Wenn man scheitert, so musste ich feststellen, hat man nicht nur selbst ein Problem. Alle anderen scheinen auch eins damit zu haben. Sobald ich „Abbruch“ bzw „abbrechen“ erwähne, werden Sehklappen aufgerissen, Kinnladen sacken herab und dann spult sich das immer gleiche Gespräch ab:

Hast du dir das überlegt?
Aber ohne Abschluss! Mach doch wenigstens fertig, dann kannst du dich ja neu entscheiden.
Und das Geld?
Du bist doch so weit gekommen.
Du hast doch so viel dafür ausgegeben.
Du warst doch so glücklich damit.
Und deine Zukunft? (Zukunft?! ZUKUNFT!)
Die paar Monate…

Dann scheint der Fußboden seitlich etwas ungeheuer Faszinierendes an sich zu haben. Nach solchen Gesprächen fühlt man sich, als hätte man beim Klötzchenstapeln zu den Kugeln gegriffen.

Und wenn man es mit Lehrern zu tun hat, folgt dann:

Ja, im Lehrerberuf muss man belastbar sein.

Übersetzt heißt das soviel wie: Ist es dir zu viel, bist du zu schwach.
Belastungsgrenzen? Gibts für Lehrer nicht. Lehrer sind nicht überbelastet, Lehrer trinken Schnaps.
Und überhaupt haben es andere Lehrer immer schwerer und schaffen es doch auch! Manche halten sich sogar eigene Kinder!

Und dann frage ich mich, wie belastbar man genau sein muss.
Zugegeben, beim Bankdrücken hatte ich letzens schon Mühe mit den 50kg….Brust- und Armmuskulatur liegen damit deutlich unter ihren früheren Belastungsgrenzen.
Dafür bin ich während des Refs jeden Freitag mit gefühlten 50kg Büchern im Rucksack 15 Minuten zum Bahnhof gejoggt…meine Beinmuskulatur und die Ausdauerbelastbarkeit müsste also über früheren Werten liegen.
Die ganzen Auseinandersetzungen im Ref. haben mich unheimlich Kraft gekostet. Einerseits war es entlastend, nicht alles einfach still hinzunehmen, sondern sich zur Wehr zu setzen, andererseits belastet es, dass man immer nur eine Schlacht gewinnt, aber nie den Krieg.
Heißt „belastbar sein“ also der „ich erdulde alles und zucke innerlich nur noch mit den Schultern“-Einstellung zu folgen? Heißt es, sich von persönlichen Empfindungen zu leeren und nur noch stoische Maske zu sein?

„Wenn Sie sich für Belastungen entscheiden, darf ihr Umfeld davon aber nichts mitbekommen.“

, forderten meine Mentoren. Aha, also Klappe halten und durch. Keine Miene verziehen und wie Brian am Kreuz noch fröhlich ein „Always look on the bright side of life…“ trällern.

Wer mit sozialem Ballast wie Familie, Freunde, Katzen oder (Gott behüte!) einem Privatleben ins Ref startet, muss sich schon Prioritäten setzen. Belastbar sein heißt auch, keine Resourcen an so fakultative Kinkerlitzchen zu verschwenden.

Und dann die ganzen albernen Studenten, die an ihrem Wohnort bleiben wollen! Ha, denen wird man schnell beibringen, was FLEXIBILITÄT bedeutet. Für so einen Traumjob muss man schon bereit sein, auch mal sein langweiliges, altes Leben hinter sich zu lassen.

Belastbar sein heißt auch, sich mit 0,45349753 Stunden Freizeit pro Tag zu begnügen. Das hat ein Bekannter schon richtig festgestellt. Der schaute genau auf die Uhr, wann seine Freundin die Hefter zur Seite schob, um privat zu surfen oder gar zu spielen! Auf ihre Klage, sie hätte gar keine Freizeit mehr, konterte er völlig korrekt: Aber du hast doch heute Freizeit gehabt, schau doch nur, wie lang du hier vorm Rechner gesessen und Seiten angeklickt hast!
Jahaa, Zeitmanagement ist alles! Hätte sie sich die Freizeit mal im Terminplaner notiert, wäre ihr ihr Denkfehler selbst aufgefallen.

Und wie belastbar seid ihr so? Habt ihr auch an eurer Flexibilität gearbeitet?
Flexibility(Quelle: wtfp.org)

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8 Kommentare zu “

  1. …etwas, was mich heutzutage zu Tode nervt: „Ich hab ja sooo viel zu tun und bin deshalb sooooo wichtig und soooo belastbar“ – nicht nur im Lehrerberuf…

    Wenn ich mal – selbst bei guten Freunden – verlauten lasse, dass ich sicher nicht acht Stunden nur hart durchackere sondern auch mal zwischendurch im Netz surfe, kommt gleich: BOAH, deinen Job hätte ich gerne. Ich habe sooooo viel tu tun, das könnte ich gar nicht.
    Und im gleichen Moment wundert man sich, weil entsprechende Person stündlich Facebook-Updates postet…

    Naja gut, das ist aber typisch Büro…

    Den Stress im Lehrerleben kenne ich ja von meiner Mama. Die ist aber glücklicherweise soweit, dass sie sagt, wenn sie nicht mehr kann. Mittlerweile lässt sie sich lieber krankschreiben, als sich zu überlasten… wäre ja auf Dauer auch niemandem geholfen. Hat aber Jahre gedauert – früher fühlte sie sich immer jedem gegenüber verpflichtet und wollte unbedingt „mithalten“ – tja, nachdem sie dann aber 50 wurde merkte sie, dass es so nicht mehr geht… Vorher hatte sie schon zig Krankheiten (Reflux durch Stress, Probleme mit dem Unterleib, ständige Erkältungen etc.)

    Diese übermotivierten Übermenschen, die immer alles im Griff haben, wo alles perfekt läuft, die ja sooo belastbar sind – ich freue mich da ja für jeden, der das von sich denkt, habe aber auch schon so viele zusammenbrechen sehen, dass ich es für inhaltslos halte.

    Das Abbrechen und das damit verbundene Gezetere von Verwandten und Bekannten – jaaa, das kenne ich auch. Ist auch so ein typisches Ossi-Problem: Kind, zieh das doch durch, ich habe das damals auch so gemacht, bliblablubb. Hörte ich von sooo vielen Seiten…

    Im Gegensatz dazu wurde meinem Freund (Wessi und so ;)) gesagt, er solle machen, was ihn glücklich macht, als er seinen Job nach gerade mal einem Jahr hinschmiss und zurück an die Uni ging.

    Ich glaube, so ein gesundes Mittelmaß wäre hier perfekt gewesen… jemand, der hinter einem steht, einen motiviert und mitreißen kann, der aber auch erkennt, wenn es ZU viel ist.

    Lass dich nicht irritieren durch die Sprüche – du machst es genau richtig. Du hast es versucht, es waren zu viele negative Faktoren und du hast die richtige Entscheidung getroffen. Denn du musst es ja dir als allererstes Recht machen 🙂

    • Da sage ich einfach mal: sign.
      Hatte heute ein Gespräch mit den Chefs und es lief aufs selbe raus und innerlich dachte ich nur: Die Entscheidung liegt zum Glück bei mir, nicht bei euch.

  2. Haha ja, so Sprüche wie im letzten Absatz kenne ich. „Ja aber du hast ja heute …“ Bei uns kommt die Diskussion nämlich auch ganz gern Mal auf, wenn mein Mann meint wie gesegnet ich sei, mit den Kids daheim. Aber wehe er ist dann Mal daheim und versucht hier zu arbeiten und die Kinder spielen in typischer Kinderlautstärke. Ich sage dann ganz gern schadenfroh: „Tja, hier ist eben kein Büro, in dem man in völliger Stille arbeiten kann. Wo ist dein Problem? Ich habe die Kinder den ganzen Tag um mich herum und muss trotzdem meinen Kram machen.“

    Der im oberen Kommentar angesprochene Mittelweg wäre manchmal sicher wünschenswert. Ich bin nicht unbedingt ein Freund davon, den Kopf zu schnell in den Sand zu stecken und eher eine Kämpfernatur. Wollte damals meine Ausbildung auch hinwerfen und habe sie letztlich doch durchgezogen. Rückblickend lässt sich natürlich nicht mehr sagen, ob dies die beste Entscheidung war, oder ein Abbruch vielleicht sogar neue Perspektiven gebracht hätte. Aber was soll´s, sind lange gelegte Eier.

    Unabhängig davon, kann ich aber gut nachvollziehen, wenn man irgendwann die Reißleine zieht. Ich weiß selbst ganz gut was Stress bedeutet. Es mag wichtig sein, ein gewisses Durchhaltevermögen zu haben. Aber es ist genauso wichtig, seine Grenzen zu erkennen. Stress macht auf Dauer krank. Man muss in der Lage sein zu sehen, wann es einfach nicht mehr geht und es zu viel wird, oder eine Auszeit / Erholung angesagt ist. Gelegentlich müssen auch die eigenen Akkus einfach Mal aufgeladen werden – auch wenn einige außenstehende Supermenschen gern behaupten „Andere schaffen ja auch.“

    Aber wer kann schon in die anderen Leute reinsehen. Schaffen sie es wirklich und zu welchem Preis? Und die die gern ihre Klappe weit aufreißen und sagen es wäre doch alles so einfach, haben oft selbst gar keine Erfahrungen damit, wirklich hart zu arbeiten und in ihrem Leben quasi weitestgehend auf Freizeit verzichten zu müssen. Habe da schon von einigen mit tonnenweise Freizeit gesegneten Menschen Sprüche gehört, die ich mir nie trauen würde in den Mund zu nehmen … Ach übrigens … so Leute sind dann die ersten, die sich wegen „Stress“ selbst bedauern. Stress ist es dann, wenn man Mal vor 8 aufstehen muss …

    • Ja, da triffst du den Nagel auf den Kopf. Ich hab das Negativvorbild ja in der Familie, meine Mutter ist ein richtiger Workoholic und fühlt sich oft komplett ausgelaugt. So wollte ich nie werden, denn ich finde, das hat nichts mit Glück zu tun.

      • Naja, Workaholic sein ist nicht unbedingt schlecht. Aber man muss dafür der Typ Mensch sein. Nicht jeder taugt zum Workaholic.

        Arbeit ist hier eigentlich ein Dauerthema. Auslöser ist meine Schwiegermutter, die gern ihren Haushalt mit meinem vergleicht. Der kleine aber feine Unterschied sind da allerdings die Umstände. Dort leben 3 Erwachsene Menschen im Haushalt und ein kleiner Hund. Ich habe Kinder, von denen das älteste 6 ist, einen Mann der deutlich mehr aus dem Haus ist auf Arbeit als ihrer und entsprechend wenig anpacken kann daheim, zwei Meerschweinchen und muss auch noch etwas zum Geld der Familie beitragen. Sie geht nicht fest arbeiten, das jüngste Kind ist Mitte 20 und ist im Grunde genommen nix weiter als eine Hausfrau. Ich hasse es, wenn sich so Leute dann mit mir vergleichen wollen. Ich meine, es ist doch keine Kunst, wenn es da ordentlicher ist. Trotzdem bewältige ich Woche für Woche das vielfache an Hausarbeit. Hier liegen Berge von Spielzeug die ich immer wieder aufräumen und sortieren muss, es fallen ganz andere Mengen Wäsche an, ich muss Hausaufgaben prüfen, etc., die Kids begleiten, zum Sport bringen, etc., die Große zum Schulbus bringen, unser Boden wird schneller dreckig, da gekrümelt wird, verschüttet, etc. Ja und? So geht es allen normalen Familien. Wenn ich zu Besuch bei anderen Familien bin, weil die Große eine Freundin besucht, ist es da auch nicht wie im Museum. Aber das versteht sie so überhaupt nicht.

        Meine Mutter schimpft sehr oft darüber, was sie sich rausnimmt, wie sie so schön sagt und meint die Frau hat doch selbst nur zu viel Freizeit und Langeweile, dass sie sich überhaupt hier einmischen kann. Allerdings hat meine Mutter auch zwei Kinder mit 1,5 Jahren Altersunterschied aufgezogen und noch dazu einige Jahre ohne Mann und einer Arbeit ging sie auch nach. Die weiß welche Berge Arbeit mit zwei so kleinen Stiften anfallen und ist bis heute der Meinung, dass auch eine Mutter ein Recht auf Freizeit hat. Wie sagt sie immer? Man hat eh nen Vollzeitjob als Mutter, ist für alles verantwortlich, muss immer da sein, in der Nacht aufstehen wenn nötig. Warum soll man sich nicht eine Auszeit gönnen und immer nur aufräumen, wenn man Mal dazu kommt Freizeit zu genießen? Recht hat sie.

        Man würde immer Arbeit finden. Aber irgendwann ist man wie deine Mutter nur ausgelaugt und geht mehr und mehr kaputt, wenn man vergisst an sich selber zu denken. Von daher kann mich auch meine inzwischen hier kaum noch willkommene Schwiegermutter Mal herzlich. Wenn sie meint es gefällt ihr hier bei uns nicht, darf sie gern draußen bleiben. Ich lege großen Wert darauf, wenigstens einen Hauch Zeit für mich zu haben. Ihre völlig unangebrachten Vergleiche zwischen ihr und mir können mir gestohlen bleiben. Wäre es denn bei ihr wenigstens wie geleckt … Denkste. Aber wehe die arbeitende Mehrfachmutter mit Kleinkindern ist nicht perfekt. 😉

      • Ach … das Leben besteht nicht nur aus Aufräumen und Putzen. Zu einer gesunden Einstellung gehört meiner Meinung nach auch die Fähigkeit, Arbeit Mal liegen lassen zu können und sich eine Auszeit zu gönnen. Nur so bleibt man auch nervlich dauerhaft gesund. 😉

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