Personal-Albtrainer

Nach 4 Wochen schlemmen, ruhen und Spaß freute ich mich schon am Sonntag auf die Rückkehr zum Plan. Ich werde die Insulinausschüttungen, den guten Schlaf, die atomsicheren Nerven und die Ruhe vermissen, doch andererseits freute ich mich schon vorher auf all die Vorteile des Lebens nach Plan, die da wären:

  • fitter fühlen, alles fällt irgendwie leichter
  • weniger Gewabbel/Zellulite/Besenreißer und Wasser in den Beinen
  • Gefühl von Kontrolle
  • Gefühl, gesünder zu leben
  • mehr Wohlgefühl im Körper, Spaß daran, sich zu zeigen und sich zu bewegen
  • Klamotten kneifen weniger, Beine scheuern sich nicht beim Gehen wund
  • weniger Kosten (man kauft einfach viel weniger)
  • Spaß am eigenen Werde-Prozess, an den spürbaren Veränderungen

Auf all das freute ich mich am Sonntag. Mir graute nur vor einem: dem gemeinsamen Training mit Marcel

„Das wird halb so wild. Es geht ja nicht darum, dich fertig zu machen. Wir können auch nach deinem Plan trainieren. Ich will nur mal hören, was du dir so dabei denkst.“

-Marcel vor 4 Wochen

Montagmorgen standen alle Tupperdosen wartend im Kühlschrank, die Sportklamotten lungerten schon im Rucksack und ich startete gut in den ersten Diättag. Die Tage zuvor war ich tief im Insulin-Suchtdruck. 2-3 Stunden ohne Zucker? Dagegen musste sofort etwas unternommen werden! Ich konnte mir an diesen Tagen nicht vorstellen, auch nur 5 Stunden ohne Zucker auszuhalten. Doch als ich kurz nach 16 Uhr zum Training aufbrach, musste ich feststellen, dass da gar ein Suchtdruck mehr war. Ich fühlte mich sogar satt…ein Gefühl, dass ich in den letzten Wochen nicht kannte. Da gab es nur „Bloß nicht bewegen, sonst reißt der Magen!“.

Meine Kohlenhydrat- und Fettspeicher waren prall gefüllt, ich war ausgeruht und entspannt, hatte mich von Slaine verabschiedet (Falls ich es nicht zurück schaffe: die Katzen kriegen alles!) und machte mich schonmal gemütlich auf dem Stairmaster warm. Und schon kam Marcel grinsend um die Ecke.

Ich durfte die erste Übung bestimmen und so begann das Beintraining mit Bauchübungen im Supersatz. Schon nach dem ersten Satz lief uns beiden der Schweiß buchstäblich in Strömen.

Die zweite Übung bestimmte Marcel: Beinstrecker. Klasse, denke ich, Beinstrecker ist halb so wild. Und dann folgte eine Lektion, die ich nun eigentlich hätte längst begreifen müssen:

Sage deinem Coach nie, dass etwas nicht schlimm ist und du kein Brennen/keine Erschöpfung/keinen Schmerz oder sonstige fehlenden Qualen spürst, denn er kriegt dich dazu, dass du all das in vollkommen ungeahnten Dimensionen erfährst.

Für den Beinstrecker hieß das konkret:

  • geringes Gewicht
  • Ausgangsstellung des Gewichts weit hinten, sodass der Muskel in der Dehnung ist
  • Schultern hinter, anlehnen, Brust raus, Bauchspannung und dann die Füße bis zur Waagerechten hoch und zum Körper ranziehen
  • langsam ab….richtig tief ab
  • und von vorn, keine Pausen

Nach dem Aufwärmsatz brannte mein Quadrizeps wie noch nie in meinem Leben und das Blut strömte in die Oberschenkel, sodass sie sich wie Beton anfühlten.

Da wurde mir dann spätestens klar, dass meine schlimmsten Befürchtungen gerade wahr werden.

Meine schlimmsten Befürchtungen bezüglich Personal Trainern:

  • Sie lassen dich mit wenig Gewicht Wiederholungen machen, bis sich deine Muskulatur anfühlt wie eine Cut-Out-Jeans und du dich wie die letzte Magersüchtige-Cardio-Pussy fühlst
  • Sie stehen wie gegossene Statuen neben dir, glotzen auf deine beweglichen Speckberge und wenn du nicht mehr kannst, rufen sie: Noch drölf Wiederholungen, los!
  • Wenn du nicht mehr kannst, schieben sie leicht das Gewicht mit und rufen: Los, weiter, keine Pause machen UND WIEDER RUNTER, los jetzt!$§“%
  • Während du zwischen Ohnmacht und Rage-Quit schwankst, fällt ihnen ein, dass man jetzt Teilwiederholungen oder Drop-Sätze machen kann.
  • Und für diese Folter zahlst du ihnen einen Haufen Geld.

Ich bin während der ersten Übung kaum über das Auswärmgewicht hinaus gekommen, wusste aber nach 3 „Arbeitssätzen“ nicht mehr, wie man die Beine beugt. Es waren starre Dönerspieße, die sich anmutig wie Piratenholzbeine steuern ließen.

Und Marcel nur so: Also ich habe heute zwei Stunden dafür eingeplant.

Wie konnte es dazu kommen?!?, war der Satz, der mich von da an begleitete. Abbrechen kam nicht in Frage, dafür habe ich zu viel Stolz. Als ich dann die dritte Übung bestimmen sollte, sagte ich trotzig: Kniebeuge. Ich mag aussehen, wie ein verfressener Kobold, aber in Wirklichkeit bin ich ein verfressener Hornochse. Und wenn es darum geht, irgendwem zu beweisen, dass ich Biss habe, dann bringe ich mich lieber um, als zuzugeben, dass es zu heftig ist.

Alle Kniebeugen-Racks waren besetzt und es warteten schon Leute darauf, dass sie frei werden…meine Rettung? Hätte es sein können, aber der Hornochse in mir rief schon: Dann Ausfallschritte. Kniebeuge müssen wir aber danach machen…die gehören beim Beintraining einfach dazu.

Verdammter Trotzkopf!$%§

Nach dem „Aufwärmsatz“ – einmal quer durchs ganze Studio – war klar, dass ich gar nicht mehr als 8kg Kettlebells schaffen kann. Marcel fand ich anhand der Schweißtropfenspur am anderen Ende des Studios wieder, wo er schon auf mich wartete.

„Lass die Gewichte stehen, pass auf, dass die Knie nicht nach innen rudern. Wenn du den Schritt nicht so breit wählst, sondern gerade vor gehst, passiert das nicht. Und ab jetzt machst du keinen Zwischenschritt mehr, deine Knie bleiben gebeugt, sodass du quasi schleichst.“

Ich „schlich“ los…auf dem letzten Loch pfeifend wie nach einem Senfgasangriff. Alle anderen waren mir egal, ich sah schemenhaft Leute ausweichen und sich an die Wand schmiegen, während ich mein persönliches Armageddon durchlebte.

Marcel hatte die Squat-Forderung nicht überhört, die Racks waren noch immer besetzt also schleifte er mich zur Hackenschmitt. Es ist wirklich ewig her, dass ich diese Geräte nutzte. Damals habe ich mit dem bloßen Schlitten aufgewärmt und maximal 30kg aufgeladen. Nun sollte ich mit 15 kg aufwärmen, obwohl meine Beine nur noch schrien, mein Kreislauf eckig lief und mein Nervengerüst in sich zusammengestürzt war. Zu dem Zeitpunkt hasste ich Marcel, ich spürte pure Verachtung durch meine Venen rinnen und fürchtete um meine Beherrschung. Bis dahin war alles sehr hart aber irgendwie machbar gewesen. Aber nun war ich an meine Grenzen gekommen. Mir war schlecht, der Schweiß brannte in den Augen, ich konnte gar nicht so viel atmen, wie ich Sauerstoff gebraucht hätte und ich wusste nicht, wie ich noch einen Schritt schaffen soll.

Ich packte meine Bissschiene zwischen die Beißer, Marcel tönte wieder „Nicht so tief und oben die Beine nicht strecken, langsamer runter, explosiv hoch und oben keine Pause machen“, die ersten Stöhnlaute ritten auf Speichelfetzen zwischen meinen verzerrten Lippen dahin und dann schob Marcel den Schlitten an und brüllte:

Los, weiter, keine Pause machen UND WIEDER RUNTER, los jetzt!$§“%

Und natürlich bezahle ich ihn dafür.

Irgendwann, inzwischen stapelten sich fröhliche 40 kg auf dem Schlitten, wurde mir klar, dass ich echt laut rumgrunze, aber es war mir egal…alles wurde mir egal. Da war keine Energie mehr für Wut oder Furcht oder irgendeine Emotion. Es mag lächerlich klingen, aber ich stand unter Schock. Als hätte ich mich gerade mehrmals überschlagen während der Kopf sich weigert, das zu begreifen.

Wie hatte es soweit kommen können? Wie bin ich von Steak und Eiscreme in dieses Kreißsaalsetting geraten?

Darauf folgte die Beinpresse. 90kg Aufwärmsatz…eigentlich easypeasy…aber natürlich nicht an diesem Tag. Marcel legte ordentlich Gewicht auf…er trainierte ja die ganze Zeit mit. In kurzen Hosen, die er schön hochzog, damit man die volle Pracht wettkampftauglicher Muskulatur live bei der Arbeit beobachten oder ggf. fürs Anatomiestudium lernen konnte. Alter Angeber. ;p Waren am Beinstrecker noch alle Fasern klar getrennt zu beobachten, war dann nach der Hackenschmitt schon der Tropfen über dem Knie prallvoll gelaufen, wie eine geladene Wasserbombe. Nun, in der Beinpresse angekommen, sah auch er Sternchen und von Fasern war in den Quatrizeps nichts mehr zu sehen. Alles war zum Platzen vollgepumpt. Aber gnädiger stimmte ihn das nicht. Typen wie Marcel stehen genau auf solche Grenzgänge…für die fängt das Training erst da an…andere gehen zur Domina…

„Was hältst du von Dropsätzen?“

„Nichts. Lass mich lieber noch 2 Scheiben drauflegen und dann nur 5 Wiederholungen machen.“

„Quatsch, wir sind doch keine Kraft-Dreikämpfer“

„Ach, mach doch, was du willst.“

Und das machte er dann auch…mit anbrüllen, kniend den Schlitten mitschieben und weiteren Anweisungen, die ich geflissentlich ausblendete, während ich wahrscheinlich unbemerkt sieben Kinder gebar…dann flupp zwei Scheiben runter und sofort weiter.

Und plötzlich kommt so ein süßes, nabelfreies Cardio-Reh angehopst und fragt Marcel in Regenbogen-Einhorn-Stimme: „Oh Marcel, wann nimmst du mich denn mal so richtig hart ran?“

Alter…

Und als hätte sie ihn auf sportliche Abwege gebracht, ging es von dort zu Abduktoren und Adduktoren…ich liebe diese Dinger, weil sie mir nichts tun. Inzwischen war ich so schlau, oder hatte nur nicht genug Sauerstoff im Hirn um es auszuspechen, jedenfalls sagte ich nicht, dass ich diese Geräte für Lulli-Spaß-Geräte halte. Aber nach der Einheit war selbst das übel.

Und so endete der Albtraum meines Sportler-Daseins. Zum Schluss fragte Marcel mit Unschuldsmiene: Nächstes Mal dann Rücken und Beinbeuger/Po?

Niemals, das passiert mir nie wieder!

Das sagte ich ihm sofort.

Und mir selbst während der gesamten 20 Minuten, die ich anschließend bewegungslos in der Umkleide verbrachte, während ich versuchte festzustellen, ob ich wirklich noch am Leben war oder vielleicht doch tot.

Und ich sagte es mir auf dem Heimweg.

9 von 10 Stimmen in meinem Kopf sagten das.

Während die 10. Stimme flüsterte: ‚Aber wie geil du dich jetzt fühlst und stell dir nur mal vor, wie du aussehen könntest, wenn du ab und zu solche Einheiten machst.‘ und dafür von den anderen 9 Stimmen furchtbar verprügelt wurde.

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4 Kommentare zu “Personal-Albtrainer

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