zweiter Anlauf

Manchmal fragt man sich ja: Wie kann das gehen, dass aus ehemaligen Mobbingopfern Mober werden?
Oder: Wie kommt es, dass Menschen, die furchtbare Verhältnisse in der Schule erlebt und durchlitten haben beim nächsten Versuch sofort alles daran setzen, diese Zustände wieder herzustellen?
Die einzige Erklärung, die mir einfällt ist, dass diejenigen solche Angst davor haben, wieder zu spüren, wie ihnen die Kontrolle entgleitet, dass sie austesten, wie das System auf ein solch aggressives Vorgehen reagiert und sich dann für den Weg der Macht entscheiden.

 

Ich dachte wirklich, der zweite Durchlauf der BVB-Maßnahme wird ruhiger, weil ich entspannter rangehe. Welch selten dämlicher Gedanken.
Natürlich ist nichts ruhiger. Erstmal mit dem Lehrer die Klingen wetzen und schauen, wie er reagiert, wenn er spürt, dass er unterlegen ist. Da wird geschwatzt und gestört und Party gemacht und egal was kommt, social networking geht vor. Und bei Gegenwind hört man es in den hinteren Reihen: „Ich lass mich doch hier nicht als Asi behandeln!“
Aha, denke ich, da hat also jemand die Erfahrung gemacht und setzt alles daran, mich zu testen, um zu sehen, ob das Ergebnis das gleiche ist.

Was also tun?
Ein Kollege wird dann fies, lässt die Schüler spüren, dass sie dümmer sind, als er.
Eine Kollegin ist so quirlig verrückt, dass die Schüler scheinbar artig sind, wahrscheinlich haben sie schlicht Angst, dass es ansteckend ist.
Und ich?
Ich nerve zurück. In den Pausen oder nach Schulschluss hole ich sie mir einzeln zum Gespräch. Das läuft folgendermaßen ab:

  • der Teilnehmer beschreibt, wie die Stunde aus seiner Sicht lief (er sollte möglichst nicht unterbrochen und nichts hinzugefügt werden)
  • ich beschreibe, wie ich sie wahrgenommen habe
  • Vereinbarungen werden formuliert, auf welche Weise sich der Zustand bessern soll und zwar möglichst von beiden Seiten, das heißt, auch ich kann etwas tun (Beispielsweise: Die Lehrerin ermahnt nicht mehr ständig, bei Problemen nutzt sie Gesten, um für Ruhe zu sorgen.) und so konkret und realitätsnah wie möglich („Ich werde nie mehr stören“ ist weder das eine, noch das andere).
  • Ein Termin, bis zu dem man das gezielt überprüft, wird festgelegt.
  • alles wird schriftlich festgehalten und von allen Anwesenden unterschrieben
  • Ich frage nach, wie der Teilnehmer sich jetzt fühlt.

Damit endet das Gespräch, der Zettel kommt in die Akte und ich habe wirklich gute Erfahrungen damit gemacht.

  1. der Teilnehmer merkt, dass Machtsituationen nicht missbraucht werden, um ihn fertig zu machen
  2. er fühlt sich nicht bedroht
  3. er merkt, dass dem Lehrer wirklich etwas an der Verbesserung der Situation liegt
  4. er merkt, dass der Lehrer nicht sauer ist
  5. er hat die Vereinbarungen selbst in der Hand (die formuliert in erster Linie er selbst, der Lehrer ergänzt nur)
  6. er merkt, dass sein Handeln Konsequenzen hat (immerhin Freiheitsentzug, vielleicht die härteste Strafe überhaupt ;D)

Es dauert ein paar Wochen, bis wirklich klar ist, dass ich nicht die nette Doofe bin, mit der man’s ja machen kann, sondern eine Lehrerin mit Leib und Seele, die einfach ihren Job macht und dennoch für Ruhe sorgt. Nur eben ohne Beleidigungen und Manipulation. Und es funktioniert.

Aber die ersten Wochen sind so………bäh!

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