonst verliert die Hausaufgabenbetreuung ihren Job. Also teilte ich bunte Blätter und eben jene Aufgabe aus. Schon nach gefühlten fünf Sekunden flatterten die ersten Elfchen ein und ich hatte den ganzen Mund voll zu tun, die eifrigen Kinder daran zu hindern, mir die Hausaufgaben für heute sofort abzugeben.

Dass es einige gibt, die sie nicht machen, ist selbstverständlich. Deswegen habe ich es mir angewöhnt, Hausaufgaben so in den Unterricht einzubinden, dass den Hausaufgabenvergessern eine Selbstdarstellungsshow entgeht. Den Braten haben manche wohl bei den Gedichten gerochen, denn heute kam von fast jedem eins, sobald ich Hausaufgabe nur ansprach.

Und dann steht er plötzlich neben mir und hält mir ein A4 Blatt hin. Vollgeschrieben von der ersten bis zur letzten Zeile. Natürlich in Vers- und Strophenform, wie es sich gehört. Auf meine völlig überrumpelte Reaktion hin, erzählt er mir ganz stolz, dass er gerne Gedichte schreibe, dass er sogar schon einen Förderpreis damit gewonnen habe.

Als ich mich fasse, sage ich: Na prima, dann werden wir ja die nächsten Wochen gut miteinander auskommen.

Am Stundenende kommt er an meinen Lehrertisch und hält mir die Hand zum Abschied hin.

Ich weiß nur nicht, ob aus freundlichem Respekt…

…oder weil ich ihn nicht die Arbeitsblätter austeilen ließ, nachdem er sich werweißwas von der Hand geleckt hatte…

 

Da fällt mir gerade noch eine Story ein. Andere Klasse, anderes Fach, letzte Reihe, der Finger steckt tief in der Nase, rutscht raus und schliddert zwischen die Lippen.

Ich: Bäh, kannst du das mal bitte lassen? Das ist echt eklig.

Er: Was geht Sie das denn an?

Ich nuschel zur ersten Reihe: Was geht mich das denn an, wenn ich mich hier vorne fast übergebe…

 

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Zwischen Glück und Zweifel

…die Wochen rasen nur so dahin und jeder Tag ist derzeit voller Arbeit. Vor zwei Wochen geschah etwas seltsames. Es war nichts Schlimmes geschehen, der Unterricht lief wie immer, das Wochenende, also die Zeit, in der ich von morgens bis mitternachts vor dem Arbeitsrechner hänge, stand wieder drohend vor mir und ich konnte spüren, wie irgendwo hinter mir etwas zerbrach. Ich weiß bis heute nicht was, ich spürte nur, dass dieser Bruch mir an dem Wochenende die die ganze Woche danach alles Licht und alle Kraft raubte. Einfach so.

Da ich nicht wusste, was und wie und auch keine Zeit fand, darüber nachzugrübeln, machte ich einfach weiter. Und als ich in der Woche darauf endlich wieder vor der Klasse stand, da schloss sich plötzlich die Wunde und es wurde wieder gut. Einfach so.

Ob jetzt die große Auflösung kommt? Der Trick erklärt wird? -Bedaure nein.
Warum ich es dann erzähle? -Na, weil es ganz seltsam war und Seltsames erzähle ich eben.

Lehrer sein ist wirklich ein verrückter Beruf. Man steht zwischen einer ganzen Müllkippe von Stühlen, die sich haushoch türmen. Und man erwischt nie einen Platz auf einer Sitzfläche. Man wird zerrieben zwischen Anforderungen, Erwartungen und einem zersplitterten Selbstbild, das ja man selbst sein will und doch auch gleichzeitig wieder ganz anders. Und egal, was ich mache, ich habe das Gefühl, ich mache es falsch.

Meistens ist das nicht so schlimm, eher wie wenn bei McDonalds mal die Pommes zu matschig sind. Aber dann gibt es diese Momente, in denen mir klar wird, dass ich einen großen Fehler begangen habe.

Zum Beispiel mit einem meiner besonderen Schüler. Dieser Junge ist wirklich klug und unglaublich selbständig. Allerdings ist er auch so klug, strikt Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Dass sich das im Laufe des Lebens allerdings ändern kann, rechnet er natürlich nicht mit ein. Das ergibt dann manchmal Gespräche wie folgendes:
Ich: Warum hast du denn beim Lesetest nicht mitgeschrieben? Für jemanden, der so klug ist, wie du, wäre es doch ein Leichtes gewesen, hier eine Eins zu holen. Stattdessen gibst du mir ein leeres Blatt ab.
Er: Das liegt daran, dass ich das Buch nicht lese. Aus Büchern kann man keine Bildung gewinnen, darum weigere ich mich, damit meine Zeit zu verschwenden.
Ich, völlig aufgebracht: Aber das STIMMT nicht! Aus Büchern kannst du ganz viel lernen, Bücher sind unheimlich wichtig, um zum Beispiel andere Menschen zu verstehen, andere Perspektiven und für die Empathie! Gerade in Belangen der sozialen Kompetenz könntest du gut Nachhilfe gebrauchen!

Er ließ mich einfach stehen, störte den Unterricht und schrieb auch nach fünfmaliger Ermahnung weiterhin nicht mit. Das tut er nie, aber wenn man mal etwas mündlich definieren muss, ist er immer der erste Ansprechpartner. Ich hatte mir natürlich nicht vorher überlegt, was ich sagen will, sondern nur drauflos geplappert, aber ich denke bei ihm könnten die Fachbegriffe sogar etwas Respekt erzielt haben. Dennoch hatte ich im Laufe der Stunde das Gefühl, diesen begabten Jungen völlig zu verlieren, zu spüren, wie er mir aus den Händen gleitet und das war ein schreckliches Gefühl. Also überlegte ich, wie ich ihn wieder zurückholen und motivieren kann. Oberstes Ziel: Er soll seine Schreibfaulheit überwinden. Denn zu seiner Schreibfaulheit kommt hinzu, dass er seine Schrift und Rechtschreibung mittlerweile selbst als Makel ansieht und daher noch stärker darauf beharrt, nichts schreiben zu müssen. Was also tun?

Als er das nächste Mal seine Mitarbeit verweigerte, nahm ich seinen Block, suchte eine leere Seite und schrieb: Hallo XY, was ist Bildung?
Wie immer wollte er mir die Antwort sofort sagen und wie immer wandte ich mich ab und deutete nur kurz auf seinen Hefter. Drei Minuten später reichte er mir ein Blatt, auf dem geschrieben stand:

Bildung ist die Lehre von allgemeinen Dingen, die man im späteren Leben braucht.

Hatte ich erwähnt, dass er in der 5. Klasse ist?

Wie soll man alle dem gerecht werden?
Das kann man nicht.
Aber man kann es immer neu versuchen…