Hoppala

So schnell sind neun Monate herum, meine Schüler haben alle ihren Abschluss geschafft und heute ihre Zeugnisse erhalten. Zeit, ein persönliches Fazit zu ziehen.

Am 01. September 2015 begann der Kurs. Nachdem ich monatelang arbeits- und perspektivlos war, sollte ich nun plötzlich eine Horde junger Erwachsener unterrichten, die einiges hinter sich haben, nur noch keinen Schulabschluss. Da stecken die unterschiedlichsten Persönlichkeiten und Schicksale dahinter und nicht immer ist es leicht gewesen. Ich war oft total überfordert, fühlte mich ahnungslos und unqualifiziert.

Und es war chaotisch. Die Maßname war neu, ich und meine Kollegen waren allesamt neu und ausschließlich Berufseinsteiger. Es gab keine Strukturen, keinen Plan, alles änderte sich von jetzt auf gleich und was gestern galt, war heute schon wieder ganz anders. Manchmal fragte ich mich wirklich, ob das gut ausgehen wird.

Heute kenn ich nun die Antwort: Es ist gut ausgegangen. Nicht für alle. Von über 50 Leuten haben 24 durchgehalten und ihren Abschluss gemacht. Aber erfolgreich sind sie nicht nur bei den Prüfungen gewesen, denn der eigentliche Erfolg zeigte sich in den letzten Tagen.

Jeder meiner Teilnehmer trägt auf seine Weise ein schweres Päckchen aus Frust, Zweifel, Enttäuschung, Traurigkeit, Wut und Angst. Ob es um die eigene Intelligenz, Beziehungen zu anderen Menschen oder Drogen geht, in den letzten Monaten ist jeder meiner Teilnehmer an seine Grenzen gelangt und einige sind dabei auf der Strecke geblieben. Aber es gibt eben auch die, die heute da waren und bei denen haben sich wahre Wunder vollzogen. Da gibt es eine, die durch eine Zwangsehe von der Schule gehen musste und schließlich vor der Gewaltde Ehemannes floh. In Deutschland angekommen kämpfte sie neben allem anderen auch schwer mit der Sprache und brach oft vor Verzweiflung in Tränen aus. Nach intensiver Betreuung haben wir sie für die mündlichen Prüfungen vorbereitet und begleitet und plötzlich übertraf sie sich selbst. Hilfe zur Selbsthilfe war hier das Wundermittel und so schloss sie alle Prüfungen mit 2 oder 1 ab und wurde nach jede bestandenen aufrechter und größer.

Es entstanden Freundschaften zwischen Teilnehmern, die sich stets wie Dynamit verhielten…hochexplosiv. Für diese Menschen sind Beziehungen generell eine große Herausforderung und doch haben sie sich geöffnet, neuen Menschen einen Platz in ihrem Leben geschenkt und sich darauf eingelassen.

Und es gibt die ganz Lieben. Die sich immer selber klein machen, sich nichts zutrauen und unter Widerstand zusammenbrechen. Opfer von Mobbing oder einfach Opfer von Arschlöchern…Arschlochlehrer, Arschlochchefs, Arschlocheltern, Arschlochfreunden, die Palette ist breit. Eine von ihnen ist eine junge Frau, die in ihrem Verhalten teilweise noch kindlich wirkt.  Schon ganz zu Beginn fiel sie auf, weil sie aus dem Stehgreif ein kunstvolles Mangamädchen an die Tafel malte. Doch nicht nur an der Tafel malte sie, auch am PC war sie spitze.

Gestern fragte sie, ob es möglich ist, etwas in A3 bunt auszudrucken. Null Problemo und so überreichte sie uns heute folgendes Geschenk:

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Es zeigt mich und meine Kollegen, die Figur ist sehr schmeichehaft dargestellt, aber das eigentlich Faszinierende ist, dass sie unseren Charakter instinktiv getroffen und gezielt ins Bild gebannt hat. Ganz links die Kollegin ist immer überdreht und schwebt in ihrer eigenen Welt. Sie steht etwas abseits in ihrer typischen Körperhaltung. Auch die Kollegin daneben steht immer exakt so, mit verschränkten Armen und konzentriertem Blick da, wenn sie nachdenkt. Ganz rechts die Kollegin sitzt neben dem einzigen Mann im Büro und die beiden necken und gängeln sich oft spielerisch, genau so, wie man es hier sehen kann. Und die überschwängliche Frau, der fast schon Funken aus dem Kopf sprühen? Tja…sogar den Rock habe ich schon getragen. 😀

Heute nun also der Abschluss und es gab jede Menge Umarmungen und ich war ehrlich gerührt. Chaotisch und auf den letzten Drücker hat mein Team mit vereinten Kräften und wider allen Widerstand eine Party organisiert. Vieles war anders geplant und noch viel mehr konnte nicht realisiert werden. Aber dennoch haben wir eine klasse Party zustande gebracht, bei der die Teilnehmer ganz aktiv geworden sind und richtig gute Ideen mitbrachten.

Und ein weiteres Wunder geschah…viele Kollegen, die schon lange im Haus sind und von den vergangenen Jahren spröde und stumpf geworden sind, wurden plötzlich vom Feuer angesteckt und machten mit. Und wer nicht mitmachte, der staunte und sprach ehrliches Lob und Anerkennung aus, sodass dieses kleine, chaotisch organisierte Fest ein Wendepunkt ist, der Größeres möglich macht und auch das Haus wieder einander näher gebracht hat. Es steckte viel Energie drin, aber ich habe alles doppelt zurückbekommen.

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3 Kommentare zu “Hoppala

  1. Du kannst sowas von Stolz auf Dich sein!!
    Meine vollste Beweunderung.

    Geniess den Sommer, doppelt und dreifach verdient. Mindestens.

    Kommt im September ein neuer Kurs von der Art?

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