Woche 8: Willkommen auf der Baustelle

Das Beste an dieser Woche war ihr verfliegen. Wusch, war sie vorbei. Seit ich beschlossen habe zu kündigen, ist der Job nicht leichter geworden. Im Gegenteil, so ganz ohne meine rosa „da steckt noch Potential für mehr drin“-Brille ist alles grau und zyklusbedingte Stimmungsschwankungen vervollständigen das Bild. Im Klassenraum habe ich mit eiserner Hand regiert und den Stoff durchgeprügelt. All die Ausreden und Gründe, warum man jetzt gerade nicht mitarbeiten kann oder warum man jetzt gerade schwatzen muss, habe ich mit der Ansage unterbrochen, dass es mir vollkommen egal sei. Ich sie dazu da, zu unterrichten. Warum jemand Wochen oder Monate nicht da war, warum die Unterlagen fehlen, warum man gerade kein Interesse, keine Lust oder andere Ausreden habe, interessiere mich nicht mehr. Mein Job ist es, diejenigen, die noch wollen, gut auf die Prüfungen vorzubereiten und dazu geht es bei mir immer im Stoff voran. Bei Problemen mit den Aufgaben bin ich immer da, aber um fehlende Unterlagen oder mangelnde Motivation müssen sie sich selber kümmern (Kopierer können bei uns genutzt werden, daher ist es wirklich eine Frage der Faulheit). Und dann kam der Moment, andem mir wirklich die Geduld riss und ich mich Sätze sagen hörte, die den Schüler persönlich treffen. Das ist etwas, was ich nie tun wollte und ich verachte mich dafür. Seltsamerweise hat das dazu geführt, dass dieser Schüler zum ersten Mal seit Wochen nach dem Unterricht ein Gespräch mit mir suchte.

Der Schüler verweigert seit Woche jede Mitarbeit, er sitzt im Unterricht, spielt mit dem Handy oder starrt vor sich hin. Anfangs habe ich ihn immer wieder angesprochen, ihn gefragt, wo es klemmt, bis er seinem Sozi erklärte, ich habe ihn auf dem Kicker, würde ihn ständig als Einzigen ansprechen. Wir vereinbarten, dass ich ihn nicht mehr dran nehme, er aber selbst wieder mitarbeiten müsse. Doch das tat er nicht. Diese Woche sollte eine Erörterung geschrieben werden. Ich fragte ihn, ob er nicht langsam etwas schreiben wolle, die Note spielt schließlich eine entscheidende Rolle bei der Frage, ob er zur Prüfung angemeldet wird. Er zuckte die Schultern, die Themen wären nichts für ihn. Ich wies ihn darauf hin, dass Thema D ein selbstgewähltes sei. Er könne sich selbst ein beliebiges Thema wählen. Da falle ihm nicht ein, meinte er.
Ich ließ ihn.
Anschließend in der Doppelstunde Gemeinschaftskunde sollte eine Stationsarbeit zu den Verfassungsorganen bearbeitet werden. Die Schüler hatten sich häufig mehr eigenständiges erarbeiten in Partner- oder Gruppenarbeit gewünscht, also habe ich wirklich viel Mühe und Kreativität in diese Stationsarbeit investiert. Es gab einen Hörtext mit Lückentext-Arbeitsblatt zum vervollständigen, ein Webquest mit unterschiedlichen Aufgaben, ein Puzzle, bei einer Station sollte das Kabinett gezeichnet werden, indem man die Ämter symbolisch darstellte und mit den Zeichnungen der Politiker verband und zum Abschluss gab es noch ein Lernquartett. Ein Feuerwerk an Methoden und Sozialformen. Aber alles, was ich sah, waren gezückte Handys und schwatzende Schüler. Auf Ermahnungen sanken die Köpfe auf den Tisch und vergruben sich in den Armen. Ich sprach jeden einzeln an. Dabei auch jenen verweigernden Schüler, der mir antwortete: Ich habe mir die Aufgaben angesehen, es ist nichts Interessantes für mich dabei. Da platzte mir der Kragen und ich hörte mich sagen: Das tut mir jetzt wirklich leid, dass ich keine Aufgabe dabei habe, die ihren Interessen entspricht. Ich kann nur sagen, dass der Stoff hier im Lehrplan steht und abgeprüft wird. Wenn sie das alles nicht wollen, dann sind sie im Hauptschulabschluss falsch, dann müssen sie woanders hin und singen und klatschen.
Darauf meint einer aus der letzten Reihe, der sich generell für zu schlau hält: Singen und Klatschen, genau das ist das hier doch.

Im Büro erzählte mir diese Woche eine Kollegin nach der anderen, dass sie sich nach neuen Stellen umschauen, eine hatte letzte Woche ebenfalls Bewerbungen abgeschickt. Der schönste Moment ist für mich derzeit, wenn ich morgens allein im Büro bin und nach und nach alle meine Bücher und Materialien einpacke, um sie mit nach Hause zu nehmen.
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Doch nicht nur meine Arbeit fühlt sich nach Baustelle an, das Fitnesstudio wird derzeit umgebaut. Mitten im Betrieb werden Geräte umgeräumt, Bereiche abgesperrt, geschraubt und neue Wände eingezogen. Unser McFit wird ein „Home of Fitness“ mit Kursräumen, Slackline und neuen Geräten. Und das mitten im Neujahrsansturm, wo alle Studios aus den Nähten platzen. Kurzhanteln sind weiterhin ein beliebtes Diebesgut, Geträte sind fort oder an ganz anderen Stellen und alle, wirklich alles ist belegt.
Was kann man da machen? Man stellt seinen Trainingsplan um. Statt einem logischen Ablauf trainiert man „was gerade frei ist“. Nervt, aber nützt nichts.
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Das Gewicht schlägt wieder seine Kapriolen, ein munteres Auf- und Ab. Aber die Klamotten werden wieder weiter und ich fühle mich auch fester an. Das tut gut und gibt mir Stabilität. Wer hätte mal gedacht, dass eine Diät das Beste in meinem Alltag wird? Tatsächlich tut es mir gut, in all dem Chaos etwas zu haben, das gut läuft, mit dem ich zufrieden bin und auf das ich stolz sein kann.
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Heute Abend treff ich meinen Coach wieder und diesmal wollen wir uns die Übungen Flachbankdrücken und Kniebeuge genauer ansehen….ich sehe Qualen auf mich zukommen. ;D

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