34. Woche…der Fluch der 75 und neue Erkenntnisse

Sie will einfach nicht weichen…immer wieder taucht die 75 auf der Waage auf. Es ist wie verhext. Kann es an meinem Darm liegen? Sind die Bakterien darin vielleicht in der Lage Ballaststoffe aufzuschließen und damit mehr Energie aus der Nahrung zu ziehen? Aufschluss gäbe eine Stuhlanalyse. Doch die ist teuer…zu teuer im Moment. Besserung verspricht ein Wunderpulver…aus Bestandteilen der Darmausscheidung schlanker Menschen….äh…yay. Und auch das kann ich mir im Moment nicht leisten.

Die Theorien, die dahinter stecken, verteufeln auch wieder jede Menge Lebensmittel und versprechen Sodom und Gomorrha, wenn wir unsere Ernährung nicht umstellen. Dinkel ist nun ganz böse, weil es mehr Gluten enthält als Weizen und Hülsenfrüchte sind auch ganz schlimm. Ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll. Welche Studienlage gibt es? Wer sind diese Experten…geniale Wissenschaftler oder schwerreiche Manipulatoren?

Was ich mittlerweile weiß ist, dass mein derzeitiges „Projekt Personal Coach“ weit mehr zum Vorschein bringt, als nur einen schlanken Körper.

Durch das stark geregelte Leben werde ich langsam zur Prinzessin auf der Erbse. Ich nehme vieles intensiv wahr, was ich früher nicht bemerkt hatte. Dazu zählen:

  • Sättigung durch bestimmte Lebensmittel
  • Wassereinlagerung
  • Phasen voller Engergie und Erschöpfungszustände
  • meine Unfähigkeit mich zu entspannen und zu erholen
  • Fressanfälle werden häufig durch Erschöpfung und Sehnsucht nach Erholung ausgelöst
  • psychischer Stress gipfelt in Fressanfällen (na gut, das weiß man auch vorher, aber jetzt ärgert es mich mehr)
  • Menschen behandeln dich ganz anders, wenn du attraktiv bist

Im Moment fühle ich mich verletzlich und gleichzeitig stark. Schwer zu beschreiben. Aber ich fühle, dass sich mehr in mir ändert, als nur mein Körper.

Am Wochenende wäre die nächste Familienfeier gewesen. Schon im Vorfeld ging das Gezicke los. Alles, was ich mir gewünscht habe war, dass die ewige Rennerei nach den richtigen Tellern, Gläsern und dem Silberbesteck aufhört und statdessen das in den Fokus rückt, weshalb man sich trifft: Gespräche und persönliche Nähe.

Klingt selbstverständlich?
Ist es leider nicht.
„Wenn jeder mit anpackt, wird es ein schönes Fest.“, lautet die immer wiederholte Aussage. Wer braucht schon ein cooles Familienmotto, wie „Ein Lannister zahl stets seine Schulden“, wenn man sich stattdessen zum vererbten Worcoholismus bekennnen kann. Anpacken…ständig und dauernd…das macht einem zum wertvollen Familienmitglied. Wer nur rumsitzt, ist zu nichts nütze. Schmarotzer…
Wegen ein paar Papptellern und Plastikbechern zerbricht nun die Familie.

Na gut, ein bisschen mehr steckt schon dahinter. Aber für mich steht fest, dass ich es nicht mehr ertrage. Ich muss mich selbst schützen und von diesem Unfug befreien. Wieder ein Schritt, der mir gut tut, dabei aber Menschen von mir stößt.
Vielleicht lern ich sogar eines Tages noch, wie man sich einfach zurücklehnt.

Ich bin Egoist oder: Folgen jahrelanger emotionaler Erpressung

Weihnachtszeit, Familienzeit. Ich gehöre zu denen, die allein der Gedanke gruselt und so habe ich mich die letzten Jahre vor eben jener gedrückt. Dieses Mal stand die goldene Hochzeit meiner Eltern zusätzlich auf dem Plan, da war Drücken unmöglich. Also Augen zu und durch.

Ich hatte ja vorher schon einige Bedenken, aber es kam dann doch viel schlimmer.

Kurz vor dem Termin wurden alle hektisch. Goldene Hochzeit und wir haben noch kein Programm, wie wir das richtig würdigen. Also schnell was ausgedacht. Eine Idee führte zur nächsten. Ein festlicher Rahmen wurde geplant. Schön. Dann bat eine Schwester um ein absolutes Handy- und PC-Verbot, weil sonst besonders die Kinder den ganzen Abend am Handy hängen. Einerseits total verständlich, andererseits stieg das Level meines persönlichen Grauens dadurch schon gut an. Meine Eltern hatten sich gemeinsames Singen gewünscht. Also wurden noch die Kirchen-Gesangsbücher eingepackt. Das Grauen wurde greifbar. Ich sah einem Abend entgegen, bei dem alle hektisch Essen auftrugen, das Abendessen jagt das Kaffeetrinken, dazwischen Gebete, Lieder, Ansprachen, Rituale, Kinder spielen schiefe Musik, noch mehr Singen, Geschirr verräumen, aufräumen, sentimentale Verabschiedungen und Beteuerungen, wie toll alles war. Und kein Raum für Gespräche. Also schmiss ich mich zwischen die Planungswütigen und bat um etwas Raum für Gespräche. Wenn es etwas gibt, was ich an Familienfeiern schätze, dann sind es Gespräche mit meinen Neffen und Nichten, denn die verwandeln sich dadurch binnen weniger Minuten von Fremden zu Vertrauten, mit denen man etwas intimes teilt. Das schafft Verbundenheit.

So kam es dann auch und es sollte noch besser werden. Einer meiner Neffen lud mich zu sich ein, zeigte mir seine Wohnräume, seine Wive. Es wurde gezockt und geschwatzt, alles ungezwungen und schön. Wäre da nicht das schlechte Gewissen gewesen, weil wir die Party relativ früh verlassen hatten. Aber es half nichts, seine Frau musste früh arbeiten, da gab es kein Halten. Also schob ich das schlechte Gewissen, so gut es ging, zur Seite und genoss den Abend.

Bis das Handy meines Neffen brummelte und sein Gesicht einfror. Auf die Frage, was los sei, zeigte er mir ein Bild seiner Mutter.

Ein Selfie mit verweintem Gesicht, dazu eine ordentliche Packung Vorwürfe und Vorhaltungen.

Wir haben die Party ruiniert, alle enttäuscht, das Schönste verpasst. All die Mühe, die investiert wurde und wir gehen einfach. Der Vater traurig, die Mutter unglücklich. Es wird nie wieder so eine Feier geben. Sie habe auch keinen freien Tag und müsse immer arbeiten und sei trotzdem da, hätte alles vorbereitet und gemacht. Sie sei nun so fertig, wegen ihm.
Einerseits verständlich. Ich kann es verstehen. Wirklich. Aber andererseits riss es mir in dem Moment alle alten Wunden auf und triggerte all das mühsam bezähmte Grauen, dass mich beim Gedanken an meine Familie immer begleitet. Denn die Strategie, das eigene Befinden in die Verantwortung von Nahestehenden (Kinder, jüngere Geschwister, enge Freunde) zu legen und das persönliche Missbehagen dem anderen vorzuwerfen und ihn verantwortlich zu machen, weil man traurig oder enttäuscht ist, ist in meiner Familie Methode.

Das ist zunächst sehr effektiv, denn jeder, der so etwas erlebt hat weiß das nächste Mal: Vorsicht, sonst löst du gleich eine Katastrophe aus, die dir noch lange nachhängt. Kurzfristig erhält man damit also vernünftige, liebe Kinder/Freunde/Verwandte, die machen, was man will und Verständnis haben. Keine Egoisten, sondern nützliche Glieder einer Gemeinschaft. Wird diese Methode jedoch häufiger oder von mehreren Personen angewandt, verkehrt sich das Ganze in sein Gegenteil. Man erhält bockige Egoisten, die sich allen Gemeinschaftsplänen widersetzen, sich abkapseln und bei Druck zur Totalverweigerung übergehen.

Wie kann man das erklären?

Die Adressaten dieser Behandlung werden zunächst empathischer, sie nehmen die Gefühle und Stimmungen anderer Menschen stärker wahr, schließlich will man nicht jeden Tag ein oder mehrere familiäre Tragödien auslösen. Um das zu schaffen, beobachten sensible Gemüter ihr Umfeld sehr genau. Reagieren auf alle Signale und versuchen schon im Vorfeld emotionale Minenfelder zu entdecken und zu entschärfen. Tag für Tag. Das ist anstrengend. Man stellt die eigenen Bedürfnisse immer mehr zurück, verdrängt die eigenen Wünsche und Erwartungen und hofft, dass damit alle glücklich sind. Aber das klappt nicht immer. Irgendwann schlägt der böse Egoismus durch und man gönnt sich etwas oder trotz aller Vorsicht übersieht man eine Mine und ist Schuld an der nächsten Tragödie. Der Druck wird stetig größer, der Bewegungsraum für die eigene Entfaltung immer enger.

Nun brauchen diejenigen, die diese Methode angewendet haben gar nichts mehr sagen, denn ihre Wünsche und Bedürfnisse haben sich längst in meine Seele eingeschrieben und sind zu Stimmen in meinem Kopf geworden, die mich, absolut verselbständigt, jeden Tag emotional erpressen. So entsteht ein täglicher Eiertanz zwischen emotionalen Minen und dem Wunsch nach persönlicher Entfaltung.

Es zerreißt einen innerlich, Betroffene kommen nie mit sich selbst ins Reine, egal, wie sie sich verhalten, sie fügen gefühlt immer jemandem Schaden zu. Schuld wird auf Schuld gehäuft. Große Verantwortung für kleine Seelen. Eine Last, die man bald nicht mehr tragen kann. Man trägt immer Schuld, schon morgens beim Aufwachen überfällt dich die Schuld vergangener Ereignisse und wird zu einem Mantel, den du nur im Schlaf kurz ablegst.

Und endlich meldet sich das geschundene Ego und ruft: Wenn ich doch sowieso Schuld bin, wieso können wir dann nicht etwas Spaß haben? Lass uns was Egoistisches machen! So entstehen Totalverweigerer. Unfähig die eigenen Bedürfnisse und die anderer abzuwägen und zu managen, macht man irgendwann dicht. Die Stimmen im Kopf, die Stimmen der realen Personen, die werden sowieso wieder toben, egal, was ich tu. Also gönn ich mir für kurze Zeit etwas egoistischen Spaß.

Was man erhält ist genau das Kind, vor dem man immer gewarnt hat: selbstbezogen, stur, ignoriert die Bedürfnisse anderer, ein Einzelgänger, der sein Verhalten weder rechtfertigt noch erklärt, das personifizierte egoistische Schweigen.

So bin ich jetzt. Aus Sicht meiner Familie ein richtiges Arschloch. Meine Versuche es zu erklären, die Methode aufzudecken und meine Nachfolger davor zu bewahren, schlugen fehl. Es bleibt wieder nur die Verweigerung und das Gefühl, mein Ich sei allen eigentlich scheißegal, Hauptsache man funktioniert und tanzt nicht aus der Reihe. Und in meinem Kopf ist die Hölle los…

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