Ich bin doch kein Analphabet

Letztens fragte RTL an, ob sie bei uns filmen und interviewen dürfen. Beim MDR oder Arte hätte ich mir das überlegt, aber RTL nehme ich das „Wir wissen, dass es sich um ein sensibles Thema handelt“ einfach nicht ab.

Das sahen meine Teilnehmer genauso. „In der Öffentlichkeit sagst du genau EINMAL, dass du Probleme mit dem Lesen und Schreiben hast…und dann nie wieder.“, fasst einer seine Erfahrungen zusammen. „Weißt du wie das ist, wenn man dir ‚Hilie‘ hinterherruft?“ Ich kannte den Begriff gar nicht…es ist eine schmähende Abkürzung für Hilfsschüler, wird mir erklärt.

Probleme mit der Rechtschreibung und Grammatik haben viele Menschen, aber Analphabeten wissen um diese Schwäche und empfinden es als Stigma, dass sie vom normalen Leben ausschließt. Verstecken ist angesagt, Kinn hoch und bloß keine Schwäche zeigen. Weil keiner merken darf, wie große Mühe das Lesen und/oder Schreiben bereitet, vermeidet man es ganz. Man kann ja nicht um Hilfe fragen.

Für Analphabeten ist vieles eine Qual bis hin zur Unmöglichkeit, was für uns selbstverständlich ist. Den Weg in Gebäuden oder zu Adressen finden, eine Tür öffnen (Türöffner, drücken, ziehen..alles Schrift und immer Menschen in der Nähe, die gleich rufen: „Kannste nicht lesen? Steht doch drauf!“), im Supermarkt orientieren (Mehl und Zuckertüten sehen sich sehr ähnlich, doch wenn man Mehl mitbringen soll und mit Zucker wiederkommt, ist das schwer zu erklären), Verträge oder Formulare ausfüllen, eine Speisekarte lesen und Essen bestellen, Internet und Handy bedienen, über Whatsapp schreiben, einen Einkaufszettel verfassen, Nachrichten verfolgen.

Und immer die Angst vor dem Satz „Kannste nicht lesen?!“.

Dabei können sie ja lesen. Der Begriff Analphabet ist furchtbar. Man assoziiert automatisch Menschen, die kaum wissen, wie man einen Stift hält. Dass diese Menschen sich jahrelang in der Schule durchgequält haben, oft mehr ins Lernen investiert haben, als alle anderen, häufig einen Berufsabschluss haben, kann sich kaum jemand vorstellen.

Die Hälfte meiner Schüler liest flüssig, besser als mancher meiner Hauptschüler. Die Fähigkeit zum Lesen und zum Schreiben kann weit auseinander klaffen. Nicht jeder, der mühelos liest, kann auch ebenso mühelos Buchstaben zu Wörtern anordnen. Viele haben eine LRS und Probleme, die Reihenfolge der Buchstaben richtig zu erkennen.

Und es gibt natürlich auch die, die sich mit jedem Buchstaben abmühen. 26 Buchstbaen umfasst das deutsche Alphabet, dazu die Umlaute, das ß, Zwielaute (ei, au, eu, äu, ie) und weitere Buchstabenkombinationen, die zusammen einen Laut ergeben (ch, sch, st, sp, nk, ng). Manche Buchstaben und Buchstabenkombinationen werden unterschiedlich ausgesprochen (st in Stil und Stiel, das v in Vater und Vase, das ch in Milch, Bach und Lachs, das e am Wortende, denn niemand sagt End-E, man spricht eher etwas wie Endö). Das Sächsisch verschlimmert alles, weil wir alles weich sprechen, sodass p, t, k kaum von b, d, g unterschieden werden können. Und dann gibt es noch die deutsche Auslautverhärtung, die am Wortende alles hart klingen lässt, sodass man alle Wörter verlängern müsste, um herauszufinden, welcher Buchstabe wirklich dorthin muss. Es gibt stumme Buchstaben, die das „e“ im „ie“ und das Dehnungs-h, die man zwar schreiben soll, aber nicht hört. Und die Ausnahmen… „Der Weg ist weg.“ Das zweite und vierte Wort klingen anders, warum werden sie dann gleich geschrieben? Was für uns in jahrelangem Unterricht eingetrichtert und gefestigt wurde, stellt für andere ein unübersichtliches Chaos dar, das sich nicht beherrschen lässt.

Einer meiner Teilnehmer kann zum Beispiel nur sehr schwer Buchstaben zu Wörtern verbinden. Soll er in einer Übung eine willkürliche Buchstabenverbindung wie zum Beispiel „gelkindor“ lesen, funktioniert das nicht. Doch einfache Texte mit gebräuchlichen Wortern liest er fast flüssig und begreift auch den Sinn. Wie kann das sein? Ganz klar, er hat ein riesiges Inventar an Wörtern als Bild abgespeichert und mit dem Klang verknüpft. Er hat buchstäblich die Wörter auswendig gelernt. Das ist eine enorme Gedächtnisleistung. Ein anderer erzählte, dass er regelmäßig zum Einkaufen für eine ganze Gruppe geschickt wurde. So sollte er zum Beispiel regelmäßig Frühstück kaufen. Drei Mohnbrötchen, fünf Sesam, drei Vollkorn, zwei Stück von diesem Kuchen, eins von jenem, dazu Butter, unterschiedliche Marmelade, Aufschnitt, Käse. Alles ohne Einkaufszettel und wenn es dann die eine oder andere Sorte Brötchen nicht gab, musste spontan umgeplant werden, ohne die gesamte Liste zu vergessen. Ein anderer erzählte, er habe mit SAP gearbeitet. Er hat einfach die Kollegen um Hilfe gebeten, weil er seine Brille vergessen habe. Und dann hat er sich jeden Tastendruck eingeprägt. Jeden einzelnen Tastendruck.

Meine Teilnehmer wissen natürlich, dass sie in einem Lese- und Schreibkurs sind, aber das Wort „Analphabet“ nimmt keiner in den Mund. Dieser Begriff begräbt Leute, man vermeidet ihn. So kam es, dass ein Teilnehmer erst durch die Anfrage von RTL begriff, dass dieser Begriff für ihn verwendet wird. „Aber ich bin doch kein Analphabet! Ich kann Lesen und Schreiben. Ich bin doch nicht dumm, nur langsam.“ Und schon kullerten Tränen. Mit diesem Begriff belegt zu werden, war für ihn die Hölle, wie ein Todesurteil.

Einmal Analphabet immer Analphabet?

Fakt ist, dass es hier nicht um Faulheit geht. So wie ich immer überlegen muss, ob links wirklich links ist, bevor ich abbiege, so geht es meinen Teilnehmern mit dem Lesen und Schreiben. Bei der Unterscheidung von Links und Rechts ist nur ein kurzer Moment der Konzentration nötig, nur eine „Entweder-oder-Entscheidung“. Meine Teilnehmer müssen dieselbe Konzentration für unzählige Buchstabenkombinationen, verwirrende Regeln und Unregelmäßigkeiten aufbringen. Und wie bei meiner Links-Rechts-Schwäche bleibt kaum etwas „hängen“, man muss es ständig trainieren, um voran zu kommen. Trainiert man nicht, fällt man zurück. Nach zwei Wochen Urlaub scheint man wieder vom Startfeld zu starten. Das ist mühsam und frustrierend. Meine Teilnehmer stellen sich dem. Tag für Tag trainieren sie, um keine Angst mehr vor anderen Menschen zu haben, keine Angst vor der Entlarvung zu haben. Sie wünschen sich nichts mehr, als perfekt lesen und schreiben zu können.

Worauf ich stets antworte: Niemand liest und schreibt perfekt. Selbst Nachrichtensprecher verlesen sich und Deutschlehrer verschreiben sich oder googeln die Rechtschreibung. Weniger Fehler machen und damit weniger Angst haben müssen, das ist das Ziel.

Das Wort Analphabet ist furchtbar…es sind Menschen, die Probleme mit dem Lesen und/oder Schreiben haben.

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