20. Woche: Uff!

20 Wochen Diät, knappe 10kg weniger. Das ist doch schon was. Gestern hatte ich wieder einen Termin beim Coach. Der schaut sich die Gewichtskurve, die Kalorienmengen samt Makroverteilung an und sagt nur: Läuft. Man sieht es auch.

Ich kann mich selber wieder cool finden und bin total gespannt, wie ich aussehen werde.

Der Job schlaucht mich derzeit heftig. Die Illussion, gut vorbereitet zu sein, habe ich diese Woche verwerfen müssen. Was die Arbeit mit Analphabeten schwierig macht, ist ihre Unberechenbarkeit. Ständig brechen eruptionsartig Konflikte los. Und jeden Tag musste ich mehrmals hören „Wenn dies oder jenes nochmal passiert/eintritt/sich nicht ändert, dann komm ich nicht mehr.“. Gründe dafür gibt es viele. Die Aufgaben zu schwer, zu leicht, zu langweilig, zu kindisch, zu verspielt, zu kompliziert erklärt, unliebsam oder man erkennt schlicht den Sinn dahinter nicht und stellt deswegen alles in Frage. Andere Teilnehmer sind zu laut, zu hektisch, zu unterschiedlich im Niveau, zu vorlaut. An manchen Tagen fühlt es sich an wie ein Eiertanz mit einem Kettenpanzer…man kann einfach nichts recht machen. Da hilft nur eine geradlinige Ansage. So habe ich mir den oben zitierten Satz inzwischen verbeten. Es darf gerne kritisiert werden, ich nehme auch Lob und Anregungen gerne auf, aber ich will nie wieder damit erpresst werden, dass jemand nicht mehr kommt, wenn ich nicht sofort springe.

Ein gutes Beispiel ist folgend Situation: Als Einstiegsritual habe ich einen „Wetterbericht“ gewählt. An die Tafel werden vier Bilder gehangen: Sonne, Sonne mit Wolke, Wolke, Wolke mit Blitz. Die Aufgabe lautet: Überlege, wie du dich fühlst, schnapp dir einen Magneten, platzier ihn entsprechend und sage mindestens einen Satz darüber, wie es dir geht. Das kann auch ein einfaches „Mir geht es heute gut.“ sein, gerne jedoch mehr. Rituale erleichtern die Arbeit ungemein, da sie den Tag strukturieren, Verlässlichkeit bieten und wenn sie erst einmal akzeptiert sind, von der Gruppe getragen werden. Rituale mit konkreten Gegenständen erleichtern das Reden. Und ich wollte mindestens einmal am Tag hören, wie es den Leuten so geht.
Gegen das Ritual gab es von Anfang an Widerstand, der nicht weniger werden wollte. Jeden Morgen schauten erst alle stur auf den Tisch, bis der erste anfing. Jeden Morgen grummelte es „Schon wieder?“ oder „Heute mach ich nicht mit!“ Diese Woche zitierte ich mir zwei zum Klärungsgespräch. Und auch da war diese Übung wieder Thema. Also gab ich nach: „Wir machen eine Abstimmung, wenn die Mehrheit dagegen ist, lassen wir das.“
Und siehe da, die Mehrheit war dagegen. Ich traute meinen Augen nicht.
„Das bedeutet aber auch, dass der Moment wegfällt, in dem ihr euch selbst mal fragen könnt, wie es euch eigentlich geht und in dem ihr von den anderen erfahrt, wie es ihnen gerade geht.“
„Wieso?“ kam da die erstaunte Frage, „Das haben wir doch immer gemacht! Im alten Kurs schon.“
Ich so: O___o
Letztendlich fand ich heraus, dass sie sich nicht an dem offenem Gespräch stören, sondern schlicht an den Bildern, dem Gang zur Tafel und den Magneten.

Und soetwas passiert ständig. Hintergrund ist eigentlich immer eine Angst, die dabei hervorschimmert. Bei dem „Wetterbericht“ ist es wohl die Angst, wie ein Kind behandelt zu werden (Bilder sind für Kinder).

Eine andere Situation: Schon beim Vorstellungsgespräch wurde erzählt, dass für jeden Teilnehmer Lük-Kästen da sind, mit denen die Teilnehmer selbständig lernen. Auch von meiner Kollegin wurde das erwähnt. „Deine Vorgängerin hat freitags immer gesagt: Freitag nach eins macht jeder seins. Da können sie mit den Lük-Kästen üben oder Aufgaben im Buch lösen oder lesen.“
Ich ging davon aus, dass das so läuft, dass die Teilnehmer sich ihre Lük-Kästen holen, in den Heften nach Aufgaben suchen und die in Ruhe lösen, jeder nach seinem eigenen Tempo. Also gebe ich am Ende eines anstrengenden Lerntages eine Lük-Aufgabe zur Konzentration aus. Das Bild einer bunten Papageienzeichnung wurde zerschnitten und man soll es richtig zusammen setzen. Eruptionsartige Empörung schlägt mir entgegen. Shit, denke ich, ist das für die Kinderkram? Habe ich sie unwillentlich damit bloßgestellt?
Denkste. Die sind mit Lük-Kästen nicht fit! Die wissen zum großen Teil nicht, wie man die Aufgabe deutet und löst. Und Überforderung schlägt sofort in Wut um, sodass man mich nicht erklären lässt. Es kocht reihmum hoch, einer nach dem anderen verlässt den Raum, das totale Chaos. Zwischendrin zwei, die es mit Leichtigkeit lösen und nun ihrerseits rummöpen: „Wieso kannst du das denn nicht alleine? Ist doch total einfach!“ Wie ein sturmgepeitschter Ozean und ich im Paddelboot mittendrin. Dabei sollte die Übung entspannen, zum Abschluss nochmal etwas Ruhiges sein, wo jeder für sich in Ruhe überlegt, ohne sich zu sehr anzustrengen (offiziell für die Vorschule gedacht).

Sämtlichen vorgearbeiteten Pläne sind längst begraben. Ich plane von einem Tag auf den anderen, überlege jede Übung ganz genau. Und merke immer mehr: Gegen die Angst hilft nur eine starke Hand. Ruhig auch mal sauer sein und klipp und klar sagen: „Erst zuhören, dann ausprobieren und wenn es dann noch immer fruchtbar ist, DANN dürft ihr meckern und euch weigern. Aber nicht, wenn ihr es nicht verstanden oder versucht habt!“

Statt 35h Woche mach ich jeden Tag auf Arbeit Überstunden, um die gröbsten Handgriffe (kopieren, schneiden, ordnen, korrigieren) zu schaffen und setze mich Zuhause hin, um zu planen, Material zu erstellen und zu grübeln.
Das erste Jahr ist als Lehrer so, sagt man……………man sollte wirklich nicht aller zwei Jahre ein neues Klientel wählen. *seufz*

Ich hoffe, ich kann das länger machen, denn trotz des Stresses spüre ich: Das ist mein Ding! Individuell fördern, grübeln, wie man jemanden über eine Hürde hilft, zu Schritten ermutigen, die als unerreichbar galten. Und wenn nicht gerade die Lava in Strömen fließt, mag ich meine Leute. Ich verstehe ihre Ängste, kenne sie selbst! Ich kann das Theater nachvollziehen und deswegen immer wieder einen Schlussstrich ziehen und mich ihnen zuwenden.

Als wir von Berlin zurück kamen, erstellte ich Arbeitsblätter, die über die Exkursion berichten sollten. Ein schwereres mit weniger Vorgaben und ein leichteres, bei dem man vorgegebene Sätze zusammensetzen musste. Zu jeder Station sollten die Teilnehmer ihre Meinung ausdrücken. Dabei war alltäglicher Wortschatz vorgegeben (gut, schön, nicht toll), aber auch eine Auswahl an elaboriertem Wortschatz (informativ, interessant, angenehm).
(Hintergrund: die Teilnehmer fühlten sich von einer Frau bloßgestellt, die auf der Fahrt dabei war und abfällige Bemerkungen machte, weil die Teilnehmer nicht gut lesen und schreiben können).

Im Ministerium ist sogar das Wasser politisch.


Nach dem ersten Proteststurm (mit dem ich schon gerechnet hatte) bat ich die Teilnehmer, sich folgende Situation vorzustellen:
„Ihr kommt von einer der Führungen und unterhaltet euch, während die Frau in der Nähe zuhört und sagt soetwas wie: Ich fand die Führung gerade sehr informativ. Und der nächste sagt: Ja, ich fand sie auch recht angenehm. Was denkt ihr, würde die Frau noch genauso auf euch herabsehen?“ Zwei meinten: „Ja.“ aber die meisten spürten, dass eine Kraft in den Worten steckt, die Menschen zu anderen Beurteilungen führt. Das nenne ich Angeberwortschatz. Und der ist wichtig, denn der hilft, damit man sich nicht mehr verstecken muss, sondern anderen Menschen damit über den Mund fährt.

Und was soll ich sagen, die meisten haben das Wort informativ für ihren Bericht gewählt. Und sie können es richtig schreiben. Es ist ein gutes Wort und sie wollen mehr davon! Die sind neugierig auf mächtige, schwere Wörter geworden.

Kein Wunder, dass die Diät dabei von alleine läuft. Ich habe schlicht keine Zeit für etwas anderes. Nur das Training muss wieder mehr Raum bekommen.

Und ich brauche echte Entspannung. Das Solarium habe ich für mich wiederentdeckt. Einmal pro Woche zwanzig Minuten erzwungener Ruhe unter rauschendem Fönwind. Klappt besser als Meditation, die immer von Arbeitsgedanken gestört wird. Auch die Badewanne ist mehrmals pro Woche angesagt. Mit einem Buch im Schaum verschwinden. Das hilft.

Warum lesen unsere Kinder in der Schule keine Weltliteratur?

Ich war diese Woche mit meinen Teilnehmern in Berlin. Gesponsort wurde das Ganze von der Bundesregierung, organisiert von der SPD und so gab es neben leckerem Essen und einer Übernachtung im Hotel auch jede Menge politische und geschichtliche Führungen durch Gedenkstätten, Museen und den Deutschen Bundestag. In eben jenem hatten wir auch Zeit für eine Diskussion mit der Bundestagsabgeordneten Daniela Kolbe von der SPD. Am Ende dieser Diskussion trat eine Frau ans Mikrofon und klagte über ein Anliegen, das ihr schwer zu schaffen machte:

Ich habe den Eindruck, dass die Kinder hier in Deutschland gar keine Weltliteratur mehr lesen. Warum lesen die Kinder in der Schule nicht mehr Tolstoi, Homer, Remarque und Thomas Mann?

Die Frau empfand das als beängstigenden Mangel. Sie selbst sei Ukrainerin und hätte jedes Jahr vor den Sommerferien eine lange Liste an Literatur bekommen, die über die Ferien zu lesen sei. Ihre Tochter würde nicht ein Buch davon lesen müssen und kenne sich darum auch gar nicht mit der Weltliteratur aus.

Die Abgeordnete gab offen zu, dass sie auf diesem Gebiet kein Fachmann und schlicht überfragt sei. Das war natürlich das Stichwort für meinen Auftritt. 😀

Ich habe den Eindruck, dass die Kinder hier in Deutschland gar keine Weltliteratur mehr lesen.

Das stimmt zunächst so nicht. Zunächst ist Bildung Ländersache und so legt jedes Bundesland für das eigene Gebiet fest, was gelesen werden muss (Pflichtlektüre). In Sachsen sind Goethes Faust und der Vorleser an Realschulen Pflicht. Dazu kommt eine aktualisierte Version von Schillers Nathan der Weise (Nathan und seine Kinder) und Romeo und Julia von Shakespeare. Dazu jede Menge Gedichte, Parabeln, Fabeln und Balladen. Es gibt sie also nocht, die sogenannte Weltliteratur im Unterrichtskanon. In Gymnasien ist der Anteil an sogenannter Weltliteratur noch höher.

Warum lesen die Kinder in der Schule nicht mehr Tolstoi, Homer, Remarque und Thomas Mann?

Man hat das Leseverhalten quer durch die Gesellschaft erforscht und dabei festgestellt, dass ein Großteil der Bevölkerung kaum oder gar nicht liest. Gründe dafür waren unter anderem genau jener feste Kanon an wichtigen Büchern, der in der Schule durchgeprügelt und abgeprüft worden ist. Oder das Gefühl, dass die Bücher sicherlich irgendwie wichtig seien, aber mit dem eigenen Leben nichts zu tun haben, bei den persönlichen Problemen nichts nützen und überhaupt außer dem Satz „Klar, kenn ich das!“ im Leben nicht weiterbringen. Außerdem fand man dabei heraus, dass vielen Menschen…weit mehr, als man sich ausmalen kann, das Lesen an sich schwer fällt. Die Ergebnisse waren geradezu erschütternd. Im Land der Dichter und Denker wurde immer weniger gelesen. Ein Umdenken fand statt.
Statt die alten Größen durchzuprügeln, um sie als allgemeines Kulturgut zu erhalten, traten andere Ziele in den Vordergrund: Verbesserung der Lesefähigkeit und des Leseverstehens (Ich kann ja viele Bücher lesen ohne sie dabei verstehen zu müssen.) Kreative Gestaltungsprozesse im Leseverstehensprozess und am allerwichtigsten: Erhaltung der Lesemotivation.

Denn die Frage nach der Weltliteratur verstellt den Blick auf etwas ganz Wesentliches: Zur Weltliteratur wird nur, was einer Generation einmal viel bedeutet und einen gesellschaftlichen Umdenkprozess eingeleitet hat. Das ist aber kein abgeschlossenes Kapitel. Auch heute noch gibt es Romane, die große Teile einer Generation beeinflussen und aufwecken. Nicht nur alte Bücher können Menschen ansprechen, im Gegenteil, häufig gehören sie eben in eine andere Zeit und lassen die Menschen mit heutigen Problemen allein. Oder ihre sprache und Begrifflichkeiten haben sich inzwischen so stark gewandelt, dass dies eine große Hemmschwelle für heutige (junge) Leser darstellt. Das ist schon bei Kästners Fliegendem Klassenzimmer so. Die Regeln in der Schule und in der Gesellschaft sind andere.

Auch lesen eben nicht mehr alle Menschen die gleichen Bücher. Die Spanne wird breiter, der Alleinstellungsplatz der einflussreichsten Bücher wird kleiner und so erscheint es manchem, als gäbe es keine neuen Werke der Weltliteratur. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Es gibt mehr.

Später tritt eine ältere Dame an mich heran, sie habe mich noch nicht ansprechen können, weil das Thema ihr so einen Kloß im Hals bereitet habe, sie musste sich erst einmal beruhigen. Sie sei nämlich auch Deutschlehrerin gewesen und empfände den Mangel ebenso verherend, wie die Sprecherin in der Diskussion. Ob ich denn wirklich glaube, die Lesemotivation mit modernen Büchern erhalten zu können.

Tja, dazu kann ich nur sagen, dass ca. 80% meiner BvB-Teilnehmer angaben, noch nie im Leben ein Buch gelesen zu haben und auch kein Problem damit hätten, dies weiterhin so zu lassen. Also las ich mit ihnen Jugendbücher, die ich selbst sehr mag. Nicht jeden konnte ich damit erreichen, aber der Großteil war begeistert, einige baten mich, das Buch ausleihen zu können. Später stellte ich am Ende einer Doppelstunde immer ein neues Buch vor und las eine Stelle daraus. In der erste Woche hörte ich noch „Boah, schon wieder ein Buch? Wie viele haben sie denn noch?!%&“, aber schon in der zweiten Woche freuten sich alle darauf. Sie waren überrascht von der breiten Spanne an Genres, von den unterschiedlichen Sprachniveaus und vor allem davon, wie schnell solche Bücher spanned werden können, sodass nach 10 Minuten Lesezeit der Wunsch geäußert wurde, die Stunde möge noch länger gehen oder das Buch in der nachsten Stunde weiter gelesen werden.

Also ja, ich glaube daran, dass Literatur, besonders die moderne Literatur, die Lesemotivation erhalten, aber vor allem auch entfachen kann.

Außerdem muss klar festgestellt werden: Nicht wenigen Menschen geht es so, dass sie irgendwann in ihrem Leben feststellen, dass sie schon oft von dem einen oder anderen bedeutendem Buch gehört haben und nichts drüber wissen. Dieser Gedanke wurmt manchen. Und dann kann ich nur sagen: Bücher gibt es günstig und dazu jede Menge Schriften, ob als Lektürehilfen oder im Internet, um die Inhalte besser zu verstehen. Wir leben nicht mehr im Mittelalter oder in der DDR, wo Bücher verboten oder nicht zugänglich waren. Wer Interesse hat, kann mit wenig Aufwand jedes Buch lesen, das er möchte und sich Hilfen zum Verständnis an die Hand holen.

Schwieriger ist es nur geworden, sich mit anderen Leuten über ein Buch zu unterhalten.  Zunächst muss man Leute finden, die die gleichen Bücher gelesen haben und dann müssen sie auch noch darüber reden wollen. Wenn es einen Mangel im Umgang mit Literatur gibt, dann empfinde ich diesen als solchen. 😉

18. Woche: abgenommen-angenommen

Die zweite Arbeitswoche ist herum und ich lebe noch. Und mehr als das, ich kann mir langsam vorstellen, dass das richtig gut wird.

Am Montag konnte ich mit lauter kleinen Dingen aufwarten, die auf einzelne Teilnehmer zugeschnitten waren. Ein Teilnehmer verwechselte immer l und n. Also zeigte ich Folgendes:

Nun sollte er „l“ sagen und überlegen, wie die Zunge dabei im Mund liegt (Zunge unten, aber vorn macht sie einen „Knick“ an den Gaumen). Ich fuhr die Form meiner Finger nach und sagte, dass es doch ungefähr so sein muss. Hinten flach und vorn biegt sie sich nach oben. Nun drehte ich die Finger (2. Bild) und fragte, welcher Buchstabe so aussieht. Ob er damit das „L“ wirklich besser merkt, wird sich erweisen. Aber seitdem ist ihm klar, dass ich nicht der Feind, sondern auf seiner Seite bin. Solche Kleinigkeiten wirken Wunder.

Ein Teilnehmer baggert mich dauernd an und will sich immer beweisen. Den habe ich mir diese Woche ein bisschen zur Brust genommen und das wird nicht das letzte Mal sein. So verrückt das klingt, aber dadurch bekam ich den Respekt der Gruppe. Klare Grenzen sind eben immer wichtig, egal, mit welcher Klientel man es zu tun hat.

Es flossen auch ein paar dicke Tränen. Ein Teilnehmer hat sich selbst furchtbar unter Druck gesetzt. Bei diesem Bad in purer Versagensangst wollte nichts mehr klappen. Totale Lernblockade. „Ich kann gar nichts mehr, ich werde immer schlechter!“ Da hilft nur Händchenhalten und gut Zureden „Du bist nicht schlechter, du hast einfach einen schlechten Tag.“ Am nächsten Tag wurden munter Aufgaben gelöst, die vorher strikt abgelehnt worden sind. Kleine Gesten, große Wirkung.

Schon am Montag sagte ich, dass ich gern Kaffee mit der Gruppe trinken würde, weil ich sonst gar nicht zu einer Pause komme. Nun bekomme ich meinen Kaffee in meiner Tasse auf den Tisch gestellt und höre Kommentare wie: „Nun setzen Sie sich erstmal, sie brauchen doch auch ihre Pause.“

Bisher kenne ich Unterricht nur als Dauerlauf. Rein in den Unterricht, die verbale Peitsche knallen, Einstieg, Aufgabe, nächste Aufgabe, antreiben, helfen, Lösung vergleichen, weitertreiben, raus. In der BVB habe ich deswegen mit dem Vorlesen begonnen, einfach um für alle eine Ruhephase reinzubringen. Nun habe ich eine Gruppe, bei der Tempo eine untergeordnete Rolle spielt. Die Teilnehmer wollen alle Fortschritte machen, am liebsten gleich heute den ganzen Stoff fürs nächste Jahr. Statt antreiben ist jetzt drosseln und beruhigen angesagt, aufpassen, dass sich keiner überfordert. Mut machen, zeigen, was sie alles bereits geschafft haben und schon sicher beherrschen. „Oh Gott, die Geduld hätte ich nicht. Das wäre mir viel zu langsam.“, sagt eines meiner Mädels (frühere Kollegin). Ich muss schmunzeln, denn mir war der andere Unterricht immer viel zu schnell, ich liebe dieses Arbeitstempo. Endlich hat man mal Zeit für individuelle Hilfen und wirklich differenzierte Lernunterstützung. Und endlich ist all das gehortete Material zu etwas nutze. Außerdem hat man Zeit für die schönen Dinge, wie zum Beispiel Raumschmuck:

Oder Ostereier färben. 😀

Gestern habe ich auch meine alten Mädels getroffen. Zusammen saßen wir bei einem unverschämten Italiener mit unterirdischem Service, dafür aber hautengen Hosen und tauschten die neuesten Geschichten aus. Auf der alten Arbeit nimmt der Druck zu, die Abwärtsspirale dreht sich, ich bin wirklich froh, dass ich da raus bin. Aber bei all dem furchtbaren Zeug haben wir doch wieder gelacht. Und da merkte ich, dass ich das sehr vermisst habe. Mein neuer Arbeitgeber ist absolut seriös, strukturiert, alle sind freundlich. Das ist prima. Doch das Chaos beim alten Träger sorgte eben für die typischen Schicksalsgemeinschaften, die Leute zusammenschwört und schwarzen Humor zur Kommunikationsform erhebt. Und genau den beißenden Humor und das herzliche Lachen habe ich echt vermisst. Umso schöner war der Abend für mich. Und dann gab es auch noch Geschenke! Da ich vor meinem Geburtstag von der Arbeit geflüchtet bin, bekam ich mein Geburtstagsgeschenk mit dem Abschiedgeschenk zusammen. Und was soll ich sagen: Es hat mich umgehauen, wie gut mich die Mädels kennen.

Tja…und eigentlich sollte es hier um die Diät gehen. Die 18. Woche in Folge ist fast rum. Ich habe gemerkt, dass ich einfach kein großes Mittagessen in der kurzen Pause schaffte. Nachdem ich mehrere Tage hintereinander mein Essen in Dosen mitgeschleppt und genauso zum Feierabend wieder mit heim genommen habe, war klar, dass ich etwas anpassen muss. Also nehme ich jetzt nur noch die Zwischenmahlzeit und die Abendmahlzeit mit. Das Mittag esse ich in Ruhe abends. Das schlug zunächst auf der Waage zu Buche. Doch auch das gab sich wieder. Ich denke, ich habe die 78kg endlich hinter mir gelassen und bewege mich zielsicher auf die 77 kg zu. Unglaublich! So wenig habe ich seit einigen Jahren nicht mehr gewogen. Im November letzten Jahres konnte ich mir nicht einmal vorstellen, jemals wieder unter 80kg zu kommen. Und nun geh ich ganz zielsicher stetig auf die 70kg zu. Fantastisch…und mir geht es richtig gut damit.
Durch den Stress kam ich seltener ins Studio. Nächste Woche wird das noch so bleiben, da ich mit der Gruppe nach Berlin zur Exkursion fahre. Das wird aufregend! Und ich werde schlemmen…das brauchen meine Nerven dann. Aber ich bin auf dem Weg und kann das Ziel erahnen. ;D

Woche 17: Kein Schlachtplan übersteht den ersten „Feindkontakt“

Puh, was für eine turbolente Woche. Montag war mein erster Arbeitstag. Nach einem Bombardement mit Infos war ich vollkommen k.o., ich bin nicht einmal zum Trinken gekommen und nach Feierabend direkt mit dröhnenden Kopfschmerzen ins Bett gefallen.

Dienstag dann der erste Unterricht. Mit der Vorstellungsrunde (jeder erzählt etwas über sich und streut eine Lüge ein, die anderen raten dann, was wahr ist und was gelogen) hatte ich das Eis gebrochen und einen guten Start hingelegt. Aber es dauerte nicht lang und die ersten Klagen kamen.

Ich unterrichte nun also deutsche funktionale Analphabeten und das erste, was man lernt, ist, wie viel Angst mit dieser „Diagnose“ einhergeht. Funktionale Analphabeten verstecken sich jahrelang, durch Verschleierungstaktiken fallen sie oft lange Zeit nicht auf. Bloß niemandem auffallen, ist die Devise. Funktionale Analphabeten haben einen Horror vor: Beobachtet zu werden, Veränderungen, Unvorhergesehenem, davor dass jemand ihr Probleme entdeckt, davor als dumm eingeschätzt zu werden, generell von anderen eingeschätzt zu werden, entmündigt und wie ein Idiot behandelt zu werden, in peinliche Situationen zu geraden, Überforderung und fremden Einflüssen.

Meine Gruppe ist schon eine Weile zusammen, sie haben ihre alte Lehrerin abgöttisch verehrt. Nun begann also am Dienstag ein neuer Kurs mit einer neuen Lehrerin, die alles anders macht. Die soll bloß nicht glauben, dass die sich mit Kinderkram abgeben oder sich für dumm verkaufen lassen.

Jubeln andere Schüler, wenn man nur „Spiel“ erwähnt, rutschten hier bei dem Wort einige Stühle vom Tisch weg und Arme wurden vor der Brust verschränkt. Spiele sind für Kinder und man ist schon lang kein Kind mehr. Den Sinn von Kompetenzen oder Lerntypen und deren Ertestung Schülern näher zu bringen, ist immer schwierig, aber hier erntete ich einen Entrüstungssturm. Dahinter steckt die Angst, von anderen in Schubladen gesteckt und entmündigt zu werden, ohne sich wehren zu können. Mandalas zur Entspannung? Was soll der Mist?!%$&

Am Donnerstag stand dann auch noch der Umzug in eine andere Etage an: neuer Raum, andere Raumeinteilung, weniger Platz, anderes PC-Kabinett, die PCs wollten nicht funktionieren, die altbekannte Software funktionierte nicht und dann lagen die Nerven bei allen blank. Ich hatte das Gefühl, am Ende eines langen Eiertanzes sämtliche Eier zerbrochen zu haben, bis zu den Knien in zähem Schlamm zu stehen und mit jedem Schritt tiefer zu rutschen. Ich war fix und alle. Und meine Teilnehmer auch. Die gingen erst mir an die Gurgel, anschließend einander und dann waren sie nur noch wütend, wollten aber nicht mehr sagen, warum.

Ich so…

Mit bangen Knien schlufte ich heute zur Arbeit. Das Telefon klingelt und die erste Teilnehmerin berichtet, dass es ihr gestern zu viel war, sie komme heute nicht.  Mir rutscht das Herz in die Hose, nicht nur, dass ich meinen Job verliere, wenn mehrere Teilnehmer die Maßnahme abbrechen, ich fühlte mich auch als Lehrer wie ein Vollversager. Ich versprach ihr, dass nun das Schlimmste überstanden sei und es von nun an ruhiger werde. Alles wird sich entspannen.

Im Unterricht beginne ich immer mit einer Gesprächsrunde, erstmal die Stimmung sondieren. Da zeigten sich noch die Sturmwolken von gestern, kaum einer hatte gut geschlafen, alle waren ziemlich k.o. Doch dann lichteten sich die Wolken. In der Erschöpfung wollte keiner neuen Stress, jeder sehnte sich nach Harmonie und Ruhe. Ich sorgte für geregeltes Arbeiten.

„Freitag nach Eins macht jeder seins“, war schon vorher im Kurs das Motto. Jeder sucht sich seine Beschäftigung, nur Handyspiele und Schwatzen gelten nicht. Wieso gute Sachen ändern? Aber als ich den Startschuss gab, passierte nichts. Keiner suchte sich was, keiner rührte sich… als wäre der Stecker gezogen. Also zeigte ich konkrete Wahlmöglichkeiten auf. Hier die Arbeitsblätter für neuen Wissensstoff, dort ein Reim-Memory, da die Lük-Kästen, nicht passierte. Also holte ich noch ganz vorsichtig die Lern-Mandalas raus. Interessierte Blicke…ich erkläre die Aufgabe (Es ist immer eine Zuordnungsaufgabe damit verbunden.) und die ersten Hände streckten sich mit entgegen.

Und dann schaut sich der Gruppenchef, der beim letzten Mandala absolut erbost über die Aufgabenart war, in der Gruppe um. Überlegt. Schließlich sagt er die erlösenden Worte: „Dann gib mir auch mal so ein Mandala.“