Guten Tag, wie geht es Ihnen?

Seit einiger Zeit besuche ich eine Fortbildung zur Alphabetisierung von Migranten. Das sind also Menschen aus anderen Ländern, die nicht nur die Sprache lernen müssen, sondern auch die Fähigkeit zu schreiben und zu lesen. Im ersten Fortbildungsseminar ging es beispielsweise darum, welche Schwierigkeiten bei dem Versuch, einen Stift zu halten,entstehen können, wenn man noch nie einen in der Hand hatte. Und wir reden dann von Menschen mit einem Durchschnittsalter von 40, die ihr Leben lang gut ohne Schrift und Schule ausgekommen sind und nun die geballte Ladung auf einmal bewältigen sollen.

Es erschien mir ein unmögliches Vorhaben.

Am Samstag werde ich diese Fortbildung nun mit einem Zertifikat beenden, das mich berechtigt, Menschen genau darin zu unterrichten. Ich fragte mich ehrlich, ob 16 Seminare einen darauf vorbereiten können. Und die Antwort ist: Nein, das können sie nicht. Also besorgte ich mir weitere Lektüre und sprach schließlich bestehende Kurse an, um dort zu hospitieren. Fit dafür fühle ich mich noch immer nicht, aber ich begreife es langsam als machbar.

Was ich in den Hospitationen gelernt habe, ist vor allem eins:

Werte vermittelt man durch Vorleben.

So beginnt jeder Kurs damit, dass die Teilnehmer folgendermaßen einzeln angesprochen werden: „Guten Tag, wie geht es Dir/Ihnen?“ Die Teilnehmer antworten immer „Danke, gut, und Ihnen?“, selbst wenn es Ihnen nicht so gut geht. Das erzählen sie nämlich anschließend auf genauere Nachfrage. Gerade jetzt, während Ramadan, leiden einige unter Kopfschmerzen und allgemeiner Mattigkeit. Aber bei der Fragerunde blitzt auf jedem Gesicht ein Lächeln auf, weil sie merken, dass die Lehrkraft diese Frage ernst meint. Egal was für ein harter Knochen man ist, über aufrichtiges Interesse und ein offenes Ohr freut sich jeder. Und das sorgt für eine gute Atmosphäre. Konflikte gibt es dennoch genug, aber es gibt eben auch das Wissen darüber, wie schön sich das Miteinander anfühlt. Und das ist wichtig.

Wie wichtig es ist, von anderen als Mensch wahrgenommen und geachtet zu werden, erfahre ich derzeit am eigenen Leib. Eine meiner Kolleginen ist dazu schlicht nicht in der Lage. Ihr fehlt einfach die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. So beginnt jeder Arbeitstag seit Monaten mit ihrem Gejammer, Gestöhne, Gezeter und weiteren lautstarken Unlustbekundungen, die entweder von euphorischen (ebenso lauten und nervigen) Episoden unterbrochen werden, oder sich ohne Unterbrechung bis zum Feierabend fortsetzen. Anfangs hatte ich Mitleid. Dann versuchte ich sie als verrückten Vogel anzunehmen. Dann versuchte ich sie sanft zu erziehen. Es krachte immer öfter, ich probierte es mit direkter Konfrontation. Wir sind zu siebt in einem kleinen Büro. Wir arbeiten seit September zusammen. Sie hat mich noch nicht einmal gefragt, wie es mir geht. Oder einen meiner Kollegen. Sie hat noch nie von sich aus Hilfe angeboten, noch sieht sie, wo jemand dringend Hilfe braucht. Für die Teilnehmer ist sie da, da zeigt sie gern, wie cool sie ist. Aber für uns Mitarbeiter wird ihr rücksichtsloser Egozentrismus mehr und mehr zur Belastung. Ständig bricht sie die wenigen Regeln, die wir haben und erzählt das freudestrahlend. Neulich kam sie ins Büro geplatzt, setzt sich zwischen mich und eine Kollegin, mit der ich gerade mitten im Gespräch war und redet mit ihrer Sirenenstimme drauflos. Die Teilnehmerin, die sie mitbrachte, schaute in die Runde, fragte peinlich berührt „Haben wir Sie jetzt unterbrochen?“ Und obwohl sie es nicht war, die uns unterbracht, knurrte ich nur: „Ja, aber danke, dass SIE es bemerkt haben.“ Meine Kollegin schnallte noch nicht einmal diesen Seitenhieb. -.-

Letzte Woche riss mir dann so richtig der Geduldsfaden, gleich zweimal in zwei Tagen. Seitdem war ich jeden Abend auf 180, weil mich ihre Art in den Wahnsinn treibt. Und wieder wird mir klar, wie wichtig gegenseitige Rücksichtnahme und Empathie sind. Was nützt ein Universitätsabschluss, wenn man schlicht nicht in der Lage ist, zu merken, dass die hundertste Aufforderung zum täglichen Alkoholkonsum während der Arbeitszeit nicht mehr witzig ist oder dass gerade die halbe Belegschaft nicht weiß, wie man den Berg Arbeit bewältigen soll, während besagte Kollegin nach stundenlangem Gejammer im Büro plötzlich einschläft und schnarcht. X_x

Für mich steht fest, dass ich in der nächsten Maßnahme jede Stunde mit so einer Fragerunde beginne und es zum Ritual mache, dass jeder Schüler die Frage an einen Mitschüler weitergibt. Es lebe die Empathie!

 

Zum Abschluss noch ein Clip, an den ich in letzter Zeit häufig denken musste. Warum nur…hmmmmm. 😉

Advertisements

5 Kommentare zu “Guten Tag, wie geht es Ihnen?

  1. Wow, es klingt sehr gut, was Du machst.
    Verdammtverdammt gute und notwendige Arbeit.
    Vor allem auch wirklich aus Überzeugung und vom Herzen kommend bei Dir.
    Wirklich sehr schön zu lesen! (ich weiss nicht, wie ich es anders formulieren soll)

    Da mag ich gar nicht von meinem Personaltraining berichten, denn dass ist echt egozentrische Zeitverbrennung.
    In der ich auch mal was tun könnte.
    Statt es mir nur vorzunehmen 😦
    Aber es ist in meinem Kopf und am Wachsen…es wird.

    • Hey, du machst doch das Personaltraining um dich gut zu fühlen. Das ist wichtig! Nur wenn man sich gut fühlt, kann man das auch weitergeben. 😉 Los, erzähl mal genauer, was wächst da? Ich bin neugierig. =)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s