Unsicherheit

Wer unsicher ist, zweifelt immerzu, in Dauerschleife. Auf Fratzenbuch bin ich eben über diesen Clip gestolpert und habe mich darin wiedergefunden.

Nur ein Punkt stimmt bei mir nicht: Social media. In der Anfangszeit von Facebook und Studi-VZ traf es sicherlich zu, dass auch ich dauernd Beträge gescrollt und sich selbst als glücklichen, coolen Menschen darstellt habe. So wie ich mich selbst gern sehen wollte. Auch meine Blogbeiträge waren oft witzig. Es tat mir gut, zu merken, dass ich witzig sein kann. Nicht immer nur grüblerisch und selbstzerstörerisch.

Ich wollte witzig sein.

Und ich war witzig.

Das gab mir ein Stück Selbstvertrauen, stärkte eine Seite in mir, die in der medial-mündlichen Realität, wo Witze spontan locker über die Zunge flutschen müssen, keine Chance gehabt hätte. Wenn ich mich heute vor meinen Schülern wohlfühle, gelingt mir öfter mal ein Witz ganz spontan. Aus mir wird kein Stand-Up-Comedian, aber ich habe mehr Facetten, als nur die grüblerisch-unsichere. Ich wage zu behaupten, dass ich die durch sanftes Ausprobieren in den sozialen Medien und bei MMORPGs herausgeschält habe.

Durch den Zusammenbruch im Referendariat hat sich das nochmal gewandelt. Etwas in mir ist zerbrochen und so fühlte ich mich…wie ein zerbrochener Krug. Das Grübeln übernahm mich gänzlich, verdrängte alles andere. Hier im Blog schrieb ich mir alles von der Seele, ehrlich und unverdeckt. Ich ließ alles raus und konnte das Tief schließlich mit viel Hilfe überwinden. Der Blog war nicht die Rettung, aber er erleichterte den Prozess der Verarbeitung.

Soziale Medien können zur Fessel werden. Sie bieten jedoch auch Chancen auf neue Entwicklungen, auf ein munteres Experimentieren.

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Nachtrag zu „The walking dread“

*klick* Das ist ein Artikel aus „DIE WELT“, der ganz interessante Dinge beleuchtet.

Demnach sind Pegidaanhänger nicht vorrangig:

  • dumm
  • arm
  • arbeitslos
  • rechts
  • Leute, mit denen man nicht reden kann

Hauptgrund, an den Demonstrationen teilzunehmen, sei die generelle Unzufriedenheit mit der Politik. An zweiter Stelle kommt Kritik an Berichterstattung und Öffentlichkeit. Erst an dritter Stelle gehe es um Ängste bezüglich Asylbewerbern und dem Islam.

Es ist ganz generelle Unzufriedenheit und Furcht, die da marschiert. Und darüber sollte man reden.

Hier nochmal der Link zu meinem Artikel.

The walking dread

15 Uhr der Freund kommt heim, die Chefs haben alle heimgeschickt, weil keiner für die Sicherheit auf dem Heimweg garantierten kann. Die Uni verlagert Lehrveranstaltungen nach draußen, um ein Signal zu setzen. Bei den Piraten kommt die Frage auf, welcher Gegendemo man sich anschließt. Keine Frage ist dagegen, worum es geht: Den Feind blockieren. Die Trams fahren Umwege, Autos wurden aus den entsprechenden Straßen entfernt (zu ihrer eigenen Sicherheit), man liest Transparente, hört auf Nebenstraßen wummernde Bässe, die ganze Stadt scheint auf den Beinen.

 

Die ganze Stadt?
Nein.
Ich sitze Zuhause und wunder mich.

Ich wunder mich darüber, was die Leute plötzlich auf die Straße treibt.

Ich wohne in Leipzig. Das ist im Osten. Für viele Westdeutsche sind wir alle strohdumm und braun bis in die Haarspitzen. Für einige Ossis sind wir rot, also dauerunzufrieden und haben vor Religionen Angst.

Diese Vorstellungen gabs immer. Und man findest sicher auch genügend Exemplare, die das bestätigen. Rechts und links, beides gibts hier wie Bananen, im Überfluss. Ein alter Hut. Seit Jahrzehnten. Wie in ganz Deutschland, nur hier eben öfter in den Medien.

Und dann also heute: ein Massenspektakel! In der Zeitung steht: Leipzig wehrt sich gegen Legida.
Achso. Ich dachte Legida wäre eine Leipziger Organisation. Mein Fehler.
Es nehmen so viele Leute teil, wie schon lange nicht mehr. Zeigen Flagge, sind laut und sichtbar und positionieren sich, was auch immer das heißt. Das ist ein riesen Event, da muss jeder mit und wer nicht mitmacht, mit dem stimmt doch was nicht. Rechts oder links, pro Asyl/Islam/Weltoffenheit oder dagegen. Was gibts da noch für eine Frage?

Fragen hätte ich trotzdem.
Wieso jetzt? Das Thema ist so ein alter Hut, wir sehen vielleicht einem Krieg mit Russland ins auge, die Privatsphäre wird jeden Tag weiter abgeschafft und die Medien…tja, die berichten, es ist das Wichtigste, sich jetzt zu Pegida zu „positionieren“.

Gehts hier um etwas Konkretes? Die sächsische Asylpolitik ist in letzter Zeit durch ihre harsche Umsetzung oft in den Zeitungen gewesen. Mädchen, die nachts laut lärmend aus Häusern gezerrt, von ihrer Familie getrennt und in ihr Heimatland angeschoben worden. Geht es hier konkret darum, mit NOLEGIDA das zu ändern?

Lehren diese Demonstrationen wirklich politisches Engagement? Ja, in der Vergangenheit gab es Demonstrationen, die den Lauf der Geschichte entschieden veränderten. Und ich bin sicher, dass jeder der gerade da draußen auf den Beinen ist, das gute Gefühl hat, heute seinen entscheidenden Beitrag geleistet und bei etwas ganz Großem mitgewirkt zu haben. Aber ist das Engagement? Ist das alles, was man in einer Demokratie macht? Alle paar Jahre ein Kreuzchen auf einem Blatt Papier und einmal in jeder Generation zu einer Massendemo? Geht es nur mir so, oder findet noch jemand, dass das stinkt? Dass sich das nicht wie Engagement anfühlt sondern eher wie…

Ist Blockade wirklich ein angemessenes Instrument in einer Demokratie?
Wenn es dabei um MeinungsFREIHEIT geht, verstehe ich die „Blockadepolitik“ nicht. Müsste man sich, statt lärmend zu marschieren dann nicht mit der Gegenpartei an ein paar Tischchen setzen und diskutieren? Müsste man nicht miteinander reden, statt sich gegeneinander aufhetzen zu lassen? Das macht mich an der LVZ-Schlagzeile so stutzig. Leipzig wehrt sich gegen Legida…die perfide Unlogik darin müsste einen doch zum Nachdenken bringen. Als wäre LEGIDA der Panzer einer Besatzungsmacht, den man nun mit Protesten stoppen will. Ist er aber nicht, es sind unser Mitbürger. Mag uns ihre Meinung schmecken oder nicht, wir können nicht einfach sagen: Ihr uns euresgleichen gehört nicht zu Leipzig.

Was hat Stromsparen damit zu tun? Gestern gab es hier schon im Vorfeld eine Aktion der Leipziger Volkszeitung: Licht aus gegen Legida. Tja, mein halbes Viertel hat mitgemacht. Das steht nämlich leer. Aber wer will hier eine Beteiligung messen? Wem nützt das? Und ganz klar: Was soll das eigentlich bewirken?

Was mich daran stört, ist schlicht, dass es mir eher wie eine von Medien veranstaltetes Event vorkommt, dass es anderewichtige Themen wie Nebensächlichkeiten aussehen lässt und allem voran: das es nichts ändert. Es scheint nicht einmal um Änderung zu gehen..will man die Gegenseite überzeugen? Vertreiben? Erschlagen?
Ne, man will nur etwas tun. Aktiv sein. Sich positionieren. Mitmachen.
Und das stört mich.

Kann man daraus nicht was machen? Sicherlich hat jeder da draußen noch seine ganz persönlichen Motive, daran teilzunehmen. Darüber sollte man mal reden. Auch hinter Pegida und den Gegendemos steckt sicher eine bunte Mischung aus Ängsten, Wut und Sorge. Kann man daraus nicht was machen?
Zum Beispiel

  • Ideen für Gesetzesentwürfe bei einer passenden Partei vorlegen
  • Briefe an Abgeordnete schreiben
  • in öffentlichen Foren diskutieren
  • Peditionen unterzeichnen oder ins Leben rufen
  • Clips drehen und ins Internet stellen
  • nicht nur die Gegenseite kritisch hinterfragen
  • witzige Aktionen planen, wo man den Ernst mit Humor verpackt (dafür liebe ich Die Partei!)

Letzteres finde ich am Wichtigsten. Wie Volker Pispers schon formulierte (frei aus der Erinnerung): Was werden Sie ihren Kindern antworten, wenn die fragen, wo Sie waren, als in Deutschland die Demokratie abgeschafft wurde? Na dann holen Sie ihre Kabarretkarten heraus und sagen: Wir waren im Widerstand.

Humor statt Blockade, dann kann sich auch etwas ändern, denn mit einem Lachen erreicht man mehr Herzen, als mit Transparenten und Trillerpfeifen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Verdammt, ich werde wohl doch irgendwann in die Politik gehen müssen…

 

Ist in unserer Welt Platz für Menschen, die sie verändern könnten?

Es gibt viele grundlegende Fragen, denen man sich im Leben an entscheidenden Wendepunkten stellt. Diese Fragen, oder vielmehr die Antworten die wir darauf geben, entscheiden wesentlich darüber, wer wir sind.
Denn viel stärker, als Genetik oder angeeignete Fähigkeiten über unser grundlegendes Wesen bestimmen, stellen unsere Entscheidungen und Werte die Weichen auf unserem Lebensweg.

Solche entscheidenden Fragen können sein:

  • Wo ist mein Platz auf dieser Welt?
  • Bin ich etwas Besonderes oder Teil eines großen Ganzen?
  • Ist das, was ich tue und empfinde richtig?
  • Gibt es so etwas wie Wahrheit?

Mit dieser und anderer Fragen setzte man sich vor allem in der Adoleszenz auseinander, manche tun das danach niemehr.

Es gibt aber ein Frage, die ganz besonders delikat ist, denn selbst wenn wir sofort eine Antwort darauf finden und diese Antwort absolut richtig erscheint, so wissen wir immer zugleich, dass wir diese Antwort nie verwirklichen werden. Es ist die Frage, wie die Welt sein soll, in der wir leben möchten.

Für uns Einwohner der First World, die wir alles haben (können) und denen suggeriert wird, dass wir alles, Kleidung, Lebensmittel, Luxusartikel, Fortbewegungsmittel, Arbeitsplatz, selbst bestimmen aber auch vor der Welt (besonders der kränklichen Umwelt) zu verantworten haben, erleben diese Frage immer als moralischen Zwiespalt. Denn einerseits wird uns gesagt, was wir alles tun können, um diese Welt zu ändern, ihr unseren persönlichen Touch aufzustempeln und sie für die Nachwelt verbessern können. Und andererseits ist da die Realität. Da möchte man alle Hoffnung fahren lassen.

Und dann tritt so einer auf den Plan:
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2315994/Tod-eines-Internet-Aktivisten?setTime=22.324#/beitrag/video/2315994/Tod-eines-Internet-Aktivisten

 

Warum ich nicht auf Demos gehe…


Auf Fratzenbuch steht unter diesem Bild: Was habt ihr getan, als der Überwachungsstaat gebaut wurde?

Eine fiese Frage, denn natürlich hatten wir keine Ahnung und selbst wer Ahnung hatte, wusste nicht so recht, was er tun soll. Ich hatte Ahnung und mein erster Gedanke war: Ich geh auf eine Demo.
Ich war nie da.
Und ich hatte deswegen ein schlechtes Gewissen.
Und ich stellte fest, dass mich keine zehn Pferde mehr auf eine Demo kriegen würden.
Deswegen hatte ich ein noch schlechteres Gewissen.
Aber warum will ich eigentlich auf keine Demo? Das habe ich mich selber gefragt.

Also ging ich gedanklich zurück an die erste und letzte freiwillige Demo (1. Mai-Demo zu DDR-Zeiten zählen nicht, da musste ich ja!). Also, meine erste und letzte freiwillige Demo fand in Düsseldorf statt und war gegen die Einführung der Studiengebühren.
Ich war da, weil ich deswegen nicht zum Kolleg musste. Lieber mal kurz für eine gute Sache politisch aktiv werden, als zum Matheunterricht. Und so landete ich schließlich in einer Meute Demonstranten. Es wurde Trillerpfeifen und Transparente ausgeteilt, die irgendjemand schon mit lahmen Sprüchen bekritzelt hatte. Und schon ging es los. Die Trillerpfeifen trillerten, erste Parolen gingen rum, es wurde gegrölt, Bierflaschen zerschellten und das Niveau der Gesänge ergänzten das ganze zur Stadionatmosphäre.
Und ich fühlte mich wie im falschen Film.
Was hatte ich mit diesem Mob gemeinsam? Soll ich jetzt etwa auch so tolle Parolen wie „Bildung statt Hartz IV“ rufen und dabei den vorgegebenen Weg latschen und in meine Trillerpfeife trillern?
Hatte ich das Gefühl an diesem Tag etwas Wesentliches verändert zu haben?
Hatte ich wenigstens das Gefühl etwas zu einer Veränderung beigetragen zu haben?
Nein und nein, ich fühlte mich wie ein Lemming unter Leuten, die einfach mal wieder auf die Kacke hauen wollten. Das Niveau der Argumente war unter aller Sau und lief nach dem Schema „Alles für alle, und zwar umsonst.“.

Fazit:
Ich stellte fest, dass ich ein Individuum bin und auch als Individuum meine Interessen und Ansichten vertreten will.
Ich finde pöbelnde Horden sind kein zeitgerechter Ausdruck von politischer Aktivität.
Unsere Gesellschaft ist so ausdifferenziert, dass es schwer ist, Hundertausende zu vereinen. Und selbst wenn das gelingt, bleibt der schale Beigeschmack, dass es in Regierungskreisen keinen interessiert.
Und ich finde, dass stundenlang rumlaufen oder rumstehen nur vergeudete Zeit ist.

Und nun, Hände in den Schoß?
Natürlich nicht. Es gibt modernere Varianten aktiv am politischen Leben teilzunehmen und sich einzubringen.

  • Die Digitale Gesellschaft zum Beispiel organisiert häufig Aktionen, bei denen man einzelne Politiker oder Parteien per Email anschreibt, um ihnen persönlich die Meinung zu einem Thema zu schreiben. So kann jeder selbst formulieren ,was ihn stört und es geht nicht gleich um die Umstürzung des Systems, sondern konkrete empörende Themen. Individualisiert und gezielt.
  • E-Petitionen gibt es viele. Hier zum Beispiel direkt vom Bundestag, es gibt aber auch viele andere Organisationen, die sowas ins Leben rufen.
  • Darüber reden und schreiben. Zum Beispiel einen Artikel für Anonymous. Wozu werden wir denn ausgespäht? Weshalb gilt Deutschland als Partner dritter Wahl? Weil wir frei reden und denken. Und wenn es schon so ist, dann können die Überwacher ruhig wissen, wie scheiße man es findet, dass z.B. Snowden kein Asyl bekommt und um sein Leben fürchten muss, weil er etwas für unser aller Freiheit getan hat.  Und nicht nur die Überwacher, ich denke, dass Politik so uninteressant geworden ist, weil sie viel zu ausdifferenziert ist und das Gefühl entstehen lässt, man sei nur ein kleines Licht ohne Einfluss und die Themenbreite ist so groß, dass ich eigentlich keinen blassen Schimmer von der aktuellen Politik habe. Dabei muss es gar nicht sein, dass ich auf allen Gebieten selbst Fachmann werde. Und andersherum gedacht sollte mein Brennen für einige Themen nicht durch die Aussicht auf das ganze Spektrum politischer Probleme erlischen.
  • Geht kreativ damit um. Picdumps zum Beispiel zeigen immer wieder, wie gut politische Witze ankommen. Allein der Neuland-Picdump ist einfach herrlich. Und worüber alle lachen können, das ist auch in aller Munde.

Und natürlich die Piraten wählen! 😉

Warum ich nun doch Bilder zeige und meine Emails nicht verschlüssel…

Wer mich schon länger kennt, weiß, dass ich meinen alten Blog geschlossen habe. Ich habe alle Bilder gelöscht, meinen Facebookaccount so gut es geht von Angaben gesäubert, habe eine Verschlüsselung auf meinen Emailkonten eingerichtet, habe den Tor-Router installiert und schließlich deinstalliert.

Das kam so:
Durch meine Masterarbeit über Cory Doctorows Roman „Little Brother“ habe ich Zeitungsartikel zum Thema Überwachung gelesen und gespeichtert, ich fand immer mehr und mehr Stoff und landete schließlich beim Privacy-Handbuch. Das war der Moment, wo die Angst in mir so bedrohlich groß war, dass ich nicht mehr nur Leser bleiben konnte, ich musste handeln. Ich hatte das Gefühl zu ersticken und etwas ändern zu müssen, um dieses Korsett aus Angst loszuwerden.
Also tat ich was oben steht und noch viel mehr. Ich löschte Picasa von der Festplatte, deinstallierte Google-Analytics, erstellte neue Emailadressen, löschte meinen G+-Account, verlor darüber meinen U-Tube-Account.

Aber egal was ich tat, die Angst nahm eher zu als ab.

Und das lag einfach daran, dass ich bei jedem Schritt wusste, dass es nicht ausreicht. Ein Beispiel ist das beliebte Exempel Facebook. Bei Facebook kann man Daten im Profil löschen, aber sie bleiben gespeichert. Mit ein wenig Googlezauberei findet man alles, auch wenn du es gelöscht hast. Und noch besser: Facebook nutzt Trackbacks. Solange du bei Facebook eingelogt bist, zeichnet Facebook alles auf, was du surfst. Nicht nur Seiten mit Likebutton, nein, alles. Jede Seite, die du ansurfst wird protokolliert. Also weiß Facebook alles über mich und ich geb mich nicht der Illusion hin, dass Facebook das zum Spaß betreibt. Meine Daten werden verkauft, mein Kaufverhalten und sämtliche Interessen und Schattenseiten liegen offen. Habt ihr schon mal nach Hautkrankheiten oder Mentruationsbeschwerden oder Übergrößendessous gesucht, Sexspielzeug bestellt oder extra festes Klopapier ergoogelt? Facebook kennt jedes noch so banale aber private Interesse eurerseits und durch Algorithmen lässt sich daraus ein ziemlich genaues Profil eurer Person, eurer Vorlieben, eurer Krankheiten, eurer Psyche erstellen.

Die Ängste
Als das Korsett immer enger wurde, wurde mir klar, dass da nicht ein einzelner Aspekt drückt, sondern dass ich mich rundherum verfolgt und unter Druck fühlte. Das mag verrückt klingen, aber was ich unter der brodelnden Oberfläche fand waren folgende realistischen und unrealistischen Ängste:

  • Deutschlandweite staatlicher Überwachung->kommen irgendwann in naher Zukunft besorgniserregende Googleabfragen in mein polizeiliches Führungszeugnis?
  • Überstaatliche Überwachung->werden meine zukünftigen Urlaubspläne ins Wasser fallen, weil ich in vielen Ländern durch meinen digitalen Fingerabdruck auf Flugverbotslisten gelandet bin?
  • Ausverkauf meiner Daten->Werde ich irgendwann im DM an der Kasse angesprochen, ob ich noch genug Blasen- und Nierentee oder Hühneraugenpflaster Zuhause hätte.
  • Verknüpfung zwischen Berufs- und Privatleben->Werde ich irgendwann einen Skandal in der Schule auszubaden haben, der von einem privaten Blogeintrag herrührt? Diese Angst ist groß, ich sehe die Bildzeitungsschlagzeile schon vor mir, in der mir jedes Wort aus dem Kontext gerissen und umgedreht wird.
  • Verknüpfung zwischen Berufs- und Privatleben->Werde ich irgendwann Photomontagen oder lustige Bilder, die aber nicht in den Schulalltag gehören, von mir bei Schülern auf dem Handy finden? Was privat ein Spaß ist, ist ja in der Institution Schule ganz schnell die Verurteilung zum Fegefeuer.
  • Ausverkauf meiner Daten im Gesundheitsaspekt-> werde ich bald bei der Krankenkasse mehr zahlen und weniger Behandlungen bekommen, weil ich tätowiert bin? Für Blutspenden bin ich deswegen schon gesperrt, weil ich in eine Risikogruppe mit Homosexuellen, HIV-Infizierten und Sextouristen falle.
  • Werden die Ökos und Vegetarier die Herrschaft übernehmen und eine Bio-Diktatur installieren?

Was haben die Ökos damit zu tun?
Die größte Gefahr besteht da, wo Menschen sich zusammentun. Wie sind rein theoretisch eine Demokratie. Was für die Mehrheit von Interesse ist, wird, zumindest vor Wahlen, zum Staatsinteresse. Gerade über Facebook beobachte ich, wie Themen rund um Gesundheit und ökologischen Lebenseinstellungen immer mehr vom persönlichen Interesse zur moralischen Grundsatzfrage verschoben werden. Längst sind es nicht mehr einzelne Menschen, die sich für solche Themen interessieren und ihr persönliches Leben dahingehend ändern, es ist vielmehr ein gesellschaftlicher Wert geworden.
Wenn ich ein Video von einem Kind betrachte, dass seine Meeresfrüchte nicht essen möchte, weil es nicht möchte, dass dafür Tiere sterben und darauf nicht sofort zum Veganer werde, dann bin ich ein Mörder und Schlächter…so ist der allgemeine Usus in dieser Bewegung.
Wenn ich bei Kosmetikprodukten nicht zu Bioprodukten greife, dann bin ich persönlich für Hochwasser, Tsunamis und Erdbeben und Hautkrebs verantwortlich. Ich trage die Schuld.
Wenn ich bei Kik Klamotten kaufe, dann habe ich all die Inder in der eingestürzten Fabrik umgebracht.
Menschen, die so denken sind leicht zu benutzen um shitstormartig eine stasiähnliche Diktatur zu errichten.
Wo mit dem Finger auf Andere, private Einstellungen und Meinungen gezeigt und ohne Abwägung verurteilt wird, lassen sich leicht Überwachungsstrukturen innerhalb der Bevölkerung installieren. Die Menschen werden zu Überwachern und Richtern und solange sie Recht und Gewissen auf ihrer Seite glauben, werden sie die eigene Integrität nie infrage stellen.

Deswegen habe ich Angst vor Ökos und Vegetariern.

Was mich heute zu diesem Artikel bewogen hat, ist dieser Artikel in der Zeit, der mir aus der Seele spricht und die alte, schwärende Wunde geöffnet hat.
Wie gesagt, je mehr ich las, je mehr ich unternahm, desto größer wurde die Angst und eine Einsicht verlangte Gehör, nämlich dass ich der Überwachung nur entkommen kann indem ich:

  • kein Facebook mehr nutze
  • nirgends Passwörter speicher
  • Firefox mit vielen anonymisierenden Addons nutze
  • den Tor-Router nutze
  • Emails verschlüssel und nur noch mit Leuten Emails schreibe, die diese Verschlüsselung ebenfalls nutzen
  • Flash-plugins deaktiviere
  • dadurch keine Videos, Flashanimationen und ähnliches sehen kann
  • keine Messanger nutze
  • überall nur noch Bar bezahle

Fazit: Ich müsste mich komplett aus dem Internet zurückziehen, es am besten gar nicht mehr nutzen, denn jede Nutzung hinterlässt für einen Nichtprofi wie mich Spuren und außerdem müsste ich im Alltag überall nach Kameras spähen und die Kamerawinkel möglichst meiden, nichts spontan kaufen, wenn ich kein Bargeld dabei habe, stets eine Cap tragen, um mein Gesicht vor Kameras zu verbergen.

…ich würde leben wie ein Verdächtiger in einer Diktatur. DAS wäre die Konsequenz.

Und dann hätten all die Überwacher und moralischen Richter gewonnen, dann WÄRE ES DIE DIKTATUR. Und DAS ist nicht das Leben, das ich möchte. Das ist kein Leben das ich ertragen könnte. Deswegen werde ich die Piraten wählen. Wer glaubt denn wirklich, dass die es direkt in die Regierung schaffen und die Merkel ablösen? Aber mitreden müssen die dringend, denn so bunt gemischt und verrückt der Haufen ist, sie setzen sich für die Freiheit meiner Heimat ein: dem Internet! Das mehr Heimat für mich ist, als Leipzig oder Deutschland oder Europa. Ich bin im Internet Zuhause und ich lass mich nicht vertreiben und unterdrücken. Nehmt meine Daten solange ich euch nicht daran hindern kann, aber fürchtet euch vor den Ureinwohnern Neulands, wenn sie Zähne zeigen.