Woche 10 die II.: Diätalltag eines Kontrollfreaks

Ich habe es geschafft, die schwierige Einstiegszeit liegt hinter mir. All die Zweifel „Oh, halte ich wohl durch?“ „Werde ich den Aufwand schaffen?“ „Wird es immer so anstrengend sein?“ „Läuft es richtig oder mache ich zu viele Fehler?“ liegen hinter mir. Alltag ist eingezogen. Ein Tag nach dem nächsten vergeht, ohne dass ich mich umschau oder ins Stolpern gerate. Slaine futtert hier weiter munter Pizza oder Essen vom Lieblingschinesen und spült es mit feinstem Rotwein runter, ohne dass ich auch nur mit der Schulter zucke. Alles läuft perfekt.

Perfekt sieht bei mir so aus:
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Das ist meine Küchenwand, jedes Blatt ist ein Tag mit 4 bis 5 Mahlzeiten. Jedes Gramm ist festgelegt. Es gibt 3 Kategorien:

  • TTA (Trainings- und Arbeitstag)
  • NTTA (trainingsfreier Arbeitstag)
  • TT WE (Wochenendtage sind immer Trainingstage)

um überhaupt noch durchzusehen, habe ich die drei Kategorien farblich markiert. Wenn ich Lust auf Abwechslung oder ein anderes Gericht habe, setze ich mich hin und schreibe neue Listen. Manchmal merkt man nach dem ersten oder zweiten Mal, dass etwas stört, dann wird die Liste überarbeitet. Teilweise kleben dort schon drei Versionen übereinander.

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Donnerstags oder spätestens freitags plane ich das Wochenende und die darauffolgende Woche mit wenigen Klicks durch. Spätestens freitags muss dann auch die Einkaufsliste bis zum Feierabend stehen, weil ich auf dem Heimweg schon die meisten Lebensmittel etc. einkaufe. Den Rest hole ich samstags nach dem Training.

Mahlzeiten plane ich in der Woche so, dass ich entweder nur Kaltes zusammenrühren muss, oder für mehrere Tage vorkoche. Verliere ich die Übersicht über die Zutatenmengen (wie z.B. beim Eintopf), lege ich eine Exceltabelle an. So muss ich die jeweiligen Mengen nur noch ablesen.
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Gewicht und Umfänge werden aller 4 Wochen festgehalten…natürlich in einer Excel-Übersicht. Außerdem noch zur Übersicht die täglich verzehrten Makronährstoffe und die Kalorienbilanz.

Feierabend bedeutet für mich derzeit, Klamotten für den nächsten Tag rauszulegen, die benutzten Dosen in den Geschirrspüler zu stapeln und die Mahlzeiten für den nächsten Tag abzuwiegen und zuzubereiten und natürlich das aktuelle Abendessen nicht vergessen. Erst danach ist wirklich Freizeit…außer an Trainingstagen, dann heißt es Tasche packen, Nachtrainingszeug abwiegen und ab zum Sport.

Es läuft perfekt. Wie ein Uhrwerk. Jeder Tag ist präzise. Und vergeht. Die Wochen vergehen.

 

 

Und plötzlich höre ich beim Supermarktschlendern, während ich mit leeren Händen hinter Slaine hertrotte, einen Gedanken, der eigentlich längst überfällig war. Irgendwann musste er auftauchen denn er kommt immer dann, wenn sich alles einspielt, wenn ich mich sicher fühle und der Pfad vor mir gerade, klar und gut befestigt daliegt.

„Wann kann ich denn mal wieder einen Apfelkuchen essen? So einen richtigen, nicht nur ein winziges Stückchen. Einen ganzen Kuchen mit saftigen Äpfeln und Rosinen und Caramel und dazu Wanner-Waffeln…“

Wie immer erschrak ich kurz über den Gedanken, denn ich weiß um seine Macht. Die Macht, alles Feste aufzulösen und mich in das abenteuerlich strudelne Chaos zu reißen, wo man alle Kontrolle fahren und sich einfach treiben lässt.

Denn genau das steckt hinter dem Gedanken. Es geht doch eigentlich gar nicht um Apfelkuchen oder Pizza, es geht um meinen Verstand, der sich nach einer Pause sehnt. Einfach mal Sendepause machen, nicht dieses Gefühl, bei einem langen Schlittenhunderennen ständig alle Zügel fest in der Hand halten zu müssen. Ein Ende der To-do-Listen. Urlaub von der Kontrolle.

Das Alles weiß ich nicht erst seit heute. Aber wie macht man Sendepause? Meine Lieblingskollegin geht in den Garten und schuftet. Eine andere putzt, eine weitere kocht. Und ich? Ich lese…verdränge alles, um mich in die Abenteuer anderer zu flüchten. Doch immer öfter werden ich wieder rausgerissen. Nicht einmal dort lassen mich die To-do-Gedanken in Ruhe.

Wie macht man Pause? Wie genießt man das Jetzt? Wo gibt es echt Ruhe?

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6 Kommentare zu “Woche 10 die II.: Diätalltag eines Kontrollfreaks

  1. Wow, die Listen sind beeindruckend.
    Ich befinde mich gerade im Strudel abwärts. Im Chaos. Ich glaube, ich brauche gerade diese Ruhe.
    Und ich habe so eine Angst, da nicht mehr rauszufinden.
    Was tun mit diesem Bedürfnis?
    Let’s find out.

    • Einfach zierlich :-). Was den Apfelkuchen angeht: Ein Stück reicht :-)))))). Wer bitte isst einen ganzen Apfelkuchen? Das ist wirklich Mästerei!

      (Hinweis: Keine Sorge, ich kehre immer noch vor der eigenen Türe … ist nur soviel Dreck, da tut etwas Ablenkung gut.)

      • „Wer bitte isst einen ganzen Apfelkuchen?“
        Na ich. 😀
        Ach ne, jetzt ja nicht mehr. Wäre schon schwer, das dem Coach zu erklären. ^^

        Ps: Dein Blog ist ja wieder am Start! Yay! Gleich mal nachlesen, was ich verpasst habe. Da gibts gleich ein paar Seitenhiebe zurück. ;)))

    • Hey Juliandra,
      ich kenne diese Situation nur zu gut. Es ist, als wäre ein Schalter umgelegt worden. Oft kann ich mir in solchen Situationen gar nicht mehr vorstellen, jemals wieder auf Kurs zu kommen. Denke ich zurück an Zeiten wie ich sie gerade erlebe, kommt mir das ganz fremd vor, als wäre es einem Fremden passiert. Was man da machen kann, weiß ich auch nicht. Ich kann nur sagen, dass ich es allein nicht mehr geschafft habe und nun sehr glücklich bin, dass mich ein Coach unterstützt. Aber erstmal: Gönn dir die Ruhe, du brauchst sie ganz sicher. Es passiert ja nichts irreversibles. Lass den Kopf nicht hängen. 🙂

      • Ja, genau so fühlt es sich an! Ich kann mir gerade gar nicht vorstellen, jemals wieder auf Kurs zu kommen!

        Und das, wo es mir zum Schluß sogar richtig Spaß machte. 😦

        Es passiert nichts irreversibles.
        Welch ein Zaubersatz!

        Und doch ist da die Verzweiflung, dass mich das, was ich in den letzten Tagen angerichtet habe, um Wochen zurückwirft. *seufz*

        Danke. Für Deine Worte und Zeilen.

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