Die fünfte Woche oder: Wie es ist, längere Zeit für einen Bildungsanbieter zu arbeiten.

Mein Stundenplan auf Arbeit teilt sich in eine A- und eine B-Woche. Die A-Woche ist ganz okay, die B-Woche hingegen vollgestopft mit Unterricht. Die B-Woche saugt mich regelrecht aus.
Eingestellt wurde ich als Lehrkraft für eine Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme. Das erste Jahr habe ich also nur diese Schüler unterrichtet und mich um ihre Sorgen, Nöte und den Förderbedarf gekümmert. Das war anstrengend, aber ich war glücklich. Aufgrund meiner vielen Stunden wurde mir zugesichert, nur diese eine Maßnahme zu unterrichten.
Dieses Jahr hieß es dann, der Personalschlüssel sei ganz anders, als bisher angenommen. Der gesamte BVB-Unterricht müsse laut Plan (Welcher Plan, wo kommt der plötzlich her?) mit 2 Lehrern abzudecken sein, alle Lehrer müssen daher zusätzlich Stützunterricht für Teilnehmer einer anderen Maßnahme erteilen. Natürlich zusätzlich zum bisherigen Pensum.

Außerdem ist ein Integrationskurs gestartet. Bei den Einstufungstests ergab sich bei einigen Teilnehmern ein zu geringer Wissenstand. Sie benötigen einen Vorkurs, den wir leider nicht anbieten. Also was tun? In einer 6-Wochen-Spanne soll versucht werden, die Teilnehmer durch eine Art Mini-Intensivkurs auf das Niveau zu bringen. Wie kann das gelingen? Nun, man schaut einfach bei den Mitarbeitern, wer die nötigen Qualifikationen besitzt, nimmt sich deren Stundenplan vor und füllt die letzten Lücken (Wer braucht schon Vor- und Nachbereitungszeit? Tests können auch in den Pausen korrigiert werden.) mit eben jenem Mini-Intensiv-Vorbereitungskurs. Das ganze mache ich zum Mindestlohn (der in diesem Sektor festgelegt ist) und ohne jegliche Zusatzvergütung oder Boni.

Und dennoch stand ich bis letzte Woche voll hinter meinem Chef, der Firma und dem ganzen Projekt. Denn ich liebte meinen Job. Ich weiß einfach, dass ich dabei viel bewegen und entscheidende Wendepunkte im Leben meiner oft hilflosen Teilnehmer herbeiführen kann. Ich beobachte, wie sie kleine Schritte in ein neues Leben wagen, Wissen erringen, dass ihre Weltsicht eine Spur erweitert, höre, wie sich ihr Sprachschatz langsam anreichert. Und ich liebe mein Team von Kollegen. Wir teilen wirklich Freude und Leid miteinander, stützen uns, kritisieren uns auch vorsichtig gegenseitig. Und wir geben unser Bestes. Zusammen mit Hin- und Rückfahrt gebe ich jeden Tag 11h des Tages nur für meinen Job. Und auch im Feierabend (oder wie jetzt, am Wochenende) geht er mir oft nicht aus dem Kopf. Da bleibt nicht viel Raum für anderes. Ich bin oft zu müde oder erschöpft, um noch andere Leute zu treffen oder Partys etc. zu besuchen. Und das war okay so.

Bis ich diese Woche ein Gespräch mit meinem Chef hatte. Ich wollte eine Fortbildung im Haus organisieren, um strukturelle Probleme zu lösen und unsere Handlungsmöglichkeiten mit den Teilnehmern auszuloten. Mein Chef hat rundweg abgelehnt. Das hätte er mit allen möglichen Argumenten tun können, aber er entschied sich für die verletzendste Art und Weise. Ich habe das schon öfter von anderen Mitrbeitern gehört, dass er sich quasi von jetzt auf gleich vom netten Chef in ein eiskaltes, beleidigendes Arschloch wandeln kann. Jetzt habe ich es selbst erlebt. Statt einfach zu sagen, dass es ihm die Sache nicht wert ist oder er die Kosten nicht tragen will oder sonst etwas sagt er: Wenn es nicht gut läuft, liege das allein an meinen pädagogischen Kompetenzen. Die bringe ich entweder mit oder ich habe hier nichts verloren. Dann soll ich mich nach etwas anderem umsehen. O_o

Nun sitze ich hier und merke, dass damit eine Linie gezogen wurde. Plötzlich stelle ich alles in Zweifel. Wozu racker ich mich ab? Warum sollte ich die zusätzlichen Stunden übernehmen? Warum mich engagieren? Wieso stecke ich mein eigenes Geld wieder in Bücher für den Unterricht? Wofür das alles???

Ich könnte Integrations- und Alphabetisiterungskurse in Teilnzeit für einen wesentlich besseren Lohn unterrichten. Dankbare, höfliche Schüler, Teilzeitarbeit…
Derzeit ist hier so akuter Lehrermangel, dass Quereinsteiger von überall eingestellt werden und nach einem Jahr Arbeit und ein bissschen Prüfung das 2. Staatsexamen anerkannt bekommen. Ich könnte in einer normalen Schule arbeiten und würde den fehlenden Abschluss bekommen. Für wesentlich mehr Geld und weniger Arbeitsstunden.
Mein Freund macht sich gerade selbständig, wir sind also nicht einmal mehr an einen Ort gebunden. Sachsen ist durch viele Rahmenbedingungen noch immer ein echt hartes Pflaster. Bisher war immer einer von uns durch seinen Job hier gebunden. Und eben jene Bindung lockert sich bei mir gerade sichtlich.

So viel Text, das bedeutet wohl, dass mir das schwer im Magen liegt. Ich hatte gar nicht geplant, darüber zu schreiben. Na gut. Jedenfalls war diese Woche eine aussaugende B-Woche. Der Ernährungsplan hat mir da unheimlich geholfen, denn die Vorbereitung habe ich auf ein Minimum reduziert. Geplant ist alles ganz leicht. Es kostet mich nur einen Klick und schon steht der Plan für einen Tag. So plane ich die ganze Woche im Voraus, kaufe auch entsprechend ein. Die Abwechslung leider bei den geringen Kohlenhydrat- und Fettmengen, aber das stört mich jetzt nicht. Im Gegenteil, ich bin froh, dass ich mir gerade keine Gedanken darum machen muss und mampfe alles, was der Plan hergibt.
Das Gewicht sinkt, das Training läuft und all das gibt mir Sicherheit und Halt.

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