Plötzlich wieder Lehrerin

Nach Wochen, in denen niemand auf Emails reagierte und bei Anrufen stehts nur „Schreibe Sie uns eine Email“ gesagt wurde, war ich etwas frustriert. Selbst ins Ehrenamt hineinzukommen scheint eine echte Hürde zu sein, dachte ich.

Und so verging eine Woche und noch eine und endlich war mein Termin bei der Freiwilligen-Agentur da. Dort wurde ich wirklich herzlich empfangen. Eine nette Dame, der man in ihrem herzlich offenem Gesicht das Alter gar nicht ansah, erzählte, dass sie meine Situation gut verstehe und ich sicher mit Kusshand genommen werde. Ich bekam 5 Blätter mit Tätigkeitsbeschreibung und Kontaktdaten im pädagogischen Bereich, zwei davon hatte ich schon auf eigene Faust zu kontaktieren versucht. Aber nun, ausgestattet mit offiziellen Dokumenten, versuchte ichs erneut. So erfuhr ich, dass viele dieser Vereine nur ehrenamtlich existieren, da arbeitet keiner für Geld. Ist jemand krank, bleibt die Arbeit liegen, so war es auch mit meinen Anfragen: durch Krankheit nicht beantwortet, aber nicht vergessen.

Bei einer Adresse erreichte ich jedoch sofort jemanden. „Können Sie morgen?“, fragte die Stimme mit russischem Akzent. Und so ging ich am Donnerstag zum Russisch-Deutschen-Hilfswerk, um mich vorzustellen…und wurde tatsächlich mit Kusshand genommen. „Wir brauchen dringend eine Lehrerin!“ Die Frau überlegte, erzählte dann von Kindern unterschiedlichen Alters, die Hausaufgabenhilfe und Deutsch-Nachhilfe brauchen. Wir vereinbarten, dass ich im April einsteigen werde. Das klang richtig gut. Und gerade als alles gesagt zu sein schien, liegt sie den Kopf schief und sagt: „Morgen! Können Sie morgen? Rentner kommen. 6 oder 8. Um 10 Uhr. Eine Stunde und eine halbe Stunde. Lehrerin ist krank. Machen Sie? Ich gebe Ihnen Material.“ Eh ich noch richtig drüber nachdenken konnte, hat mein Herz schon ja gesagt. Beim „Material“ war ich dann doch etwas erschrocken. Ein beschriebenes Blatt mit Fragen, oben russisch, unten deutsch. Thema war wohl ein Arztbesuch. Das schloss ich aus Fragen wie „Nehmen Sie ihre Medikamente ein?“ Zwei weitere Arbeitblätter sind wohl schon millionen Mal durch den Kopierer gegangen, denn man konnte kaum etwas lesen. Es war ein kurzer Text, ein paar Multiple Choice Fragen zum Textverständnis und ein Blatt mit grammatischen Übungen. Uff. Auf meinen ratlosen Blick meint die Dame „Sie können auch…“ und zeigt auf den CD-Player.

Als ich vor das Haus trat, löste sich die Schockstarre, die meine Contenance aufrecht erhalten hatte.
Was habe ich mir hier gerade angelacht?
Ich weiß ja icht einmal, wie viel die können.
Was, wenn die Truppe kaum Deutsch kann und selbst die Schrift nicht lesen kann?
Quatsch, dann hatten sie nicht solche Blätter bekommen.
Aber auf dem einen Blatt steht Russisch! Ich kann kein Russisch!
Das Material verwende ich auf keinen Fall! aber was kann ich dann nehmen? Für DaZ habe ich nichts Zuhause.
Oh weia, oh weia!
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Sofort fühlte ich die gute alte Überforderung und reine Panik. Ich rannte in die erstbeste Schulbuchverlagshandlung und die Dame schien zu merken, dass ich etwas kopflos bin. Sie hab mir auf zwei auslaufende Materialien einen dicken Rabatt und so hielt ich für 10€ ein Lehrbuch samt Arbeitsheft für Schüler in den Händen.
Ich fühlte mich gerettet. Genau so war es mir im Referendariat auch gegangen. Wenn du gutes Material hast, kannst du alles hinbekommen.


Zuhause stellte ich dann fest, dass kein Material richtig passte. Selbst wenn der Leistungsstand passt, die Themen, Ausdrücke…ach die ganze Sprache ist kindlich. Ich fand ein Arbeitsblatt im Internet, wo unterschiedliche Schmerzen bildlich dargestellt wurden. Die Lösungsworte standen darunter. Toll, dachte ich, passt ja perfekt.
Bis ich die Lösungsworte las: das Bauchweh, das Kopfweh. Süß bei Kindern, aber Damen über 70 haben eher die Kopfschmerzen oder die Bauchschmerzen.
Ich nahm es trotzdem mit und erklärte daran, dass zusammengesetzte Substantive meistens vom hinteren Teil bestimmt werden, daher wechselt der Artikel. Aber bis dahin war es ein weiter Weg.

Ein Nachmittag zwischen Recherche und Verzweiflung. Eine durchwachte Nacht mit dämlichen Albträumen und ein Morgen, in dem das Adrenalin nur so rauschte. Ich kam zu dem Schluss, dass das alles eine doofe Idee war und ich gar nichts kann und auch nichts mehr machen will und sowieso alles doof ist.
Dann legte ich los: Vorstellrunde.

Ich weiß nicht, was ihr euch unter einer Gruppe Rentner vorstellt. Meine Vorstellung lag jedenfalls Meilen daneben. Da kamen 5 hübsche, ältere Damen mit glatter, gut gepflegter Haut, schicken Frisuren und ganz lebhaftem, offenem Blick. Zu Beginn war ihr Deutsch teilweise sehr schlecht. Eine Dame ließ alle Verben aus. Sie sollten sich gegenseitig vorstellen und diese Dame sagte zum Beispiel: Maria gerne viel Fahrrad.
Doch kaum glaubte ich, das Aufgabengebiet der Stunde innerlich abgesteckt zu haben, kamen die verben hervor. Zunächst noch an falscher Stelle im Satz, aber nach ein paar weiteren Minuten hüpften sie pflichtschuldig an 2. Stelle. Maria kocht sehr viel und probiert immer neue Rezepte aus. Sie kocht für all ihre Freunde und wir treffen uns dann.

Und so merkte ich schnell, dass es nur die Nervosität war, die ihnen beim Sprechen Probleme bereitete. Mit Ruhe, Konzentration und ohne Druck war ihr Deutsch sehr, sehr gut. Und schriftlich waren sie nahezu perfekt. Jede Aufgabe wurde direkt gelöst und sie kennen die Regeln der Grammatik auswendig. Wir hatten alle zusammen großes Vergnügen in den 90 Minuten und ich hoffe, ich kann diese Gruppe noch einmal unterrichten, denn genau so ein Erlebnis brauchte ich, um wieder Zutrauen in mich selbst zu finden.

Kaum Zuhause angekommen, rief mich die Dame wieder an, ob ich nächsten Donnerstag eine Truppe Viertklässler übernehmen könnte.
„Aber gerne doch!“
Wuhuuu!

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6 Kommentare zu “Plötzlich wieder Lehrerin

      • Also wenn ich an Deiner Stelle gewesen wäre, dann wäre mein deutsch nicht besser gewesen als dass der Damen..zu Anfang..und wahrscheinlich durchgehend so geblieben.
        Ich könnte sowas nicht, glaube ich.
        Daher sitze ich auch den ganzen Tag vorm Rechner und verdiene mit Tippen mein Geld 😉

  1. Es mich sehr, dass du wieder eine Aufgabe hast. Ich deine Einsatzfreude und dein Dranbleiben. Auch ich oft, wie viele Gedanken und sich förmlich in Luft, wenn ich zur Tat. ist das neue Sexy.

    Viele Grüße und weiterhin viel Erfolg ich dir,
    Thomas

    freut / gefunden / bewundere / merke / kreisen / auflösen / schreite / Tun / wünsche

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