Woche 16: Vorsorge

„Muss ich mir Sorgen machen?
Geht es dir wirklich gut?
Du musst aber auch mal was anderes machen!“

Diese drei Sätze haben sich diese Woche häufig wiederholt. Jeden Abend gegen 23 Uhr kommt mein Freund ins Nebenzimmer, wo ich auf dem Bett hocke und genüsslich Material kopiere, ordne, Stunden plane.

„Das ist ja, als ob ich (er ist Informatiker) jetzt dasitzen würde und überlegen würde, was wohl in den ersten drei Wochen eines neuen Jobs meine Aufgaben wären und dann ohne Bezahlung schonmal irgendwas vorarbeiten würde. Das ist doch totaler Irrsinn, das wird doch eh alles anders, als du es planst.“
Ich: „Ja, nur führe ich eben in meinem Job nicht irgendwelche gestellten Aufträge aus, sondern bin quasi Showmoderator. Das kann ich nicht aus dem Stand, das muss vorbereitet sein.“
„Ich könnte das aus dem Stand. Du kannst dich doch erstmal mit denen unterhalten! Wie es ihnen geht, was denen so widerfahren ist, wie das im vorhergehenden Kurs lief…, frag die aus!“

Ein bisschen hat er ja recht. Als alter Kontrollfreak will ich für alles meine persönliche Anleitung zur Hand haben, dabei schaffen gerade die ungeplanten Gespräche und Planabweichungen meist die notwendige Nähe zu den Schülern. Und genau die Nähe macht den Unterschied. Dabei geht es nicht darum, dickste Freunde zu werden, sondern um eine grundlegende Art von Beziehung, die den Unterschied zwischen „nervigem Lehrer“ und „der Mensch, der mir hilft“ schafft.

Die letzten Wochen waren ein Wechselbad der Gefühle, zwischen „ich bin nicht vorbereitet“-Panik und „man besitze ich gutes Material, das wird super“. Im Nebenzimmer stapeln sich Bücher, Stifte, Wolle, Ordner, Gläser, Plastikostereier und vieles mehr…ich werde am Montag mit meinem Einkaufs-Oma-Trolli und vielen Taschen auf Arbeit aufschlagen. XD

Um mich abzulenken schlug der besorgte Freund diese Woche einige Aktionen vor. So kam es, dass ich zum ersten Mal seit ca. 10 Jahren wieder Auto gefahren bin. Das hatte ich mir schon länger vorgenommen und war nur super stolz, es durchgezogen zu haben. Da ich kein eigenes Auto gebrauchen kann (Parkplätze gibt es hier sowieso nicht), habe ich mich beim Car-Sharing angemeldet und so ging es am Dienstag los.

Das klappte natürlich nicht ohne Hindernisse. Es war sogar relativ kompliziert. Um euch nicht zu langweilen, hier die Schritte als Aufzählung:

  • auf Homepage registrieren
  • Bestätigungsemail anklicken (Achtung! Hier MUSS man unbedingt sofort sein Passwort ändern, sonst verliert man seinen Zugriff!)
  • Zur nächsten Servicestation fahren, um sich mit Ausweis zu identifizieren und den vertrag abzuschließen
  • (nochmal hinfahren, weil der Mitarbeiter eine Unterschrift zu wenig verlangt hat und jeden Tag dreimal anrief, um zu fragen ,wann ich vorbei komme)
  • die App laden, um wirklich einfach ein Auto zu wählen und zu buchen
  • (Vor dem Auto stehen und es nicht aufbekommen, weil man das Passwort nicht geändert hat und so das Auto nicht mit der App öffnen kann, denn es fehlt die Freischaltung über die Homepage. Darüber total ausflippen und, nachdem man zurück Zuhause den Kundendienst am Telefon hat, erfahren, dass man…)
  • …das Auto mit der Kundenkarte öffnen (kann)
  • losfahren, Spaß haben
  • Auto wieder auf dem Platz parken, von wo man es geholt hat

Wenn man das ganze Prozeder erstmal hinter sich hat, ist es wirklich einfach.

Ich muss mich wieder an Abmessungen (des Autos) gewöhnen, die Übersicht über den Verkehr (habe über eine Kreuzung mal aus versehen die Spur gewechselt, hätte brenzlich werden können) wiedererlangen, aber insgesamt habe ich sofort wieder das alte Gefühl von „Freiheit“ gehabt, das ich früher mal mit dem Fahren verbunden habe, nur diesmal ohne den Horror unvorhersehbarer Kosten, die einem den letzten Spargroschen rauben.

Während des Ausflugs hörte ich jemand hinter mir erstaunt ausrufen. Es war meine Lieblingskollegin! Für mich die Kirsche auf der Torte an diesem herrlichen Tag. Wir haben uns sofort zum Kinoabend verabredet und gestern Abend den Sci-Fi-Gruselstreifen „Life“ gesehen. Wuoh…ich habe mich mehr hinter meinen ausgestreckten Händen verkrochen, als zugesehen. Meine Topliste und fürchterlichen Todesarten wurde nacheinander abgearbeitet.

SPOILERALARM! SPOILERALARM! SPOILERALARM! SPOILERALARM! SPOILERALARM! SPOILERALARM!

Wer den Film noch schauen will, der sollte jetzt aufhören!!!

  • im Raumanzug angegriffen werden und ein Leck im Anzug haben (Vakuum, Kälte, Sauerstoffmangel…woran stirbt man nun zuerst?)
  • während man im Raumanzug angegriffen wird, langsam an eindringendem Kühlmittel ersticken
  • ersticken durch ein verschlucktes Alien
  • lebendig gefressen werden
  • in den Weiten des Alls verloren gehen, ohne Chance auf Rückkehr
  • und lauter ekliges Zeug

Einige logische Fehler haben mich natürlich wieder geärgert.

  • der erste stirbt, nachdem das Alien ihm den Rachen runtergekrabbelt ist. Fontänen von Blut verlassen seinen Körper, schweben durch den Raum und sind nach dem Schnitt auf die entsetzten Kollegen….spurlos verschwunden
  • die ISS gerät in einen Sinkflug zur Erde und hat keinen Treibstoff mehr, um den Kurs zu korrigieren. Die Erde schickt eine Kapsel, um die ISS auf einen Kurs ins weite All zu schicken, sodass die Erde sicher ist. Aber warum ist diese „Wegrammkapsel“ bemannt? Es ist ganz klar ein Himmelfahrtskommando, wieso setzt man da mehrere Astronauten rein?
  • zwei Rettungskapsel verlassen nacheinander die Raumstation, eine mit Ziel Erde, eine mit Ziel unendlicher Weltraum, denn der Passagier hat den Alien an Bord
    • die zweite Kapsel übernimmt manuell die Steuerung, um sich in den Weltraum zu schicken…hätte er damit nicht auch den Teibstoff gehabt, um die ISS auf Kurs zu bringen?
    • das Alien greift ihm in die Hand und ändert den Kurs, die zwei Rettungskapsel kollidieren, die zweite Kapsel nimmt Kurs auf die Erde…wobei sie zufällig genau den Winkel trifft, um nicht zu verglühen…WAS für ein ZUFALL
    • der Pilot der zweiten Kapsel versucht das Alien nicht groß daran zu hindern, schreit nur etwas rum und öffnet dann den Helm
    • das Alien, was bisher jeden Menschen blitzschnell umgebracht  (und dann angenagt liegen gelassen hat..tzö), tötet den Astronauten nicht, sodass er noch ein bisschen „Nein, nicht!“ schreien kann, als irgendwelche Fischer die Kapsel auf der Erde öffnen
    • die Pilotin der ersten Rettungskapsel war zuständig für die Sicherheit, hat also eine Menge technisches Know-How und schafft es nicht, eine Kurskorrektur vorzunehmen, um wenigstens zu versuchen, nicht in die Unendlichkeit abzudriften?
  • sollte sich das Alien nicht um seine Vermehrung kümmern, statt nur darum alle „Lebensmittelvorräte“ einmal anzunagen und dann tot rumliegen zu lassen?

Insgesamt war der Film schon gruselig, nicht so sehr durch die Erschreck-Momente, als vielmehr auf psychischen Ebene. Ich habe eben recherchiert, wieso ein Raumanzug Kühlmittel brauchen sollte, um festzustellen, dass die „Kühlmittel im Helm droht Astronauten zu ersticken“-Story auf wahren Begebenheiten beruht. IEEK! Das Leben schreibt immer noch die gruseligsten Geschichten.

http://scilogs.spektrum.de/astras-spacelog/die-gefahr-astronauten-siebter-brief/

Werbeanzeigen

Das erste echte Wochenende

Wie ein Welpe auf einer Frühlingswiese,
wie ein Floh im Katzenfell,
wie ein Ferkel in der Schlammsuhle,
so gut fühl ich mich.

Meine erste Arbeitswoche ist rum und ich bin einfach ekelhaft gut drauf und total happy.
Meine Freunde warnen mich: Pass auf dich auf, gib nicht zu viel Gas!
Meine innere Stimme sagt: Es wird nicht ewig so schön sein.

Doch dann les ich, was meine Freundinnen an den staatlichen Schulen aushalten müssen…
schreib meinem Freund breitgrinsend, dass ich eher Wochenende habe, als er…
und habe die ganze Zeit dieses tolle Gefühl, dass ich so faustdickes Vertrauen habe,
in die Wichtigkeit und den Erfolg meiner Arbeit,
in meine Rolle als coole Unterstützerin, die mit ihrer Lässigkeit motiviert und anspornt,
in das neue Team, in dem alle Hand in Hand arbeiten und man sich gegenseitig auf die Schulter klopft.
Wie könnte ich da nicht platzen vor Glück?

Seit Dienstag bin ich Stützlehrerin und helfe Menschen mit unterschiedlichen Hemmnissen ihren Abschluss zu schaffen. Ich führe Tests durch, helfe beim Bewerbungsschreiben und gebe Förderunterricht.

Aber das Verrückteste ist das gute Klima, denn es steht im starken Kontrast zum Klima im Referendariat.
Im Referendariat gab sich jeder Mühe, mich wissen zu lassen, dass er mich für zu weich hält, zu freundlich, zu nah an den Schülern.
Jetzt erlebe ich ein Kollegium aus lauter gutmütigen, freundlichen Menschen, die diese Herzlichkeit als große Stärke bewusst einsetzen, um die zu motivieren, denen die Härte der Regelschulen das Kreuz gebrochen hat. Und diese Saat trägt Früchte!
Sicher nicht bei Jedem.
Aber bei sooo vielen.
Und ich bin eine von ihnen, nicht die Komische, der man zeigen muss, dass sie nicht reinpasst.
Und während meine Freundinnen noch zwischen „die Woche erstmal verdauen“ und „Gott, was ich eigentlich alles machen müsste, dafür ist das Wochenende viel zu kurz“ schwanken, habe ich Feierabend. So richtig! Ohne Arbeit!

Der Unterschied zu Regellehrern ist, dass die so viel über die Stoffverteilung und Planung nachdenken müssen, dass DER STOFF immer im Mittelpunkt steht und die Schüler irgendwie dabei mitgeschleift werden müssen, während ich als Stützlehrer zwar grob im Kopf habe, bei welchen Themen ich sie momentan am meisten unterstützen kann, der Bedarf aber dennoch immer vom Schüler selbst angezeigt wird. Nicht der Stoff steht bei meinem Job im Zentrum, sondern der Schüler, der Hilfe braucht.

Also an alle frustrierten Gutmenschen-Lehrer da draußen, es gibt Jobs, bei der genau das eure Pfund auf der Waage ist.

Und das soll nun genug Schmalz für diese Woche sein, gleich wird mit gutem Essen und Sekt aufs erste richtige Glückswochenende angestoßen. 🙂

Frohes Wochenende!

Kein Stress…

Endlich war es soweit! Boote schubsen stand auf Arbeit an. Nach den bewegungsarmen letzten Wochen freute ich mich richtig darauf, wieder Vollgas zu geben und mich mal so richtig zu verausgaben.
Wenn das Herz pumpt, der Rücken knirscht und der Schweiß läuft, fühl ich mich einfach richtig lebendig und bin rundherum gut gelaunt. Da kommt mir ein Scherz nach dem anderen über die Lippen, bis alle Kollegen von meinem Übermut angesteckt worden sind.
Und dann war auch noch der Lieblingskollege da, was kann da schon schiefgehen?

Doch dann macht der Lieblingskollege Mittagspause und ich bin für eine Stunde allein mit Fritz Castaneda (Name selbstverfreilich geändert). Gemütlich kommt er angeschlurft, gibt mir die Hand, obwohl wir uns vorher schon begrüßt haben. Ich pack wieder ans Boot und zieh. Und nichts passiert…ich guck nach hinten, Fritz steht aufrecht neben dem Boot, eine Hand am Pfosten, relaxt.
„Wir haben Zeit, kein Stress.“, sagt er. Das Boot fängt über die Linie, an der alle rausschieben, ich zieh. „Keinen Stress“, kommt es von hinten…
Fritz wartet anscheinend immer, bis das grüne Licht leuchtet.
Gut, warte ich auch aufs Licht.
Und da leuchtet das Licht und ich ZIEH und hab das Gefühl, als versuche ich Berge zu versetzen.
Da wurde es schon langsam nervig.
„Warte noch, das Boot davor war voll, das schwimmt langsamer, deswegen schieben wir das später raus, wusstest du das nicht?“
Hmpf…doch, aber dann zähl ich bis zwei und schubse und warte nicht bis drei Minuten rum sind!!!
Mein Puls steigt, meine Wangen werden rot.

Ich versuche Fritz zu erklären, dass das hier mein Ausdauer-Fitness-Programm ist und ich es furchtbar langweilig finde, wenn ich alles nur halb so langsam machen muss, wie sonst, dass mir jede Minute dann wie Stunden vorkommt und die Warterei mich nervt und ich müde werde.
Aber Fritz sieht das anders, gibt mir die Schuld für zu langsam ankommende Boote und hält die Boote immer ca. fünf Sekunden länger fest. Er hält sie fest, sodass die Arbeit für mich nicht nur doppelt so schwer ist, weil er nie mitschiebt, nein, sie wird viermal so schwer, weil er das Boot auch noch festhalten muss.
Den ganzen Quatsch begründet er damit, dass er Stress nicht mag.
UND MIR SCHWILLT DIE HALSCHLAGADER!
Da krisch ich Stress!

Und ich geh zu meinen Kollegen, seh mir bettelnden Augen in die ihren und frage: Willst du mit Fritz schieben? Ein breites Grinsen scheint mir entgegen, schön und gehässig wie ein Atompilz. Ich bin wohl nicht die einzige, die Probleme mit Fritzens Arbeitsweise hat.

Und nochmal versuch ichs mit Argumenten. Ich habe ja totales Verständnis, wenn nicht jeder aus seiner Arbeit ein Fitnessprogramm machen will oder wenn er nicht genug Kraft hat oder sich schlapp fühlt. Aber etwas um jeden Preis vermeiden zu wollen kann genauso stressig sein, wie etwas unbedingt und um jeden Preis haben zu wollen.
Und bei jedem blöden Boot spüre ich für anstrengende Sekunden diesen Widerstand, der sich mir entgegenstemmt und mich meiner Kraft beraubt.

Und dann gibt etwas in mir nach.

Und ich denke: Arschloch, das Spiel können zwei spielen. Und leg meine Patschehand lose aufs Dach, rede herzlich mit den Leuten und lass Fritz alles alleine machen. Er bestimmt das Tempo, mittlerweile stauen sich die Boote hinter uns. Er bestimmt wann er rausschiebt, wann er vor und zurück läuft und ich lass ihn ganz allein machen, mein Hand nur lose am Boot.

Und dann kommt er an, was ich denn für Sport mache…Smalltalk. Die Kollegen feixen sich eins, wenn ich ihnen entgegengrinse, als wolle ich nach ihnen schnappen.
Eine Stunde, denk ich, schwatz mit den Gästen und würge Fritzens Smalltalk schnell ab.
Dann ist die Stunde endlich um und Fritz schaut mir in die Augen, gibt mir die Hand und sagt: Wir sehen uns wieder.

Und wie das erste Boot wasserpflügend in Richtung Tunnel davon gleitet, hör ich die Kollegen von hinten grinsend rufen: Da kann sie wieder lachen!

Stress ist eben für jeden was anderes…