Im eigenen Kleiderschrank shoppen…

Irgendetwas ändert sich gerade. Ich weiß nicht, ob es an meinem neuen Powerdrink liegt oder daran, dass ich mich wieder etwas von familiären Belastungen befreit habe, aber im Moment habe ich so ein richtiges Stimmungshoch. Ich wache früh auf und fühle mich topfit. Ich geh viel zum Sport, weil ich die Power dafür habe. Ich verspüre Hunger, vergesse aber dauernd zu essen, denn mich beschäftigen andere Dinge.

Und das ist die eigentliche Neuigkeit. Ich habe ein Hobby entdeckt!
Klingt nicht nach einer großen Neuigkeit? Für mich ist es das aber, denn in den vergangenen Jahren habe ich eigentlich nur aus einem Pflichtgefühl heraus etwas unternommen. Oder ich habe mich in Bücher und ähnliches gestürzt, um für kurze Zeit diesem Pflichtgefühl zu entkommen. Dabei ging mir die Fähigkeit, etwas einfach für mich, nur zum Spaß zu machen, völlig ab. Alles war zu anstrengend.

Diese Woche hatte ich Urlaub. Allein. Slaine musste arbeiten. Ganze Tage waren zu füllen und kein Geld auf dem Konto. Man kann nicht jeden Tag durchgehend nur Sport machen und lesend im Bett…das würde in Fressattacken enden. Ich brauchte einen Plan. Ich brauche immer einen Plan und diesmal nahm ich mir vor, Fotobücher anzulegen, um die vielen Jahre, die ich nun mit Slaine verbracht habe, festzuhalten.
Gesagt, getan.

Aber das ganze Sortieren, Anordnen, kreativ sein ist auch echt anstrengend. Da musste noch etwas her.

Eine Kollegin schwärmt regelmäßig von Nähsessions, bei denen sie bis tief in die Nacht alles andere vergisst, bis das Kleidungsstück fertig ist. Das sei jetzt so einfach, mit den tollen Anleitungen und Schnittmustern aus dem Internet.
So ein Schnittmuster für 3-5€ konnte ich mir gerade noch leisten, also los!
Bei näherer Betrachtung sah das gar nicht sooo schwer aus. Und schon hatte sich der Gedanke festgesetzt, alle Vernunft vertrieben und schwupps, stehe ich in einem Stoffgeschäft und lasse mich beraten. Eine 70ger Marlene-Hose für mich und ein Trainingsshirt für Slaine sollen es werden.

Zuhause angekommen messe ich meinen Hüftumfang ab, um heraus zu bekommen, welche Größe ich schneidern muss. Und da wurde ich stutzig.
Größe 38?
Kann nicht sein. Totaler Blödsinn.
Klar, dass ich nicht mehr, wie im Dezember noch, nach Größe 44/46 schauen muss, war mir klar. Aber 38?!? Nie im Leben!

Aber das lässt sich ja einfach feststellen. In meinem Kleiderschrank lauern schließlich seit über 12 Jahren noch Klamotten in dieser Größe. Klamotten, die damals schon schön spack saßen, weil ich eher Größe 40 hatte.
Also erstmal den Kleiderschrank druchwühlt und alles angezogen.

Und tatsächlich…die Klamotten sitzen bequem. Ich muss nicht einmal die Luft anhalten!

Und da war doch dieser Rock….der Rock, der mir noch nie gepasst hat. In den wollte ich mich immer reinhungern. Das war der Plan seit 2005. Hungern und dann in den Rock passen.
Schnell war er gefunden…quasi unberührt hängt er seit 12,5 Jahren im Kleiderschrank, ist mit mir dreimal umgezogen und hat mich immer angeklagt: Du bist noch immer zu fett!
Das isser:

Den musste ich heute gleich auf Arbeit tragen. Musste sein. Manche Sachen muss man einfach machen…

Slaines Kommentar: Vergiss den Wachturm nicht, wenn du rausgehst…..der Sack! ;D

Und da hat es bei mir „Klick“ gemacht.
Klar hatte ich schon bemerkt, dass ich abgenommen habe. Aber mein Blick ruhte immer auf dem Weg, der noch vor mir liegt. Ich sah im Spiegel nur meine hängende Haut und wenn ich mich im Spiegel sah, kniff ich immer in den Speck und dachte: Noch so viel. Ich bin noch immer so wabbelig. Wie viel muss denn noch verschwinden, bevor das mal halbwegs gut wird? Das wird doch nie was. Meine Genetik ist scheiße. Ob da noch was wird?

Erst jetzt, mit dem Rock, begriff ich wirklich, was ich schon geschafft habe. Und wie gut das schon aussieht, auch wenn es noch wabbelt. Bescheuert, welche Macht Kleidergrößen haben…

Voller Zweifel machte ich mich mit meinen zwei linken Händen nun ans Schneidern der Hose. Höchste Zeit, denn im Schrank passt fast keine mehr und im Handel gibt es derzeit nur Hosen mit Ärmeln, wo Beine hingehören. Anders kann ich das nicht nennen…mit meinen Stierwaden komme ich da gerade mal durch den Bund.

Und was soll ich sagen: Sie ist nicht perfekt. Einige Nähte könnten schöner aussehen, manche Partien noch besser passen. Aber Hey, es ist eine Hose, die ICH genäht habe, die wie angegossen sitzt, die wunderbar weich fällt, die beim Sitzen Platz hat und nicht aufplatzt. Was will man mehr? Ich bin echt stolz darauf. 😀

Ich bin doch kein Analphabet

Letztens fragte RTL an, ob sie bei uns filmen und interviewen dürfen. Beim MDR oder Arte hätte ich mir das überlegt, aber RTL nehme ich das „Wir wissen, dass es sich um ein sensibles Thema handelt“ einfach nicht ab.

Das sahen meine Teilnehmer genauso. „In der Öffentlichkeit sagst du genau EINMAL, dass du Probleme mit dem Lesen und Schreiben hast…und dann nie wieder.“, fasst einer seine Erfahrungen zusammen. „Weißt du wie das ist, wenn man dir ‚Hilie‘ hinterherruft?“ Ich kannte den Begriff gar nicht…es ist eine schmähende Abkürzung für Hilfsschüler, wird mir erklärt.

Probleme mit der Rechtschreibung und Grammatik haben viele Menschen, aber Analphabeten wissen um diese Schwäche und empfinden es als Stigma, dass sie vom normalen Leben ausschließt. Verstecken ist angesagt, Kinn hoch und bloß keine Schwäche zeigen. Weil keiner merken darf, wie große Mühe das Lesen und/oder Schreiben bereitet, vermeidet man es ganz. Man kann ja nicht um Hilfe fragen.

Für Analphabeten ist vieles eine Qual bis hin zur Unmöglichkeit, was für uns selbstverständlich ist. Den Weg in Gebäuden oder zu Adressen finden, eine Tür öffnen (Türöffner, drücken, ziehen..alles Schrift und immer Menschen in der Nähe, die gleich rufen: „Kannste nicht lesen? Steht doch drauf!“), im Supermarkt orientieren (Mehl und Zuckertüten sehen sich sehr ähnlich, doch wenn man Mehl mitbringen soll und mit Zucker wiederkommt, ist das schwer zu erklären), Verträge oder Formulare ausfüllen, eine Speisekarte lesen und Essen bestellen, Internet und Handy bedienen, über Whatsapp schreiben, einen Einkaufszettel verfassen, Nachrichten verfolgen.

Und immer die Angst vor dem Satz „Kannste nicht lesen?!“.

Dabei können sie ja lesen. Der Begriff Analphabet ist furchtbar. Man assoziiert automatisch Menschen, die kaum wissen, wie man einen Stift hält. Dass diese Menschen sich jahrelang in der Schule durchgequält haben, oft mehr ins Lernen investiert haben, als alle anderen, häufig einen Berufsabschluss haben, kann sich kaum jemand vorstellen.

Die Hälfte meiner Schüler liest flüssig, besser als mancher meiner Hauptschüler. Die Fähigkeit zum Lesen und zum Schreiben kann weit auseinander klaffen. Nicht jeder, der mühelos liest, kann auch ebenso mühelos Buchstaben zu Wörtern anordnen. Viele haben eine LRS und Probleme, die Reihenfolge der Buchstaben richtig zu erkennen.

Und es gibt natürlich auch die, die sich mit jedem Buchstaben abmühen. 26 Buchstbaen umfasst das deutsche Alphabet, dazu die Umlaute, das ß, Zwielaute (ei, au, eu, äu, ie) und weitere Buchstabenkombinationen, die zusammen einen Laut ergeben (ch, sch, st, sp, nk, ng). Manche Buchstaben und Buchstabenkombinationen werden unterschiedlich ausgesprochen (st in Stil und Stiel, das v in Vater und Vase, das ch in Milch, Bach und Lachs, das e am Wortende, denn niemand sagt End-E, man spricht eher etwas wie Endö). Das Sächsisch verschlimmert alles, weil wir alles weich sprechen, sodass p, t, k kaum von b, d, g unterschieden werden können. Und dann gibt es noch die deutsche Auslautverhärtung, die am Wortende alles hart klingen lässt, sodass man alle Wörter verlängern müsste, um herauszufinden, welcher Buchstabe wirklich dorthin muss. Es gibt stumme Buchstaben, die das „e“ im „ie“ und das Dehnungs-h, die man zwar schreiben soll, aber nicht hört. Und die Ausnahmen… „Der Weg ist weg.“ Das zweite und vierte Wort klingen anders, warum werden sie dann gleich geschrieben? Was für uns in jahrelangem Unterricht eingetrichtert und gefestigt wurde, stellt für andere ein unübersichtliches Chaos dar, das sich nicht beherrschen lässt.

Einer meiner Teilnehmer kann zum Beispiel nur sehr schwer Buchstaben zu Wörtern verbinden. Soll er in einer Übung eine willkürliche Buchstabenverbindung wie zum Beispiel „gelkindor“ lesen, funktioniert das nicht. Doch einfache Texte mit gebräuchlichen Wortern liest er fast flüssig und begreift auch den Sinn. Wie kann das sein? Ganz klar, er hat ein riesiges Inventar an Wörtern als Bild abgespeichert und mit dem Klang verknüpft. Er hat buchstäblich die Wörter auswendig gelernt. Das ist eine enorme Gedächtnisleistung. Ein anderer erzählte, dass er regelmäßig zum Einkaufen für eine ganze Gruppe geschickt wurde. So sollte er zum Beispiel regelmäßig Frühstück kaufen. Drei Mohnbrötchen, fünf Sesam, drei Vollkorn, zwei Stück von diesem Kuchen, eins von jenem, dazu Butter, unterschiedliche Marmelade, Aufschnitt, Käse. Alles ohne Einkaufszettel und wenn es dann die eine oder andere Sorte Brötchen nicht gab, musste spontan umgeplant werden, ohne die gesamte Liste zu vergessen. Ein anderer erzählte, er habe mit SAP gearbeitet. Er hat einfach die Kollegen um Hilfe gebeten, weil er seine Brille vergessen habe. Und dann hat er sich jeden Tastendruck eingeprägt. Jeden einzelnen Tastendruck.

Meine Teilnehmer wissen natürlich, dass sie in einem Lese- und Schreibkurs sind, aber das Wort „Analphabet“ nimmt keiner in den Mund. Dieser Begriff begräbt Leute, man vermeidet ihn. So kam es, dass ein Teilnehmer erst durch die Anfrage von RTL begriff, dass dieser Begriff für ihn verwendet wird. „Aber ich bin doch kein Analphabet! Ich kann Lesen und Schreiben. Ich bin doch nicht dumm, nur langsam.“ Und schon kullerten Tränen. Mit diesem Begriff belegt zu werden, war für ihn die Hölle, wie ein Todesurteil.

Einmal Analphabet immer Analphabet?

Fakt ist, dass es hier nicht um Faulheit geht. So wie ich immer überlegen muss, ob links wirklich links ist, bevor ich abbiege, so geht es meinen Teilnehmern mit dem Lesen und Schreiben. Bei der Unterscheidung von Links und Rechts ist nur ein kurzer Moment der Konzentration nötig, nur eine „Entweder-oder-Entscheidung“. Meine Teilnehmer müssen dieselbe Konzentration für unzählige Buchstabenkombinationen, verwirrende Regeln und Unregelmäßigkeiten aufbringen. Und wie bei meiner Links-Rechts-Schwäche bleibt kaum etwas „hängen“, man muss es ständig trainieren, um voran zu kommen. Trainiert man nicht, fällt man zurück. Nach zwei Wochen Urlaub scheint man wieder vom Startfeld zu starten. Das ist mühsam und frustrierend. Meine Teilnehmer stellen sich dem. Tag für Tag trainieren sie, um keine Angst mehr vor anderen Menschen zu haben, keine Angst vor der Entlarvung zu haben. Sie wünschen sich nichts mehr, als perfekt lesen und schreiben zu können.

Worauf ich stets antworte: Niemand liest und schreibt perfekt. Selbst Nachrichtensprecher verlesen sich und Deutschlehrer verschreiben sich oder googeln die Rechtschreibung. Weniger Fehler machen und damit weniger Angst haben müssen, das ist das Ziel.

Das Wort Analphabet ist furchtbar…es sind Menschen, die Probleme mit dem Lesen und/oder Schreiben haben.

Gut, dass ich nicht hingegangen bin….

Space-Pupskonzert von Luc Besson. Die allerschlimmsten Filme sind nicht die Totalschäden, die ungewollt oder absichtlich schlechten, die so-bad-it’s-good-Kandidaten: Es sind die Filme, die mit tollen Ideen und unglaublichen Bildern um die Ecke kommen, nur um sie dann mit flammender Inkompetenz gegen die nächste Wand zu setzen. Valerian ist so ein Film. Die wunderschönen Trailer versprechen […]

über Wie blöd ist Valerian? — What’s Best in Life?

Iron Fist (Netflix Original)

Iron Fist ein eine Netflix Originalserie um den Marvel Superhelden „Iron Fist“.
Vorsicht, Spoileralarm!

Worum geht es?
Danny Rand (Loras Tyrell aus GoT) ist als Junge mit seinen Eltern über dem Himalaya abgestürzt. Seine Eltern sterben bei dem Unfall, während er, schwer verletzt und halb erfroren, von Mönchen eines geheimen Ordens gerettet wird. Im Laufe der Jahre wurde Danny so zum Kämpfer ausgebildet und hat jede Herausforderung angenommen. So durfte er sich schließlich auch einer geheimnisumwitterten Herausforderung stellen, bei der er seine geheimnisvollen Kräfte erlangt hat. Er kann sein Karma in seiner Faust konzetrieren, sodass sie gelb leuchtet. Ach, und natürlich kann er damit alles zertrümmern.
Seine Aufgabe ist klar: Für den Rest seines Lebens muss er den Eingang zum Kloster bewachen.

Und plötzlich wird ihm klar, was er lange verdrängt hat: er ist ein Fremder, der sich gut angepasst hat. Aber er kennt auch noch eine andere Welt da draußen, voller Möglichkeiten, alter Bekannter und Abenteuer. Also haut er ab und schlägt sich zu seiner Heimat durch: New York. Und hier setzt die Serie ein. Danny Rand kommt als naiver ausgeglichener Bettler nach New York. Zunächst kann ihm kein Rückschlag die Laune vermiesen. Das ändert sich, als man ihm den Zutritt zur Firma seiner Eltern verweigern will. Denn die haben nicht irgendeine Firma, sondern einen riesen Konzern geleitet, zusammen mit ihren Partnern, deren Kinder inzwischen die Leitung übernommen haben: die Geschwister Walt und Joy Meachum.

Zu Beginn ist die Serie echt spannend…der naive Bettler in der Großstadt, der sich sichtlich bemüht, sein Zen zu erhalten. Später wird die Geschichte um Danny und seine charakterliche Entwicklung leider echt seicht und öde.
Dafür tritt aber ein anderes Argument für die Serie zutage: Der Charakter des Walt Meachum!

Anfangs nur ein arroganter, abgeklärter Karrieremacher, der sich nur für sich interessiert, entwickelt der Charakter im Laufe der Geschichte eine erstaunliche Tiefe, die der Schauspieler Tom Pelphrey mit kleinen Gesten und Blicken zum eigentlichen Hauptdarsteller macht. Zum einen ist das Verhältnis zu seinem machthungrigem, verstecktlebenden Vater sehr schwierig, weil der ihn einerseits als Erben fördert und andererseits manipuliert und erniedrigt. Seine Schwester weiß nicht, dass ihr Vater noch am Leben ist und vergöttert Walt und seine Art, die Firma zu leiten, obwohl es eben nur zum Teil seine Entscheidungen sind. Raum für Privatleben gibt es für ihn nicht. Bis Danny auftaucht und die wohlgeordnete Welt ins Wanken bringt. Fassade und Abgrund…das ist zunächst alles, was man in Walt Machum erkennt, doch als die Fassade aufbricht, kann auch Walt sich endlich entwickeln. Und diese Entwicklung ist das eigentlich spannende an dieser Serie. Der Nebencharakter stielt dem Hauptcharakter die Show!

Selbst die deutsche Synchronstimme von Walt Meachum ist eindrucksvoll. Wenn ich in den Witcherromanen von Geralts tonloser gefühlsarmer Stimme lese, dann höre ich innerlich Walt Meachum.
Gänsehaut!

14. Woche: Neustart mit 36

Nachdem ich letztes Wochenende den Kopf gar nicht mehr frei bekam und es mich vor der nächsten Woche nur noch gruselte, stand für mich der Ausstieg endgültig fest. Am Montag brachte ich noch vier Unterrichtstunden hinter mich, in denen manche schliefen, andere durchweg kicherten/schwatzten und wieder andere wortlos den Raum verließen, um nach 20 Minuten zurückzukehren und auf meine Frage, wo sie gewesen seien, nur achselzuckend meinten: kopieren. Und ich dachte die ganze Zeit: Es sind meine letzten Stunden hier, ich sollte mich nicht mehr aufregen.

Dann saß ich an meinem Schreibtisch. Alle meine Sachen waren längst Zuhause und die Reste steckten im Rucksack. Die zu hinterlassenen Ordner waren frisch beschriftet ordentlich im Schrank. Alles war geregelt. Ich sah auf die Uhr: 10:00. Noch 6 h Arbeit vor mir. Nichts zu tun. Kein Sinn mehr in irgendwas. Also worauf wartete ich noch?
Auf nichts.
Und so beschloss ich, direkt den Weg zu Ende zu gehen. Ich sagte meiner Chefin, dass dies der Abschied sei. Nicht die diplomatischste Art, aber ehrlich. Ich erzählte nichts von Magen-Darm-Beschwerden oder Kopfschmerzen und Schwindel oder was sonst so die beliebtesten, nicht nachweisbaren Ausreden sind.

„Mir geht es nicht gut und ich muss mich jetzt um mich kümmern.“

Dann übergab ich meine Schlüssel, zerdrückte meine Mädels nochmal ordentlich und verließ in schönstem Sonnenschein die Arbeit. Zum letzten Mal.

Schon auf dem Heimweg überfiel mich eine selige Müdigkeit. Nicht diese überdrehte Erschöpfung, die sich so ausgewrungen anfühlt und gleichzeitig, als ob man zur Not noch einen Marathon laufen könnte, weil der Körper unter Dauerstress steht. Nein, es war Morpheus, der mich mit seiner süßen Schlummrigkeit besuchte. Ich schlief früh ein und die ganze Nacht durch, ohne schräges Fantasieren. Nur tiefer, gesunder, tablettenfreier Schlaf.

Und nun erhole ich mich. Auf Lehrerinnen-Art.

Und heute bin ich nun 36 Jahre geworden. Die Waage lieferte ein neues Tiefstgewicht, Slaine schenkte mir einen Shoppingtag zu zweit in der Stadt und von meinem Coach habe ich mir einen „Totaler-Ausrast-Cheatday“ gewünscht. Letzterer hat ihn gestattet, allerdings unter der Auflage, diese Woche nicht mehr auf die Waage zu steigen, um keinen Frust zu kriegen. Wenn das kein guter Start ins neue Lebensjahr ist!

Und so zogen Slaine und ich händchenhaltend in die Stadt, um sämtliche Läden zu plündern und überall zu futtern, wo es uns gefällt.
Die Klamotten für heute Abend:

😀

Ein neues Jahr beginnt und ich fühle mich endlich nicht mehr älter, als ich bin. Ich bin bereit! Bereit für einen neuen Job, einen neuen Körper und neue Abenteuer!
Und gerade freue ich mich sogar wieder auf die morgige Diät…man, bin ich voll!

Woche 10 die II.: Diätalltag eines Kontrollfreaks

Ich habe es geschafft, die schwierige Einstiegszeit liegt hinter mir. All die Zweifel „Oh, halte ich wohl durch?“ „Werde ich den Aufwand schaffen?“ „Wird es immer so anstrengend sein?“ „Läuft es richtig oder mache ich zu viele Fehler?“ liegen hinter mir. Alltag ist eingezogen. Ein Tag nach dem nächsten vergeht, ohne dass ich mich umschau oder ins Stolpern gerate. Slaine futtert hier weiter munter Pizza oder Essen vom Lieblingschinesen und spült es mit feinstem Rotwein runter, ohne dass ich auch nur mit der Schulter zucke. Alles läuft perfekt.

Perfekt sieht bei mir so aus:
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Das ist meine Küchenwand, jedes Blatt ist ein Tag mit 4 bis 5 Mahlzeiten. Jedes Gramm ist festgelegt. Es gibt 3 Kategorien:

  • TTA (Trainings- und Arbeitstag)
  • NTTA (trainingsfreier Arbeitstag)
  • TT WE (Wochenendtage sind immer Trainingstage)

um überhaupt noch durchzusehen, habe ich die drei Kategorien farblich markiert. Wenn ich Lust auf Abwechslung oder ein anderes Gericht habe, setze ich mich hin und schreibe neue Listen. Manchmal merkt man nach dem ersten oder zweiten Mal, dass etwas stört, dann wird die Liste überarbeitet. Teilweise kleben dort schon drei Versionen übereinander.

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Donnerstags oder spätestens freitags plane ich das Wochenende und die darauffolgende Woche mit wenigen Klicks durch. Spätestens freitags muss dann auch die Einkaufsliste bis zum Feierabend stehen, weil ich auf dem Heimweg schon die meisten Lebensmittel etc. einkaufe. Den Rest hole ich samstags nach dem Training.

Mahlzeiten plane ich in der Woche so, dass ich entweder nur Kaltes zusammenrühren muss, oder für mehrere Tage vorkoche. Verliere ich die Übersicht über die Zutatenmengen (wie z.B. beim Eintopf), lege ich eine Exceltabelle an. So muss ich die jeweiligen Mengen nur noch ablesen.
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Gewicht und Umfänge werden aller 4 Wochen festgehalten…natürlich in einer Excel-Übersicht. Außerdem noch zur Übersicht die täglich verzehrten Makronährstoffe und die Kalorienbilanz.

Feierabend bedeutet für mich derzeit, Klamotten für den nächsten Tag rauszulegen, die benutzten Dosen in den Geschirrspüler zu stapeln und die Mahlzeiten für den nächsten Tag abzuwiegen und zuzubereiten und natürlich das aktuelle Abendessen nicht vergessen. Erst danach ist wirklich Freizeit…außer an Trainingstagen, dann heißt es Tasche packen, Nachtrainingszeug abwiegen und ab zum Sport.

Es läuft perfekt. Wie ein Uhrwerk. Jeder Tag ist präzise. Und vergeht. Die Wochen vergehen.

 

 

Und plötzlich höre ich beim Supermarktschlendern, während ich mit leeren Händen hinter Slaine hertrotte, einen Gedanken, der eigentlich längst überfällig war. Irgendwann musste er auftauchen denn er kommt immer dann, wenn sich alles einspielt, wenn ich mich sicher fühle und der Pfad vor mir gerade, klar und gut befestigt daliegt.

„Wann kann ich denn mal wieder einen Apfelkuchen essen? So einen richtigen, nicht nur ein winziges Stückchen. Einen ganzen Kuchen mit saftigen Äpfeln und Rosinen und Caramel und dazu Wanner-Waffeln…“

Wie immer erschrak ich kurz über den Gedanken, denn ich weiß um seine Macht. Die Macht, alles Feste aufzulösen und mich in das abenteuerlich strudelne Chaos zu reißen, wo man alle Kontrolle fahren und sich einfach treiben lässt.

Denn genau das steckt hinter dem Gedanken. Es geht doch eigentlich gar nicht um Apfelkuchen oder Pizza, es geht um meinen Verstand, der sich nach einer Pause sehnt. Einfach mal Sendepause machen, nicht dieses Gefühl, bei einem langen Schlittenhunderennen ständig alle Zügel fest in der Hand halten zu müssen. Ein Ende der To-do-Listen. Urlaub von der Kontrolle.

Das Alles weiß ich nicht erst seit heute. Aber wie macht man Sendepause? Meine Lieblingskollegin geht in den Garten und schuftet. Eine andere putzt, eine weitere kocht. Und ich? Ich lese…verdränge alles, um mich in die Abenteuer anderer zu flüchten. Doch immer öfter werden ich wieder rausgerissen. Nicht einmal dort lassen mich die To-do-Gedanken in Ruhe.

Wie macht man Pause? Wie genießt man das Jetzt? Wo gibt es echt Ruhe?

Die fünfte Woche oder: Wie es ist, längere Zeit für einen Bildungsanbieter zu arbeiten.

Mein Stundenplan auf Arbeit teilt sich in eine A- und eine B-Woche. Die A-Woche ist ganz okay, die B-Woche hingegen vollgestopft mit Unterricht. Die B-Woche saugt mich regelrecht aus.
Eingestellt wurde ich als Lehrkraft für eine Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme. Das erste Jahr habe ich also nur diese Schüler unterrichtet und mich um ihre Sorgen, Nöte und den Förderbedarf gekümmert. Das war anstrengend, aber ich war glücklich. Aufgrund meiner vielen Stunden wurde mir zugesichert, nur diese eine Maßnahme zu unterrichten.
Dieses Jahr hieß es dann, der Personalschlüssel sei ganz anders, als bisher angenommen. Der gesamte BVB-Unterricht müsse laut Plan (Welcher Plan, wo kommt der plötzlich her?) mit 2 Lehrern abzudecken sein, alle Lehrer müssen daher zusätzlich Stützunterricht für Teilnehmer einer anderen Maßnahme erteilen. Natürlich zusätzlich zum bisherigen Pensum.

Außerdem ist ein Integrationskurs gestartet. Bei den Einstufungstests ergab sich bei einigen Teilnehmern ein zu geringer Wissenstand. Sie benötigen einen Vorkurs, den wir leider nicht anbieten. Also was tun? In einer 6-Wochen-Spanne soll versucht werden, die Teilnehmer durch eine Art Mini-Intensivkurs auf das Niveau zu bringen. Wie kann das gelingen? Nun, man schaut einfach bei den Mitarbeitern, wer die nötigen Qualifikationen besitzt, nimmt sich deren Stundenplan vor und füllt die letzten Lücken (Wer braucht schon Vor- und Nachbereitungszeit? Tests können auch in den Pausen korrigiert werden.) mit eben jenem Mini-Intensiv-Vorbereitungskurs. Das ganze mache ich zum Mindestlohn (der in diesem Sektor festgelegt ist) und ohne jegliche Zusatzvergütung oder Boni.

Und dennoch stand ich bis letzte Woche voll hinter meinem Chef, der Firma und dem ganzen Projekt. Denn ich liebte meinen Job. Ich weiß einfach, dass ich dabei viel bewegen und entscheidende Wendepunkte im Leben meiner oft hilflosen Teilnehmer herbeiführen kann. Ich beobachte, wie sie kleine Schritte in ein neues Leben wagen, Wissen erringen, dass ihre Weltsicht eine Spur erweitert, höre, wie sich ihr Sprachschatz langsam anreichert. Und ich liebe mein Team von Kollegen. Wir teilen wirklich Freude und Leid miteinander, stützen uns, kritisieren uns auch vorsichtig gegenseitig. Und wir geben unser Bestes. Zusammen mit Hin- und Rückfahrt gebe ich jeden Tag 11h des Tages nur für meinen Job. Und auch im Feierabend (oder wie jetzt, am Wochenende) geht er mir oft nicht aus dem Kopf. Da bleibt nicht viel Raum für anderes. Ich bin oft zu müde oder erschöpft, um noch andere Leute zu treffen oder Partys etc. zu besuchen. Und das war okay so.

Bis ich diese Woche ein Gespräch mit meinem Chef hatte. Ich wollte eine Fortbildung im Haus organisieren, um strukturelle Probleme zu lösen und unsere Handlungsmöglichkeiten mit den Teilnehmern auszuloten. Mein Chef hat rundweg abgelehnt. Das hätte er mit allen möglichen Argumenten tun können, aber er entschied sich für die verletzendste Art und Weise. Ich habe das schon öfter von anderen Mitrbeitern gehört, dass er sich quasi von jetzt auf gleich vom netten Chef in ein eiskaltes, beleidigendes Arschloch wandeln kann. Jetzt habe ich es selbst erlebt. Statt einfach zu sagen, dass es ihm die Sache nicht wert ist oder er die Kosten nicht tragen will oder sonst etwas sagt er: Wenn es nicht gut läuft, liege das allein an meinen pädagogischen Kompetenzen. Die bringe ich entweder mit oder ich habe hier nichts verloren. Dann soll ich mich nach etwas anderem umsehen. O_o

Nun sitze ich hier und merke, dass damit eine Linie gezogen wurde. Plötzlich stelle ich alles in Zweifel. Wozu racker ich mich ab? Warum sollte ich die zusätzlichen Stunden übernehmen? Warum mich engagieren? Wieso stecke ich mein eigenes Geld wieder in Bücher für den Unterricht? Wofür das alles???

Ich könnte Integrations- und Alphabetisiterungskurse in Teilnzeit für einen wesentlich besseren Lohn unterrichten. Dankbare, höfliche Schüler, Teilzeitarbeit…
Derzeit ist hier so akuter Lehrermangel, dass Quereinsteiger von überall eingestellt werden und nach einem Jahr Arbeit und ein bissschen Prüfung das 2. Staatsexamen anerkannt bekommen. Ich könnte in einer normalen Schule arbeiten und würde den fehlenden Abschluss bekommen. Für wesentlich mehr Geld und weniger Arbeitsstunden.
Mein Freund macht sich gerade selbständig, wir sind also nicht einmal mehr an einen Ort gebunden. Sachsen ist durch viele Rahmenbedingungen noch immer ein echt hartes Pflaster. Bisher war immer einer von uns durch seinen Job hier gebunden. Und eben jene Bindung lockert sich bei mir gerade sichtlich.

So viel Text, das bedeutet wohl, dass mir das schwer im Magen liegt. Ich hatte gar nicht geplant, darüber zu schreiben. Na gut. Jedenfalls war diese Woche eine aussaugende B-Woche. Der Ernährungsplan hat mir da unheimlich geholfen, denn die Vorbereitung habe ich auf ein Minimum reduziert. Geplant ist alles ganz leicht. Es kostet mich nur einen Klick und schon steht der Plan für einen Tag. So plane ich die ganze Woche im Voraus, kaufe auch entsprechend ein. Die Abwechslung leider bei den geringen Kohlenhydrat- und Fettmengen, aber das stört mich jetzt nicht. Im Gegenteil, ich bin froh, dass ich mir gerade keine Gedanken darum machen muss und mampfe alles, was der Plan hergibt.
Das Gewicht sinkt, das Training läuft und all das gibt mir Sicherheit und Halt.