Woche 17: Kein Schlachtplan übersteht den ersten „Feindkontakt“

Puh, was für eine turbolente Woche. Montag war mein erster Arbeitstag. Nach einem Bombardement mit Infos war ich vollkommen k.o., ich bin nicht einmal zum Trinken gekommen und nach Feierabend direkt mit dröhnenden Kopfschmerzen ins Bett gefallen.

Dienstag dann der erste Unterricht. Mit der Vorstellungsrunde (jeder erzählt etwas über sich und streut eine Lüge ein, die anderen raten dann, was wahr ist und was gelogen) hatte ich das Eis gebrochen und einen guten Start hingelegt. Aber es dauerte nicht lang und die ersten Klagen kamen.

Ich unterrichte nun also deutsche funktionale Analphabeten und das erste, was man lernt, ist, wie viel Angst mit dieser „Diagnose“ einhergeht. Funktionale Analphabeten verstecken sich jahrelang, durch Verschleierungstaktiken fallen sie oft lange Zeit nicht auf. Bloß niemandem auffallen, ist die Devise. Funktionale Analphabeten haben einen Horror vor: Beobachtet zu werden, Veränderungen, Unvorhergesehenem, davor dass jemand ihr Probleme entdeckt, davor als dumm eingeschätzt zu werden, generell von anderen eingeschätzt zu werden, entmündigt und wie ein Idiot behandelt zu werden, in peinliche Situationen zu geraden, Überforderung und fremden Einflüssen.

Meine Gruppe ist schon eine Weile zusammen, sie haben ihre alte Lehrerin abgöttisch verehrt. Nun begann also am Dienstag ein neuer Kurs mit einer neuen Lehrerin, die alles anders macht. Die soll bloß nicht glauben, dass die sich mit Kinderkram abgeben oder sich für dumm verkaufen lassen.

Jubeln andere Schüler, wenn man nur „Spiel“ erwähnt, rutschten hier bei dem Wort einige Stühle vom Tisch weg und Arme wurden vor der Brust verschränkt. Spiele sind für Kinder und man ist schon lang kein Kind mehr. Den Sinn von Kompetenzen oder Lerntypen und deren Ertestung Schülern näher zu bringen, ist immer schwierig, aber hier erntete ich einen Entrüstungssturm. Dahinter steckt die Angst, von anderen in Schubladen gesteckt und entmündigt zu werden, ohne sich wehren zu können. Mandalas zur Entspannung? Was soll der Mist?!%$&

Am Donnerstag stand dann auch noch der Umzug in eine andere Etage an: neuer Raum, andere Raumeinteilung, weniger Platz, anderes PC-Kabinett, die PCs wollten nicht funktionieren, die altbekannte Software funktionierte nicht und dann lagen die Nerven bei allen blank. Ich hatte das Gefühl, am Ende eines langen Eiertanzes sämtliche Eier zerbrochen zu haben, bis zu den Knien in zähem Schlamm zu stehen und mit jedem Schritt tiefer zu rutschen. Ich war fix und alle. Und meine Teilnehmer auch. Die gingen erst mir an die Gurgel, anschließend einander und dann waren sie nur noch wütend, wollten aber nicht mehr sagen, warum.

Ich so…

Mit bangen Knien schlufte ich heute zur Arbeit. Das Telefon klingelt und die erste Teilnehmerin berichtet, dass es ihr gestern zu viel war, sie komme heute nicht.  Mir rutscht das Herz in die Hose, nicht nur, dass ich meinen Job verliere, wenn mehrere Teilnehmer die Maßnahme abbrechen, ich fühlte mich auch als Lehrer wie ein Vollversager. Ich versprach ihr, dass nun das Schlimmste überstanden sei und es von nun an ruhiger werde. Alles wird sich entspannen.

Im Unterricht beginne ich immer mit einer Gesprächsrunde, erstmal die Stimmung sondieren. Da zeigten sich noch die Sturmwolken von gestern, kaum einer hatte gut geschlafen, alle waren ziemlich k.o. Doch dann lichteten sich die Wolken. In der Erschöpfung wollte keiner neuen Stress, jeder sehnte sich nach Harmonie und Ruhe. Ich sorgte für geregeltes Arbeiten.

„Freitag nach Eins macht jeder seins“, war schon vorher im Kurs das Motto. Jeder sucht sich seine Beschäftigung, nur Handyspiele und Schwatzen gelten nicht. Wieso gute Sachen ändern? Aber als ich den Startschuss gab, passierte nichts. Keiner suchte sich was, keiner rührte sich… als wäre der Stecker gezogen. Also zeigte ich konkrete Wahlmöglichkeiten auf. Hier die Arbeitsblätter für neuen Wissensstoff, dort ein Reim-Memory, da die Lük-Kästen, nicht passierte. Also holte ich noch ganz vorsichtig die Lern-Mandalas raus. Interessierte Blicke…ich erkläre die Aufgabe (Es ist immer eine Zuordnungsaufgabe damit verbunden.) und die ersten Hände streckten sich mit entgegen.

Und dann schaut sich der Gruppenchef, der beim letzten Mandala absolut erbost über die Aufgabenart war, in der Gruppe um. Überlegt. Schließlich sagt er die erlösenden Worte: „Dann gib mir auch mal so ein Mandala.“

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2 Kommentare zu “Woche 17: Kein Schlachtplan übersteht den ersten „Feindkontakt“

  1. *tröst*
    Puh, so stellt man sich den Beginn in einem neuen Job echt nicht vor. Aber nehmen wir es als Generalprobe. Und wenn die versemmelt ist, wird die Aufführung ja angeblich gut.
    Ihr fremdelt noch. Beide Seiten. Beschnuppert Euch, findet raus, wie Ihr tickt und dann gehts viel besser! *tröst*

    • Danke dir. 🙂 Ich denke auch, am Anfang werden die Regeln ausgehandelt und danach wird es besser. Die Woche war echt anstrengend und dennoch freue ich mich schon wieder auf Montag. Wenn das kein gutes Zeichen ist… 😉

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