Mal wieder eine Hornochsen-Aktion

Wenn man es sich schön machen will, aber kaum Geld besitzt, ist Ebay-Kleinanzeigen eine echte Fundgrube. Was es da alles gibt! Un meist zu einem unschlagbaren Preis. Viele dinge werden gar verschenkt!
Verschenkt!
Mitten im Kapitalismus.
Unglaublich.

Wo ist da der Haken?
Klar, der Transport.
Man muss selbst schleppen und transportieren. Oder man zahlt viel Geld dafür, dass es ein anderer tut.

Für meine Pole-Dance-Stange brauchte ich dringend einen weiteren Spiegel, um beim Üben zu sehen, ob es halbwegs so gut aussieht, wie es sich anfühlt.
Und nicht so einen mickrigen Spiegel. So groß wie möglich sollte das Teil sein.

Ich fand einige wunderschöne Exemplare. Doch wie sollte ich den Transport bewerkstelligen? Glas wiegt einiges und so ein großer spiegel ist durch seine sperrige Form schwer zu bewegen.

Wenn er keinen Rahmen hat, ist die Gefahr groß, dass er unterwegs zerbricht. Außerdem weiß ich dann gar nicht, wie ich ihn an der Wand befestigen kann. Also besser einen mit Rahmen.

Dann sah ich ihn: 1,80 x 0,60 m groß mit Rahmen. Riesig und wunderschön. Bald ist März, meine einweihungsparty rückt näher und daher war das ziel für meinen Urlaub (diese woche), die Wohnung fertig zu stellen.

Jetzt oder nie, sagte ich mir und stellte den Kontakt zum Verkäufer her. Gerade mal 15€ sollte das gute Stück kosten. In der Anschaffung liegen solche Größen bei ca. 350€.
Ich musste ihn haben. Irgendwie würde ich ihn schon wegbekommen, dachte ich.

Irgendwann meldete sich mein Ex und fing an, mir sein Herz auszuschütten. Wir haben in letzter Zeit wieder ziemlich guten, freundschaftlichen Kontakt. Nach über 13 gemeinsamen Jahren ist eben ein dickes Band vorhanden, auch wenn keine romantischen Gefühle mehr im Spiel sind.
Ehe er richtig loslegen konnte, schrieb ich ganz dreist: Das erzählst du mir am besten, während wir meinen neuen Spiegel zu mir schaffen.
Und nach kurzer Überlegung sagte er zu.

Zu zweit wird das ein Klacks…..dachte ich.

Vor dem Laden angekommen, grinste mir, statt dem kräftigen Mann, den ich als Verkäufer erwartet habe, eine ca. 40kg schwere Asiatin entgegen. Sie würde mir schonmal nicht helfen können.
Mein Ex stand bereit und wir betraten den Laden, wo ich das gute Stück direkt am Boden erblickte. Festgespannt in einen Rahmen aus Echtholz und auf eine Platte auf Presspan und Holzleisten geleimt.
Ich konnte ihn nicht einmal vom Boden heben, so schwer war er.

Doch zum Glück war ich ja nicht allein und mein Ex wesentlich stärker als ich. Als wir das Teil auf den Oberschenkeln liegen hatten, wurde mir das Ausmaß des Desasters erst richtig bewusst, denn meine Unterarme protestierten sofort lautstark. Und wir waren noch keinen cm gelaufen. Wie sollten wir den ganzen Weg bis zu mir nur bewerkstelligen?

Nicht den Berg anschauen, sage ich immer, betrachte nur den nächsten Schritt.

Der nächste Schritt war die Tram-Haltestelle, denn natürlich transportiert man den schwersten Spiegel der Welt in der Straßenbahn.

Dort angekommen war ich am Ende meiner Kräfte. Im Gesicht knallrot und mit Händen, die nicht mehr greifen konnten. Der Schweiß rann mir den Rücken runter, als wäre es ein Formel1 Rennen.

Als wir das Teil hochkant in die Tram schoben, es passte gerade so diagonal auf den Platz, der eigentlich für Kinderwagen reserviert ist, grinsten mich von überall junge Gesichter an, als wöllten sie sagen: Ja, so einen Scheiß habe ich auch mal verbockt. Damals, als ich jung war und es nicht besser wusste.

Nach nur einer Haltestelle mussten wir Tram und Bahnsteig wechseln und hatten 10 Minuten Zeit, zu Luft zu kommen. Zum ersten Mal seit langem war ich froh, dass 10 Minuten wirklich lang sein können. Doch mir graute vor dem Weg zu mir. In meiner Vorstellung war der Weg endlos weit (räumliche Wahrnehmung gehört nicht zu meinen Stärken, liegt vielleicht daran, dass sich ein Weg in Minirock und derselbe Weg mit dem schwersten Spiegel der Welt in den Händen völlig unterschiedlich lang anfühlen).

In echt war er das übrigens auch. Und so konnte ich es gar nicht glauben, als wir plötzlich vor meiner Haustür angekommen waren. In den Fahrstuhl hätte er fast nicht reingepasst. Ich fühlte mich mittlerweile in meinen Klamotten, als wäre ich im Raumfahreranzug in die Sauna gegangen und meine Hände wollten den Schlüssel nicht mehr greifen, geschweige denn drehen. Das Türöffnen wurde zur Herausforerung.

Doch schließlich schafften wir auch das, wuchteten das Teil über die Pole-Dance-Verstrebungen hinweg an die Wand, schafften es mit letzter Kraft das Ding aufrecht hinzustellen und genossen dann erstmal einen Schnaps auf die Strapazen.

Als ich dann allein war, setzte zur Erleichterung die Freude ein. Gefühlt ist meine Wohnung nun fertig und bereit für die Einweihungsparty. Und ich fühle mich richtig wohl darin.

Werbeanzeigen

Der Seele die Hand reichen oder sie an den Teufel verkaufen?

Als befristet Angestellte bin ich verpflichtet, mich zu Beginn jeden Jahres arbeitssuchend zu melden und mich zu bewerben, falls mein Vertrag nicht verlägert wird. Dass Lehrer gesucht werden, ist bekannt und meine Mädels meinen schon länger: Mensch, mit deinen zwei Jobs…bewirb dich doch einfach und schau, was dabei rauskommt.

Ich habe auch selbst schon mit dem Gedanken gespielt und im Oktober beschlossen, ich tus. Die Bewerbung war schnell geschrieben, darin bin ich inzwischen geübt. Doch eh ich alle Dokumente zusammen und beglaubigt hatte, dauerte es. Was nicht auf sich warten ließ, waren die Träume. Ich träumte vom Ref. Von Gesprächen, die in eine völlig falsche Richtung liefen, Menschen, die mich stets falsch verstanden, Aufgaben, die ich nicht erfüllen konnte, weil alles schief lief.

Was kann schon passieren, außer dass ich mich meinen Ängsten stelle? Ich schickte die Bewerbung ab und bekam eine Eingangsbestätigung via Mail. Das war Anfang November.
Danach passierte nichts. Irgendwann ließen die Träume nach. Alles war still.

Am Freitag den vierten Januar flatterte plötzlich eine Einladung zum Informationsgespräch mit persönlichen Gesprächen im Anschluss für Dienstag herein.
Ort war das Schulamt, eben jenes Gebäude, in das ich während des Referendariats immer zur theoretischen Ausbildung musste.
Fortan träumte ich von diesem Gespräch, in dem natürlich alles schief lief.
Am Tag selbst ging ich mit ganz gemischten Gefühlen hin. Einige bekamen sofort den Arbeitsvertrag in die Hand gedrückt. Es war soweit ganz nett. Man konnte Fragen stellen, bekam alles kurz und knapp erklärt und konnte anschließend in einem Gespräch seine eigenen Wünsche und Vorstellungen angeben. Tat alles nicht weh.

Kurz und schmerzlos ging es weiter, denn schon am nächsten Tag bekamen alle, die keinen Arbeitsvertrag in die Hand bekommen hatten, ein Angebot via Mail mit der Bitte, sich sofort mit der entsprechenden Schulleitung in Verbindung zu setzen.
Da man mir am Dienstag erklärt hatte, dass zu Leipzig auch entferntere Orte wie Wurzen und Grimma gehören, weil man dies wunderbar mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht, rechnete ich mit einem Angebot, dass ich liebend gern ablehnen würde, weil der Arbeitsweg zu weit wäre.
Das war generell mein Gefühl bei der Sache: Ganz langsam einen Fuß vor den anderen setzen und immer zur Flucht bereit sein. Nur nicht zulassen, dass ich wieder in eine Falle gerate oder alte Wunden aufgerissen werden.

Umso geschockter war ich, als ich las, welche Schule ich bekommen könnte. Es war das perfekte Angebot…nur 20 Minuten von meinem Zuhause weg und ländlich gelegen. Eine ruhige Ecke, gutes Klientel. Das war zu schön um wahr zu sein. Plötzlich war es vorbei mit Schritt für Schritt, denn nun stand nur noch der Schulbesuch zwischen meinem Leben als Dozentin für funktionale Analphabeten und einem Leben als reguläre Lehrerin.

Man stelle sich das vor…ein Job der im Monat viel mehr einbringt als meine 2 Jobs zusammen. Sicherheit…wenn ich möchte, könnte ich dort bis zur Rente bleiben ohne mich um Akquise kümmern zu müssen oder sonst ständig in der Angst leben zu müssen, dass die Firma Pleite geht, keinen Zuschlag für meinen Kurs erhält oder meine Stelle abgebaut wird. Dazu einen Abschluss, der mich in jedem Fall absichert.

In der Nacht merkte ich, dass viele Ängste sich legten. Langsam konnte ich mir vorstellen, Lehrerin an einer Schule zu sein. Am Donnerstag ging ich sehr entspannt zum Gespräch mit der Schulleitung. Ich hatte mich für meine Kunstleder-Schlaghose und meine goldene Jacke entschieden, um sowohl schick auszusehen, als auch typisch individuell wie ich nunmal bin.

Zunächst sah ich ein paar taffe, gepflegte Kollegen um die 50 Jahre. Das sah schonmal ganz gut aus. Keine Strickjacken.
Dann trat ein Triumvirat aus dem Lehrerzimmer, dass so richtig dem typischen Lehrerbild entsprach. Steinalt, in Wolle gekleidet, deren Farben man kaum als solche bezeichnen konnte, so nah waren sie dem Grau. Grau waren auch die Gesichter und Haare. Immerhin passsten die Farbtöne zueinander.
Ich sollte etwas über mich erzählen. Also erzählte ich vom Studium und dem abgebrochenem Ref. Dass ich es aufgrund des Pendelns abgebrochen hatte, verstanden alle sofort. Das sei ja wirklich Wahnsinn gewesen. Unverantwortlich.
Dann erzählte ich von der BVB-Maßnahme und dass die Schüler, die in meinen Fächern angetreten sind alle abgeschlossen hatten. Anschließend erzählte ich von meinem jetzigen Job, kam aber nicht weit, weil der Schulleiter mir mitten im Satz ins Wort fiel: „Nun hören sie aber mal auf mit dem Eigenlob.“ „Das kriegen die jungen Leute heutzutage aber so beigebracht“, mischte sich die Personalchefin ein, wohl um mir zu helfen.
„Also hier haben wir kein schwieriges Klientel und keine schwierigen Schüler. Hier läuft alles gut nach traditioneller Art. Das ist auch unser Leitbild und sollte unbedingt eingehalten werden.“

Man brauche mich hauptsächlich als Religionslehrer. Welche anderen Fächer könne ich mir vorstellen zu unterrichten?
Wir einigten uns auf Technik und Computer (TC), was ich mir sehr gut vorstellen konnte.
Bis hierhin konnte ich mir noch vorstellen, das Ganze durchzuziehen. Ich würde zwar zurück in den Schoß der Kirche krabbeln und viel Religion unterrichten müssen, aber wenn alles andere stimmte, würde ich das schon hinbiegen.

„So, wollen sie sich das Haus noch ansehen?“, fragte der Schulleiter. „Wir haben allerdings noch Baustelle hier.“
„Was bedeutet das für den Unterricht? Haben sie Ohrschützer für die Schüler?“
„NEE, BEI UNS BLEIBEN DIESE HANDYS IN DER TASCHE!“
Ich schnallte sofort, dass er bei Ohrschützer nicht an Kapselgehörschützer von Baustellen dachte, sondern offensichtlich glaubte, in meinem Unterricht hört jeder über sein Smartphone Musik im Unterricht. Was vorher als leichtes Ressentiment zu spüren war, schlug mir nun als offene Empörung entgegen. Ich versuchte zu erklären, was ich eigentlich gemeint hatte und dass ich diese Kapselgehörschützer bei meinen Alphas einsetze, wenn sie sich kurzzeitig schwer konzentrieren können, weil sie mal wieder die Fliege an der Wand stört. Doch ich kam kaum zu Wort.
„Wir brauchen hier solchen modischen Schnickschnack nicht. Unsere Schüler können sich alle konzentrieren. Ne, sowas fangen wir nicht an.“ Da waren soch alle drei einig und mein Kopf war plötzlich heiß. Genau diese Art der Vorverurteilung und Engstirnigkeit hatte ich im Referendariat zur Genüge erlebt. Die Stimmung wandelte sich spürbar. Von nun an schärfte man mir nur noch ein, was man von mir erwartete, ließ mich kaum mehr zu Wort kommen, machte mir nochmal klar, dass es eine Probezeit gibt und sie auch unpassende Leute schon in dieser Zeit entlassen hatten. Dann drückte ich noch Hände und wurde mit den Worten verabschiedet: „Wie gesagt, maßgebend ist, dass sie Religion unterrichten können, sonst brauchen wir sie nicht. Das Werde ich Herrn XY vom LASUB auch telefonisch mitteilen.“ Und dann drehten sich alle geschlossen um und gingen zum Tagesgeschäft über.

Ich taumelte ins Freie, hin und hergerissen zwischen dem Gedanken an die Chance und einem Bauchgefühl, welches irgendwas wie „Untergang“ murmelte.

In diesem Zustand ging ich zu Marcel…ich hatte seit einem Monat quasi nicht trainiert und sah mich auch nicht in der Lage das wieder hinzukriegen. Darüber wollte ich mit ihm reden. Über neue Trainingspläne und Ziele reden. Stattdessen erzählte ich vom Gespräch.
Schließlich riss ich mich zusammen und besprach noch das, weshalb ich eigentlich gekommen war…Pläne, Ziele und Schmerzen im Beugeransatz am Knie. Marcel hörte geduldig zu. „Mir kommt es vor, als würdest du vorm Bodybuilding fliehen und du flüchtest dich zum Pole Dance.“ Ich nickte. Da hatte er ins Schwarze getroffen.
„Aber ich weiß, welchen Weg du gegangen bist, wie weit du gekommen bist und dass du es liebst, dich zu entwickeln. Ich weiß nicht, ob ich dich jetzt einfach ziehen lassen kann.“
Und da wirkte marcellische Magie und ich hörte mich sagen: „Marcel, dann machen wir das einfach nicht.“ Irgendwo in mir war noch ein Funke, der sich weigerte zu erlischen.
Wir besprachen die Rahmenbedingungen der neuen Pläne und Marcel ließ sich erklären, wo und wann genau mein Knie schmerzte.
Und er erklärte mir, dass mein Beugeransatz schmerze, weil der Strecker verklebt sein.
Hä?!§$% Wie jetzt, es tut hinten weh, weil vorn etwas verklebt ist?
Er zeigte mir Übungen und ließ mich über die Blackroll rutschen. Und oh, was waren das für Schmerzen! Siehe da, diese Schmerzen zogen genau bis in den Beugeransatz. Mein ganzer Oberschenkel stand in Flammen und nun wusste ich, dass er mal wieder Recht hat. Ob ein Arzt mir das so schnell aufgeklärt hätte?
Es ist echt immer wieder eine schöne Überraschung, was bei Marcel alles rauskommt, wenn man ihn nur fragt.
Die Übungen mache ich nun täglich, auch wenn ich die Schmerzen nicht lang aushalte. Ich spüre das Knie noch immer, aber es ist kein Vergleich zu den Tagen davor. Es lässt nach, ich muss nur weiter die Übungen machen.
Als wir mit dem Gespräch durch waren, wandte ich mich schon fast zum Gehen, srehte mich aber aus einem Impuls heraus nochmal um und fragte Marcel: „Und was sag ich nun morgen dem Schulamt?“
„Steffi, nach dem, was du erzählt hast und so wie ich dich kenne, wirst du damit nicht glücklich. Das passt nicht zu dir.“
Und damit war die Entscheidung gefällt.

Ich war vor kurzem bei zwei Vorstellungsgesprächen für Unterricht im Strafvollzug. Ziemlich verschärfte Angelegenheit, aber ich konnte mich dort sehen, mein Bauch sagte: das kannste machen, das ist voll okay. Bei der Schule hingegen sagte er mir, ich solle es tunlichst lassen. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

Am Freitag schrieb ich gegen 4:40 die Absage. Seitdem fühle ich mich sehr erleichtert. Ich habe wieder Lust auf Bodybuilding, darauf an mir zu arbeiten, Lust auf neue Fotos von mir und meine Libido schlägt plötzlich wieder Purzelbäume. Die Bewerbung hat mich wohl stärker beeinflusst, als ich es wahrgenommen habe.

I’m back. 😀

dunkle Zeit

Heute ist mein letzter freier Tag…“zum Glück“ raunt es mir da vom Rande meines Bewusstseins zu.

Es ist nicht so, dass die letzten Wochen furchtbar waren und ich die ganze Zeit unglücklich in der Ecke gesessen hätte. Im Gegenteil, es waren fast alles richtig schöne Tage. Teilweise genoss ich die Entspannung allein Zuhause, oder ich war in guter Gesellschaft und hatte richtig ausgelassen Spaß.

Und dennoch schwebte über allem der dunkle Mantel. Das begann vor Weihnachten, als meine Heinis mir die letzten Reserven wegfraßen und ich mich in einem Gespräch sagen höre: „Wir stehen hier an einer Weggabelung und ihr müsst jetzt entscheiden, ob die nächsten drei Monate hier eine schöne Zeit oder die Hölle auf Erden sind. Denn ich bin im Moment am Ende. Mit meinen Nerven, meinen Ideen, meinen Lösungen, meinen Strategien. Ich kann nicht mehr. Und wenn ihr so weitermacht, schmeiß ich hin. Dann gehe ich.“
Das zeigte Wirkung, die letzten zwei Tage vor Weihnachten verbrachten wir alle in seliger Stimmung, waren lieb zueinander und wieder eine richtig gute Truppe. Aber der Kraftstoffanzeiger war im roten Bereich und ich brauchte dringend einen Energieschub von außen.

Den erhoffte ich mir wieder vom Favoriten. Ich hatte ihm schon früh gesagt, dass ich durch meine Doppelschichten nur an zwei Zeitfenstern könne. Am Tag des ersten Zeitfensters hoffte ich also schon ganz zappelig auf die Nachricht, dass er vielleicht heute käme. Ich klammerte mich geradezu an den Gedanken, sog daraus die Kraft und gute Laune, die ich brauchte, um einen Schritt vor den anderen zu setzen.
Doch zunächst hörte ich von ihm nur: „Weiß ja nicht, wie du Zeit hast, aber ich könnte Samstagnachmittag oder Sonntag.“

Der Satz löste mich auf. Ich war bei der Mittagspause und hätte mich am liebsten sofort unterm Schreibtisch zusammengrollt und wäre in Dornröschchenschlaf gefallen, denn natürlich hatte ich weder am einen noch am anderen Termin Zeit. Verzweiflung und Wut sind ein ganz übles Gemisch. Es überfiel mich und ich wusste doch aus den Streits der Vergangenheit, dass ich nichts mehr daran ändere. Denn egal, was ich sage, der Favorit ändert seine Pläne nicht und ich steh in seiner Prioritätenliste ganz unten.

Ich schrieb ihm später, wie mies es mir nun ginge und wie bitter es sich anfühlt, so tief in der Prioritätenliste zu sein, dass jeder Typ, der ihn auf der Straße anspricht, ob er ihm einen Burger vom McDrive mitbringen könnte, vor mir landen würde. Denn ich bin ja nur Sex und auf den kann er locker ein paar Wochen verzichten.
Giftige Worte, aber deswegen nicht weniger wahr.

Es war genau die Situation eingetreten, die ich immer vermeiden wollte und wegen der ich keine Beziehung mehr will. 90% des Jahres gebe ich Vollstoff, bin voller guter Energie, verschwende sie geradezu, um andere zu motivieren und selbst durch den Alltag zu schweben. Aber es gibt eben die Zeit der 10%, in der meine Reserven aufgebraucht sind und ich einen Teil der gegebenen Energie zurück bräuchte. Mein Ex ist viele Jahre in genau der Zeit mit seinem Verständnis da gewesen. Ich hätte mir dann zwar auch mal eine Massage oder ausgiebige Streicheleinheiten gewünscht, aber immerhin gab er mir emotionalen Halt.

Nun bin ich Single und muss mich selbst managen. Und da setze ich ausgerechnet auf das unzuverlässigste Pferd im Stall. Typical me. Doch der Schaden war angerichtet.
Zu allem Übel sagt der Kerl auch wirklich immer noch das Dümmste, was man in solchen Situationen sagen kann. Wäre es nicht so real, wären seine Texte guter Stoff für einen Bühnenkomiker.

So saß ich dann also am ersten „freien“ Tag (meine Schicht im Nebenjob begann erst 18 Uhr) morgens im Bett und wusste, es wartet die nächsten Tage nur die Arbeit auf mich. Arbeit und Zeit. Keine Gesellschaft, keine Party, keine Ablenkung, kein Sinn. Die Arbeit wurde das einzige Strukturelement eines endloses Ozeans voller leerer Zeit. Ich hatte schon ungewöhnlich lang geschlafen und stellte schon beim Aufwachen fest, dass er sich an meine Schultern schmiegte: der Mantel aus bedrückender Dunkelheit. Ich schaffte es nichtmal zum Kaffee in die Küche. Lag nur wie gelähmt da. Nicht einmal der morgendliche Smalltalk mit dem Favoriten war ein Motivationspunkt, denn ich war noch so sauer, traurig und verletzt, dass ich nicht schrieb.

Am 25. wachte ich früh auf und spazierte voller guten Mutes ins Fitnessstudio. Mittlerweile fühle ich mich im John Reed so wohl, dass ich manchmal meinen Wohnungsschlüssel statt meiner Mitgliedskarte zücke, wenn ich reingehe. 2. Zuhause eben.
Auch am 25. fühlte ich mich dort gut aufgehoben und wollte mit einer Ganzkörpereinheit loslegen.
Guter Plan soweit. Nur dass ich eben den Mantel aus Dunkelheit noch immer trug. Schon in der ersten Übung fiel es mir von Wiederholung zu Wiederholung schwerer. Als hätte ich überall unsichtbare Bleigewichte am Körper. Ich dachte erst, es wäre nur das fehlende Training und zwang mich noch zu einer zweiten Übung. Dort spürte ich es dann ganz und gar. Die Muskultatur brannte sofort, alles fühlte sich an, als würde ich mit erhöhter Schwerkraft trainieren und plötzlich war ich müde. So lähmend müde.

Das war der Worst Case, denn wann immer ich in den nächsten Tagen darüber nachdachte, ins Studio zu gehen, überfiel mich die Angst, dass mich der Mantel wieder bis ins Studio verfolgt und dort nur darauf lauert, dass ich etwas unternehmen will, um mich zu retten. Den Mantel im Training zu erkennen ist einfach…die totale Niederlage. Eine klare Botschaft: Die Depression ist wieder da und du entkommst ihr nirgends. Versuchs gar nicht erst.
Ich war seitdem nicht mehr im Studio…

Gerettet hat mich dann zunächst ein sehr verspäteter Besuch des Favoriten. Was, bin ich total doof, dass ich den trotzdem noch reinlasse?
Ja, ich bin nicht nur doof, ich bin auch total süchtig. Denn so mies das alles läuft und so schlecht er zu mir passt…die Stunden mit ihm sind Stunden im Himmel.
Es ist auch wieder typisch für mein Leben, dass der Charakter, der im Alltag am schlechtesten zu mir passt, im Bett der ideale Partner ist. Drei Stunden mit ihm und die Welt ist plötzlich wieder ein buter, lichtdurchfluteter Ort voller schöner Melodien. Verflixt nochmal…

Und als er weg war, wollte ich gerade zum Training stiefeln, als ich zwei Paketscheine im Briefkasten finde…meine Poledancestange wartete beim Nachbarn auf mich! 😀

Langsam kam wieder Licht ins Dunkel.

Durch den Stress in den letzten Wochen habe ich natürlich auch mehr gegessen…logisch, ich rede auch nicht von Proteinen. Ich spürte tagtäglich, wie ich dicker und weicher wurde. Wie der Speck sich über den Rand der Hose schiebt und meine Arme! X_x Aber ich konnte es nicht aufhalten und so hatte ich das Gefühl, alles verloren zu haben, worum ich so lang gekämpft hatte. Das ewige Auf- und Ab hat mich wieder.
Erst als ich mich an der Stange sah, wurde mir klar, dass nichts zu spät ist, dass der Mantel mich mit seinen Einflüsterungen betrügt und nichts so schlimm ist, dass man es nicht mit ein wenig Sport und Disziplin wieder hinkriegt.
Der Mantel lügt. Und man glaubt ihm doch.
Zum Glück macht es einfach so viel Spaß, an der Stange zu turnen, dass ich es nur aus eben diesem Spaß heraus tue.

Das Gefühl, fliegen zu können und von der erarbiteten Muskulatur zu profitieren. Und das Gefühl an der Grenze zu einem ganz neuen Land voller Möglichkeiten zu stehen, holt mich langsam raus aus dem Tief. Und jetzt werde ich mal eiligst nach Diätplan vorkochen, denn ich will heute noch versuchen, zum Training zu gehen.

Ob ich es schaffe? Drückt mir die Daumen. 😉

Zeit, sich Wünsche zu erfüllen

„Was ist denn mit deiner Küchentür?“, fragt der Liebhaber, dem ich erzählte, dass ich sie vielleicht noch vor Weihnachten einbauen lasse.
„Ach, hör auf!“, sage ich frustriert.
„Erzähl, was ist los?“

Los war der Kostenvoranschlag von Hornbach, der doch wesentlich teurer ausfiel, als gedacht. Gerechnet hatte ich mit 250, maximal 300 €. Auf der Rechnung standen jedoch am Ende 450€, wobei ich 50€ fürs Aufmaß schon angezahlt hatte.

Leisten kann ich mir eigentlich auch die 250€ nicht, doch da mich jede Nacht das Kühlschrankmonster mit seinen gurgelnden und summenden Geräuschen weckt, ich außerdem nach stark riechenden Gerichten das Bettzeug wechseln kann und den Essensgeruch tagelang in der Wohnung habe, desweiteren die Küche ständig mitheizen muss, tat eine Tür hier dringend Not. Umso mehr hat mich der Kostenvoranschlag abgef****.

Der Liebhaber setzt sich an den Bettrand und blickt nachdenklich in Richtung Küchenzeile. „Dann mach ich dir die Türe. Ich hab sowas schon mal gemacht und auch alles Nötige da.“
Ich war hin und hergerissen.
Einerseits lässt man sich von einem Liebhaber normalerweise keine Türen einbauen, außerdem besteht immer die Gefahr, dass man sich auf jemanden verlässt, der dann beschließt, dass es für ihn nicht so wichtig ist, sich an Vereinbarungen zu halten.

Aber andererseits…ich wollte diese Tür.
UNBEDINGT.

Später schrieb er von sich aus: „Ich kümmer mich um die Tür, musst keinen anderen bestellen, Babe.“ Da war es für mich abgemacht.
Türblatt (Tür), Drückergarnitur (Klinke), Zargenschaum, Zarge (Türrahmen) und Acryl waren schnell bestellt.
Doch dann der nächste Rückschlag: „Ach, die Zarge ist aus dem Katalog, die muss ich bestellen. Sollte in 4-5 Wochen da sein.“

-.-

„Die spinnen doch, geh am Montag mal zu Wöhlk, Babe, die haben Ahnung.“
Goggle sagt, es handelt sich um einen Holzfachhandel. Also tanz ich da montags an und bestelle die Zarge. Am nächsten Tag ist sie schon abholbar und auch günstiger als bei Hornbach. Statt veranschlagten 450€ kam der Einbau nun insgesamt 230€.

„Wo haben sie denn ihr Auto stehen?“, fragt der junge Mann im Lager.
Lachend wuchte ich mir den 2m langen und ca. 20kg schweren Karton auf die Schulter und sage: „Mein Verkehrsmittel fährt aller 10 Minuten von der nächsten Haltestelle ab.“
„Und der Freund sitzt Zuhause auf dem Sofa, oder was?“
„So in etwa…“

Schnell merke ich, dass es echt kräftezehrend ist, so ein unhandliches Paket zu tragen. Das Gewicht ist nicht das Problem, sondern einen guten Griff zu finden, der das Paket nicht schmerzhaft gegen einen Knochen drückt oder ständig die Hände abrutschen lässt. Und ich verfluche mich, weil ich eigentlich noch die Griffhilfen einpacken wollte, die für einen guten Grip sorgen.
Das letzte Stück über die Brücke bis zum Haus wird es nochmal kniffeliger, weil der Wind es spaßig findet, mir das Paket Richtung Abgrund zerren zu wollen. Doch schließlich öffne ich stolz die Wohnungstür und lege die Zarge zurecht.

Gestern war es dann soweit. Mit vereinten Kräften bauten wir den Rahmen ein und schließlich auch die Tür samt Drückergarnitur.

Schon gestern merkte ich, dass es für mich viel gemütlicher ist, wenn der Raum geschlossen ist, statt dem gähnenden Loch zur Küche. Diese Nacht schlief ich viel ruhiger, weil das Küchenmonster ausgesperrt ist.
Als ich morgens aufwachte, war mir heiß, denn ohne Küchenloch bleibt auch mehr Wärme im Raum.

Zum Mittag habe ich Fleisch gemacht. Es war ein wunderbares Gefühl, zu wissen, dass die Küche in 2 Minuten durchgelüftet ist und nicht die ganze Wohnung noch tagelang danach riecht.
Als das Essen fertig war, wollte ich damit ins Wohnzimmer, aber dann wurde mir klar, dass dadurch wieder Geruch ins Wohnzimmer kommt, den ich da im Moment wirklich nicht haben will. Also aß ich zum ersten Mal überhaupt in der Küche und fand es richtig gemütlich. Ohne Ablenkung, gemütlich am Esstisch.
Erst jetzt fühlt es sich wirklich wie MEINE Wohnung an. :))
Ich habe viel Wissen dazu gewonnen (Zum Beispiel beim nächsten Mal darauf zu achten, dass Türblatt und Zarge wirklich die gleiche Farbe haben *ggg*.), und Spaß beim Zusammenbau gehabt.

Next Stop: Pole-Dance-Stange. 😀

4 Monate Single

4 Monate und ich kann noch immer nicht behaupten, dass ich verstünde, wie das richtig geht.
Es ist noch immer eine riesen Umstellung von der bedrückenden Enge in die absolute Freiheit zu springen, nur um dann festzustellen, dass die andere Wiese auch gar nicht so viel grüner ist.
Oder dass das grellere Grün auf Dauer nicht gut zu ertragen ist.

In einem Roman fand ich letztens das Wort, welches mein neues Leben gut beschreibt: unbehaglich. Man versucht es sich gemütlich zu machen, aber irgendwie klappt es nicht so richtig.

In meinem alten Leben hatte ich es geschafft, viel Zeit zu füllen, mit kochen, Serien schauen, zocken, nähen. Zu meinem neuen Leben passt das nicht mehr. Es fühlt sich an, als würde ich versuchen nochmal mit Barbies zu spielen. Ich sehe, was mich daran gefesselt hatte, aber es fesselt mich jetzt eben nicht mehr.

Dennoch brauche ich Struktur,
denn die bewahrt mich vorm Fall ins Nichts.
Und was bietet mehr Struktur als Bodybuilding?
Ich koche noch immer nach Plan für mehrere Tage im Voraus. Und noch immer hasse ich es.
Außerdem gehe ich trainieren. Neulich hat nun endlich mein neues 2. Zuhause (John Reed) offiziell eröffnet und ich fühle mich dort sehr wohl, auch wenn es echt verdammt kalt ist! *brrrr*
Ich fotografiere mich noch immer gern.

Letzte Woche war ich zweimal beim Training. Auf den Stairmaster ging ich gern und fühlte mich wohl. Doch bald ging mir die Puste aus. Macht nichts, dachte ich und wollte ans Eisen, nur um festzustellen, dass ich urplötzlich müde war. Zu müde um irgendwelches Gewicht zu bewegen. Beim 1. Mal schob ich es noch auf Verspannungen. Aber beim 2. Mal machte ich mir Sorgen…was ist nun schon wieder los mit mir?

Ich grübelte und hatte eine Idee: Was, wenn ich Erscheinungen einer depressiven Verstimmung habe?
Passt zu meinem Kaufverhalten (Ich darf auf keinen Fall Geld ausgeben, ich darf nicht tiefer in den Dispo kommen..ach scheiß drauf, ich kauf mir was Schönes!)
Passt zu meinem Essverhalten (Heute halte ich mich einfach an den Plan, kostet ja auch viel zu viel sonst und ich darf auf keinen Fall fett werden…oh Gott, die Riegel brauchte ich jetzt! Aber jetzt sind keine mehr da! Ich muss noch welche auf Vorrat kaufen.)
Passt zum Training (ENDLICH ein neues 2. Zuhause, endlich richtig rocken beim Training! Och, ist das heute alles schwer! Und wie mir alles wehtut und im Bett ist es viel gemütlicher.)
Passt zum Freizeitverhalten (Ich würde ja spazieren gehen…aber es ist grau und ich kenne die Gegend nun doch schon. Ich würde ja nähen, aber das ist doch auch anstrengend. Ich würde ja eine Runde auf dem Balkon chillen, aber es ist doch schon zu kalt. Ich würde ja tanzen gehen, aber 23 Uhr ist echt schon spät.)

Meine Selbstdiagnose erklärt das alles ziemlich gut. Also „behandel“ ich mich nun selbst auf Depression. Ich nehme täglich meine Dosis Vitamin D+K. Ich bin nachsichtig mit mir, wenn ich mal einfach entspannen will, tret mich aber auch hoch, wenn ich weiß, dass es besser wäre. Ich verordne mir Spaziergänge, auch wenn ich keine Lust dazu habe und Trainingseinheiten, selbst wenn sie schlecht laufen. Desc Weiteren rede ich mit meinen Freundinnen und meiner Familie, auch wenn mir nach einigeln zumute ist.
Und es klappt. Gestern habe ich Beine trainiert. Und ich habs durchgezogen.
3 Schichten Shirts…damit bleib selbst ich warm, trotz Schweiß.

Sturz aus dem Chaos in die totale Ordnung.

Problem erkannt, Problem gebannt, könnte man sagen. Wenn man so wenig Geld hat, dass die freie Zeit zur Qual wird, dann sucht man sich am besten einen Nebenjob. Und genau das habe ich getan.
Zwei Jobs, zwei Arbeitsorte, viel strukturierte Zeit. Irgendwann gibts auch mal Geld dafür.
Im Moment tut es mir gut, auf lange Sicht wird es wohl zur Belastung werden. Deswegen habe ich mich auch bei neuen Stellen beworben, auch wenn es sich furchtbar anfühlt, mir vorzustellen, den Job aufzugeben.

Und ich habe angefangen, Träume zu realisieren. Letzten Monat kaufte ich das Ticket für die Fibo und die Fiboparty, diesen Monat buchte ich das Hotel. Träume aus eigener Hand realisieren, auch wenn es eigentlich (finanziell) nicht geht. Das tut gut.

Durch den neuen Job habe ich allerdings nicht nur weniger Zeit, nein, da es dort furchtbar zieht, habe ich auch gleich mal eine Erkältung mitgenommen. Das wird die nächsten Monate eine ordentliche Abhärtungskur für mich. Doch im Moment kann ich dadurch nicht einmal an den wenigen freien Tagen trainieren.

Auch merke ich, dass die Zeit zwar gefüllt ist, aber nicht erfüllt. Die Sehnsucht nach Leben schlägt ganz heftig in meiner Brust. Da ich erstmal nicht mehr date, stellt sich die Frage, was es da sonst noch geben könnte. Leben, das sich erfüllt anfühlt, ohne dass ich von anderen abhängig bin.

Bei mir bedeutet dass in erster Linie, dass meine Psyche mich regelmäßig beim Essen ausrasten lässt. Jeder Tag beginnt nach Plan, aber schon in der Mittagspause kann ich an dem ganzen Futterkram, den die Kollegen anbieten, nicht vorbei. Abends muss dann natürlich ordentlich Zucker her. Auch wenn der Verstand weiß, dass es nicht funktioniert, der Bauch sehnt sich nach Glücksgefühlen und Erfüllung. Wenigstens einmal genießen, flüstert es mir. Auch wenn das, was ich da treibe mit Genuss nichts zu tun hat.

Was also tun?
1. Ich habe mir die Regel auferlegt, nichts unterwegs, im Stehen oder mal schnell zwischendurch zu futtern, sondern wenn, dann wirklich als bewusste Ruhephase. Das klappt auch immerhin.
2. Balkonpausen..wird bei den Temperaturen immer schwieriger, aber dort komme ich richtig runter.
3. Tanzen! Sobald es geht, muss ich tanzen gehen. Dort fühle ich mich wild, lebendig, spüre mich und mein klopfendes Herz.
4. Nicht aufgeben. Ich kaufe weiter nach Plan ein. Versuche mich zu motivieren. Versuche dran zu bleiben. Nur nicht ganz aufgeben.

Aber ich habe Angst…Angst vor psychischen Abgründen, Angst vor Verschuldung, Angst vor Überforderung, Angst vor einem Leben als Untote. Dieser Angst muss ich mich stellen.

Wie ein Versager…

Nun sitz ich hier, versuche meine wirren Gefühle zu ordnen und frage mich, wer ich bin.

ER war hier. War. Er ist schon weg. Denn mit mir war nichts mehr anzufangen. Mein Hirn ist von Hormonen geröstet, kaum Konversation möglich. Ich versuche klare Gedanken zu fassen, aber alles bleibt verworren, lässt sich nicht greifen. Wo sind mein Witz, Charme und vor allem: meine Verrücktheit, auf die ich mir immer so viel einbilde? Die ich wie eine Rüstung trage?

ER war hier und zeigte mir Teile seiner Welt. Nichts krasses, nur ein paar Musikclips, Comedy-Clips, Serien, die er mag.

Die Serien schaut er immer auf Englisch. Ob ich das auch machen würde…
…ich kann Englisch, aber nicht so sicher, dass ich mir Serien anschauen würde.
Musik-Clips, die wohl recht bekannt sind…nur kenn ich sie nicht.
Und dann zeigt er mir Rave-Festivals auf denen er war. Riesige Rave-Festivals, tobende Massen. Oder kleine Konzerte.
Ich war auch auf Konzerten, möchte ich sagen. Aber das klingt so erbärmlich. Und auf Rave-Konzerten war ich definitiv nie. Denn elektronische Musik hörte ich erst spät. Aber ich hörte sie viel und lang und tanzte allein in der Küche. Während ich Essen kochte. Doch niemals draußen. Kein Club, kein Konzert, kein Festival.
Wäre ja auch nicht schlimm….doch tatsächlich habe ich mir das immer gewünscht.
Doch ich habe es nie gemacht, wie ich so viele andere Dinge nie gemacht habe. Und das tut gerade sooo weh. Als hätte ich eine einmalige Chance verpasst.
Das Geld war nicht da, der (Ex-)Freund wollte nicht..ich höre meine eigenen Ausreden und höre, wie hohl sie klingen. So hohl, dass ich sie IHM nie unterjubeln würde. Kann mir ja selbst schon nicht glauben.
Fakt ist, ich habe im letzten Jahrzehnt nichts gemacht, außer mich versteckt. Und nun steh ich da und fühle mich wie ein Versagen, obwohl ich mich gerade wie im siebten Himmel fühlen müsste.

ER zeigte einen Clip vom NEVERLAND-Festival auf dem er war. Ich sah Leute feiern, hörte Musik die mich sofort zum Beben bringt, fühlte die Stimmung und spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen.

Jetzt bloß nicht heulen!, sagte ich mir und schluckte alles runter. Nur cool bleiben!
Aber ich war alles andere als cool.

Unterlegen, ertappt, langweilig. Alles keine schönen Gefühle.

Wer bin ich?
Ein Vogel mit schlecht verheilten Brüchen. Jemand der das Leben liebt und gleichzeitig Angst hat, dass er sich unter Menschen verloren fühlt. Und ich bin jemand mit Stolz.
Ich habe viel unterlassen, verpasst, viel Zeit vergeudet. Doch noch habe ich Zeit. Ich muss nur weiter „ja“ sagen.
Morgen eröffnet das John Reed mit großer Party. Da werde ich sein. Und ich werde versuchen so locker, gelassen und entspannt zu sein, wie nur möglich. Und bestimt auch mal tanzen. Kann doch nicht so schwer sein.
Ob ich es am Wochenende auch mal in die Destillery schaffe? Ich weiß gar nicht, wie oft ich da schon hingehen wollte. Werde ich es diesmal schaffen?

Wer will ich sein?
Ich, nur ohne mich zu schämen.
Ich will die sein, für die sich auf Tanzflächen alle fremdschämen, weil sie hemungslos tanzt.
Ich will die sein, die im Abendkleid über die Fibo latscht.
Und ich will Partner sein. Teil eines Teams, dass zusammen her ergibt, als die Summe seiner Teile.