Zivilcourage

Zivilcourage ist so ein großes Wort und es ist immer leicht, andere dazu aufzurufen.

Anders sieth es aus, wenn man selbst derjenige ist, der entscheiden muss, ob er etwas unternimmt oder nicht.

Dieser Entscheidung gehen so viele Fragen voraus.

  • Ist das meine Angelegenheit?
  • Was kann mir passieren, wenn ich eingreife?
  • Was kann mir passieren, wenn ich nicht eingreife?
  • An welchem Punkt ist es genug, um wirklich begründet tätig zu werden?
  • Wie peinlich ist es, wenn ich die Lage völlig falsch einschätze und grundlos Alarm schlage?

Es gibt bestimmt noch weitere Fragen dieser Art. Und alle gingen mir heute durch den Kopf, als es nebenan wieder krachte und man Menschen streiten hörte. Eine Frauenstimme schrie verzweifelt, eine Männerstimme vervollständigte das Duett. Es ist nicht der erste Streit dieser Art, aber es krachte heut öfter, sodass ich dachte, die kommen jeden Moment in meinem Flur, durch die Wand. Also rief ich bei der Polizei an.

Ich habe keine Ahnung, wer da drüben wohnt. Eine Frau zog irgendwann ein, später sah ich auch mal einen Jugendlichen und nehme an, es ist ihr Sohn. Die Frauenstimme klang voller Verzweiflung und ich dachte die ganze Zeit:

Krachende Möbel und laute Rufe hört man, aber ob eine Faust landet, das hört man nicht.

Jedes Paar weiß, wie es, gerade in der Anfangszeit, zugehen kann. Und gerade dann ist es so schwer zu entscheiden, ob und wann man eingreift. Der Polizist am Telefon fragte, ob ich nicht selber klingeln wolle…

 

„Hallo, ich bin die Nachbarin und wollte nur fragen, ob das auch leiser geht.“

oder

„Hallo, lasst euch nicht stören, ich bring Popcorn mit, von drüben versteh ich so schwer, worums geht.“

oder

„Hallo, wird hier gerade die Einrichtung diskutiert oder bringt ihr euch gegenseitig um?“

Ne, so oder so, es ist peinlich wegen eines Streits zu klingeln, egal, ob es die Polizei ist oder man selbst. Aber mit Polizei fühle ich mich einfach sicherer. Mein weiß eben nie…

Es stellt sich heraus, dass der Sohn mit seiner Freundin allein ist. Keine Toten, keine Verletzen, nur ein Streit. Und ich denke an meinen Neffen, der es als Kleinkind mal witzig fand, ganz verzweifelt um Hilfe zu schreien, weil er keine Lust hatte, zu baden und sich bettfertig zu machen. Damals hätte ich mich nicht verwundert, wenn die Polizei geklingelt hätte. Und man denkt an Tugce, die für Zivilcourage in der Öffentlichkeit mit dem Leben bezahlte.

Es ist schwer mit der Zivilcourage. Wirklich schwer…

 

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2 Kommentare zu “Zivilcourage

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