20. Woche: Uff!

20 Wochen Diät, knappe 10kg weniger. Das ist doch schon was. Gestern hatte ich wieder einen Termin beim Coach. Der schaut sich die Gewichtskurve, die Kalorienmengen samt Makroverteilung an und sagt nur: Läuft. Man sieht es auch.

Ich kann mich selber wieder cool finden und bin total gespannt, wie ich aussehen werde.

Der Job schlaucht mich derzeit heftig. Die Illussion, gut vorbereitet zu sein, habe ich diese Woche verwerfen müssen. Was die Arbeit mit Analphabeten schwierig macht, ist ihre Unberechenbarkeit. Ständig brechen eruptionsartig Konflikte los. Und jeden Tag musste ich mehrmals hören „Wenn dies oder jenes nochmal passiert/eintritt/sich nicht ändert, dann komm ich nicht mehr.“. Gründe dafür gibt es viele. Die Aufgaben zu schwer, zu leicht, zu langweilig, zu kindisch, zu verspielt, zu kompliziert erklärt, unliebsam oder man erkennt schlicht den Sinn dahinter nicht und stellt deswegen alles in Frage. Andere Teilnehmer sind zu laut, zu hektisch, zu unterschiedlich im Niveau, zu vorlaut. An manchen Tagen fühlt es sich an wie ein Eiertanz mit einem Kettenpanzer…man kann einfach nichts recht machen. Da hilft nur eine geradlinige Ansage. So habe ich mir den oben zitierten Satz inzwischen verbeten. Es darf gerne kritisiert werden, ich nehme auch Lob und Anregungen gerne auf, aber ich will nie wieder damit erpresst werden, dass jemand nicht mehr kommt, wenn ich nicht sofort springe.

Ein gutes Beispiel ist folgend Situation: Als Einstiegsritual habe ich einen „Wetterbericht“ gewählt. An die Tafel werden vier Bilder gehangen: Sonne, Sonne mit Wolke, Wolke, Wolke mit Blitz. Die Aufgabe lautet: Überlege, wie du dich fühlst, schnapp dir einen Magneten, platzier ihn entsprechend und sage mindestens einen Satz darüber, wie es dir geht. Das kann auch ein einfaches „Mir geht es heute gut.“ sein, gerne jedoch mehr. Rituale erleichtern die Arbeit ungemein, da sie den Tag strukturieren, Verlässlichkeit bieten und wenn sie erst einmal akzeptiert sind, von der Gruppe getragen werden. Rituale mit konkreten Gegenständen erleichtern das Reden. Und ich wollte mindestens einmal am Tag hören, wie es den Leuten so geht.
Gegen das Ritual gab es von Anfang an Widerstand, der nicht weniger werden wollte. Jeden Morgen schauten erst alle stur auf den Tisch, bis der erste anfing. Jeden Morgen grummelte es „Schon wieder?“ oder „Heute mach ich nicht mit!“ Diese Woche zitierte ich mir zwei zum Klärungsgespräch. Und auch da war diese Übung wieder Thema. Also gab ich nach: „Wir machen eine Abstimmung, wenn die Mehrheit dagegen ist, lassen wir das.“
Und siehe da, die Mehrheit war dagegen. Ich traute meinen Augen nicht.
„Das bedeutet aber auch, dass der Moment wegfällt, in dem ihr euch selbst mal fragen könnt, wie es euch eigentlich geht und in dem ihr von den anderen erfahrt, wie es ihnen gerade geht.“
„Wieso?“ kam da die erstaunte Frage, „Das haben wir doch immer gemacht! Im alten Kurs schon.“
Ich so: O___o
Letztendlich fand ich heraus, dass sie sich nicht an dem offenem Gespräch stören, sondern schlicht an den Bildern, dem Gang zur Tafel und den Magneten.

Und soetwas passiert ständig. Hintergrund ist eigentlich immer eine Angst, die dabei hervorschimmert. Bei dem „Wetterbericht“ ist es wohl die Angst, wie ein Kind behandelt zu werden (Bilder sind für Kinder).

Eine andere Situation: Schon beim Vorstellungsgespräch wurde erzählt, dass für jeden Teilnehmer Lük-Kästen da sind, mit denen die Teilnehmer selbständig lernen. Auch von meiner Kollegin wurde das erwähnt. „Deine Vorgängerin hat freitags immer gesagt: Freitag nach eins macht jeder seins. Da können sie mit den Lük-Kästen üben oder Aufgaben im Buch lösen oder lesen.“
Ich ging davon aus, dass das so läuft, dass die Teilnehmer sich ihre Lük-Kästen holen, in den Heften nach Aufgaben suchen und die in Ruhe lösen, jeder nach seinem eigenen Tempo. Also gebe ich am Ende eines anstrengenden Lerntages eine Lük-Aufgabe zur Konzentration aus. Das Bild einer bunten Papageienzeichnung wurde zerschnitten und man soll es richtig zusammen setzen. Eruptionsartige Empörung schlägt mir entgegen. Shit, denke ich, ist das für die Kinderkram? Habe ich sie unwillentlich damit bloßgestellt?
Denkste. Die sind mit Lük-Kästen nicht fit! Die wissen zum großen Teil nicht, wie man die Aufgabe deutet und löst. Und Überforderung schlägt sofort in Wut um, sodass man mich nicht erklären lässt. Es kocht reihmum hoch, einer nach dem anderen verlässt den Raum, das totale Chaos. Zwischendrin zwei, die es mit Leichtigkeit lösen und nun ihrerseits rummöpen: „Wieso kannst du das denn nicht alleine? Ist doch total einfach!“ Wie ein sturmgepeitschter Ozean und ich im Paddelboot mittendrin. Dabei sollte die Übung entspannen, zum Abschluss nochmal etwas Ruhiges sein, wo jeder für sich in Ruhe überlegt, ohne sich zu sehr anzustrengen (offiziell für die Vorschule gedacht).

Sämtlichen vorgearbeiteten Pläne sind längst begraben. Ich plane von einem Tag auf den anderen, überlege jede Übung ganz genau. Und merke immer mehr: Gegen die Angst hilft nur eine starke Hand. Ruhig auch mal sauer sein und klipp und klar sagen: „Erst zuhören, dann ausprobieren und wenn es dann noch immer fruchtbar ist, DANN dürft ihr meckern und euch weigern. Aber nicht, wenn ihr es nicht verstanden oder versucht habt!“

Statt 35h Woche mach ich jeden Tag auf Arbeit Überstunden, um die gröbsten Handgriffe (kopieren, schneiden, ordnen, korrigieren) zu schaffen und setze mich Zuhause hin, um zu planen, Material zu erstellen und zu grübeln.
Das erste Jahr ist als Lehrer so, sagt man……………man sollte wirklich nicht aller zwei Jahre ein neues Klientel wählen. *seufz*

Ich hoffe, ich kann das länger machen, denn trotz des Stresses spüre ich: Das ist mein Ding! Individuell fördern, grübeln, wie man jemanden über eine Hürde hilft, zu Schritten ermutigen, die als unerreichbar galten. Und wenn nicht gerade die Lava in Strömen fließt, mag ich meine Leute. Ich verstehe ihre Ängste, kenne sie selbst! Ich kann das Theater nachvollziehen und deswegen immer wieder einen Schlussstrich ziehen und mich ihnen zuwenden.

Als wir von Berlin zurück kamen, erstellte ich Arbeitsblätter, die über die Exkursion berichten sollten. Ein schwereres mit weniger Vorgaben und ein leichteres, bei dem man vorgegebene Sätze zusammensetzen musste. Zu jeder Station sollten die Teilnehmer ihre Meinung ausdrücken. Dabei war alltäglicher Wortschatz vorgegeben (gut, schön, nicht toll), aber auch eine Auswahl an elaboriertem Wortschatz (informativ, interessant, angenehm).
(Hintergrund: die Teilnehmer fühlten sich von einer Frau bloßgestellt, die auf der Fahrt dabei war und abfällige Bemerkungen machte, weil die Teilnehmer nicht gut lesen und schreiben können).

Im Ministerium ist sogar das Wasser politisch.


Nach dem ersten Proteststurm (mit dem ich schon gerechnet hatte) bat ich die Teilnehmer, sich folgende Situation vorzustellen:
„Ihr kommt von einer der Führungen und unterhaltet euch, während die Frau in der Nähe zuhört und sagt soetwas wie: Ich fand die Führung gerade sehr informativ. Und der nächste sagt: Ja, ich fand sie auch recht angenehm. Was denkt ihr, würde die Frau noch genauso auf euch herabsehen?“ Zwei meinten: „Ja.“ aber die meisten spürten, dass eine Kraft in den Worten steckt, die Menschen zu anderen Beurteilungen führt. Das nenne ich Angeberwortschatz. Und der ist wichtig, denn der hilft, damit man sich nicht mehr verstecken muss, sondern anderen Menschen damit über den Mund fährt.

Und was soll ich sagen, die meisten haben das Wort informativ für ihren Bericht gewählt. Und sie können es richtig schreiben. Es ist ein gutes Wort und sie wollen mehr davon! Die sind neugierig auf mächtige, schwere Wörter geworden.

Kein Wunder, dass die Diät dabei von alleine läuft. Ich habe schlicht keine Zeit für etwas anderes. Nur das Training muss wieder mehr Raum bekommen.

Und ich brauche echte Entspannung. Das Solarium habe ich für mich wiederentdeckt. Einmal pro Woche zwanzig Minuten erzwungener Ruhe unter rauschendem Fönwind. Klappt besser als Meditation, die immer von Arbeitsgedanken gestört wird. Auch die Badewanne ist mehrmals pro Woche angesagt. Mit einem Buch im Schaum verschwinden. Das hilft.

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Hoppala

So schnell sind neun Monate herum, meine Schüler haben alle ihren Abschluss geschafft und heute ihre Zeugnisse erhalten. Zeit, ein persönliches Fazit zu ziehen.

Am 01. September 2015 begann der Kurs. Nachdem ich monatelang arbeits- und perspektivlos war, sollte ich nun plötzlich eine Horde junger Erwachsener unterrichten, die einiges hinter sich haben, nur noch keinen Schulabschluss. Da stecken die unterschiedlichsten Persönlichkeiten und Schicksale dahinter und nicht immer ist es leicht gewesen. Ich war oft total überfordert, fühlte mich ahnungslos und unqualifiziert.

Und es war chaotisch. Die Maßname war neu, ich und meine Kollegen waren allesamt neu und ausschließlich Berufseinsteiger. Es gab keine Strukturen, keinen Plan, alles änderte sich von jetzt auf gleich und was gestern galt, war heute schon wieder ganz anders. Manchmal fragte ich mich wirklich, ob das gut ausgehen wird.

Heute kenn ich nun die Antwort: Es ist gut ausgegangen. Nicht für alle. Von über 50 Leuten haben 24 durchgehalten und ihren Abschluss gemacht. Aber erfolgreich sind sie nicht nur bei den Prüfungen gewesen, denn der eigentliche Erfolg zeigte sich in den letzten Tagen.

Jeder meiner Teilnehmer trägt auf seine Weise ein schweres Päckchen aus Frust, Zweifel, Enttäuschung, Traurigkeit, Wut und Angst. Ob es um die eigene Intelligenz, Beziehungen zu anderen Menschen oder Drogen geht, in den letzten Monaten ist jeder meiner Teilnehmer an seine Grenzen gelangt und einige sind dabei auf der Strecke geblieben. Aber es gibt eben auch die, die heute da waren und bei denen haben sich wahre Wunder vollzogen. Da gibt es eine, die durch eine Zwangsehe von der Schule gehen musste und schließlich vor der Gewaltde Ehemannes floh. In Deutschland angekommen kämpfte sie neben allem anderen auch schwer mit der Sprache und brach oft vor Verzweiflung in Tränen aus. Nach intensiver Betreuung haben wir sie für die mündlichen Prüfungen vorbereitet und begleitet und plötzlich übertraf sie sich selbst. Hilfe zur Selbsthilfe war hier das Wundermittel und so schloss sie alle Prüfungen mit 2 oder 1 ab und wurde nach jede bestandenen aufrechter und größer.

Es entstanden Freundschaften zwischen Teilnehmern, die sich stets wie Dynamit verhielten…hochexplosiv. Für diese Menschen sind Beziehungen generell eine große Herausforderung und doch haben sie sich geöffnet, neuen Menschen einen Platz in ihrem Leben geschenkt und sich darauf eingelassen.

Und es gibt die ganz Lieben. Die sich immer selber klein machen, sich nichts zutrauen und unter Widerstand zusammenbrechen. Opfer von Mobbing oder einfach Opfer von Arschlöchern…Arschlochlehrer, Arschlochchefs, Arschlocheltern, Arschlochfreunden, die Palette ist breit. Eine von ihnen ist eine junge Frau, die in ihrem Verhalten teilweise noch kindlich wirkt.  Schon ganz zu Beginn fiel sie auf, weil sie aus dem Stehgreif ein kunstvolles Mangamädchen an die Tafel malte. Doch nicht nur an der Tafel malte sie, auch am PC war sie spitze.

Gestern fragte sie, ob es möglich ist, etwas in A3 bunt auszudrucken. Null Problemo und so überreichte sie uns heute folgendes Geschenk:

3

Es zeigt mich und meine Kollegen, die Figur ist sehr schmeichehaft dargestellt, aber das eigentlich Faszinierende ist, dass sie unseren Charakter instinktiv getroffen und gezielt ins Bild gebannt hat. Ganz links die Kollegin ist immer überdreht und schwebt in ihrer eigenen Welt. Sie steht etwas abseits in ihrer typischen Körperhaltung. Auch die Kollegin daneben steht immer exakt so, mit verschränkten Armen und konzentriertem Blick da, wenn sie nachdenkt. Ganz rechts die Kollegin sitzt neben dem einzigen Mann im Büro und die beiden necken und gängeln sich oft spielerisch, genau so, wie man es hier sehen kann. Und die überschwängliche Frau, der fast schon Funken aus dem Kopf sprühen? Tja…sogar den Rock habe ich schon getragen. 😀

Heute nun also der Abschluss und es gab jede Menge Umarmungen und ich war ehrlich gerührt. Chaotisch und auf den letzten Drücker hat mein Team mit vereinten Kräften und wider allen Widerstand eine Party organisiert. Vieles war anders geplant und noch viel mehr konnte nicht realisiert werden. Aber dennoch haben wir eine klasse Party zustande gebracht, bei der die Teilnehmer ganz aktiv geworden sind und richtig gute Ideen mitbrachten.

Und ein weiteres Wunder geschah…viele Kollegen, die schon lange im Haus sind und von den vergangenen Jahren spröde und stumpf geworden sind, wurden plötzlich vom Feuer angesteckt und machten mit. Und wer nicht mitmachte, der staunte und sprach ehrliches Lob und Anerkennung aus, sodass dieses kleine, chaotisch organisierte Fest ein Wendepunkt ist, der Größeres möglich macht und auch das Haus wieder einander näher gebracht hat. Es steckte viel Energie drin, aber ich habe alles doppelt zurückbekommen.

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