Love is in the air

Geburtstage sind für viele ein Grund zur Freude. Vorfreude, große Erwartungen, das ganze Geschenkeauspacken und all die Freunde und Verwandten, die sich melden.

Zu meinen Macken gehört, dass genau das ein Graus für mich ist. Leute rufen an und mühen sich damit ab, bewegende Gratulationsworte zu finden. Von „auf das du im nächsten Jahr glücklicher wirst“ bis hin zu „ich schließe dich immer in meine Gebete mit ein“ ist alles dabei. Und wieder einmal merke ich, dass lieb gemeint oft das Gegenteil von lieb ist, denn seit jeher verbinde ich Geburtstage mit Schuld. Zum einen wurde in all den Glückwünschen durch eben jene Floskeln Enttäuschung über mich zum Ausdruck gebracht. Was kann da nicht alles verbessert werden, dass man selbst die täglichen Gebete bemühen muss. Auch das Mitleid mit mir empfand ich stets als stille Schuld…Schuld daran, dass andere sich Sorgen um mich machen müssen. Und bleibt mir bloß mit den Geschenken weg! Da stell ich mich an wie Sheldon: „Ich weiß, du denkst, du bist großzügig, aber die Grundlage fürs Schenken ist Reziprozität. Du hast mir kein Geschenk gegeben, du hast mir eine Verpflichtung gegeben. Jetzt muss ich losziehen und für dich ein Geschenk mit angemessenem Wert erwerben, welches das gleich Level der Freundschaft deines Geschenks für mich ausstrahlt. Ah, kein Wunder, dass die Suizidrate zu dieser Zeit im Jahr emporschnellt.“

 

So wurde es für mich zur guten Tradition, dass ich an meinem Geburtstag shoppen gehe. Ohne Handy. Den ganzen Tag! Ich war nicht erreichbar und machte mir einen schönen Tag. Kam ich abends heim, hörte ich die Glückwünsche auf dem AB ab und war happy.

Doch dieses Jahr kam alles anders…

Zunächst konnte ich nicht shoppen gehen, sondern musste arbeiten. Kaum auf Arbeit angekommen, prasselten via Whatsapp erste Glückwünsche ein und eine Schwester schickt doch tatsächlich eine Sprachnachricht. Und das ist die bio-ökologisch-rückständigste Schwester von allen! Unglaublich! Und kaum öffne ich meinen Kollegen die Tür, fallen die mir schon um den Hals und ich werd hemmungslos geknuddelt. Und da vollzieht sich der magische Moment…ich fühle mich nicht schuldig, nicht niedergedrückt…ich fühlte mich einfach nur liebgehabt und glücklich.

Und schon kommt die nächste Kollegin um die Ecke knuddelt mich und sagt: Mach mal die Augen zu! Als ich sie wieder öffnen darf, steht das vor mir:

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Eine ganz liebe Karte, ein Geburtstagstörtchen und ein Gutschein fürs Sportgeschäft!

Dazu muss ich sagen, dass meine neuen Kollegen erst seit Januar bei uns arbeiten! Aber in dieser Zeit habe ich sie gut an die Hand genommen, wir helfen uns, wo wir können. Wir schimpfen miteinander, jammern zusammen und lachen gemeinsam. Wir schmieden Pläne und setzen sie um. Es ist ein richtig tolles Miteinander.

Und dann platzt die Chefin in meinen Unterricht, winkt mich kurz raus, gratuliert mir und drückt mich. Und noch eine Kollegin kommt vorbei. Kollegen, die mich nur vom morgendlichen Gruß auf dem Flur kennen, gratulieren mir, bringen mir Ständchen. Und zum Schluss fällt mir auch noch eine Teilnehmerin um den Hals.

Also ehrlich!

Ich hab jetzt noch Gänsehaut. Noch nie habe ich einen Geburtstag so genossen! Alles voller Liebe und dieses irre Gefühl, dass man Spuren hinterlässt. Spuren in anderen Menschen, von denen soetwas tolles zurückkommt.

Wen kann da die 35 schrecken, wenn das neue Lebensjahr so schön begrüßt wird? ;D

Ey, den kenn ich doch…OMG!

Letztens im Studio…

ich habe mich schön aufgewärmt, laufe ganz normal in voller Pumpermontur zum ersten Trainingsgerät. Stell die Tasche ab, werf das Handtuch. Also übers Gerät natürlich! Und lasse den trüben Blick meiner kurzsichtigen Augen schweifen, als eine Silouette sich plötzlich in mein Blickfeld einbrennt…Einer meiner Teilnehmer!

OMG! Wie soll ich mich verhalten? Was soll ich tun?
Erstmal schön gleichgültig rübernicken.
Okay.
War das jetzt arrogant? Denkt der, ich komm jetzt rüber? Oder soll ich lieber gar nicht groß darauf eingehen, dass wir uns kennen? Und wie lauf ich überhaupt rum?
Ehrlich gesagt, war das eine Situation, wie ich sie nachts in meinen Alpträumen durchlebt habe.

Als Lehrerin ist man nunmal Vorbild und ICH bin als Lehrerin echt korrekt. Adrett gekleidet, verberge ich meine Tattoos und die Muskulatur unter langärmligen Oberteilen und stilvollen Jäckchen. Ich sage Sachen wie: Schnief nicht, putz dir lieber die Nase! oder Wie hängst du denn auf dem Stuhl? Es ist Montagvormittag! Wenn du jetzt schon wie ein Schluck Wasser in der Kurve hängst, wie siehst du denn dann Freitag zur 8. Stunde aus? (Trockene Antwort des Teilnehmers war übrigens „Da bin ich dann fällig für die Delfintherapie.“)
Als Lehrerin bin ich immer pünktlich und ordentlich, hab ich auf alles eine Antwort, nehme jeden Blick wahr und gebe jedem das Gefühl, dass ich mich um ihn kümmere. Ich bin echt eklig korrekt.

Gerade darum brauche ich ja die Zeit im Studio, in der ich Asiklamotten in schrillen Farben trage, die viel zu viel Haut zeigen. Dort schnief und stöhne ich, fluche und wisch mir den triefenden Schweiß mit der Hand weg. Kurz: ich bin das genaue Gegenteil meiner Lehrerrolle und das brauch ich auch so.

Beim Anblick meines Teilnehmers krachten jedoch beide Rollen ineinander und ließen mich konfus zurück.

Also habe ich mich e1rstmal ins Training gestürzt, schließlich helfen 45kg Rudern an der Multipresse gut, um den Alltag und alle chaotischen Gedanken zu verdrängen. Doch sobald ich das Gewicht absetzte, fühlte ich mich beobachtet und so, als hätte ich noch eine Rechnung offen, als lauere jemand hinter mir.

So konnte es nicht bleiben. Also ganz relaxt rübergeschlurft und kurz Hallo gesagt.
„Hallo!“
„Na, kommst du diese Woche zum Unterricht? Ich hab gehört, du hättest Motivationsprobleme?!“
(Ach du Scheiße…hab ich das gerade gesagt? Im Studio? So einen Bullshit? Wer spricht da? Die Lehrerin? Und dann auch noch in so einem Ätzvorwurf! Wie peinlich! Wenn ich Schüler wäre, hätte ich jetzt noch weniger Bock auf Unterricht. Oh Shit, kann ich bitte in einer Rauchwolke im Boden versinken?)
„Ach wissen sie, ich geh lieber dreimal pumpen, als eine Deutschaufgabe zu lösen.“
(Die Lehrerin in mir schreit empört „Und das traust du dich auch noch zu sagen?“ und die Privatperson denkt „Na logisch, das brauchste MIR nicht erklären. ;D und heraus kommt: NICHTS! Kein Ton kommt über meine Lippen. DAS ist an Peinlichkeit nur noch zu überbieten, indem ich mich jetzt irgendwo anlehne, abrutsche, mich im Kabelzug verheddere und  dabei selbst stranguliere…hach, der Gedanke hat auch etwas für sich.)

Die Situation ist auch nicht leichter geworden, als mein Freund am Ende des Trainings runter kommt und mir brühwarm erzählt, dass er ihn gefragt hat, ob ich den eine nette Lehrerin bin, oder ob er mich heute noch übers Knie legen soll. O___o

Aber der Kerl scheint es locker wegzustecken. Als ich am nächsten Tag in den Unterricht komme, will ich so tun, als wäre das nicht passiert, aber plötzlich schallt es aus der letzten Reihe: Und, schon Muskelkater? Ich so: Ne, der kommt immer erst am zweiten Tag. Und selber?

Der Teilnehmer ist echt klasse. Er redet allgemein wenig und wenn er etwas sagt, dann mit vielen „ja so“, dass man meinen könnte, er wäre nicht sehr helle. Aber dann haut der einem plötzlich aus der kalten in zwei Sätzen absolut tiefgründige Interpretationen hin, die weit über Realschulniveau hinausgehen, dass ich total von den Socken bin. Zum Beispiel als wir bei der Behandlung zu „Der Vorleser“ über das Kapitel 2 gesprochen haben. Da geht es um das Haus, welches der Protagonist in seinen Träumen immer wieder findet, auch wenn die Umgebung eine ganz andere ist. Plötzlich erinnert ihn diese Fassade an etwas und er geht näher ran, die Fenster sind blind, er kann nicht hineinschauen, er umfasst die Klinke und will eintreten, aber die Tür öffnet sich nicht. Alle rätseln rum, was dieses Kapitel überhaupt soll, der Teilnehmer hat in der Stunde noch kein Wort gesagt. Als plötzlich: Ja das ist so symbolisch für die Frau. Die ist ja so genauso, in die kann er ja so auch nicht reinblicken. Die ist Fassade und er kann ihr Verhalten und ihre Gefühle nicht verstehen, wie er auch in das Haus nicht reinblicken kann.

Einfach so, ein Kaltstart.

Inzwischen habe ich ihn regelmäßig beim Training gesehen, wir nicken einander zu, reden mal einen Satz, aber nicht mehr über Schule, nur über Training und es fühlt sich echt okay an, weil der Teilnehmer voll okay ist. Er ist clever, er ist ein Pumper und deswegen verstehen wir uns.

Und dann taucht letztens der nächste Teilnehmer auf…und ob der das so cool managed, weiß ich nicht…Ich weiß inzwischen, dass ich im Studio privat bleiben will, die Lehrerrolle hat dort nichts verloren. Auch ein Lehrer hat mal Feierabend und ist privat. Ich trage weiter meine Asimontur, versuche mich weiter auf mein Training zu konzentrieren. Das Studio ist mein Gottesdienst, das hat mal meine Schwester über mich gesagt und diesen versunkenen, meditativen Zustand will ich beibehalten. Mal sehen, wie das klappt. 😉