18. Woche: abgenommen-angenommen

Die zweite Arbeitswoche ist herum und ich lebe noch. Und mehr als das, ich kann mir langsam vorstellen, dass das richtig gut wird.

Am Montag konnte ich mit lauter kleinen Dingen aufwarten, die auf einzelne Teilnehmer zugeschnitten waren. Ein Teilnehmer verwechselte immer l und n. Also zeigte ich Folgendes:

Nun sollte er „l“ sagen und überlegen, wie die Zunge dabei im Mund liegt (Zunge unten, aber vorn macht sie einen „Knick“ an den Gaumen). Ich fuhr die Form meiner Finger nach und sagte, dass es doch ungefähr so sein muss. Hinten flach und vorn biegt sie sich nach oben. Nun drehte ich die Finger (2. Bild) und fragte, welcher Buchstabe so aussieht. Ob er damit das „L“ wirklich besser merkt, wird sich erweisen. Aber seitdem ist ihm klar, dass ich nicht der Feind, sondern auf seiner Seite bin. Solche Kleinigkeiten wirken Wunder.

Ein Teilnehmer baggert mich dauernd an und will sich immer beweisen. Den habe ich mir diese Woche ein bisschen zur Brust genommen und das wird nicht das letzte Mal sein. So verrückt das klingt, aber dadurch bekam ich den Respekt der Gruppe. Klare Grenzen sind eben immer wichtig, egal, mit welcher Klientel man es zu tun hat.

Es flossen auch ein paar dicke Tränen. Ein Teilnehmer hat sich selbst furchtbar unter Druck gesetzt. Bei diesem Bad in purer Versagensangst wollte nichts mehr klappen. Totale Lernblockade. „Ich kann gar nichts mehr, ich werde immer schlechter!“ Da hilft nur Händchenhalten und gut Zureden „Du bist nicht schlechter, du hast einfach einen schlechten Tag.“ Am nächsten Tag wurden munter Aufgaben gelöst, die vorher strikt abgelehnt worden sind. Kleine Gesten, große Wirkung.

Schon am Montag sagte ich, dass ich gern Kaffee mit der Gruppe trinken würde, weil ich sonst gar nicht zu einer Pause komme. Nun bekomme ich meinen Kaffee in meiner Tasse auf den Tisch gestellt und höre Kommentare wie: „Nun setzen Sie sich erstmal, sie brauchen doch auch ihre Pause.“

Bisher kenne ich Unterricht nur als Dauerlauf. Rein in den Unterricht, die verbale Peitsche knallen, Einstieg, Aufgabe, nächste Aufgabe, antreiben, helfen, Lösung vergleichen, weitertreiben, raus. In der BVB habe ich deswegen mit dem Vorlesen begonnen, einfach um für alle eine Ruhephase reinzubringen. Nun habe ich eine Gruppe, bei der Tempo eine untergeordnete Rolle spielt. Die Teilnehmer wollen alle Fortschritte machen, am liebsten gleich heute den ganzen Stoff fürs nächste Jahr. Statt antreiben ist jetzt drosseln und beruhigen angesagt, aufpassen, dass sich keiner überfordert. Mut machen, zeigen, was sie alles bereits geschafft haben und schon sicher beherrschen. „Oh Gott, die Geduld hätte ich nicht. Das wäre mir viel zu langsam.“, sagt eines meiner Mädels (frühere Kollegin). Ich muss schmunzeln, denn mir war der andere Unterricht immer viel zu schnell, ich liebe dieses Arbeitstempo. Endlich hat man mal Zeit für individuelle Hilfen und wirklich differenzierte Lernunterstützung. Und endlich ist all das gehortete Material zu etwas nutze. Außerdem hat man Zeit für die schönen Dinge, wie zum Beispiel Raumschmuck:

Oder Ostereier färben. 😀

Gestern habe ich auch meine alten Mädels getroffen. Zusammen saßen wir bei einem unverschämten Italiener mit unterirdischem Service, dafür aber hautengen Hosen und tauschten die neuesten Geschichten aus. Auf der alten Arbeit nimmt der Druck zu, die Abwärtsspirale dreht sich, ich bin wirklich froh, dass ich da raus bin. Aber bei all dem furchtbaren Zeug haben wir doch wieder gelacht. Und da merkte ich, dass ich das sehr vermisst habe. Mein neuer Arbeitgeber ist absolut seriös, strukturiert, alle sind freundlich. Das ist prima. Doch das Chaos beim alten Träger sorgte eben für die typischen Schicksalsgemeinschaften, die Leute zusammenschwört und schwarzen Humor zur Kommunikationsform erhebt. Und genau den beißenden Humor und das herzliche Lachen habe ich echt vermisst. Umso schöner war der Abend für mich. Und dann gab es auch noch Geschenke! Da ich vor meinem Geburtstag von der Arbeit geflüchtet bin, bekam ich mein Geburtstagsgeschenk mit dem Abschiedgeschenk zusammen. Und was soll ich sagen: Es hat mich umgehauen, wie gut mich die Mädels kennen.

Tja…und eigentlich sollte es hier um die Diät gehen. Die 18. Woche in Folge ist fast rum. Ich habe gemerkt, dass ich einfach kein großes Mittagessen in der kurzen Pause schaffte. Nachdem ich mehrere Tage hintereinander mein Essen in Dosen mitgeschleppt und genauso zum Feierabend wieder mit heim genommen habe, war klar, dass ich etwas anpassen muss. Also nehme ich jetzt nur noch die Zwischenmahlzeit und die Abendmahlzeit mit. Das Mittag esse ich in Ruhe abends. Das schlug zunächst auf der Waage zu Buche. Doch auch das gab sich wieder. Ich denke, ich habe die 78kg endlich hinter mir gelassen und bewege mich zielsicher auf die 77 kg zu. Unglaublich! So wenig habe ich seit einigen Jahren nicht mehr gewogen. Im November letzten Jahres konnte ich mir nicht einmal vorstellen, jemals wieder unter 80kg zu kommen. Und nun geh ich ganz zielsicher stetig auf die 70kg zu. Fantastisch…und mir geht es richtig gut damit.
Durch den Stress kam ich seltener ins Studio. Nächste Woche wird das noch so bleiben, da ich mit der Gruppe nach Berlin zur Exkursion fahre. Das wird aufregend! Und ich werde schlemmen…das brauchen meine Nerven dann. Aber ich bin auf dem Weg und kann das Ziel erahnen. ;D

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