Nachtrag zu „The walking dread“

*klick* Das ist ein Artikel aus „DIE WELT“, der ganz interessante Dinge beleuchtet.

Demnach sind Pegidaanhänger nicht vorrangig:

  • dumm
  • arm
  • arbeitslos
  • rechts
  • Leute, mit denen man nicht reden kann

Hauptgrund, an den Demonstrationen teilzunehmen, sei die generelle Unzufriedenheit mit der Politik. An zweiter Stelle kommt Kritik an Berichterstattung und Öffentlichkeit. Erst an dritter Stelle gehe es um Ängste bezüglich Asylbewerbern und dem Islam.

Es ist ganz generelle Unzufriedenheit und Furcht, die da marschiert. Und darüber sollte man reden.

Hier nochmal der Link zu meinem Artikel.

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6 Kommentare zu “Nachtrag zu „The walking dread“

  1. Dieser Part hier:

    Das Team um den Politikwissenschaftler Hans Vorländer hatte für die Studie den Angaben zufolge bei drei Demonstrationen im Dezember und Januar rund 400 Teilnehmer befragt. Dabei lehnten rund zwei Drittel (65 Prozent) der ursprünglich angesprochenen Menschen eine Befragung ab.

    …macht mich stutzig.

    Ich würde auch eher bei einer solchen Befragung teilnehmen, wenn ich überdurchschnittlich gut dastehe. Aber was ist mit den restlichen 65%?

    Ich finde es so null repräsentativ…. auch gerade mal 400 Leute zu befragen.

    Sagt für mich eigentlich nur, dass der Part der Menschen, die da teilnehmen und nicht überdurchschnittlich dumm sind, eher mit anderen Menschen reden. Schaut man sich die Interviews verschiedener Sender an, ist von gebildet leider nichts mehr zu merken („Die kommen alle hierher und bringen Bazillen mit“ ist mein all-time-favourite :D)

    • Ja, da hast du einen Punkt angesprochen. Ich will auch gar nicht darauf hinaus, das zu verharmlosen oder die alle als Gutmenschen hinzustellen. Ich will vielmehr die Tendenz der Gegenseite: Blockade als einziges Mittel einzusetzen, kritisieren. Wenn so viele Menschen geschlossen demonstrieren, reicht es nicht, zu sagen: die sind rechts und damit im Unrecht. Da verbergen sich ganz konkrete Ängste dahinter.

      „Nach einigen politischen Vertretern haben nun auch die Bischöfe der evangelischen Landeskirche Sachsens und des katholischen Bistums Dresden-Meißen, Jochen Bohl und Heiner Koch, einen Dialog mit Pegida ins Auge gefasst. „Man muss miteinander reden“, sagten sie. Unter den Anhängern seien viele, mit denen man sprechen könne. „Nach der Demonstration sollte der Dialog kommen“, betonte Bohl.“<<<Der Meinung bin ich ebenfalls. Mir geht es nicht darum, weiter Gut und Böse zu polarisieren, sondern zum Nachdenken anzuregen, was passieren sollte.

      Als es die Montagsdemos gegen die Berichterstattung bezüglich Russland und den ganzen Überwachungsstaat gab, hieß es: das ist von Rechts unterwandert. Jetzt wird ganz Pegida als Rechts abgestempelt. Man könnte da schon den Eindruck gewinnen, dass jede Kritik an der Regierung und den Medien als rechtes Gedankengut stigmatisiert und unterdrückt wird. Das ist nicht demokratisch, nicht tolerant und nicht weltoffen. Dennoch glauben alle Gegendemonstranten, dass sie diese Werte vertreten. Und das stört mich. Hier wird der demokratische Gedanke vollkommen verdreht. Und kaum jemand merkts.

      • Ich denke, was mich am meisten stört ist, dass die „kleinen“ Nachmacherdemos in meiner Heimat (Südthüringen) eben von bekennenden Neonazis organisiert werden. Die springen auf den Zug auf, scharen ihre „Jünger“ – und weitere Menschen um sich und erfreuen sich des großen Zulaufs. Von der Pegida-„Zentrale“ selbst bin ich zu weit weg, als dass ich deren Einstellung für einen gemeinsamen Dialog evaluieren könnte. Ich kann es nur für unsere Region sagen: Das würde nicht funktionieren.

        Auch habe ich das Gespräch gesucht mit einem ehemals guten Freund, der eben diese Ansichten vertritt – und das mMn begründeter, als bei den Menschen in Dresden: Er kommt aus Mannheim und wohnt dort in einem sozialen Brennpunkt, bis zu 50% Ausländeranteil sind dort keine Seltenheit und auch Gewalt ist an der Tagesordnung. Es war kein richtiger Dialog, eher ein einseitiges Herunterspulen von Stammtischweisheiten („Also wenn jetzt schon St. Martin in Sonne-Mond-Sterne-Fest umbenannt wird, das geht nicht!“). Widerlege ich diese Thesen mit den eigentlichen Quellen, so heißt es, dass die Presse lügt. Es war einfach kein Durchkommen möglich…

        An sich finde ich auch die ganze Gruppe, die ganzen Forderungen zu diffus: Was wollen die denn jetzt eigentlich? Sieht man sich Bilder der Demos an, erkenne ich mindestens 10 ganz unterschiedliche Gründe, warum die Menschen teilnehmen. Da einen gemeinsamen Dialog zu suchen finde ich schwierig. Also – keine Frage, man muss ihn suchen, eben weil es die Demokratie gebietet, aber die Durchführung an sich finde ich eben superschwierig. 30.000 Menschen an einen Tisch – geht nicht. Nur die Organisatoren – ich weiß nicht, inwiefern da die Beweggründe reale Probleme sind und nicht nur Effekthascherei. Oder die Leute kommen mit Menschengrüppchen ins Gespräch – das dauert aber dann eben noch 10 Jahre, bis jeder mal seine Meinung äußern konnte…

        Auch habe ich ein Problem damit, die Beweggründe mit „Angst“ abzustempeln. Es gibt keine rationalen Gründe, in Deutschland Angst zu haben. Wir haben ein Sozialsystem, das jeden auffängt. Wir haben die Freheit, mit Leuten zu verkehren, die uns gut tun. Alle Eltern haben die Freiheit, ihre Kinder dort aufwachsen zu lassen, wo sie wollen – egal ob fernab von jeglichen Ausländern oder nicht. Jeder Mensch hat die Möglichkeit, in der Politik teilzunehmen, auf allen Ebenen. Es erfordert aber Mut, Rückgrat, Engagement und den Willen zur Veränderung. Mir stößt es auf, dass viele sagen „Wir haben Angst vor dem und dem“, aber effektiv etwas daran ändern – wie du im letzten Post geschrieben hattest – das will keiner.
        Angst als Emotion hätte ich vor Mord, Gewalt, Vergewaltigungen, Krieg, davor, flüchten zu müssen, davor, eine schwere Krankheit zu bekommen die in meinem Heimatland nicht behandelt werden kann.
        Die Ängste der Menschen hier wirken irgendwie so nach first world problems…

        Also – ich glaube wir haben da schon die gleiche Meinung 😀 Aber ich sehe irgendwie die Umsetzung als ein großes Problem, wie man einen Dialog mit so vielen Menschen mit unterschiedlichen Meinungen befriedigend führen kann… vor allem wenn die Propaganda in den eigenen Reihen gerade online so hoch läuft :/

  2. Ich bin ein Querdenker. Wenn 50 Mann geradeaus gehen, frage ich mich, warum keiner mal abbiegt. Das ist eines meiner Grundmuster. Ich misstraue Massenbewegungen. Das ist auch der Grund, warum ich eine Distanz dazu wahre.
    Auch ich hatte mal einen Kumpel, mit dem ich ständig diskutiert habe. Damals war ich richtig links, er richtig rechts (ist er heute noch). In unseren „Gesprächen“ glichen wir zwei Marktschreiern, die sich gegenseitig einen Teppich andrehen wollten. Wir packten ein Argument nach dem anderen aus, standen uns gegenüber und schrieen uns an, die Köpfe hochrot und der Zeigefinger peitschte nur so durch die Luft. Irgendwann wurde mir klar, dass keiner von uns den anderen Teppich kaufen würde, ganz egal, wie gut oder schlecht die Argumente sind. Was dann zwischen uns blieb, war eine Art Achtung vor dem Menschen hinter der Meinung. Ich achtete ihn als Person. Vieles an seinem Leben gefiel mir nicht und trotzdem mochte ich ihn und ich wusste, solange wir einen Draht zueinander haben, hätte ich einen Einfluss auf ihn. Es ging nicht mehr darum, ihn zu bekehren. Aber ich wusste, solang dieser Kontakt stabil ist, radikalisiert sich auch nichts.

    Dann passierte etwas Seltsames: mein Umgang wurde Stadtgespräch, es wurden Wetten abgeschlossen, wer von uns sich in welche Richtung ändert. Die Wetten schienen mehrheitlich dahin zu tendieren, dass ich rechts wurde…angesteckt durch Kontakt. Bekannte wandten sich ab, Freunde wurden misstrauisch. Plötzlich fühlte ich mich stigmatisiert und verurteilt. Man erwartete, dass ich jeglichen Umgang mit diesen Subjekten aufgebe und zugleich gab man mich auf. Ich fühlte mich geächtet und sollte nun denen den Rücken kehren, die mich als Mensch, unabhängig von politischen Ansichten, schätzten.

    Ich habe schon seit über einem Jahrzehnt keinerlei Kontakt mehr zu Rechten, aber diese Zeit vergesse ich nie. Ich werde nie vergessen, wie es ist, derart verurteilt und ausgegrenzt zu werden. Und ich finde es falsch, Menschen ihre Rechte abzusprechen, weil sie anderer Meinung sind als ich. Gerade dann, wenn ich diese Meinung für gefährlich halte, ist Isolation und Ächtung das Falscheste, was man tun kann, denn so treibt man Menschen in den Untergrund, wo sie erst recht radikal werden.

    Es geht nicht darum, alle Pegidaanhänger einzeln anzusprechen, um sie vom Gegenteil zu überzeugen. Dialog heißt nicht: Lass dich von mir ändern und kauf meinen Teppich. Dialog heißt: Lass uns darüber reden. Du hast Angst? Gut, ich auch.

    Zum Thema Angst: Wenn jemand an Arachnophobie leidet, hilft es nichts, ihm zu sagen, dass die meisten Spinnen absolut ungefährlich sind. Und wenn jemand Angst vor großen Räumen oder freien Flächen hat, nützt es auch nichts, ihm zu sagen, dass das albern, unvernünftig oder gar falsch ist. Wissen und fühlen sind Zweierlei. Diese Menschen werde nicht beruhigt sein, wenn man ihnen sagt: Deine Ängste sind totaler Blödsinn. Sie fühlen sich dann nicht ernst genommen und für dumm verkauft. In so einer Situation reagiert man mit Trotz, da denkt kein Mensch „Vielleicht haben die ja Recht“.

    Und jeder weiß das! Es gibt so viele Filme und Serien und Bücher über den Umgang mit Andersartigkeit und trotzdem scheint die einzig plausible Reaktion noch immer zu sein: Das Andersartige isolieren und unter Druck setzen, bis es verschwindet.
    Das haben Rechte, Linke und die breite Masse gemeinsam. Und genau das verwundert mich immer aufs Neue.

    Cool fand ich übrigens den Stand mit dem Pegida-Aussteiger-Anlaufpunkt. Das war kreativ und mutig. Es hat zwar auch etwas von einem Teppichverkäuferstand, aber immerhin ist es ein Angebot zum Gespräch. Daraufzu gehen, statt Mauern zu bauen.

    • Das meinte ich nicht – ich denke eben gerade nicht, dass es wahre Angst ist, was die Menschen fühlen. Auch in vielen Interviews haben die Leute gesagt „Was Sie nur immer mit Angst wollen – wir haben keine Angst, uns reicht’s einfach“. Es ist nur ein häufig gebrauchtes Argument der Gegenseite – die haben Angst, da muss man drüber reden. Vielleicht wird diese Angst aber auch einfach nur vorgeschoben, um seine eh tendenziell ausländerfeindlichen Gedanken irgendwo anbringen zu können? Angst zieht halt immer. Es ist so menschlich, es wirkt so ehrlich, so tiefgreifend, es erweckt die Gefühle in uns Menschen. Aber ich frage mich halt, ob es wirklich Angst ist, was die Menschen bewegt oder ob sie halt einfach ihre Tendenzen unter eben jenem Deckmäntelchen verstecken.
      Für mich wirkt es eher wie Hass (glaub mir, wenn deine Schwester zum Islam konvertiert und du in einem 1.500-Seelen-Ort im Osten lebst, dann kennst du den Unterschied…). Und der ist meilenweit entfernt von einer echten „Angst“. Das kann man sicher nicht pauschalisieren, irgendwo hat man sicher auch Angst vor der Zukunft. Aber das war schon immer so, wird sich nie ändern und einfach seine Ängste auszudrücken, ohne daran arbeiten zu wollen, finde ich falsch.
      Mein Freund hat absolute Höhenangst – er geht mit mir aber wandern in den Bergen, um darüber Herr zu werden.
      Ich habe eine ausgeprägte Platzangst – ich versuche mit Hypnose, daran zu arbeiten. Es kostet Zeit, Geduld, man muss sich informieren… aber wenn es denn wirklich Ängste wären, die die Menschen antreiben, könnte jeder selbst am meisten dagegen erreichen.

      Zu dem Freundschaftsthema:
      Ich habe da einfach anders geltende Regeln für Freundschaft. Für mich reicht es nicht aus, mich mit jemandem gut zu verstehen, um ihn einen echten Freund zu nennen. Für mich müssen Charakter, Lebensweg und Taten einfach passen. Und wenn Menschen von außen über meine politische Einstellung urteilen würden, würde ich sie erst recht weit von mir wegschieben.
      Ich habe sehr wenige Freunde – diese sind aber die treusten Begleiter, die man sich wünscht. Ähnliche Charakterzüge und ähnliches Engagement bedeuten meist auch ähnliche politische Grundeinstellungen. Wenn für mich und meine Moral Fremdenfeindlichkeit nicht in die Tüte kommt – wie soll ich jemanden mögen, der eben jene Tendenzen hegt? Ich hätte jedes Mal komische Gedanken und ein flaues Gefühl in dessen Nähe.
      Mir tun Menschen nicht gut, die meine Moralvorstellungen nicht teilen. Deswegen verurteile ich sie nicht, ich stelle sie weder über noch unter mich. Aber ich nenne sie nicht Freunde. Ich stelle einfach mich selbst an erste Stelle, weil ich will, dass es mir psychisch gut geht.

      Und ein weiterer wichtiger Punkt: Ich mag Menschen, die „true“ sind. Das war mein ehemaliger Kumpel nicht.
      Wie kann ich darüber meckern, dass deutsche Kultur nicht mehr gelebt wird, obwohl ich selber weder religiös bin, noch Ahnung von deutscher Geschichte habe, noch wichtige deutsche Werke (Bücher etc.) kenne? Wie kann ich die deutschen Werte hochhalten wollen, wenn mein gesamtes Leben gegen eben jene Werte ausgerichtet ist?
      Wie kann ich mich so über Deutschland ereifern und gegen wirtschaftliche Flüchtlinge hetzen, wenn es mein Ziel ist, innerhalb der nächsten 3 Jahre in die Schweiz auszuwandern – weil es dort mehr Geld gibt?
      Das passte für mich einfach alles nicht zusammen. Ich kann nicht a predigen und b machen, das kommt in meiner technokratischen Denkstruktur nicht vor. Deswegen habe ich noch lang keine negativeb Gefühle für ihn in mir. Er wird mir nur einfach… egal.

      Ich denke übrigens nicht, dass Andersartigkeit hier unterdrückt wird. Es gibt genügend Menschen, die nicht „gegen pegida“ demonstrieren, sondern „für“ etwas. Für mehr Toleranz, für mehr Integration, für mehr Mitspracherecht in der Politik… ich denke, der Großteil hat durchaus verstanden, worum es geht. Gut, einzelne Politiker oder einzelne Stimmen verschiedener Organisationen sagen in Interviews oft gegenteiliges – aber mein Eindruck ist, dass niemand sagt „Ihr seid blöd, geht weg, wir wollen euch nicht anhören“. Ich denke eher, dass der Großteil der Menschen versucht zu zeigen, es geht auch anders. Hier, guckt mal, man kann auch positiv und gemeinschaftlich etwas ändern. Ihr versucht das ja auch – unsere Ziele sind vielleicht gar nicht so unterschiedlich, wir haben nur unterschiedliche Ansätze ^^ Keiner will den anderen einen Teppich verkaufen, eher sagen: guck mal, der is auch voll toll und so 🙂

      • Ja, da denken wir in vielen Dingen doch sehr ähnlich. 🙂

        Hier in Leipzig ist der Großteil schon auf der „Ihr seid blöd, geht weg, wir wollen euch nicht hören“-Schiene. Und das macht alles schlimmer, statt besser. Aber es gibt auch andere Stimmen. In der Zeit war gestern auch ein Artikel, der zur Kommunikation aufruft.

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