Therapie

Jede Psychotherapie beginnt mit ein paar Wochen des Beschnupperns. Man erzählt etwas und es ist wie der Wetterbericht. Es scheint für wenige Stunden bedeutsam zu sein, aber kurze Zeit später erscheint es schon wieder bedeutungslos. Geschwätz eben.
So läuft das eben. Man geht hin, erzählt, wie die Woche so war, der Therapeut sagt öfter mal „Aha“, fasst alles zusammen und dann geht man wieder weg. Ab und an fragt man sich, ob das überhaupt Sinn ergibt, aber man bezahlt ja nichts und so eine Stunde, in der die Welt außen vor bleibt und man nur in sich schaut, wie es MIR so geht, ist doch auch ganz nett.

Und dann gibt es die Stunden, in denen es plötzlich tiefer geht. Man bemerkt es gar nicht gleich. Man erzählt wieder etwas und plötzlich hakt der Therapeut nach. Und dann will er nicht weitergehen, sondern an dieser Stelle bleiben. Und wie bei sich ankündigenden Zahnschmerzen, reagiert man ein wenig unwillig, will den Schmerz aber noch nicht wahrhaben. Und plötzlich knackt die harte Schale, die unsere dunklen Seiten vor uns verbirgt. Eigenschaften, Episoden und Verhaltensweisen, die wir besitzen aber einfach nicht wahrhaben wollen, liegen plötzlich vor uns, wie ein Zerrbild unserer Selbst und der Therapeut zeigt darauf und sagt: Das bist du.

Schafft man es, darauf nicht mit Abwehr zu reagieren, sondern mitzugehen, entdeckt man plötzlich einen ganzen Kinderkarten voll Erinnerungen, die genau diese Seite an uns zeigen. Man eilt von Episode zu Episode, manche tun weh, andere geben einem dieses archäologische Glücksgefühl, etwas lang verschüttetes ausgebuddelt zu haben. Die Zeit vergeht wie im Fluge und man geht mit einem soliden Gefühlsleben hinaus, weil man noch von all den tollen Erkenntnismomenten geflasht ist. So vieles ergibt plötzlich einen Sinn und man begreift, ähnlich einer Kettenreaktion, mehr und mehr.

Irgendwann lässt dieses Hochgefühl nach und man steht plötzlich vor der archäologischen Ruinenstadt seines Lebens. Hier Scherben, da die Leichenteile vergangener Beziehungen, dort die verdorbenen Spielwiesen der Vergangenheit. Kein Therapeut in der Nähe. Alles eine Trümmerlandschaft. Nichts scheint heil geblieben zu sein.

by Adaralbion

In dieser Phase befinde ich mich jetzt, umgeben von meinen eigenen Dementoren, die alles Glück aus mir saugen wollen und jeden guten Moment einsaugen, um mich in trotzlosem Unglück zu lassen. Diese Nacht bin ich aufgewacht, nachdem ich träumte, ich wäre auf dem Weg um eine neue Leerstelle anzutreten. Dabei stoße ich auf eine meiner Ausbilderinnen im Referendariat und sie schickt mich weg. Für unfähig befunden und aussortiert. Mit diesem Gefühl lieg ich wach und es webt mich ein in seinen Kokon aus Versagensängsten und Hoffnungslosigkeit. Es ist Februar, flüstert der Dementor, und du hast noch immer keinen Job. Du bist ungeeignet, unfähig. Du bekommst ja nicht einmal einen Kinobesuch organisiert, wie willst du da auf einer Arbeitsstelle mithalten?

Ein Auftrag meiner Therapeutin war: Unternehmen Sie etwas, was Ihnen gut tut. Da derzeit im Kino ein Film läuft, den ich unbedingt sehen wollte (The Imitation Game), fragte ich im Freundeskreis herum und überredete sogar meinen Freund. Kino ist bei ihm immer ein kritisches Unterfangen. Die Projektoren müssen richtig ausgerichtet sein, die Sitze müssen genau in der Mitte liegen, bequem sein, er will keine doofen Sitznachbarn, schon gar keine Kinder, die die ganze Zeit lärmen (Gravity konnte er wegen solcher Kinder nicht genießen und ging mit einer Stinkwut hinaus) usw.. Kurz, die Chance, dass mein Freund einfach nur ins Kino geht und den Film genießt, ist realtiv gering. Aber ich wollte diesen schönen Abend mit meinen Freunden verbringen. Also reservierte ich Karten, ein Kumpel meinte, wir könnten ins Passagekino, so ein altmodisch-alternatives Kino gehen und…tja…ich dachte nicht weiter darüber nach und reservierte dort einfach Karten. Meine Freundin brachte noch ihre Schwester mit und ich fragte zweimal nach, ob deren Freund auch mitkommt. Ich war eindeutig in einem Stimmungshoch, weil ich in meiner Fantasie einen fantastischen Abend organisierte, an dem wir alle so viel Freude haben werden. An diese fixe Idee muss ich mich ziemlich geklammert haben, sonst wäre die Realität schon eher an mich herangetreten.
Zum einen habe ich, trotz zweimaliger Nachfrage, überlesen, dass die Schwester mit Freund kommt. Nur hatte ich dessen Karte nicht früh genug abgeholt, weil ich, aus unerfindlichen Gründen diesen Satz zweimal falsch gelesen habe. Es stand exakt da: es kommen beide. Nun musste der arme Kerl alleine zwischen Fremden eine Reihe weiter vorn sitzen. Aber das war erst der Anfang. In diesem alten Kinosaal war die Neigung der Sitzreihen viel zu gering, sodass man die Köpfe der Leute voll im Bild hatte. Die Projektionsfläche war so groß, wie die großen Fernseher beim Mediamarkt. Der Klang hatte keinen Raum, er wirkte, als käme er aus zwei Boxen vorn an der Leinwand. Stereo. Irgendwer muss Currywurst mitgebracht haben, denn es roch durchdringend danach und das, wo ich auf Diät bin! Und so hockte man dann schräg auf dem Sitz, um an den Köpfen der Vordermänner vorbei zu schauen. Wenn man die Schrift lesen wollte, musste man sich erst ganz nach links lehnen, um die eine Hälfte zu lesen und dann ganz nach rechts, um die andere Hälfte zu entziffern. Am Ende des Films tat einem das Kreuz weh.

Das war er also, der schöne Abend, den ich geplant hatte. Ein Desaster…und das rieben mir die Dementoren nun diese Nacht wieder rein.
So ist das, in der Phase der Therapie. Jeder kleine Rückschlag wird aufgeblasen und scheint das ultimative Zeugnis der eigenen Unfähigkeit zu sein. Und alles Schöne wird in sein Gegenteil verkehrt.

by Marmadas


Wie vertreibt man Dementoren?
Richtig.
Indem man sich an glückliche Gedanken und Erinnerungen klammert.
Und Schokolade isst.
Außer man ist auf Diät, dann lässt man die Schokolade besser weg.
Da ich schon einmal eine Therapie hatte und auch mit vielen Freunden über deren Erfahrungen gesprochen habe, weiß ich, dass diese Phase nicht ewig dauert und dass man stärker daraus hervorgeht. Manchmal muss etwas eben erst schlimmer werden, um heilen zu können.
Und wenn es scheint, als würde ich gar nicht voran kommen und als wäre der zu besteigende Berg viel zu hoch, dann hilft mir eine Art Kinderlied, dass ich Slaine immer vorsinge, wenn er so sturzbetrunken ist, dass er kaum mehr gehen kann. Dann singe ich einfach: Einen Schritt vor den andern setzen.
Und das mache ich jetzt auch, immer nur an den nächsten Schritt denken und losgehen…

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2 Kommentare zu “Therapie

  1. Hej.
    Puh, schon langelange will ich mal wieder meinen Bla unter Deinen Einträgen lassen, aber ich komme quasi nicht hinterher 😉
    Bin hier noch ziemlich in dem neuen Zuhause eingespannt…und ich gehe sporten.
    Ein wenig. Noch nicht mit Eisen, eher rumgehüpfe bei Musik.
    Aber bei Dir zu lesen, reizt echt die Lust drauf ziemlich an!
    Wollte ich seit längerem schreiben.
    Und dass Du nicht so streng zu Dir sein sollst.
    Du findest Deinen Weg und Du gehst ihn.
    Du gibst Dich nicht auf!

    Und Du schreibst einen ziemlich guten Blog, der nicht unoft zum Schmunzeln ist 😉

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