Hilfestellung geben

In den letzten Wochen sind meine Lehrerkollegen und ich ein bisschen an den Teilnehmern verzweifelt. Schon im März verlangte ich, dass jeder ein Thema als Kurzvortrag ausarbeitet. Ich grenzte den Stoff gut ein, gab Material an die Hand, stellte PCs zur Recherche zur Verfügung und erstellte ein Blatt, auf dem das Vorgehen beschrieben ist, wie man aus einem Stoff einen Vortrag macht.

Und dann begann ein aussichtsloser Kampf. Woche um Woche fragte ich, wer vortragen wolle. Nachdem ich die ein oder andere Stecknadel fallen hörte, fragte ich jeden einzeln, woran es hängt, wie weit er ist und wann ich mit einem Vortrag rechnen kann.

„Wann haben wir wieder? Mittwoch? Dann halt ich den Mittwoch.“ Das war in etwa die Standardantwort. Es sei kein Problem, man sei nur noch nicht dazu gekommen. Es fehle nur noch ein bisschen. Man brauche nur noch 5 Minuten. Das mache man heute Nachmittag noch, weil man sich Zuhause besser konzentrieren könne. Alles was zu fehlen schien, war Zeit. Also gab ich Zeit, hakte nach, ließ mir das Ausgerarbeitete zeigen. Und siehe da, die meisten hatte tatsächlich einen Text ausgearbeitet, manche sogar seitenweise. Nur ein Vortrag war das eben nicht.

Von 34 Teilnehmern hörte ich schlussendlich 5 Vorträge. Und davon einen doppelt, weil dem Teilnehmer klar geworden ist, dass es tatsächlich hilft, wenn man das Vortragen übt.

Ich fügte mich in das Schicksal, steckte ich doch bereits mit beiden Ohren in die Vorbereitung für die mündlichen Prüfungen. Ich dachte mir so „Gut, wenn ihr die Übung nicht nutzen wollt, dann müsst ihr eben bei der mündlichen Prüfung ins kalte Wasser springen.“ Denn schließlich beginnt jede mündliche Prüfung mit einem 5minütigen Kurzvortrag. Schwer nach der guten alten Studentendivise ‚Ich habe so lange in Motivationsproblem, bis ich ein Zeitproblem habe‘ ging ich davon aus, dass die Teilnehmer ihre Prokratination schon überwinden, wenn die Prüfung naht.

Die Zeit verging wie im Fluge. Nächste Woche sind nun die ersten mündlichen Prüfungen und noch immer konnte ich mir anhören, man habe das schon zusammen, müsse nur noch die Stichpunkte fertigmachen. Eigentlich könne man den Vortrag schon halten, es fehlt nur noch ein bisschen.

Ich begann zu verzweifeln. Was sollte ich tun? Was kann ich tun? Hab ich denn alles falsch gemacht? Und meine Kollegen auch?

Und dann machte es Klick. Es war nicht die Faulheit. Also die auch, aber das Problem, das die Faulheit vergrößerte war, dass meinen Schülern schlicht eine Teilleistung fehlt.

Teilleistung?
Ja, das ist eine der neuen Vokabeln, die ich bei einer Fortbildung gelernt habe. Schon im Studium erzählte man uns immer, man müsse kleinschrittig unterrichten. Und ich fragte mich immer, wie ich denn all die kleinen Schritte erkennen könne. Wo meine Schüler 10 kleine Schritte brauchen, mache ich schließlich einen großen. Kleinschrittig…das klingt so logisch und einfach, aber im Alltag merke ich nur, irgendentwas klappt nicht. Nur was? Welche kleine Schritt fehlt denn?

Wie sich unterrichten manchmal anfühlt…


Das macht das Wort Teilleistung nicht besser, aber in jender Fortbildung geht es um Alphbetisierung. Kurz: Wie bringe ich Erwachsenen, die weder lesen noch schreiben (noch unsere Sprache verstehen) können dieses bei? Mal eben ein Arbeitsblatt mit Aufgabenstellungen erstellen ist da nicht der Weg. Also arbeitet man mit Mimik, Gestik und vielen, vielen Bildern. Begleitet von wenigen Worten, die aber eher als Lernstoff dienen, als etwas zu erklären.
Und erst dadurch bin ich in der Lage, eine Aufgabenstellung kleinschrittig zu durchdenken.

So kam ich dann auch diese Woche darauf (wohlbemerkt die letzte vor den Prüfungen…die Teilnehmer sollten schon seit Wochen den Lernstoff büffeln, stattdessen sitzen sie an den Kurzvorträgen! IIeekhh!), dass die Teilnehmer zwar in der Lage sind, Stoff zu recherchieren und teilweise noch, ihn etws einzustampfen, aber was fehlt, ist die Struktur! Sie können den Stoff schlicht nicht so anordnen, dass daraus ein Vortrag entsteht. Wie beginne ich? Wie gestalte ich ein Überleitung? Wie mache ich klar, dass hier ein neuer Unterpunkt beginnt, sodass ich nicht einfach nur Fakten runterrassel?
Dieser kleine Schritt, oder eben diese Teilleistung fehlte ihnen. Durch die Bank weg! Da muss man erstmal drauf kommen. Also schaute ich mir jedes Material an, sprach mit jedem einzeln und half, diese Struktur zu finden.

Und damit ist der Knoten endlich geplatzt. Ich bemerkte große Erleichterung. Diese fehlende Teileistung war der verstopfte Flaschenhals, um sich andlich dem Lernprozess widmen zu können.
Und nun sitze ich hier und hoffe, dass es nicht zu spät ist.
Bei der nächsten Maßnahme bin ich schlauer, das steht schonmal fest.

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Plötzlich wieder Lehrerin

Nach Wochen, in denen niemand auf Emails reagierte und bei Anrufen stehts nur „Schreibe Sie uns eine Email“ gesagt wurde, war ich etwas frustriert. Selbst ins Ehrenamt hineinzukommen scheint eine echte Hürde zu sein, dachte ich.

Und so verging eine Woche und noch eine und endlich war mein Termin bei der Freiwilligen-Agentur da. Dort wurde ich wirklich herzlich empfangen. Eine nette Dame, der man in ihrem herzlich offenem Gesicht das Alter gar nicht ansah, erzählte, dass sie meine Situation gut verstehe und ich sicher mit Kusshand genommen werde. Ich bekam 5 Blätter mit Tätigkeitsbeschreibung und Kontaktdaten im pädagogischen Bereich, zwei davon hatte ich schon auf eigene Faust zu kontaktieren versucht. Aber nun, ausgestattet mit offiziellen Dokumenten, versuchte ichs erneut. So erfuhr ich, dass viele dieser Vereine nur ehrenamtlich existieren, da arbeitet keiner für Geld. Ist jemand krank, bleibt die Arbeit liegen, so war es auch mit meinen Anfragen: durch Krankheit nicht beantwortet, aber nicht vergessen.

Bei einer Adresse erreichte ich jedoch sofort jemanden. „Können Sie morgen?“, fragte die Stimme mit russischem Akzent. Und so ging ich am Donnerstag zum Russisch-Deutschen-Hilfswerk, um mich vorzustellen…und wurde tatsächlich mit Kusshand genommen. „Wir brauchen dringend eine Lehrerin!“ Die Frau überlegte, erzählte dann von Kindern unterschiedlichen Alters, die Hausaufgabenhilfe und Deutsch-Nachhilfe brauchen. Wir vereinbarten, dass ich im April einsteigen werde. Das klang richtig gut. Und gerade als alles gesagt zu sein schien, liegt sie den Kopf schief und sagt: „Morgen! Können Sie morgen? Rentner kommen. 6 oder 8. Um 10 Uhr. Eine Stunde und eine halbe Stunde. Lehrerin ist krank. Machen Sie? Ich gebe Ihnen Material.“ Eh ich noch richtig drüber nachdenken konnte, hat mein Herz schon ja gesagt. Beim „Material“ war ich dann doch etwas erschrocken. Ein beschriebenes Blatt mit Fragen, oben russisch, unten deutsch. Thema war wohl ein Arztbesuch. Das schloss ich aus Fragen wie „Nehmen Sie ihre Medikamente ein?“ Zwei weitere Arbeitblätter sind wohl schon millionen Mal durch den Kopierer gegangen, denn man konnte kaum etwas lesen. Es war ein kurzer Text, ein paar Multiple Choice Fragen zum Textverständnis und ein Blatt mit grammatischen Übungen. Uff. Auf meinen ratlosen Blick meint die Dame „Sie können auch…“ und zeigt auf den CD-Player.

Als ich vor das Haus trat, löste sich die Schockstarre, die meine Contenance aufrecht erhalten hatte.
Was habe ich mir hier gerade angelacht?
Ich weiß ja icht einmal, wie viel die können.
Was, wenn die Truppe kaum Deutsch kann und selbst die Schrift nicht lesen kann?
Quatsch, dann hatten sie nicht solche Blätter bekommen.
Aber auf dem einen Blatt steht Russisch! Ich kann kein Russisch!
Das Material verwende ich auf keinen Fall! aber was kann ich dann nehmen? Für DaZ habe ich nichts Zuhause.
Oh weia, oh weia!
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Sofort fühlte ich die gute alte Überforderung und reine Panik. Ich rannte in die erstbeste Schulbuchverlagshandlung und die Dame schien zu merken, dass ich etwas kopflos bin. Sie hab mir auf zwei auslaufende Materialien einen dicken Rabatt und so hielt ich für 10€ ein Lehrbuch samt Arbeitsheft für Schüler in den Händen.
Ich fühlte mich gerettet. Genau so war es mir im Referendariat auch gegangen. Wenn du gutes Material hast, kannst du alles hinbekommen.


Zuhause stellte ich dann fest, dass kein Material richtig passte. Selbst wenn der Leistungsstand passt, die Themen, Ausdrücke…ach die ganze Sprache ist kindlich. Ich fand ein Arbeitsblatt im Internet, wo unterschiedliche Schmerzen bildlich dargestellt wurden. Die Lösungsworte standen darunter. Toll, dachte ich, passt ja perfekt.
Bis ich die Lösungsworte las: das Bauchweh, das Kopfweh. Süß bei Kindern, aber Damen über 70 haben eher die Kopfschmerzen oder die Bauchschmerzen.
Ich nahm es trotzdem mit und erklärte daran, dass zusammengesetzte Substantive meistens vom hinteren Teil bestimmt werden, daher wechselt der Artikel. Aber bis dahin war es ein weiter Weg.

Ein Nachmittag zwischen Recherche und Verzweiflung. Eine durchwachte Nacht mit dämlichen Albträumen und ein Morgen, in dem das Adrenalin nur so rauschte. Ich kam zu dem Schluss, dass das alles eine doofe Idee war und ich gar nichts kann und auch nichts mehr machen will und sowieso alles doof ist.
Dann legte ich los: Vorstellrunde.

Ich weiß nicht, was ihr euch unter einer Gruppe Rentner vorstellt. Meine Vorstellung lag jedenfalls Meilen daneben. Da kamen 5 hübsche, ältere Damen mit glatter, gut gepflegter Haut, schicken Frisuren und ganz lebhaftem, offenem Blick. Zu Beginn war ihr Deutsch teilweise sehr schlecht. Eine Dame ließ alle Verben aus. Sie sollten sich gegenseitig vorstellen und diese Dame sagte zum Beispiel: Maria gerne viel Fahrrad.
Doch kaum glaubte ich, das Aufgabengebiet der Stunde innerlich abgesteckt zu haben, kamen die verben hervor. Zunächst noch an falscher Stelle im Satz, aber nach ein paar weiteren Minuten hüpften sie pflichtschuldig an 2. Stelle. Maria kocht sehr viel und probiert immer neue Rezepte aus. Sie kocht für all ihre Freunde und wir treffen uns dann.

Und so merkte ich schnell, dass es nur die Nervosität war, die ihnen beim Sprechen Probleme bereitete. Mit Ruhe, Konzentration und ohne Druck war ihr Deutsch sehr, sehr gut. Und schriftlich waren sie nahezu perfekt. Jede Aufgabe wurde direkt gelöst und sie kennen die Regeln der Grammatik auswendig. Wir hatten alle zusammen großes Vergnügen in den 90 Minuten und ich hoffe, ich kann diese Gruppe noch einmal unterrichten, denn genau so ein Erlebnis brauchte ich, um wieder Zutrauen in mich selbst zu finden.

Kaum Zuhause angekommen, rief mich die Dame wieder an, ob ich nächsten Donnerstag eine Truppe Viertklässler übernehmen könnte.
„Aber gerne doch!“
Wuhuuu!

Voll auf Kaffee…

die erste Woche ist rum und ich bin echt glücklich.
Am Dienstag ging es auf dem Weg zum Seminar erstmal schön frühs durch den Palmengarten. Auf den Pfützen lag eine dünne Schicht Eis, der Kanal floss gemütlich dahin, Hunde rannten nach den geworfenen Stöckchen und in der Luft lag eine scharfe Kälte. Ich fühlte mich so unbändig wach und frisch und alles fühlte sich so voll an, so sinnhaft.

Die Stunden und Tage sind nur so dahin gerauscht, kein stundenlanges im Bett Gewälze, bei dem ich versuche, irgendetwas zu finden, was die Zugkraft besitzt, mich aus den Federn zu heben. Stattdessen steh ich um 3:40 auf, pack meinen Rucksack und flitz zum Bus. Zack, ab zum Zug, Buch auf, Quark in die Kuchenlade, aufm Zugklo Zähne putzen, umsteigen…es ist verrückt, aber jetzt, wo meine Zeit in vorhersehbare Schollen zerplatzt, fühlt sie sich endlich nicht mehr wie ein Gegner an. Ich bin raus aus der Wüste sinnloser Ewigkeiten und meine freien Stunden sind wieder kostbar. Gestern lag ich über eine Stunde im Ölduftbad in der Wanne und habe geschmökert. Das habe ich den ganzen Winter noch nicht getan!

Und meine Schule ist toll. Bei der Religionslehrerin hatte ich zweimal schon eine Gänsehaut, so hat mich der Unterricht mitgenommen. Nächste Woche übernehm ich da die erste Klasse. Aufregend!
Und heute war ich bei einer Deutschlehrerin im Lese-Rechtschreib-Nachhilfekurs. Sie zeigte mir, was die Kinder so machen können. Alles spielerische Arbeiten am PC. Dann beugte sie sich etwas vor, sodass sie hinterm Monitor, für die Kinder unsichtbar, verschwand und flüsterte: „Das ist der XXXXXXX, der ist schon so vom Leben gebeutelt, aber ein ganz lieber ist das. Das sind sie alle. Helle Köpfe, aber manche Dinge werden denen eben nicht klar. Ich kenn das selber, ich habe eine Rechts-Links-Schwäche. Wenn ich Zeit habe zu überlegen, mit welcher Hand ich schreibe, geht es. Aber ohne überlegen geht es nicht. Deswegen kann ich das nachvollziehen. Die müssen üben und brauchen Lob, aber auch ehrliche Kritik. Das brauchen alle, aber die hier brauchen eben ein Lob mehr.“

Das war in der fünften Klasse, danach hatte ich bei ihr Deutsch in der 9. Die 9. kannte ich schon aus anderen Fächern, die sind nicht wild, das sind ganz ordentliche, aber hier waren sie…wie eine Horde Mönche beim Gebet. Ich kanns nicht beschreiben, man könnte den gegenseitigen Respekt spüren. Auch wenn sich jemand langweilte oder abschaltete, saßen die still, kein Kippeln, kein Schwatzen und dabei sprach sie ruhig, fast leise. Kein hohes Gequäke, wie das Frauen leider oft passiert, wenn sie sich durchsetzen wollen. Als eine Schülerin eine Antwort, trotz Hilfestellung, nicht wusste, hörte man von der Seite kurz spöttisches Schnauben. Das hätte man leicht ignorieren können, weil es kaum zu hören war. Aber die Lehrerin schaute auf einen Punkt an der hinteren Wand des Raumes und sagte: „Leute, ihr wisst, wie ich das finde, wenn man sich selbst über andere erhebt. Jeder steht mal auf dem Schlauch!“
Kurz vor Ende der Stunde kam sie zu mir hinter und fragte, ob ich noch Fragen häötte, sie hätte in der Pause Aufsicht und keine Zeit. Ich fragte sie, wie sie ihre ersten Stunden in einer neuen Klasse hinsichtlich Regeln und Ritualen gestaltet. Weil ich staune, wie ruhig die Klasse hier ist.

Sie ging wieder vor ans Lehrerpult und stellte die Frage ans Plenum. Viele Hände gingen hoch.
„Wir müssen am Anfang die Rucksäcke zu machen und die Jacken hinten an den Haken hängen.“
„Wenn wir was ausfressen, müssen wir selber nach Lösungen suchen und Vorschläge machen.“
„Gegenseitigen Respekt zeigen.“
„Wir sollen in ganzen Sätzen antworten.“
„Wer kippelt muss stehen.“

„Und wenn mich etwas stört, dann sage ich es laut für alle, aber ich nenne keine Namen und gucke keinen an. Ich will niemanden beschämen. Nur wenn es dauernd vorkommt, drohe ich damit, beim nächsten Mal Namen zu nennen. Jetzt ist es angenehm hier zu arbeiten, aber in Klasse 6 und 7 haben wir uns auch ganz schön gekabbelt, stimmts?“ Die Schüler nicken und grinsen dabei.
Klare Regeln, respektvolles Verhalten und selbständiges Mitdenken…das ist eine Rolle, in der ich mich auch gut sehe.

Nächste Woche wird meine Feuerprobe, ich bin so aufgeregt!