12. Woche: die magische Grenze durchbrochen…mal wieder

Endlich habe ich die 80ger-Marke hinter mir gelassen und schon kommen die ersten Zusprüche: „Du hast abgenommen, oder?“. Mir passen Hosen, in die ich lange nicht reingepasst habe, bei anderen Hosen wird der Gürtel ein Loch enger geschnallt. Shirts sitzen besser. Langsam kann man eine Taille erahnen, wo vorher nur Rettungsreifen waren.

Aber ich spüre auch, dass es nun an das „alte“ Fett geht, an die Polster, die schon lange Zeit festsitzen. Es wird anstrengender, ich fühle mich schneller müde, abends habe ich oft richtigen Hunger. Nicht Appetit, sondern Hunger. Und die Lust, sich mal wieder richtig gehen zu lassen, steigt.

Diese Woche war auch die Stimmung mies. Auf Arbeit macht sich eine offen spürbare Resignation breit. Diese Woche hat noch ein Ausbilder gekündigt. Er geht mit mir und hatte den größten Teil meiner Teilnehmer während der Berufsfeldwoche betreut. Meine Mädels sind noch immer geschockt, dass ich so bald geh. Und ich merke, wie sie den Mut verlieren. War ich doch immer positiv eingestellt, hatte immer ein „Taschakka“ in der Hinterhand. Jede meiner Mädels schaut derzeit nach Stellen… Gelacht wird seltener. Aber der Humor wird schwärzer. Kurz vor Feierabend rief noch ein Teilnehmer an, um sich die nächsten drei Wochen krank zu melden. Als meine Kollegin aufgelegt hatte, sagte sie trocken: „Der Arme, er muss so viel Stoff nachholen.“ Ich habe mich vor Lachen glatt verschluckt und die anderen hatten auch Tränen in den Augen.

Und die Teilnehmer?
Manche sind wirklich geschockt, ein paar sind regelrecht aufgerüttelt und begreifen plötzlich, dass das nicht ein ewiges Geplänkel bleibt, sondern dass sie kurz vor ihren Prüfungen stehen. Die nehmen meine Hilfe an, strengen sich an, auch wenn es ihnen unschaffbar erscheint. Aber der größte Teil lässt sich einfach immer weiter gehen. Heute kamen zwei zu spät, passten ca. 1 min lang auf und schossen dann ca. 300 Selfies. Im Unterricht. Und kommentierten das auch noch. Ich warf sie raus…zum dritten Mal diese Woche. Sie kamen nicht zurück, später traf ich sie in einem anderen Fachbereich an, sie hatten sich unter die Teilnehmer dort gemischt, als gehörten sie dazu. Der Ausbilder dachte, das soll so sein und hat sich nicht gewundert. Noch später beschwerte er sich, dass sie erst einfach verschwunden seien und anschließend mit roten Augen und nach Kiff stinkend wiedergekommen seien.
In der anschließenden Ausprache verneinten sie natürlich jeden Drogenkonsum, und zum sonstigen Verhalten hieß es nur: Machen doch andere auch. Und die Lehrer sind auch nicht besser.
Und da haben sie recht! Da werden ständig Raucherpausen zum Stundenbeginn, zur Mitte und zum Ende eingeschoben. Oder man vergisst ganz, dass man Unterricht hätte. Oder man redet nur darüber, wie betrunken man eigentlich noch ist, oder wer den schlimmeren Kater hat. Wenn man nicht sowieso mit dem einen Teilnehmer ein Verhältnis anfängt, während man den anderen Teilnehmer angräbt, um seine Beziehung zu zerstören. Die Leitung weiß davon. Unternommen wird dasselbe wie bei jedem Konflikt…man schleppt ihn ein paar Wochen lang hin, um irgendwann, wenn sich die Lage abkühlt, ein Gespräch zu führen, bei dem freundlich darauf hingewiesen wird, dass es so nicht geht. Anschließend beglückwünscht sich die Leitung zum Durchgreifen und die andere Seite vergisst es schnell.
Ich habe lange versucht, die Konstante in all dem Chaos zu verkörpern und zumindest den Anschein von Korrektheit und Vorbildfunktion zu wahren. Aber ich bin müde. Ich bin auch der Arschlochlehrer überdrüssig, die ständig offen lästern, selbst wenn man in Hörreichweite ist.
Letztendlich wird die Maßnahme für die meisten Teilnehmer nur eine Wiederholung früherer Erfahrungen, ein weiteres Mal:

  • kein Abschluss
  • Lebenszeit vertrödelt
  • schlechte Verhaltensweisen verschärft
  • aufgegeben / versagt
  • jeden Tag als anstrengend und unbefriedigend empfunden
  • kein Geld verdient oder sogar die Schulden vergrößert
  • Freundschaften begonnen und anschließend zerstört (Mobbing ahoi – du bist entweder Opfer oder Täter, dazwischen gibt es nicht viel)
  • kein Stück einer echten Zukunft näher

 

Jeden Tag komme ich heim und will nur ins Bett…Buch lesen. Alles vergessen und bloß nicht an den nächsten Tag denken, wenn man wieder 180 oder mehr Minuten vor der personifizierten Unlust steht und versucht, zu retten, was zu retten ist. Bloß nicht daran denken…es reicht ja, wenn mein Hirn damit nachts um 4 Uhr beginnt…

Noch zwei Wochen…

Ins Studio schaffe ich es derzeit nur am Wochenende. Durchhalten ist angesagt. Die Diät ist längst kein Stein im Weg mehr, sondern zum Halt geworden. Wenigstens eine Sache, die ich unter Kontrolle habe (und ja, mir IST klar, wie krank das klingt ;D), wenigstens etwas, das einfach funktioniert.

 

 

 

 

Diese Woche habe ich auch endlich den Arbeitsvertrag unterschrieben! Und allein der Unterschied zur Abwicklung bei meinen bisherigen Chefs sagt alles.

jetziger Job:

  • ich bekomme einen Vorabdruck eines Vertrages
  • mir wird gesagt, ich werde angerufen, um vorab nochmal zu einem Infomeeting zu kommen, dann höre ich bis 2 Tage vor Antritt nichts. Erst auf meine Nachfrage werde ich eingeladen.
  • Der Vertrag, den ich unterschreibe, hat nichts mit dem Vorabdruck zu tun. Gar nichts.
  • Der Vertrag enthält den Hinweis auf einen Anhang, der die ganzen interessanten Einzelheiten, wie z.B. Urlaub enthält. Der Anhang ist nicht dabei, auf Anfrage erhält man die Auskunft, dass der zur Einsicht in einem Ordner stehe, die zuständige Person weiß nichts davon.
  • Am ersten Tag wird mir das Konzept in die Hand gedrückt und gesagt, ich müsse die Teilnehmer testen. Es werde eine Potentialanalyse durchgeführt, die Kollegin rechnet mit Unterstützung.
  • Es ist nichts vorbereitet, es gibt keine Lehrmittel, kein Büro, keinen Aufenthaltsraum. Wir teilen uns mit Teilnehmern ein PC-Kabinett und werden ermahnt, wenn wir uns zu laut unterhalten.
  • Es gibt keine Einarbeitung, keine Vorbereitung, keine Anleitung…

neuer Job:

  • mir werden nach der Begrüßung Getränke angeboten
  • der Vertrag wird Absatz für Absatz durchgegangen
  • es gibt eine Datenschutzverordnung, auch die wird durchgegangen
  • ich kann Fragen stellen
  • es gibt nicht nur einen Bereichsleiter für sämtliche Fragen, sondern echte Zuständige für unterschiedliche Belange der Startphase
  • ich bekomme eine Einweisung
  • es gibt Mitarbeitergespräche und Evaluationen
  • alles wirkt sehr strukturiert und durchdacht
  • ich unterschreibe exakt den Vertrag, den wir durchgegangen sind
  • ich werde schon vorab mit Material versorgt (um das ich gebeten hatte)

 

 

 

Zwei Wochen noch…

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2 Kommentare zu “12. Woche: die magische Grenze durchbrochen…mal wieder

  1. Tja … eigentlich kann man da ja nur gratulieren. Scheint ja, allen Widrigkeiten zum Trotz, bergauf zu gehen. Mit Licht am Ende des Tunnels und so… 🙂

    • Danke, ja, so ist es. Ohne Coach und meinen Lebenspartner wären mir einige Entscheidungen wesentlich schwerer gefallen. Zum Glück habe ich jedoch so gute Unterstützung und kann mich auf die Zukunft freuen. 🙂

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