Woche 6: Von Vorfällen, Rückfällen und Entscheidungen

Eine große Wende hat sich schon letzte Woche für mich angekündigt. Der letzte Schritt fehlte noch: meinem Freund davon erzählen. Ich wusste, dass er sich total aufregen und wüten würde, wenn er erfährt, wie mein Chef sich aufgeführt hat. Also überlegte ich erstmal in Ruhe, wollte meine Fassung wiedergewinnen.

Bis Dienstag ging das gut. Auf Arbeit lief alles wie immer, nur dass ich dem Chef nicht mehr jeden Tag die Patschehand zur Begrüßung hinhielt. Die Teilnehmer kommen immer abwechselnd. Unmotiviert und unruhig wie immer. Abends ging es zum Training, aber zum ersten Mal hielt ich zuvor inne und fragte, ob wir wirklich gehen wollen. Ich fühlte mich seltsam ermattet, draußen war es eiskalt, die Fußwege von einer spiegelglatten Eisschicht überzogen, ich konnte mir vorstellen, statt zu trainieren lieber mit einem Buch im Bett zu verschwinden. Doch für Slaine gab es kein Halten und so zogen wir schlitternd und rutschend los. Danach war ich so k.o., dass ich ins Bett fiel, ohne zu lüften.
Und ich wache am Morgen mit Halsschmerzen auf.
Die dritte Erkältung seit November.
Kein Training mehr, obwohl ich die schlimmsten Muskelkatereinheiten gerade hinter mir hatte.
Kein Fortschritt.
Und trotzdem treibt mich die Verantwortung für meine Schüler zur Arbeit.

Donnerstag wird alles schlimmer. Dröhnende Schmerzen ziehen vom Nacken zur Schädeldecke, der Hals scheint mit Sandpapier abgeschmirgelt worden zu sein, Schnupfen setzt sich in den Nebenhöhlen fest. Ich fühle mich schlapp. Aber meine Schüler! Der Unterricht muss weiter gehen!
Und so geht es zum Deutschunterricht. Erörterung. Die Hälfte der Schüler hat die letzten Stunden, Tage, Wochen oder sogar Monate verpasst. Also alles nochmal zusammenfassen, erarbeitetes Material austeilen. Die, die immer da waren, warten das Chaos ab und schwatzen. Keiner macht etwas. Langsam beginne ich mit der verbalen Peitsche zu knallen. Es folgen die üblichen Ausreden: „Es interessiert mich nicht.“ „Ich hab das alles im Kopf, wieso muss ich das aufschreiben?“ „Ich kann das schon.“ „Ich versteh das nicht.“ „Das fällt mir schwer. Ich hab jetzt keine Lust.“ Ich renne wie ein Brummkreisel zwischen den Schülern herum, die einen kriegen eine klare Ansage, den anderen erklkäre ich, dass das Material fast vollständig auf dem Blatt steht, sie müssen es nur entsprechend zusammen setzen. Ich helfe ihnen mit dem Anfang und geh zum nächsten. Die erste ist fertig und hat ohne das Material eine wunderbare Erörterung verfasst. Zwei haben das Thema abgeschrieben, der Rest ist in eine Diskussion über irgendwas verstrickt. Ich halte die nächste Predigt, alle reagieren genervt. Manche nehmen den Stift in die Hand. Manche schriben das Thema auf. Einer verfasst spontan eine komplette Erörterung und nervt danach weiter. Einer hält mir ein Blatt hin, auf dem ich nur mit Mühe beim Lesen den Klang deutscher Wörter erkenne. Von Rechtschreibung kann keine Rede sein. Ich ignoriere das vollkommen und versuche dem Inhalt zu folgen, die Struktur von These, Argument und Beispiel zu finden. Mit etwas Mühe geht es. Nun soll er seine aussagen nochmal im Fazit zusammenfassen. Das könne er nicht, es sei zu anstrengend. Ich sage, so laut, dass es alle hören: „Die besten Dinge im Leben sind anstrengend. Lachen ist anstrengend. Sex ist anstrengend. Freundschaft ist anstrengend. Durch Anstrengung wird es wertvoll! Strengen sie sich an und dann können sie stolz darauf sein, was sie geschafft haben. Sonst ist das alles hier nur verlorene Zeit.“ Das zieht. Er setzt sich ran und sagt mir am Ende der Stunde, dass er stolz darauf ist, was er geschafft hat. Und das kann er auch sein. Für ihn war es ein großer Schritt.

Darauf folgen zwei Einzelstunden mit Teilnehmern, die den Realschulabschluss anstreben. Wir behandeln Expressionismus und Gedichte. Es fällt auf fruchtbaren Boden. Sie können damit etwas anfangen und finden das Thema cool. Sternstunden des Unterrichts. Aufatmen.
Und zurück zur ganzen Klasse. Ein Vortrag sollte vorbereitet werden. Keiner hat ihn. Nicht ein einziger. Ich schaue in die Gesichter und sehe, dass sie auch sonst nichts mehr arbeiten werden. „Sie müssen das verstehen. Wir haben gerade zwei Stunden Film in Geschichte geschaut. Wir sind müde.“ „Ich mach in dem Fach eh keine Prüfung, es interessiert mich nicht. Ich hasse Politik!“ „Ich lass mich hier zu nichts zwingen. Sie können mich mal.“
Ich stehe vorn, der Kopf dröhnt, der Körper will nur noch liegen und frage die Klasse: So, was mache ich mit euch. Macht Vorschläge. Keiner hat die Hausaufgabe, ihr wisst, dass ihr alle Vorträge zur mündlichen Prüfung halten müsst. Ihr wisst, dass es nur noch zwei Monate zur Prüfung sind. Wir müssen voran kommen. Also was sollen wir machen?
„Lassen sie uns heimgehen. Hier macht eh keiner mit.“ „Activity spielen, ich bin für Activity.“ Ich bin gereizt und antworte entsprechend. Irgendwie muss heute noch Stoff vermittelt werden. „Das nützt doch jetzt auch nichts, wenn sie das dauernd wiederholen.“ „Das müssen sie doch wissen, was sie mit uns machen. Sie sind die Lehrerin, fragen sie doch nicht uns.“ „Mich interessiert Politik nicht. Ich will damit nichts zu tun haben.“ „Wenn man nur einmal denen da oben die Wahrheit sagen würde. Die echte wahrheit. Was die wirklich machen. Die würden sich aufhängen.“ Den letzten Satz wiederholt der Schüler immer und immer wieder, wie eine Schallplatte mit Sprung, bis ich genervt einhake: „Das gibt es doch längst! Schon mal vom Internet gehört? Annonymous? Whistleblower? Disskussionen auf Facebook? Demonstrationen?“
Entgeistert schaut er mich an. „Echt, das gibts schon?“ Seine Verblüffung ist nicht gespielt. „Ja, sage ich, jeden Tag wird die echte Wahrheit verbreitet, darüber kann man sich informieren. Es interessiert nur niemanden. Euch interessiert es ja auch nicht.“
Und da macht etwas Klick.

Ich wollte diesen Job immer machen, weil mein idealistisches Selbst immer davon ausging, dass unter all den Problemen und Prägungen ein neugieriger Geist schlummert, der nur freigeschaufelt oder geweckt werden muss. Und das ist bei einigen auch so. Aber die meisten sind überzeugt, dass sie genug wissen, dass mehr Wissen nichts bringt. Dass ihr Leben nicht toll, aber okay ist. Es ist ihr Leben und ein anderes wollen sie nicht. Sie hocken in ihrem Sumpf aus verworrenen Beziehungen, Problemen und nervtötenden Verhaltensweisen und finden das annehmbar. Sie schauen nicht neidisch zur grünen Wiese hinter dem Gatter. Sie bleiben einfach sitzen.
Und solange mich der Job nur auslaugt und ich versuche sie aus dem Sumpf zu ziehen, obwohl sie nicht gezogen werden wollen, solange gerate ich selbst in den Sumpf und trete auf der Stelle. Mein Unterricht muss ein Angebot an spannnenden neuen Perspektiven sein, das man annehmen oder ablehen kann ohne dass ich gereizt oder genervt darauf reagiere. Doch mit den näherrückenden Abschlussprüfungen im Genick fällt das schwer. Und die wenigen, die lernen wollen, langweilen sich und leiden an meinen Launen.

Zuhause übermannt mich Frustration. Über den Job, über die Schüler, über meine eigene Resignation und vor allem über die Erkältung. Ich meine, ich ernähre mich verdammt gesund. Ich treibe Sport, ich sorge für Schlaf. Warum erste ich zum dritten Mal in kurzer Folge krank?
Ich kenne die Antwort. Aber die lässt sich noch verdrängen durch das unstillbare Bedürfnis mich mit Fast Food und Süßigkeiten vollzustopfen. Der Drang ist übermächtig, füllt mich vollkommen aus. Aber die Mattigkeit ist stärker, ich kann mich nicht aufraffen, um all den Mist zu kaufen, den ich essen will. Bis zum Ende des Abends werden es dennoch etliche Kilokalorien zu viel. Studentenfutter, Oat-Snacks und Haribo Cola-Flaschen sind zwar nicht gerade der totale Food-Porn, aber es genügt.

Mit dem Geständnis vor meinem Freund fällt auch die letzte Schranke. Ich erzähle ihm von dem Gespräch mit dem Chef und er reagiert genauso aufgebracht und wütend, wie ich es erwartet hatte. Zusammen beschließen wir, dass es reicht.

Ich werde mich nach einem anderen Job umsehen.
So schnell wie möglich.

Gestern habe ich meinem Coach geschrieben, wie es mir geht und auch dort einen Schubs in die richtige Richtung bekommen. Die Diät geht weiter, das Training wird weitergehen, sobald ich fit bin.

Alles wird gut.

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5 Kommentare zu “Woche 6: Von Vorfällen, Rückfällen und Entscheidungen

  1. Puh, das klingt echt verdammt, verdammt anstrengend und hart.
    Es ist sehr schade, dass es nicht geklappt hat.
    Aber wenn eines sicher ist, dann dass es definitiv Alternativen gibt.
    In denen Du gebraucht wirst und die zu Dir passen.
    Du klingst überzeugt und motivert, da sollte sich doch was gutes, vernünftiges finden! (Wobei ich gestehe, dass ich mich in der Branche gar nicht auskenne)

    Gute Besserung, ist echt hart mit dem viel krank werden. Kaum hast Du die schwerste Hürde geschafft (sich immer aufzuraffen) und bist in einem schönen Rhythmus zieht sowas natürlich raus und es fängt von vorne an 😦

    Doch Du bist gut bei Dir Gedanken zu machen und nicht denselben Kreis nochmal zu drehen.Ich könnte mir gut vorstellen dass der Frust und der Stress aus dem Job mit der großen Portion des Privatstress und -erwartungen( Figur und Trainingsleistung) ziemlich an Dir zerren und dass Dein Körper daher schnell vor dem Krankheitsviren/bakterien aufgibt.

    Sind denn die Pläne weg zu ziehen konkret, oder noch Gedankenspiele?
    Das ist nämlich eine ziemliche Baustelle die man aufmacht, kann ich aus meiner Erfahrung sagen 🙂
    Hat vielviel tolles spannendes neues,erfordert aber einiges an Power, sich in einer komplett neuen und irgendwie anderen Umgebung zurechtzuorientieren. Und man nimmt immer seinen eigenen Schrott im Kopf mit, trotzalldem 😦

    So aus Neugier, was macht Slaine eigentlich? Irgendwas mit IT,oder?

    Ein entspanntes Wochenende, werd schnell gesund!

      • Mir geht es mittelprächtig. Derzeit „igele“ ich mich eher ein und unternehme wenig. Ich schiebe es der Jahreszeit zu :-). Arbeitstechnisch bin ich in einem Kampf mit Lehrkräften (ja, tatsächlich). Wobei ich hier mehr mit mir selbst kämpfe als alles andere. Ernährungstechnisch sollte ich mir weniger säurebildende Lebensmittel einverleiben. Also eigentlich alles was gesund ist, nicht zu fett, nicht zu süß und nicht zu scharf. Alles easy :-))). Mein Sport- und Bewegungsprogramm beschränkt sich auf „Lift things up, carry them and put them down“ (Drucker, Monitore, PCs etc. in der Arbeit). Ich habe ein Sportprogramm mehr in Planung als umgesetzt. Wobei es gut und notwendig ist, meinen Arsch in dieser Hinsicht wieder aufzuraffen. Ich lasse mich zu sehr ablenken und konzentriere mich zu wenig auf die für mich wichtigen Sachen.

        Also eigentlich alles ganz prima :-)))).

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