Ey, den kenn ich doch…OMG!

Letztens im Studio…

ich habe mich schön aufgewärmt, laufe ganz normal in voller Pumpermontur zum ersten Trainingsgerät. Stell die Tasche ab, werf das Handtuch. Also übers Gerät natürlich! Und lasse den trüben Blick meiner kurzsichtigen Augen schweifen, als eine Silouette sich plötzlich in mein Blickfeld einbrennt…Einer meiner Teilnehmer!

OMG! Wie soll ich mich verhalten? Was soll ich tun?
Erstmal schön gleichgültig rübernicken.
Okay.
War das jetzt arrogant? Denkt der, ich komm jetzt rüber? Oder soll ich lieber gar nicht groß darauf eingehen, dass wir uns kennen? Und wie lauf ich überhaupt rum?
Ehrlich gesagt, war das eine Situation, wie ich sie nachts in meinen Alpträumen durchlebt habe.

Als Lehrerin ist man nunmal Vorbild und ICH bin als Lehrerin echt korrekt. Adrett gekleidet, verberge ich meine Tattoos und die Muskulatur unter langärmligen Oberteilen und stilvollen Jäckchen. Ich sage Sachen wie: Schnief nicht, putz dir lieber die Nase! oder Wie hängst du denn auf dem Stuhl? Es ist Montagvormittag! Wenn du jetzt schon wie ein Schluck Wasser in der Kurve hängst, wie siehst du denn dann Freitag zur 8. Stunde aus? (Trockene Antwort des Teilnehmers war übrigens „Da bin ich dann fällig für die Delfintherapie.“)
Als Lehrerin bin ich immer pünktlich und ordentlich, hab ich auf alles eine Antwort, nehme jeden Blick wahr und gebe jedem das Gefühl, dass ich mich um ihn kümmere. Ich bin echt eklig korrekt.

Gerade darum brauche ich ja die Zeit im Studio, in der ich Asiklamotten in schrillen Farben trage, die viel zu viel Haut zeigen. Dort schnief und stöhne ich, fluche und wisch mir den triefenden Schweiß mit der Hand weg. Kurz: ich bin das genaue Gegenteil meiner Lehrerrolle und das brauch ich auch so.

Beim Anblick meines Teilnehmers krachten jedoch beide Rollen ineinander und ließen mich konfus zurück.

Also habe ich mich e1rstmal ins Training gestürzt, schließlich helfen 45kg Rudern an der Multipresse gut, um den Alltag und alle chaotischen Gedanken zu verdrängen. Doch sobald ich das Gewicht absetzte, fühlte ich mich beobachtet und so, als hätte ich noch eine Rechnung offen, als lauere jemand hinter mir.

So konnte es nicht bleiben. Also ganz relaxt rübergeschlurft und kurz Hallo gesagt.
„Hallo!“
„Na, kommst du diese Woche zum Unterricht? Ich hab gehört, du hättest Motivationsprobleme?!“
(Ach du Scheiße…hab ich das gerade gesagt? Im Studio? So einen Bullshit? Wer spricht da? Die Lehrerin? Und dann auch noch in so einem Ätzvorwurf! Wie peinlich! Wenn ich Schüler wäre, hätte ich jetzt noch weniger Bock auf Unterricht. Oh Shit, kann ich bitte in einer Rauchwolke im Boden versinken?)
„Ach wissen sie, ich geh lieber dreimal pumpen, als eine Deutschaufgabe zu lösen.“
(Die Lehrerin in mir schreit empört „Und das traust du dich auch noch zu sagen?“ und die Privatperson denkt „Na logisch, das brauchste MIR nicht erklären. ;D und heraus kommt: NICHTS! Kein Ton kommt über meine Lippen. DAS ist an Peinlichkeit nur noch zu überbieten, indem ich mich jetzt irgendwo anlehne, abrutsche, mich im Kabelzug verheddere und  dabei selbst stranguliere…hach, der Gedanke hat auch etwas für sich.)

Die Situation ist auch nicht leichter geworden, als mein Freund am Ende des Trainings runter kommt und mir brühwarm erzählt, dass er ihn gefragt hat, ob ich den eine nette Lehrerin bin, oder ob er mich heute noch übers Knie legen soll. O___o

Aber der Kerl scheint es locker wegzustecken. Als ich am nächsten Tag in den Unterricht komme, will ich so tun, als wäre das nicht passiert, aber plötzlich schallt es aus der letzten Reihe: Und, schon Muskelkater? Ich so: Ne, der kommt immer erst am zweiten Tag. Und selber?

Der Teilnehmer ist echt klasse. Er redet allgemein wenig und wenn er etwas sagt, dann mit vielen „ja so“, dass man meinen könnte, er wäre nicht sehr helle. Aber dann haut der einem plötzlich aus der kalten in zwei Sätzen absolut tiefgründige Interpretationen hin, die weit über Realschulniveau hinausgehen, dass ich total von den Socken bin. Zum Beispiel als wir bei der Behandlung zu „Der Vorleser“ über das Kapitel 2 gesprochen haben. Da geht es um das Haus, welches der Protagonist in seinen Träumen immer wieder findet, auch wenn die Umgebung eine ganz andere ist. Plötzlich erinnert ihn diese Fassade an etwas und er geht näher ran, die Fenster sind blind, er kann nicht hineinschauen, er umfasst die Klinke und will eintreten, aber die Tür öffnet sich nicht. Alle rätseln rum, was dieses Kapitel überhaupt soll, der Teilnehmer hat in der Stunde noch kein Wort gesagt. Als plötzlich: Ja das ist so symbolisch für die Frau. Die ist ja so genauso, in die kann er ja so auch nicht reinblicken. Die ist Fassade und er kann ihr Verhalten und ihre Gefühle nicht verstehen, wie er auch in das Haus nicht reinblicken kann.

Einfach so, ein Kaltstart.

Inzwischen habe ich ihn regelmäßig beim Training gesehen, wir nicken einander zu, reden mal einen Satz, aber nicht mehr über Schule, nur über Training und es fühlt sich echt okay an, weil der Teilnehmer voll okay ist. Er ist clever, er ist ein Pumper und deswegen verstehen wir uns.

Und dann taucht letztens der nächste Teilnehmer auf…und ob der das so cool managed, weiß ich nicht…Ich weiß inzwischen, dass ich im Studio privat bleiben will, die Lehrerrolle hat dort nichts verloren. Auch ein Lehrer hat mal Feierabend und ist privat. Ich trage weiter meine Asimontur, versuche mich weiter auf mein Training zu konzentrieren. Das Studio ist mein Gottesdienst, das hat mal meine Schwester über mich gesagt und diesen versunkenen, meditativen Zustand will ich beibehalten. Mal sehen, wie das klappt. 😉

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2 Kommentare zu “Ey, den kenn ich doch…OMG!

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