2018? Läuft weg!

Es ist schon Februar?! Wo ist denn der Januar hin?

Seit einem Monat bin ich auf dem „Hardcore-Sprint“ mit 1600-1700kcal/d. Das mag anderen viel erscheinen, für mich fühlt es sich an, wie verhungern. Als ich das ein erstes Mal machte, purzelten nach zwei Wochen buchstäblich die Pfunde. Darauf hatte ich mich gefreut, wollte ich doch so schnell wie möglich wieder neue Maßstäbe setzen. Ich war erhohlt, motiviert und zu allem bereit. Nun, 4 Wochen später knirsche ich mal wieder ganz schön mit den Zähnen. Ich wiege noch immer über 70kg. Manchmal meine ich, schon ein Kichern zu hören, wenn ich morgens enttäuscht das Bad verlasse. Dieses Mistvieh von Waage!

Davon abgesehen läuft es gut. Der Stoffwechsel pumpt, was ich daran merke, dass ich mich fit fühle, gute Leistungen im Sport bringe, mir meistens warm ist und ich auch nicht übermäßig müde bin. Beim Training fokussiere ich nun den Rücken. Runter mit den Gewichten, das innere Auge ganz aufs Muskelgefühl gerichtet, versuche ich die Anweisungen der Physiotherapeutin umzusetzen. Nicht nur im Rückentraining, täglich. Wenn ich in der Bahn steh, Einkäufe trage, bei den Ausfallschritten am Beintag, beim Trizepsdrücken, bei Übungen für die Hintere Schulter…kurz: wann immer eine Bewegung oder Stabilität im Schulterblatt nötig sind. Das ist anstrengend und im Moment auch eine Überlastung. Der Latissimus verknotet sich ständig. Und je verknoteter der ist, desto weniger kann ich die arbeitende Muskulatur erspüren. Dehnen und blackrollen sind an der Tagesordnung. Aber ich spüre auch erste Veränderungen. Auf der Blackroll passierte lange gar nichts, außer ein paar schmerzhafte Knoten zu zerdrücken. Inzwischen knacken die Wirbel wieder ordentlich. Ich rede mir ein, dass das ein gutes Zeichen ist, weil die Physiotherapeutin immer stöhnte „Mein Gott, hier ist alles fest!“ Das heißt doch dann, dass sie nun lockerer sind? ;D

Im Treffen mit dem Coach musste ich gestehen, dass meine Armkraft spürbar abgenommen hat und das Training nunmehr limitiert. Dass ich die Arme seit langer Zeit höchsten mit zwei lieblosen Sätzen pro Woche flexe kann damit natürlich nichts zu tun haben. ^^ Also hat Coach Marcel mir schöne Übungen gezeigt. Da ich in den Stunden mit ihm immer die Brille auflasse, bekam ich spektakuläre Anblicke beim Curlen geboten. In der richtigen Position und dem anabolen Studiolicht sah mein Bizeps riesig und schön von den Schultern abgesetzt aus. Göttlich! Ohne Brille hat es leider nicht so den Effekt. Aber die Motivation ist zum Glück geblieben.

Auch wenn es die Waage nicht zugeben will, ich habe das Gefühl, es geht voran. Die Muskulatur schält sich überall stärker heraus und der Schwabbel wird weniger. Und die Klamotten! Meine Güte…in Modegeschäften fühlt es sich an, wie im Märchen…das Aschenbrödel, das sonst nur sehnsüchtig von den hässlichen Fetzen in Größe 46 zu den hübschen Stücken in Größe 36 schielte, darf nun endlich selbst Größe 36 tragen! Für mich ist das wirklich eine andere Welt…es ist schlicht der Unterschied zwischen grauen Fetzen und farbigen sexy Outfits.

Und doch nehme ich am Ende nur wenige Stücke mit! Immer öfter denke ich: Das kann ich selber besser! Und ich schaue nach cleveren Ideen und pfiffigen Rückenvarianten. Letztens habe ich mir zwei neue Bustiers selber genäht. Und die sitzen..tja, eben maßgeschneidert. Auch wenn sie nicht perfekt sind…es fühlt sich eben anders an, wenn man selbst etwas erschafft. Es fühlt sich einfach cooler an. ^^

Viele müssen ja ihren ganzen Kleiderschrank austauschen, wenn sie abnehmen. Ich nicht. Bevor ich etwas wegwerfe, setze ich mich tollkühn und unerschrocken an die Nähmaschine, mache planlos ein paar Abnäher und entweder es passt danach, oder es landet im Müll. Meistens passt es. So wie zum Beispiel meine Lieblings-Beintrainingshose. Beim ersten Mal habe ich einfach einen Abnäher vom Sattel aus gemacht. Das war ganz gut und die Hose passte wieder. Letztens reichte der aber nicht mehr, sie fing wieder an zu rutschen und flatterte schon fast um die Beine. Also den alten Abnäher aufgetrennt und flugs links und rechts einen neuen genäht. Jetzt sitzt sie wie angegossen und von außen sieht man die Abhäher nicht.

Genauso machte ich es mit einem Trainingsshirt, welches ich laaange nicht getragen hatte. Zum einen, weil es zu weit war, zum anderen, weil es viel zu tief ausgeschnitten war. Bei mangelnder Oberweite ist das semisexy. Also ZACK! Träger 2cm kürzer und an den Seiten ordentlich abgenäht. Jetzt sitzt es hauteng und sowas von knackig! Suuper!

Das hier habe ich schon vor einiger Zeit genäht. Bisher mein Meisterstück. Das erste, was ich getragen habe, ohne dass gleich jeder fragt: „Selbstgenäht?“
Also Rock und Jäckchen. Die Bluse lag 10 Jahre ungetragen im Schrank und hat noch nie so gut gepasst. XD

Diese Woche stand auf Arbeit etwas ganz gruseliges an: Akquise! Im April soll der neue Kurs starten und keiner weiß davon. Also habe ich auch keine Teilnehmer und ohne Teilnehmer bin ich ab April arbeitslos. Wuäh!
Also das Internet durchwühlt, die Ohren heiß telefoniert und Infoveranstaltungen abgehalten. Das liegt mir persönlich wirklich nicht. Aber ich bin trotzdem gut darin.

Einer im Jobcenter war immer dabei, der meint: Sowas haben wir hier nicht! Und dann beginne ich zu erklären: Analphabeten kennen Buchstaben und wissen wie rum man den Stift hält. Sie sind jahrelang zur Schule gegangen und haben dort schon immer mehr gemacht, als alle anderen. Die Hälfte meiner Lerner kann besser lesen als die meisten Hauptschüler, die ich vorher unterrichtet habe. Manche haben auch große Probleme mit dem Lesen, aber alle gemeinsam scheitern sie am Schreiben. Das liegt daran, dass oft die Laut-Buchstaben-Zuordnung, vor allem aber die Rechtschreibregeln nicht automatisiert sind.

Ich erkläre das dann immer am Beispiel meiner Links-Rechts-Schwäche. In der Fahrschule sagte der Fahrlehrer oft: „Vorn links abbiegen.“ Ich setzte den Blinker und bog ab, worauf der Fahrlehrer meinte: „Gut. Und an der nächsten Kreuzung probieren wir dann mal das andere Links.“
Ich kenne den Unterschied zwischen links und rechts. Bedeutung und Begriffe sind mir klar! Doch im konkreten Anwendungsfall muss ich kurz darüber nachdenken, denn automatisch funktioniert es nicht. Es ist nicht automatisiert…nicht fest abgespeichert.
Genau so ergeht es meinen Lernern mit Buchstaben. Nur gibt es da wesentlich mehr zu entscheiden.
Es gibt zum Beispiel das lange [e:]

  • als „eh“ wie in Lehrer
  • als ee wie in Schnee
  • als e wie in „Weg“
  • als äh wie in Zähne
  • als ä wie in Väter

Es gibt das v, was manchmal wie „f“ und manchmal wie „w“ genutzt wird.

So wird beispielsweise in dem Satz „Dort ist der Weg.“ allein das Wort Weg zum Chaos:

  • v oder w?
  • e, eh, äh, ä, oder ee?
  • g, gg, k, ck, kk?

Was uns leicht erscheint, weil es schlicht automatisch richtig gespeichert ist, wird für meine Teilnehmer zu eine unübersichtlichen Zahl an Kombinationsmöglichkeiten. Und weil es nicht als richtig geschriebenes Wort abgespeichert ist, kommen noch weitere Möglichkeiten durch schlechte, undeutliche oder dialektale Aussprache hinzu. Der Sachse sagt ja eher: „Dorde is där Wehsch!“

Drückt mir die Daumen, dass noch ein paar von Ihnen zu meinem Kurs finden, damit ich ihnen einen Weg aus dem Chaos leuchten kann. 😉

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20. Woche: Uff!

20 Wochen Diät, knappe 10kg weniger. Das ist doch schon was. Gestern hatte ich wieder einen Termin beim Coach. Der schaut sich die Gewichtskurve, die Kalorienmengen samt Makroverteilung an und sagt nur: Läuft. Man sieht es auch.

Ich kann mich selber wieder cool finden und bin total gespannt, wie ich aussehen werde.

Der Job schlaucht mich derzeit heftig. Die Illussion, gut vorbereitet zu sein, habe ich diese Woche verwerfen müssen. Was die Arbeit mit Analphabeten schwierig macht, ist ihre Unberechenbarkeit. Ständig brechen eruptionsartig Konflikte los. Und jeden Tag musste ich mehrmals hören „Wenn dies oder jenes nochmal passiert/eintritt/sich nicht ändert, dann komm ich nicht mehr.“. Gründe dafür gibt es viele. Die Aufgaben zu schwer, zu leicht, zu langweilig, zu kindisch, zu verspielt, zu kompliziert erklärt, unliebsam oder man erkennt schlicht den Sinn dahinter nicht und stellt deswegen alles in Frage. Andere Teilnehmer sind zu laut, zu hektisch, zu unterschiedlich im Niveau, zu vorlaut. An manchen Tagen fühlt es sich an wie ein Eiertanz mit einem Kettenpanzer…man kann einfach nichts recht machen. Da hilft nur eine geradlinige Ansage. So habe ich mir den oben zitierten Satz inzwischen verbeten. Es darf gerne kritisiert werden, ich nehme auch Lob und Anregungen gerne auf, aber ich will nie wieder damit erpresst werden, dass jemand nicht mehr kommt, wenn ich nicht sofort springe.

Ein gutes Beispiel ist folgend Situation: Als Einstiegsritual habe ich einen „Wetterbericht“ gewählt. An die Tafel werden vier Bilder gehangen: Sonne, Sonne mit Wolke, Wolke, Wolke mit Blitz. Die Aufgabe lautet: Überlege, wie du dich fühlst, schnapp dir einen Magneten, platzier ihn entsprechend und sage mindestens einen Satz darüber, wie es dir geht. Das kann auch ein einfaches „Mir geht es heute gut.“ sein, gerne jedoch mehr. Rituale erleichtern die Arbeit ungemein, da sie den Tag strukturieren, Verlässlichkeit bieten und wenn sie erst einmal akzeptiert sind, von der Gruppe getragen werden. Rituale mit konkreten Gegenständen erleichtern das Reden. Und ich wollte mindestens einmal am Tag hören, wie es den Leuten so geht.
Gegen das Ritual gab es von Anfang an Widerstand, der nicht weniger werden wollte. Jeden Morgen schauten erst alle stur auf den Tisch, bis der erste anfing. Jeden Morgen grummelte es „Schon wieder?“ oder „Heute mach ich nicht mit!“ Diese Woche zitierte ich mir zwei zum Klärungsgespräch. Und auch da war diese Übung wieder Thema. Also gab ich nach: „Wir machen eine Abstimmung, wenn die Mehrheit dagegen ist, lassen wir das.“
Und siehe da, die Mehrheit war dagegen. Ich traute meinen Augen nicht.
„Das bedeutet aber auch, dass der Moment wegfällt, in dem ihr euch selbst mal fragen könnt, wie es euch eigentlich geht und in dem ihr von den anderen erfahrt, wie es ihnen gerade geht.“
„Wieso?“ kam da die erstaunte Frage, „Das haben wir doch immer gemacht! Im alten Kurs schon.“
Ich so: O___o
Letztendlich fand ich heraus, dass sie sich nicht an dem offenem Gespräch stören, sondern schlicht an den Bildern, dem Gang zur Tafel und den Magneten.

Und soetwas passiert ständig. Hintergrund ist eigentlich immer eine Angst, die dabei hervorschimmert. Bei dem „Wetterbericht“ ist es wohl die Angst, wie ein Kind behandelt zu werden (Bilder sind für Kinder).

Eine andere Situation: Schon beim Vorstellungsgespräch wurde erzählt, dass für jeden Teilnehmer Lük-Kästen da sind, mit denen die Teilnehmer selbständig lernen. Auch von meiner Kollegin wurde das erwähnt. „Deine Vorgängerin hat freitags immer gesagt: Freitag nach eins macht jeder seins. Da können sie mit den Lük-Kästen üben oder Aufgaben im Buch lösen oder lesen.“
Ich ging davon aus, dass das so läuft, dass die Teilnehmer sich ihre Lük-Kästen holen, in den Heften nach Aufgaben suchen und die in Ruhe lösen, jeder nach seinem eigenen Tempo. Also gebe ich am Ende eines anstrengenden Lerntages eine Lük-Aufgabe zur Konzentration aus. Das Bild einer bunten Papageienzeichnung wurde zerschnitten und man soll es richtig zusammen setzen. Eruptionsartige Empörung schlägt mir entgegen. Shit, denke ich, ist das für die Kinderkram? Habe ich sie unwillentlich damit bloßgestellt?
Denkste. Die sind mit Lük-Kästen nicht fit! Die wissen zum großen Teil nicht, wie man die Aufgabe deutet und löst. Und Überforderung schlägt sofort in Wut um, sodass man mich nicht erklären lässt. Es kocht reihmum hoch, einer nach dem anderen verlässt den Raum, das totale Chaos. Zwischendrin zwei, die es mit Leichtigkeit lösen und nun ihrerseits rummöpen: „Wieso kannst du das denn nicht alleine? Ist doch total einfach!“ Wie ein sturmgepeitschter Ozean und ich im Paddelboot mittendrin. Dabei sollte die Übung entspannen, zum Abschluss nochmal etwas Ruhiges sein, wo jeder für sich in Ruhe überlegt, ohne sich zu sehr anzustrengen (offiziell für die Vorschule gedacht).

Sämtlichen vorgearbeiteten Pläne sind längst begraben. Ich plane von einem Tag auf den anderen, überlege jede Übung ganz genau. Und merke immer mehr: Gegen die Angst hilft nur eine starke Hand. Ruhig auch mal sauer sein und klipp und klar sagen: „Erst zuhören, dann ausprobieren und wenn es dann noch immer fruchtbar ist, DANN dürft ihr meckern und euch weigern. Aber nicht, wenn ihr es nicht verstanden oder versucht habt!“

Statt 35h Woche mach ich jeden Tag auf Arbeit Überstunden, um die gröbsten Handgriffe (kopieren, schneiden, ordnen, korrigieren) zu schaffen und setze mich Zuhause hin, um zu planen, Material zu erstellen und zu grübeln.
Das erste Jahr ist als Lehrer so, sagt man……………man sollte wirklich nicht aller zwei Jahre ein neues Klientel wählen. *seufz*

Ich hoffe, ich kann das länger machen, denn trotz des Stresses spüre ich: Das ist mein Ding! Individuell fördern, grübeln, wie man jemanden über eine Hürde hilft, zu Schritten ermutigen, die als unerreichbar galten. Und wenn nicht gerade die Lava in Strömen fließt, mag ich meine Leute. Ich verstehe ihre Ängste, kenne sie selbst! Ich kann das Theater nachvollziehen und deswegen immer wieder einen Schlussstrich ziehen und mich ihnen zuwenden.

Als wir von Berlin zurück kamen, erstellte ich Arbeitsblätter, die über die Exkursion berichten sollten. Ein schwereres mit weniger Vorgaben und ein leichteres, bei dem man vorgegebene Sätze zusammensetzen musste. Zu jeder Station sollten die Teilnehmer ihre Meinung ausdrücken. Dabei war alltäglicher Wortschatz vorgegeben (gut, schön, nicht toll), aber auch eine Auswahl an elaboriertem Wortschatz (informativ, interessant, angenehm).
(Hintergrund: die Teilnehmer fühlten sich von einer Frau bloßgestellt, die auf der Fahrt dabei war und abfällige Bemerkungen machte, weil die Teilnehmer nicht gut lesen und schreiben können).

Im Ministerium ist sogar das Wasser politisch.


Nach dem ersten Proteststurm (mit dem ich schon gerechnet hatte) bat ich die Teilnehmer, sich folgende Situation vorzustellen:
„Ihr kommt von einer der Führungen und unterhaltet euch, während die Frau in der Nähe zuhört und sagt soetwas wie: Ich fand die Führung gerade sehr informativ. Und der nächste sagt: Ja, ich fand sie auch recht angenehm. Was denkt ihr, würde die Frau noch genauso auf euch herabsehen?“ Zwei meinten: „Ja.“ aber die meisten spürten, dass eine Kraft in den Worten steckt, die Menschen zu anderen Beurteilungen führt. Das nenne ich Angeberwortschatz. Und der ist wichtig, denn der hilft, damit man sich nicht mehr verstecken muss, sondern anderen Menschen damit über den Mund fährt.

Und was soll ich sagen, die meisten haben das Wort informativ für ihren Bericht gewählt. Und sie können es richtig schreiben. Es ist ein gutes Wort und sie wollen mehr davon! Die sind neugierig auf mächtige, schwere Wörter geworden.

Kein Wunder, dass die Diät dabei von alleine läuft. Ich habe schlicht keine Zeit für etwas anderes. Nur das Training muss wieder mehr Raum bekommen.

Und ich brauche echte Entspannung. Das Solarium habe ich für mich wiederentdeckt. Einmal pro Woche zwanzig Minuten erzwungener Ruhe unter rauschendem Fönwind. Klappt besser als Meditation, die immer von Arbeitsgedanken gestört wird. Auch die Badewanne ist mehrmals pro Woche angesagt. Mit einem Buch im Schaum verschwinden. Das hilft.