Buchvorstellung: Anna Kushnarowas „Djihad Paradise“

Wenn ihr euch schon einmal die Frage gestellt habt, wie es sein kann, dass junge (deutsche) Menschen aus ihren firstworld Leben ausbrechen, um der IS beizutreten und im heiligen Krieg genau jenes Leben zu lassen, dann seid ihr heute hier richtig.

Lang liegt die letzte Buchvorstellung zurück, etwas lang ist sie diesmal auch geworden. Das ließ sich nicht ganz vermeiden, da ich doch gern einige Hintergrundinformationen zum eigentlichen Thema des Buches geben will: SEKTEN

Ich möchte hier nochmal stichpunktartig zusammenfassen, was, speziell im zweiten Teil, an Wissen enthalten ist.

Was ist eine Sekte?
Eine Gruppe, die sich vor allem durch folgende Kriterien zu anderen Organisationen abgrenzt:

  • es gibt eine Führerfigur oder zumindest eine Heilsideologie
  • enge Bindung der Mitglieder an die Gruppe
  • kein soziales oder diakonisches Engagement
  • Gruppe sieht sich von Feinden umstellt (Verschwörung)
  • Kritik ist weder innherhalb noch von außen erwünscht
  • Aussteiger werden bedrängt und bedroht

Wer ist anfällig für Sekten?

  • Menschen in pers. Krisensituationen
  • Menschen auf der Suche nach einem Sinn im Leben
  • Menschen, denen ihr Leben festgefahren erscheint, die eine Leere in sich spüren
  • aufgeschlossene, kreative Menschen, die offen für Neues sind
  • –>so ziemlich jeder ist anfällig für Sekten, denn Sekten nutzen unsere Sehnsüchte und unseren Kummer, um uns zu manipulieren

Der Weg in die Sekte-Anwerbephasen

  • Ansprechphase
  • love bombing
  • snapping (Einladung, Mitglied zu werden oder zu einem mehrtägigen Seminar zu kommen)
  • programming (systematische Installation der Sektenidentität->Manipulation)

Wie funktioniert die Manipulation/das programming?

  • Verhaltenskontrolle=Umweltkontrolle durch täglich abgelegte Rechenschaft und danach gestellte Aufgaben bzw. Ziele->Freizeit wird eingeschränkt
  • Gedankenkontrolle durch Sondersprache, die verinnerliche Lehre und Gedankenstopp-Techniken
  • Gefühlskontrolle durch Veränderung und Einengung des Gefühlspektrums, Einimpfung von Schuldgefühlen und Ängsten
  • Informationskontrolle durch Überangebot an Infos innerhalb der Gruppe und beschränkte Freizeit außerhalb der Gruppe, Beziehungen werden kontrolliert

Und nun, bringt etwas Geduld mit oder schaut es einfach in mehreren Anläufen. Vielleicht gefällt es ja trotzdem dem einen oder anderen, oder es hilft wieder jemandem bei seinen Hausuafgaben. Das würde mich freuen. 😉

 


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Wenn der Geisteswissenschaftler mit dem Naturwissenschaftler…

…spricht. Gestern ergab sich des Abends eine so typische Situation im Hause Spagg, dass ich gleich dachte: Das ist so typisch, das muss ich festhalten.

Sie liegt mit einem frisch aufgeschlagenen Buch im Bett, als ein Strahlen über ihre Gesichtszüge hereinrauscht.

Sie: Oh, hör mal, was für ein wunderschönes sprachliches Bild! „Er starb früh am Morgen, noch bevor man einen schwarzen von einem weißen Faden hätte unterscheiden können.“*

Er: Was? Ne, das ist überhaupt kein schönes Bild, das ist totaler Blödsinn! Wenn er gesagt hätte, einen roten von einem blauen Faden, dann hätte das Sinn ergeben. Aber einen schwarzen Faden! So ein Nonsense! Überleg doch mal. Entweder, es ist so dunkel, dass man gar nichts sieht, oder man kann einen Faden erkennen und dann erkennst du auch immer, wenn du einen schwarzen neben einen weißen Faden hälst, welcher der helle ist. Denk doch nur an Wasabi (unseren schwarz-weißen Kater), nachts erkennst du immer, wo der liegt, weil du immer das schwarz-weiß erkennst. (Dabei steigert er sich sowohl gestisch als auch durch Modulation der Stimme.)

Sie nur so:
1 2 3

*Das ist der erste Satz aus Ilija Trojanows Roman „Der Weltensammler“

Buchvorstellung auf UTube die 2.

Wer glaubt, Katzen seien langweilig, der wird hier schnell merken, wie der Hase läuft. Curry war heute sichtlich ungehalten ob meiner Aufmerksamkeitsabstinenz. *g*

In meiner Reihe stelle ich verschiedene Jugend- und Kinderbücher vor und erwähne dabei, warum ich diese für den (Deutsch-) Unterricht geeignet halte.

Heute geht es um Jan Guillous Jugendroman EVIL-Das Böse. Protagonist ist Erik, ein Jugendlicher der täglich Gewalt erlebt, einerseits, weil er von seinem Vater ritualisiert geschlagen wird aber er selbst teilt auch als Chef einer Schulhofbande Gewalt aus und nutzt sie, um seinen Status zu halten. Erik ist dabei nicht der dumme Schläger, sondern erzählt detailliert, wann er welches Mittel nutzt, um im Alltag zu bestehen. So überlegt er einmal, ob es nicht 5 Schläge des Vaters wert wären, noch ein bisschen dem Staub auf dem Sonnenstrahl beim Tanzen zuzusehen und sich wegzuträumen. Ein andermal setzt er seinen Schulfreund mit einem Schlag auf den Solar Plexus außer Gefecht, um ihm dann mit einem Schlag auf die Nasenwurzel zum Bluten zu bringen, anschließend versetzt er ihm ein blaues Auge. Seine Furchtlosigkeit lässt ihn über einen stärkeren Gegner triumphieren und die sichbaren Merkmale seines sieges sichern ihm auf lange Sicht seine Stellung. Erik zerbricht nicht an der Gewalt, er arrangiert sich mit ihr, bis es zur Eskalation kommt.

Dem Thema Gewalt wird hier auf unterschiedlichen Ebenen nachgespürt und die Spirale der Gewalt wird für Schüler erfahrbar. Man wird nicht belehrt, vielmehr wächst eine Einsicht im Leser. Daher ist der Roman nur zu empfehlen.

Neue Reihe?

Was bei dem Gedanken, den Lehrberuf an den Nagel zu hängen, am meisten schmerzt, ist die Tatsache, dass ich mich wirklich gern mit aktueller Kinder- und Jugendliteratur beschäftigt habe und dieser Umstand nun so …sinnlos verloren geht.

Doch wieso sollte so eine Begeisterung eigentlich ungenutzt bleiben, dachte ich und schwupps, entstand dieses erste Video.
Man merkt mir meine Aufregung sichtlich an und die nächsten Videos werde ich bestimmt kürzer gestalten, aber so habe ich wenigstens das Gefühl, etwas tun zu können, was mir Spaß macht, ohne es gleich zum Beruf machen zu müssen.

Heute stelle ich also Jonathan Strouds „Die seufzende Wendeltreppe“ aus der Reihe „Lockwood & Co“ vor.

Irgendwann kriege ich bestimmt auch heraus, wie ich das Format etwas kleiner bekomme. O_o

„Zwei Wochen machst du mal Nüscht für die Schule, gar nüscht, Frollain!“

So eine Ansprache, wie der Titel verrät, habe ich mir zu Beginn der Ferien von meinem Freund abgeholt.

Pff, dachte ich da noch, ich mach gleich zu Anfang der Ferien schön Rambazamba und dann kontinuierlich was, dann kann ich schön vorausplanen.

Aber schon in der ersten Woche merkte ich, dass der Ferienbeginn auch der Beginn der Verarbeitung ist. Alpträume, unterbewusste Ängste, unnützer Stress, in mir wühlte und fühlte alles durcheinander. Also hab ich seinen Rat angenommen und Nichts gemacht. Naja…außer ein paar Arbeitsblätter zu speichern, Dropboxordner zu entmisten, das Bücherregal auszusortieren und umzuordnen, ein paar Bücher zu bestellen und mich mit einer Freundin/Kollegin zu treffen, um mir Tipps für die erste Runde als „Klassenleiter“ zu holen. Aber im Gegensatz zu den Monaten davor war das quasi „nüscht“.

Und plötzlich höre ich es, das hallende Wispern, diese leise Sehnsucht, die mich ruft „Komm, komm ins Arbeitzimmer, hier riecht es gut, nach Büchern und Wissen. Hier stehen Schätze sorgsam aufgereiht. Ist das Laminiergerät gerade gehüpft, als ich zur Tür herein kam?

1-2

Ja, die Pause tat gut, und ich bin froh, jetzt noch Zeit zu haben, um wieder Freude an der Vorbereitung, an all den Überlegungen und Planungen zu finden. Raum, für meine Kreativität. Denn erst wenn die einfließt, weiß man doch, dass das der Beruf für einen selbst ist, weil man Teil davon ist, weil man einen Teil seiner selbst darin einfließen lässt und verwirklicht.

2-1 Das Linke enthält hauptsächlich all die Kinder- und Jugendbücher, mit denen ich arbeiten und für die ich meine SchülerInnen begsistern will. DAS ist meine Stärke und die will ich ausbauen. Das rechte Regal enthält all die Unterrichtsvorbereitungen und Materialsammlungen, Fachlektüre und Lehrbücher. Der Umfang dieser Sammlung ist seit Februar ETWAS angewachsen…*hust* Aber kann denn Lesen Sünde sein?
Vergleich Februar2

Dank Rebuy muss man für so eine Sammlung keinen Kredit aufnehmen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

….der Dispo reicht. *höhöhö*

Hach, aber es tut so gut, zu spüren, dass trotz des extremen Stresses in mir nichts kaputt gegangen ist, all die Freude kommt wieder. Ja, es ist gut, dass ich jetzt noch ein paar Wochen Zeit habe, für neue Ideen, PLäne und Träume. Und natrülich auch Zeit um das alles in völlig überfrachtete, überstrukturierte Pläne zu knietschen und die geballte Power übersteigerter Motivation nach Ferienende auf meine nichtsahnenden Schüler loszulassen. 😀
Euch allen einen guten Start in die Woche.

Rezensionen von Büchern, um dem Alltag zu entfliehen.

Fabelheim von Brandon Mull ist eines der Bücher, die ich wegen des Covers in der Stadtbücherei eingesackt habe.
Bildquelle: Amazon
Dann lag es lang Zuhause herum, weil ich wie verrückt ein Buch nach dem anderen von Kevin Brooks gelesen habe, doch dazu später mehr. Jedenfalls landete es am Ende meiner Ausleihzeit ungelesen in der Tasche und ich nahm es mit, um es abzugeben. Nun steh ich ja keine Straßenbahnfahrt ohne lieterarische Realitätsfluch aus. Und ihr erratet es, ich griff zu Fabelheim und innerhalb von zwanzig Minuten Fahrt hat es *Badummtsching!* gemacht.

Worum gehts?
Seth und Kendra haben kürzlich durch einen Gasunfall ihre Großeletern mütterlicherseits verloren, was schon ein herber Verlust war, aber zu allem Übel haben diese in ihrem Testament verfügt, dass ihre Kinder, also Seths und Kendras Eltern, von ihrem Erbgeld auf eine Kreuzfahrt fahren sollen. Ohne Kinder. Die sollen nun zu den Großeltern väterlicherseits abgeschoben werden, auf eine Farm im Nirgendwo und zu Großeltern, die sie kaum kennen und die bisher distanziert und kühl erschienen. Na prima!

Kaum angekommen, ist nur der Großvater da und der stellt erstmal eine Palette strikter Regeln auf, befördert die beiden in ihr Zimmer und sagt, sie sollen dort bleiben, bis es Abendessen gäbe. Keinder dürfe herunterkommen.

Nette Begrüßung.

In ihrem Zimmer finden sie jede Menge Spielsachen, der Großvater hat Kendra außerdem einen Schlüsselbund anvertraut, sie könne ja probieren, ob sie die entsprechenden Schlösser finde. Außerdem steht ein Huhn in einem Käfig dort, ein seltsames Huhn, um dass sie sich kümmern sollen.

Während Kendra ein wirklich liebes Mädchen ist, dass niemandem Ärger bereiten will, ist ihr Bruder stets bestrebt, aufgestellte Regeln zu brechen. Falls er überführt wird, weiß er sich auch verbal zur wehr zu setzen und diskutiert die „Gegner“ in Grund und Boden. Und so ist die Konfrontation mit dem Großvater vorprogrammiert.
Auf seinen heimlichen Erkundungstouren entdeckt Seth, dass mehr hinter der Farm steckt, als es zunächst scheint.
Nach und nach entdeckne die beiden so, dass es sich bei der Farm und ein Reservat magischer Kreaturen handelt. Zentrauren, Dämonen, Feen, ein Golem, Satyre und Trolle, alle sind auf dem riesigen, abgeschiednen Land Zuhause. Und die wenigsten davon sind harmlos und friedlich, was Seth erst am eigenen Leib spüren muss.

Die Reihe ist für Kinder im Alter von 8-13 Jahren geschrieben. Das bedeutet, dass es keine große Liebesromanze gibt, keine detaillierten Beschreibungen von blutigem Gemetzel. Dafür gibt es aber jede Menge kluger Dialoge, spannungsreicher Action, schnelle Wendungen und jede Menge Überraschungen. Und es entführtden Leser zugleich in eine gefährlich schöne Parallelwelt voller Aufgaben, Rätsel und Abenteuer. Seth ist nicht etwa der kühne Held, der mutig entscheidet, woran andere scheitern und der damit die Welt rettet, nein, durch seine Entscheidungen löst er einige Katastrophen aus. Doch statt den Kopf in den Sand zu stecken, wird er ganz, ganz langsam durch jede Fehlentscheidung ein bisschen reifer. Aber eben nur ein bisschen. Und das wirkt ehrlich und erfrischend. Für mich ist es momentan genau das, was ich brauche.

Und dann gibt es da noch Kevin Brooks…für mich schreibt er in etwa wie John Green: ein jugendlicher Protagonist, der auf unschuldige Weise verliebt ist, wird von seiner Sehnsucht aus dem Alltag gezerrt.
Doch bei Kevin Brooks werden auf ganz sensible Weise stets gesellschaftliche Themen eingeflochten. Dabei versteht er es meisterhaft, diese Themen erlebbar zu machen, sodass man den „pädagogischen Zeigefinger“ zwar wahrnimmt, aber nicht als störend empfindet, weil man so auf empathischer Tauchfahrt mit dem Protagonisten ist. Der Protagonist ist, ähnlich wie bei John Green, ein relativ unauffälliger Jugendlicher, der mit typischen Pubertätsproblemen kämpft, dabei aber einen gewissen trotzigen Gleichmut besitzt, der ihn ganz und gar nicht verzeifelt erscheinen lässt.

Live fast, play dirty, get naked.
Das ist das erste Buch, was ich bewusst von Kevin Brooks wahrnahm, und was mich gleich voll in seinen Bann schlug. Es beginnt wie ein Klischee…braves Mädchen lernt jugendlichen Rockrebellen kennen, er erwählt sie und sie leben glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende. Aber nicht hier…hier bekommt die perfekte Fassade rasch Sprünge. Es spielt zur Zeit der beginnenden Punkbewegung und erzählt auch genau davon, als Teil der Szene. Es erzählt von dem jungen Musiker, der mit dem Alltag einfach nicht konform gehen kann, der schneller, lauter, wilder ist, als es passt. Und es erzählt von dem Mädchen, dass ihn liebt und die auf ihre Art „ganz“ ist und ihren Musiker damit erdet. Man erlebt den Rausch von Konzerten, Erfolg, Punkleben in Abrisshäusern, Drogen und Liebe. Und am Ende kommt noch eine ganz andere, ernste Nuance mit hinein, die die Handlung völlig aus dem Rahmen kippt. Packend, authentisch und absolut mitreißend.

Quelle: Amazon

Lucas
In Lucas erzählt eine weibliche Hauptfigur von ihrer Begegnung mit einem jungen Landstreicher, die sie verändert. Obwohl dieser Junge offensichtlich keinen Wohnsicht, keine Schule und keine Arbeit besitzt, vertraut sie ihm und spürt eine seltsame Verbundenheit zu ihm. Ganz anders als die anderen Jugendlichen dieser entlegenen Gegend, die Steine nach ihm werfen und sich nur eins wünschen: Dass er wieder verschwindet. Was hier nach schwarz-weiß klingt, wird einfühlsam und authentisch erzählt. Man erlebt diese typisch jugendlich Zerrissenheit zwischen „dazugehörenwollen“ und „sich selbstinseinenEntscheidungenentdecken“ ganz nah mit. Dazu gesellt sich eine Spur Mysterium, als der Junge Sätze sagt, wie „Ich sorge mich um das Mädchen, sie hatte kein Gesicht.“

Quelle: Amazon

Martyn Pig
Martin Pig hat nicht nur unter seinem Namen zu leiden, er ist klein, schmächtig, sein Vater ist Alkoholiker und das Mädchen, dass er liebt ist seine beste Freundin. Er verbringt viel Zeit mit ihr, lacht über ihre Schauspielkünste, ihr Witze und kommt ihr doch nie näher. Zumindest nicht bis zu dem Tag, an dem er aus Versehen seinen Vater tötet und von dem Geld erfährt, dass der bald erben soll. Zusammen schmieden die beiden einen Plan, wie sie jetzt weitermachen wollen…und alles geht furchtbar schief. Diese Geschichte war für mich durch die dunkle Grundstimmung nicht ganz einfach zu lesen, aber durch ein paar unvorhersehbare Wendungen ist es ein wirklich spannendes Abenteuer und wirklich empfehlenswert.

Quelle: Amazon

Candy
Der Sohn eines reichen Arztes will in London zu einem Spezialisten…und wird, als er sich verirrt zu haben glaubt von einem hinreißend hübschen Mädchen angesprochen. Sie essen in einem Restaurant zusammen, bis ein großer Typ ankommt und sie anspricht. Das Mädchen kennt ihn offensichtlich, derr er droht ihr, dass sie hier nichts verloren habe.
Die Begegnung geht dem Jungen nicht aus dem Kopf und plötzlich entdeckt er ihre Telefonnummer in seiner Tasche. Womit das Abenteuer beginnt…

Quelle: Amazon

Rezension: Cory Doctorows „Homeland“

Cory Doctorows „Homeland“ ist die Fortsetzung seines Romans „Little Brother“

Handlung:
Seit Little Brother sind ein paar Jahre vergangen. Marcus Yallow ist mit seiner Freundin Ange auf einem Festival mitten in der Wüste. The Burning Man findet auf einem abgelegenen, lebensfeindlichen Flecken statt, auf dem man eine riesige „Stadt“ erbaut, Party feiert und das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu etwas Großem erlebt und es geht darum, etwas zu erschaffen, das man dann bewusst zerstört. Denn am Ende werden alle gesammelten Kunstwerke abgebrannt, die Asche eingesammelt und man verlässt diesen Flecken Erde, ohne Spuren zu hinterlassen, als ob nie etwas von Bedeutung hier stattgefunden hätte.
Als Marcus sich in einer Art Tempel entspannt, taucht neben ihm plötzlich Masha auf, das Mädchen, dem er bei seiner Fluch die Hand verkrüppelt hat. Masha drückt ihm einen USB-Stick in die Hand und bittet ihn, alles zu veröffentlichen, falls ihr etwas geschieht.
Am Ende des Festivals muss Macus auch schon beobachten, wie Masha verschleppt wird, von genau jener Frau, die ihn schon Jahre zuvor in ihrer Gewalt hatte. Und schon steckt er wieder bis zum Hals drin, in einem Kampf gegen scheinbar unschlagbare Gegner.

Mein Fazit:
Homeland ist wesentlich düsterer und pessimistischer als Little Brother. Der ständige Gefühlswechsel zwischen akuter Bedrohung, weil Marcus von der gegnerische Behörte eingesackt wird und scheinbar heiler Welt, wirkt zermürbend und chaotisch. Auch Marcus Vorgehensweise wirkt ungelenkt und zufällig, wie der Protagonist selber reflektiert, ziehen eigentlich immer andere die Strippen und er reagiert irgendwann indem er ihre Vorschlage annimmt oder ablehnt. Aber er agiert nicht, ist irgendwie gelähmt. Und das Gefühl der Lähmung teilt man als Leser, zumal, wenn man, wie ich, kein Hacker ist.

Auch die typischen Kommentare von Marcus, wie z.B. „Axe ist der Mainstreamduft aller Idioten“ wirkt aufgesetzt und sogar kurzsichtig, wenn man als deutscher Leser plötzlich liest, dass Club-Mate ein soo cooler Insiderdrink der Nerdszene ist, während es in meinen Kreisen nunmal genau für die unreflektieren MacUser-Hipster-Starbucks-Mainstreamleute steht, gegen die Marcus ja den Antagonisten geben will. Ging es in Little Brother häufig um echt spannende Hintergrundgeschichten mit historischen Annekdoten, wird in Homeland ein Fachbegriff an den anderen gereiht und die Erklärungen sind nüchtern. Man fühlt sich als Leser nicht auf der Reise der Entdeckungen, wo der Erzähler der erfahrene Scipper ist, der einen an seinen erlebnissen teilhaben lässt. Man fühlt sich als doofer Anfänger, der schnell ein Tutorial vor den Latz geknallt kriegt, oder wie einer der Leute, die im internet eine antwort auf ihr Problem suchen und in einem Forum nur zu hören bekommen: Google doch erstmal.

Es ist leicht, seinem Leser zu sagen „Mach dich ein bisschen mit Kryptographie vertraut, dann kannst du die Welt auf den Kopf stellen.“. Für mich ist es aber eher so, als ob ein 65jähriger einen VHS-Kurs in einer Fremdsprache belegt. Mit viel Arbeit wird das Ergebnis dafür reichen, sich im Urlaub einen Kaffee zu bestellen, aber einem echten Gespräch zu folgen oder gar eine lockere Konversation zu führen, wird eher unmöglich bleiben. So fühle ich mich zumindest beim Thema Hacken, es ist toales Neuland und es gibt nichtmal VHS-Kurse.

Zurück zum Roman, ging es in Little Brother noch viel stärker um spielerische Aktionen von Jugendlichen im Alltag, mit denen man die Überwachung ad absurdum führt, so scheint diese Möglichkeit in Homeland gar keine Rolle mehr zu spielen. Da geht es nur darum, eine Behörde zu hacken und sie mit ihem eigenen Pfuhl zu erpressen. Wo finde ich mich da als nichthackender Leser angesprochen?
Wie aussichtslos die Lage ist, weil überall nur Geld und Lobby zählt, wird auch im Roman häufig reflektiert und es fehlt irgendwie der Lichtblick. Homeland ist verdammt düster und das bis zum Schluss.

Allein ein Nachwort von Aaron Schwartz spricht an, worauf ich im Roman vergeblich hoffte: Einen Hinweis auf etwas, dass man als Nichthacker tun kann. Schwartz verweist darauf, was bei Pipa und Spoa geschehen ist: Onlinepetitionen, Emails und Anrufe an zuständige Abgeordnete und Bürger, die diese Abgeordneten in ihrer Freizeit zur Rede stellten haben dieses Gesetz, dass schnell und ohne Wissen der Bürger verabschiedet werden sollte, zu Fall gebracht.
Ist es Ironie des Schicksals, dass sich ausgerechnet der Verfasser dieses Nachrufs dem Druck der Behörden und ihrer über ihn verhängten Verurteilung entzog, indem er sich angeblich letztes Jahr selbst tötete? Ich weiß es nicht, aber es verleiht diesem Thema mitsamt dem Roman etwas hoffnungsloses.