Hochs und Tiefs

Als Lehrer erlebt man wirklich ein Wechselbad der Gefühle. Von „Hallo Frau Lehrerin! Haben wir heute wieder bei dir? Ja? Oh, da freuen wir uns schon drauf!“ zu „Glotz nicht so scheiße, bild dir ja nicht ein, dass ich dir nachgeschaut hätte, mit deinem Buslenkerkreuz!“ ist alles dabei. Die Spanne reicht auch von eifrig lernenden Schülern die begierig alles aufsagen, was ich ihnen beibringe zu „Der Scheiß interessiert mich überhaupt nicht, ich lass mich freistellen, das könnense echt stecken lassen.“
Und während der eine mit fiebrigem Blick der Geschichte folgt, die ich vorlese, lässt ein anderer einen Audioclip auf voller Lautstärke aus dem Handy dröhnen. Wie lustig. *Augenverdreh*
Und dann macht der nächste plötzlich diesen:
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Gestern habe ich eine Stationsarbeit zur Großschreibung begonnen und entsetzt festgestellt, dass keiner die Methode kennt. Also erkläre ichs kurz:
Hier liegen die Aufgabenblätter. Sie sind nach thematisch nach Stationen geordnet. Station 1 ist zum Beispiel Großschreibung bei Satzanfängen und Überschriften. Ihr nehmt euch hier ein Blatt weg und versucht, es zu lösen. Auf diesem Tisch hier daneben liegen die Regeln, ebenfalls thematisch nach Station geordnet. Wenn ihr also überlegen müsst, kommt ihr vor und lest euch die Regeln dazu durch. Merkt sie euch, denn die Blätter bleiben liegen. Gleich daneben liegen die Lösungen. Habt ihr ein Blatt fertig gelöst, kontrolliert ihr selbst die Lösungen und korrigiert eure Aufzeichnungen. Die Lösungen bleiben auch hier bei mir liegen. Wer Hilfe braucht, ruft mich oder fragt kurz ins Plenum (Manchmal ist es besser, von den anderen zu lernen. Das stärkt auch Teamgeist und Durchhaltevermögen.)

Die ersten erheben sich sofort und eilen zum Aufgabentisch, die letzten tuns nach der dritten Ermahnung. Einer von den letzten sitzt erst ewig vor seinem Blatt. Gut, es geht ja darum, dass jeder sein Lerntempo selbst wählt. Bei manchen ist das eben die Geschwindigkeit in der Gebirge sich erheben. Hauptsache er weiß am Ende etwas mehr, als vorher, denke ich noch. Aber dabei bleibt es, er sitzt da und guckt. Irgendwann frage ich in der Runde rum, wie viele Stationen schon geschafft wurden, um einzuschätzen, wie lang wir mit dem Thema brauchen. Und Sie, Herr X? Von Ihnen habe ich heute noch gar nichts gehört, spreche ich ihn an. Er schreckt zusammen und fährt sich übers Gesicht. Na guten Morgen! Später seh ich ihn plötzlich fleißig schreiben. Pädagogisch schaue ich ihm über die Schulter und erkenne das Lösungsblatt…er hat jedes Wort abgeschrieben! Dabei kontrolliere ich doch die Lösungen gar nicht! Die sind zur Selbstkontrolle! Erst als die anderen ihn auslachen, wird ihm sein Fehler klar.

Selbständig lernen, um selbst weiterzukommen, dieses Konzept muss mit manchen wirklich erst hart erarbeitet werden.
Und ich fühl mich so…
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Und gerade, wenn ich mich von der Wucht der Aussichtslosigkeit total erschlagen fühle, dann kommen meine kleinen Hoschies um die Ecke, grüßen und fragen, was wir morgen in Deutsch machen. Und bei deren Grinsen geht bei mir auch wieder die Sonne auf. Dann weiß ich wieder, wos lang geht.

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Auch ich bin noch immer in der Antestphase.
Seit dieser Woche habe ich ein Büro mit festem Sitzplatz. Seit heute einen eigenen Rechner. Nachdem ich nun schon das zweite Wochenende laminiert und dabei die Nerven verloren habe, habe ich das Laminiergerät am Montag kurzerhand mit auf Arbeit genommen. Keine Arbeit mehr Zuhause!, habe ich mir versprochen, um am Abend noch schnell zwei Stunden nach passenden aktuellen Konfliktfällen für Gemeinschaftskunde zu suchen.

Und dann ist da noch dieses lästige Herpes in der Nase, dass nun zum vierten Mal erblüht, kaum dass die vorausgegangene Entzündung verheilt ist. Zum Glück nur in der Nase…sollen alle denken, ich popel zu viel. Das ist mir lieber als so dicke Flatschen auf der Lippe.
Mein Magen meint auch, dass ichs etwas langsamer angehen lassen soll. Auf Arbeit bekomme ich an manchen Tagen gar nichts runter, fühle mich wie zugeschnürt. Selbst wenn schon Feierabend ist und ich das Wochenende genießen will, kann es passieren, dass sich plötzlich alles zuschnürt. Ich nehms hin und denke, dass es doch auch verwunderlich wäre, wenn nach der Zeit im Ref gar nichts mehr zu spüren wäre. So ist es eben, Macken brauchen Zeit, um ausgebügelt zu werden.

Eines aber bleibt: das gute Gefühl, einen wichtigen Job zu haben, der zu mir passt und den ich liebe. Trotz allem. 🙂

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2 Kommentare zu “Hochs und Tiefs

  1. Stationsarbeit??
    Ähhh – ich versteh das System nicht.
    Ich hab zwar Latrinum, Appretur und viele Sylvester stupiediert und nen IQ von 138 – aber Stationsarbeit?
    Ganz ehrlich?
    Bei dem, was ich so über diese modernen Lehr- und Unterrichtstechniken höre, lese und erfahre (ich sag nur Schreiben durch Hören… „Halo, ich haisä Tschastin und schtudirö schäta Füsik!“ – werde ich immer mehr Fan des guten, alten Frontalunterrichtes ;o)
    Stationsarbeit?
    Auf Tisch 1 die Aufgabe 1, auf Tisch 2 die Lösung und wers trotz Lösungsblatt nicht hinkriegt, fragt einfach die anderen?
    Dinge gibts… :o)

    • Keine Sorge, der Frontalunterricht stirbt nicht aus. Aber auch beim Frontalunterricht wird am Ende der Übung die Lösung verglichen. Bei der Stationsarbeit macht das lediglich jeder für sich, sobald er soweit ist. Manchmal hilft es mehr, wenn man länger braucht, es dafür aber irgendwann „klick“ macht, als dass die Schwächeren einfach abwarten, bis die Lösung angesagt wird, weil sies in der Zeit eh nicht schaffen. Die Lösung verrät das Ergebnis, nicht den Weg dahin. So viel hat sich gar nicht geändert, es sieht nur erstmal anders aus. 😉

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